Gottesdienstcoaching

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2 Geistreich-Mitglieder
erstellt am: 16.04.2010
Letzte größere Änderung: 29.04.2010
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Inhaltsverzeichnis
Qualitätsentwicklung im Gottesdienst
Informationen
Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: Keine Angaben
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3 Stimmen
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gottesdienstcoaching

Kurzbeschreibung

Gottesdienstcoaching ist ein Angebot, die Gottesdienstpraxis oder bestimmte Gottesdienstsituationen kollegial zu bearbeiten.

Situation / Kontext

„Das war ein guter Gottesdienst und - ich weiß gar nicht, ob ich es sagen darf - es war auch ein schöner Gottesdienst.“ Bei einem Gottesdienstnachgespräch sagte dies ein emeritierter Pfarrer zu dem Gastprediger.

Der kleine Einschub - ,ich weiß gar nicht ob ich es sagen darf´ - zeigt ein Problem an: Wir haben eine gute Vorbereitungskultur im Pfarrberuf. 10 Jahre dauert die theologische Ausbildung vom Beginn des Studiums bis zum Zweiten Kirchlichen Examen. In der neuen Rezeptionsstudie zum 10-jährigen Jubiläum der Einführung des Gottesdienstbuches geben 80% der 2000 in den Gliedkirchen der EKD befragten Pfarrerinnen und Pfarrer an, dass sie 7-9 Stunden für die Vorbereitung eines Gottesdienstes aufwenden. Man muß zugeben, dass diese Vorbereitung oft eine ist, die sehr stark akademisch geprägt ist. Der performative Aspekt (Übung vor Ort) bleibt oft außen vor.  Neben dieser ausgiebigen Vorbereitungskultur gibt es allerdings in unserer Kirche keine entsprechenden Rückmeldekultur. In den letzten Jahren hat sich dies an entscheidenden Stellen geändert: In der Ausbildung der Vikarinnen und Vikare gehört eine intensive Feedbackkultur zum selbstverständlichen Standard. Dabei wird die Gottesdienst-Praxis ausdrücklich einbezogen. Zum anderen hat unter dem Stichwort „Kollegiale Beratung“ in vielen Kirchenkreisen die Bereitschaft zugenommen, Herausforderungen und Probleme des pastoralen Dienstes auch unter Kolleginnen und Kollegen zur Sprache zu bringen, um so Beratung und Hilfe zu erfahren.

Ziele

In der Evangelischen Kirche von Westfalen hat die Landessynode 2007 im Rahmen der Pfarrbilddiskussion beschlossen, dass die vorhandene Qualität im pastoralen Dienst nachhaltig gesichert und gefördert werden soll, u.a. durch die Ausbildung von Gottesdienstcoaches. In Umsetzung dieses Beschlusses hat die Arbeitsstelle Gottesdienst und Kirchenmusik im Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der EkvW die Ausbildung von Gottesdienstcoaches in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung in Berlin und seinem Direktor Dieter Wentzek sowie dem Regisseur und Schauspieler Thomas Kabel, Berlin, durchgeführt.

Gottesdienstcoaching ist ein Angebot für Pfarrerinnen und Pfarrer, die

• einen Blick von außen auf ihre (langjährige) Gottesdienstpraxis wünschen,

• bestimmte Gottesdienstsituationen oder –probleme kollegial bearbeiten möchten.

Das ganze System Gottesdienst (Mitarbeitende, Tradition, Raumsituation u.a.) wird in den Blick genommen.

Reflexion / Hintergrund

In den Reformpapieren der Landeskirchen und in dem Impulspapier Kirche der Freiheit ist auch für den Gottesdienst die Qualitätsdebatte eröffnet worden.

