Gründonnerstag heute

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erstellt am: 29.03.2010
Letzte größere Änderung: 07.04.2010
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Maesta Duccio

Definition

Gründonnerstag ist ein ambivalenter Tag. Der Tag vor Karfreitag ist der Tag, an dem das Abendmahl eingesetzt wurde, aber auch der Tag der Gefangennahme Jesu. Es gibt eine Reihe Ansätze, diesen Tag wieder neu zu begehen.

SITUATION UND KONTEXT

Gründonnerstag hat wieder größere Bedeutung erlangt und wird liturgischer gefeiert. Viele Menschen begehen die Passionszeit wieder bewusster und beteiligen sich zum Beispiel an der Aktion „Sieben Wochen Ohne“ oder an Exerzitien in der Passionszeit. Sie üben bewusst Verzicht auf eine allzu lieb gewordene Gewohnheit, sie lesen Fastenbriefe oder erleben die Karwoche mit Passionsandachten. Durch all das wird der Gründonnerstag als Tag vor Karfreitag wieder als ganz besonderer Tag erlebt. Allgemein wird das Kirchenjahr insgesamt wieder bewusster wahrgenommen und mitgefeiert.

Beobachtungen

Es lassen sich in den Gemeinden eine ganze Reihe von Andachten beobachten, die Gründonnerstag neu wahrnehmen. Gründonnerstag als Tag, an dem Freude und Leid so dicht zusammenliegen, gewinnt wieder an Bedeutung.

Reflexion

Aus praktisch-theologischer Sicht kommt die Kirche mit den neuen Konzepten zu Gründonnerstag zunächst ihrem Bildungsauftrag nach; Kirchenjahr und Bibel werden neu kommuniziert. Dem stärkeren Wunsch nach Spiritualität wird Rechnung getragen. Dem stärkeren Interesse an Spiritualität wird nachgekommen.

Gründonnerstag ist der Tag der Freude über die Einsetzung des Abendmahls (liturgische Farbe ist weiß), aber auch Tag des Entsetzens über die Gefangennahme Jesu, den Verrat und die Szenen im Garten Gethsemane. Jesus wird verlassen.

Beides, die Gemeinschaft, die sich im Abendmahl spiegelt, und der Verrat, sind aber unlösbar verbunden. Gerade im Abendmahl zeigt sich die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. Es weist so bereits auf Kreuz und Auferstehung Jesu.

An Gründonnerstag wird man also das Abendmahl zusammen feiern. Dabei kann man dies in verschiedenen Feiern tun, für die Kinder der Gemeinde, im Altenheim mit den dortigen Bewohnern und in der Kirche selbst. Jeweils ist die Form dann der Zielgruppe gemäß zu wählen.

Dabei kann man mit entsprechenden Texten besonders der Einsetzung an diesem Tag gedenken, aber auch die Jünger mit ihren Unzulänglichkeiten meditieren (Ritual „Verlöschen der 12 Lichter“). Das stärkere Erleben, die stärkere Frömmigkeit, das stärkere Erleben darf nicht dazu führen, dass die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Texten ausbleibt.

ALLGEMEINE HINWEISE ZUR UMSETZUNG

Aufgrund der Stellung Gründonnerstags herrscht eine besondere Atmosphäre, der man sich bewusst sein muss, bzw. auf die man auch das Helferteam einstimmen kann. Es ist die Freude über das Abendmahl, aber es ist auch das Entsetzen über die Verleugnung, den Verrat und das Verlassenwerden Jesu, schließlich über die Gefangennahme. Die Kreuzigung steht bevor. Es gibt also eine Spannung von Freude und Trauer an diesem Tage. Trotzdem sollte der Grundtenor die Freude über das Abendmahl und die Auferstehung sein. An diesem Tage werden aber die entscheidenden Fragen eines jeden menschlichen Lebens angesprochen: Schuld und Verrat, Gemeinschaft und Einsamkeit. In diesem Sinne ist ein seelsorgerlicher Tag. Es ist darauf zu achten, dass es Gesprächsmöglichkeiten gibt, wenn Gäste dies wünschen.