Amrei Störmer-Schuppner hat auf zwei Gefahren aufmerksam gemacht. Folgt man der ISO Norm mit ihren Qualitätshandbüchern, gewinnt man eben nicht nur eine Vielzahl von Methoden, sondern „eine zwingend damit verbundene Denkweise“ (PTH 98 2009, S.498) Die Logik des Ingenieurberufs läuft auf Produktion hinaus und die Frage ist, ob die Kirche als Organisation darauf zu reduzieren ist. Auch das TQM (Total Quality Management) möchte das Qualitätsbewusstsein steigern. Hier spielt der Begriff der Excellenz eine große Rolle. Aber auch hier ist die unternehmerische Perspektive im Vordergrund. „Die Wirklichkeit, welche die Kirche mit TQM herbeirufen würde, wäre eine Wirklichkeit der Verkaufsbeziehungen“ (Störmer-Schuppner, aaO S. 500). 

Wenn man die Qualitätshandbücher anderer Arbeitsfelder ansieht, dann kann folgender Dreischritt beschrieben werden: Es geht um Prozess, Struktur und Ergebnis.

Die Qualität des gottesdienstlichen Handelns kann auch in dreifacher Hinsicht beschrieben werden:

Ergebnis – Wie war der Gottesdienst?

Struktur – Rahmenbedingungen, Raumsituation, liturgische Tradition

Prozess – Vorbereitungskultur, Miteinander der verschiedenen Ämter

 In unserem Zusammenhang ist klar, dass es beim Gottesdienst vor allem um den Prozess gehen muss.

Umsetzung

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

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Durchführung

Die Stationen des Gottesdienstes  werden unter verschiedenen Gesichtspunkten in einem Einzelcoaching beraten. Dabei können alle gottesdienstlichen Handlungsfelder (Gottesdienst an Sonn- und Festtagen, Zielgruppengottesdienste, Amtshandlung) in Bezug auf unterschiedliche Themen (Liturgische Präsenz, Predigt, Stimme, Spiritualität, Vorbereitung) in den Blick genommen werden.

Dabei geht es weniger um theoretische Klärungen, sondern um die nachhaltige Bearbeitung mit Hilfe von Übungen und Praxiserprobung. Die Schwerpunkte des jeweiligen Coachings werden in einem Kontrakt vereinbart.

 

Die Feedbackkultur

In der letzten Zeit haben sich zwei Instrumente der Feedbackkultur etabliert:

Die Kollegiale Beratung und das Gottesdienstcoaching.

 

Die Kollegiale Beratung

Die Kollegiale Beratung oder Intervision ist eigentlich nicht neu. Aber sie hat in letzter Zeit (jedenfalls in der EKvW) großen Zuspruch unter den Kolleginnen und Kollegen im pastoralen Dienst erfahren. Die Vorteile dieses Feedbackinstruments liegen auf der Hand. Zunächst einmal werden die Teilnehmenden in ihrer Professionalität ernst genommen. Zum anderen ist die Methode unhierarchisch. Die Leitung wechselt nach jeder Sitzung. Drittens wird durch das strukturierte Vorgehen in der Problembearbeitung (ähnlich dem Bibelteilen) dem Hang zur Grundsatzdiskussion und zu theologischer Ausschweifung gewehrt. 

Die Anwendung auf das Gottesdienstfeedback ist naturgemäß am besten mit einem Gottesdienstbesuch verbunden. Das stellt die Kolleginnen und Kollegen im Gemeindedienst vor besondere Herausforderungen. Deshalb gibt es hier zwei unterschiedliche Möglichkeiten: entweder die Gruppe trifft sich im Anschluss an einen gemeinsam besuchten Gottesdienst. Dann kann in der kollegialen Beratung der Beobachtungsbogen ausgewertet werden oder die Gruppe bearbeitet eine bestimmte Fragestellung, die der oder die Besuchte vorher formuliert hat.

Kollegiale Beratung beim Gottesdienst kann aber auch geschehen, wenn die Teilnehmenden verschiedene Gottesdienste nacheinander besucht haben und sich dann zu einer gemeinsamen Auswertungsrunde treffen.

Was ist der Gewinn eines doch erheblichen Zeitaufwands für den Dienst?

Intensive kollegiale Beratung führt dazu, theologische Robinsonexistenzen zu sozialisieren. Robinson braucht Freitag und Sonntag könnte man im Anschluss an Stevensons Roman sagen. Die Verbundenheit im Sinne des Evangelischen Gottesdienstbuches wird steigen. Sie wird auf Dauer das Kirchenbild verändern. Der Blick in die pastorale Praxis der Geschwister wird auch zu einem intensiven theologischen Gespräch darüber führen, was Gottesdienst ist. Beispielsweise können so in einem weiteren Prozess Standards für die Amtshandlungspraxis in einer Region entwickelt werden.