Eine Umsetzung findet sich hier: Gründonnerstag: Die Nacht der verlöschenden Lichter.

Auch jüdische Elemente sind an Gründonnerstag denkbar: Sedermahl am Gründonnerstag.

Eine besondere Prozession finden Sie hier: www.mahlganzanders.de.

Zum Abendmahl allgemein: http://www.ekd.de/aktuell/76317.html.

Ein Interview mit Kleopas

gottesdienst institut nordkirche

Anne Gidion und Thomas Hirsch-Hüffell

www.gottesdienstinstitut-nek.de

 

Er gab sich ganz

 Wir hatten vor kurzem im Andere-Zeiten-Haus die seltene Gelegenheit, einen der Jünger Jesu zu interviewen: Kleopas. Er befand sich auf einer Art Zeit- oder Forschungsreise, unter anderem in Norddeutschland. Offenbar wollte er sehen, was aus dem geworden ist, was er seinerzeit mit Jesus erlebt hatte.

 

Kleopas lobt höflich die Kirchenkekse, er spricht erstaunt über die riesigen Gotteshäuser und dass sie beheizbar sind. Er ist ein schmaler Mann mit großen braunen Augen, den wir alle um Kopfeslänge überragen. Manchmal greifen seine Hände in die Luft, wenn er nach Worten sucht. Wir sprechen über unsere deutsche Kirche, das katholische und evangelische Leben. Er hört aufmerksam zu, schmunzelt gelegentlich und schweigt. Wir sind besonders interessiert an dem, was er zum Abendmahl mit Jesus damals zu sagen hat, das heißt zu dem Tag, den wir heute als Gründonnerstag feiern.

 

Kleopas, sag uns bitte noch, was du erlebt hast an dem Abend.

 

Kleopas: Ich habe ihn (Jesus, Anm. d. Red.) vorher erlebt wie einen, der schlafwandelt. Wir sollten eine Unterkunft aufsuchen, die er uns genannt hatte, und als wir den kleinen Saal für das Passahfest sahen, schien es mir, als beträten wir einen Raum … wie außerhalb dieser Welt. Äußerlich war gar nichts anders, Kissen an der Erde, der niedrige Tisch. Ich wusste plötzlich, was es so seltsam erscheinen ließ: Es würde unser letztes Mahl dort sein, und er wusste das. Und wir irgendwie auch. Aber keiner wollte was sagen.

 

Wie hat der Abend begonnen?

 

Kleopas: Ich erinnere es nicht. Ich glaube, es war alles normal. Aber ich war wie benommen. Das ging aber nicht allen so. Wir wuschen die Füße, setzten uns, tranken Wasser. Als die Gebete begannen, da war alles wie immer am Passahfest, aber es steckte was in meinen Hals.

 

Wir fragen uns in der Kirche oft, wie Jesus wohl diese Worte gemeint hat: „Nehmt das Brot, das ist mein Leib“ und „nehmt den Wein, das ist mein Blut.“

 

Kleopas: Entschuldigung, ich verstehe nicht?!

 

Wir fragen uns: Hat er das wörtlich gemeint? Ist das Brot sein Leib?

 

Kleopas: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Er schweigt und denkt.

Ich verstehe sie nicht.

 

Wir feiern doch auch heute bei uns Abendmahl. Wir denken an euch damals. Wir beten, wir wiederholen die Worte, die Jesus gesagt hat. Und es gibt viel Streit darüber, was wir denn essen, wenn wir das Brot essen.

 

Kleopas: (Schüttelt den Kopf, schweigt.)

 

Was ist daran so wichtig?

 

(Er schweigt wieder. Zuckt mit den Achseln.)