 

Das Gottesdienstcoaching

Gottesdienstcoaching ist eine besondere, professionelle Form der Leitungsberatung und dient der Förderung beruflicher Selbstgestaltungspotentiale und der Verbesserung der Qualität beruflicher Arbeit, fokussiert auf den Bereich Gottesdienst als der zentralen Kernveranstaltung im kirchlichen Handlungsfeld. Im gottesdienstlichen Geschehen bilden sich zugleich nach systemischem Denken spirituelle und organisationale Prozesse ab.

Die Gottesdienstcoaches werden qualifiziert, im Überschneidungsbereich von Supervision (Fokus: Mensch, Persönlichkeit, Spiritualität, Identität, Beziehung, Interaktion, Kooperation),

Organisationsberatung (Fokus: Leitbild, Auftrag, Amt, Rolle, Organisationskultur, Leitungs- und Führungsstruktur), Training (Fokus: Liturgische Präsenz, Performance…) Coaches in der Wahrnehmung ihrer beruflichen Arbeit zu begleiten.

Sie werden ausgebildet in den Methoden dieser Beratungsformate.

Gottesdienstcoaching integriert prozessbegleitende Beratung, zielorientierte Anleitung und handlungsorientiertes Training. Beide Partnerinnen bzw. Partner im Gottesdienstcoaching arbeiten in einer vom Vertrauen getragenen kooperativen Beziehung, denn die Wirksamkeit von Gottesdienstcoaching ist primär abhängig von der Beziehungsqualität und nicht von den eingesetzten Methoden. Die Methodenanwendung ist wiederum abhängig vom jeweiligen Lern- und Entwicklungsprozess, sie ist prozesszentriert und ressourcenorientiert (Charismen).

Gottesdienstcoaching ist Teil kirchlicher Personalentwicklung und dient der Qualitätssicherung des pastoralen Dienstes und der integrativen Personalentwicklung (eigene Fortbildung und Klärung der beruflichen Identität).

Umsetzung

In der Evangelischen Kirche von Westfalen sind 18 Gottesdienstcoaches ausgebildet worden, weitere 16 werden Ende 2010 ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Über sie läuft auch die Anmeldung und Vermittlung. Nach einem ersten Telefonat setzt sich die/der Interessierte mit der/dem empfohlenen Coach in Verbindung und vereinbart ein Vorgespräch. Darin können sich beide Seiten für oder gegen eine Zusammenarbeit entscheiden.

Wie bei den anderen Beratungsangeboten innerhalb der EKvW auch fallen für das Gottesdienstcoaching diese Kosten an:

• Aufwandsentschädigung für drei Stunden: 60 Euro

• Fahrtkosten nach den landeskirchlichen Sätzen

Meta-Informationen

Unter Beteiligung des Zentrums für Qualitätsentwicklung des Evangelischen Gottesdienstes der EKD in Hildesheim ist inzwischen die Ausbildung der Gottesdienstcoaches für 5 Landeskirchen standardisiert worden (Bayern, Berlin- Brandenburg - Schlesische Oberlausitz, Hannover, Nordelbien, Rheinland, Westfalen). So wird künftig EKD-weit Gottesdienstcoaching angeboten werden.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

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Wirkung / Erfahrung

Das Ergebnis bleibt Domäne des Heiligen Geistes. Strukturen lassen sich oft nur mit großem finanziellem Aufwand ändern. Gleichwohl liegt hier auch eine große Verantwortung der Verantwortlichen. Auch kleine Änderungen der Raumsituation zeigen oft große Wirkung.

Aber der Prozess ist unsere Sache: die Vorbereitungskultur, das Miteinander der verschiedenen Ämter sind Gestaltungsaufgaben.

Impuls

Wer ein Gottesdienstcoaching in Anspruch nehmen möchte, wendet sich an die Kontaktstelle im Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der EkvW. (www.institut-afw.de).

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