 

Ich hab mich das nie gefragt. Als er das Brot brach und gab, da war klar: Er gibt alles, was er hat. So war das immer. Er hat sich nicht geschont. Es gab ja vor diesem Abend schon öfter gefährliche Streitereien mit den Priestern. Die hätten auch blutig enden können. Aber wenn man ihm zusah, wie er heilte, dann war’s, als könne er nicht anders. Wie ein Besessener oder besser: wie ein Beseelter. Und wenn er stritt, dann stritt er mit … - ja, mit allen Teilen seines Leibes, sozusagen mit der ganzen Figur. Er war immer ganz das, was er tat und dachte …

 

… selbstvergessen?

 

Kleopas (zögert): Ich kenne dies Wort nicht. Aber wenn es bedeutet, dass man nicht mehr über sich nachdenkt beim Tun, dann war es das. Als er das Brot nahm, war er dabei ganz der, der sich - ja… ganz gibt. Was sollte er sonst geben? Klar tat er das mit seinem Fleisch und Blut, womit sonst? Er hatte doch nichts anderes. Anders war es nie, das kannten wir. Deshalb sind wir geblieben, das war ja das Besondere an diesem Menschen.

 

(Kleines Schweigen in der Runde.)

 

Kannst du noch sagen, wie das war auf dem Weg nach Emmaus?

 

Kleopas (lacht leise):

 

Ja, das war schon verrückt. Wir waren alle wie taub in den Gliedern. Wenn man so etwas erlebt, diese Schmerzen, wie die Leute auf das Kreuz starren, wie sie spucken… - jemand hat sich erbrochen, als er Jesus hängen sah, neben dran haben zwei Jungs mit Steinen nach Vögeln geworfen… . Wenn man das alles erlebt hat, dann fällt man irgendwie aus der Welt.

Wir sind zu zweit gelaufen damals. Laufen half. Nicht stillsitzen. Ich weiß auch nicht, woher der Dritte kam. Er ging von dem ersten Brunnen hinter Jerusalem an mit uns. Wir haben ihm erzählt, weil er fragte. Erst wollten wir nicht, dann lief es aus uns raus. Man ist nicht bei sich in solchen Zeiten. Und dann saßen wir in diesem kleinen Gasthof in Emmaus, bei einer Witwe mit ihrem Hund und einem zahmen Raben.

 

(Er schweigt einen Moment.)

 

Da nimmt er das Brot und bricht es. Ich …

 

Kleopas: (Schweigt, wischt sich eine Träne weg.)

 

Ich kann es nicht beschreiben. In so einem Moment ist alles da. Die vielen Mahlzeiten. Das letzte Mahl. Jesus. Die Erinnerungen - nein, es sind nicht einfach Erinnerungen. Es ist alles da. Irgendwie alles. Keine Fragen mehr. Eine große, eine sehr große Stille. Ich habe verstanden. Das hat mich völlig verändert. Äußerlich nicht, ich blieb natürlich der ich war, aber innen… war ich angekommen.

 

Kleopas bittet um etwas Wasser, die Erinnerung hat ihn sichtlich mitgenommen. Sein Gesicht wirkt hell und seine Hände liegen ruhig in seinem Schoß.

Wir mögen nicht weiter fragen.

 

Das Gespräch mit Kleopas führte Thomas Hirsch-Hüffell.

 

 

IMPULS

Kirche kann sich wieder stärker dem Kirchenjahr öffnen und die Schätze unserer Tradition bergen. Die Menschen sind wissbegierig und lassen sich gerne in die christlichen Feste und das Kirchenjahr einführen. Dazu gehört auch, das scheinbar offensichtliche auszusprechen, denn nicht alles kann vorausgesetzt werden.

Es springt ins Auge, dass öfter jüdische Elemente herangezogen werden. Eine gewisse Scheu der Nachkriegszeit mag geschwunden sein und es zeigt sich eine neue Neugier und eine neue Freude an dem liturgischen Reichtum der jüdischen Schwesterreligion. Dieser neue Blick lässt sich möglicherweise auf andere Tage, etwa Erntedank oder Buß- und Bettag übertragen.

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