Kirchenmusiker / Kantor / Organist

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erstellt am: 29.07.2011
Letzte größere Änderung: 02.08.2011
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Musik, Kirchliche Berufe & Ämter
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Kirchenmusiker-Kantor-Organist

Definition

Berufsbezeichnungen und Arbeitsfelder haupt- und nebenberuflicher Kirchenmusiker

Begriffe und Bezeichnungen

Ursprung und Weiterentwicklung

Der Beruf der Kantorin oder des Kantors ist ein sehr vielfältiger Beruf. Das lateinische Wort, von dem sich die Bezeichnung ableitet, lautet „cantare“ (lateinisch für „singen“). Wörtlich übersetzt ist ein Kantor ein Sänger. Im jüdischen Gottesdienst hat der Kantor auch genau diese Funktion: Er ist ein Vorsänger. Im christlich-kirchlichen Sinn versteht man darunter einen hauptamtlichen Kirchenmusiker. Der Kirchenchor, den er leitet, nennt sich Kantorei (lateinisch für „Sängerschaft“).

Die Aufgaben eines Kantors gehen aber über das Singen und das Anleiten dazu hinaus. Sie schließen das Orgelspiel mit ein. Dennoch gibt es in manchen Landstrichen auch die Bezeichnung „Kantor und Organist“. Und an bedeutenden Kirchen werden die Kantorenstellen namentlich mit der Kirche verbunden: Thomaskantor, Kreuzkantor, Stiftskantor, Domkantor sind Begriffe, die die herausgehobene Bedeutung einer Stelle betonen.

A- und B-Kantoren

Kantoren haben das Fach Kirchenmusik an einer staatlichen oder kirchlichen Musikhochschule oder Universität studiert und das kirchenmusikalische A- oder B-Examen abgelegt. Derzeit werden diese Studienabschlüsse auf die Bezeichnungen Master und Bachelor umgestellt. Zur erfolgreich bestandenen Prüfung gehört die Große Urkunde (A-Examen) oder die Mittlere Urkunde (B-Examen) über die Anstellungsfähigkeit als Kirchenmusiker.

Die Berufsausbildung beginnt allerdings in der Kindheit, also weit vor dem Studium. Um die Aufnahmeprüfung an einer Hochschule oder Universität zu bestehen, muss der Kandidat nicht nur bestimmte Fähigkeiten im Klavierspiel vorweisen, sondern auch im Orgelspiel. Jahrelanger Unterricht auf beiden Instrumenten während der Schulzeit, eine bildungsfähige Stimme und eine besondere musikalische Begabung sind Voraussetzungen für das Bestehen der Aufnahmeprüfung. Die allgemeine Hochschulreife (Abitur) muss man natürlich auch nachweisen, um an einem der 26 Ausbildungsstandorte in Deutschland Kirchenmusik zu studieren. Je nach angestrebtem Examen dauert das Studium acht bis zwölf Semester.

Als Ehrentitel für langjährige herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Kirchenmusik kann der Titel „Kirchenmusikdirektor“, oder kurz „KMD“ verliehen werden. Eine Erhöhung der Bezüge, wie es sonst im öffentlichen Dienst üblich ist, wie etwa beim Studiendirektor oder Polizeidirektor, ist damit nicht verbunden. Ausnahme: In der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist „KMD“ kein Ehrentitel, sondern bezeichnet die Funktion der Fachaufsicht über mehrere Kirchenkreise. Für die gleiche Aufgabe gibt es in der Evangelischen in Kirche Hessen und Nassau die Berufsbezeichnung „Propsteikantor“.

Kantoren, die die Fachaufsicht über einen Kirchenkreis haben, heißen Kreiskantor, Bezirkskantor oder Dekanatskantor. Die kirchenmusikalische Fachaufsicht einer ganzen Landeskirche wird vom Landeskirchenmusikdirektor (abgekürzt LKMD) wahrgenommen.

C- und D-Kirchenmusiker

Kirchenmusiker mit einer C-Prüfung sind nebenberuflich tätig. Zusätzlich zu ihrem Hauptberuf übernehmen sie den Orgeldienst in einer Kirchengemeinde oder leiten einen Chor – oder tun beides. Die Ausbildung erfolgt an einer der sieben zentralen Ausbildungsstätten oder in regionalen C-Kursen. Die Anforderungen der C-Prüfung sind einfacher als die der A- oder B-Prüfung. C-Kirchenmusiker werden darum auch nicht Kantoren genannt. Allerdings kann ihnen in manchen Landeskirchen der Titel „Kantor“ verliehen werden – analog dem Titel „Kirchenmusikdirektor“ bei den A- oder B-Kantoren. Im Fall der C-Kirchenmusiker ist „Kantor“ also ein Ehrentitel, im Fall der A- oder B-Kantoren ist es eine Berufsbezeichnung.

Noch einfacher als die C-Prüfung ist die D-Prüfung. In einigen Landeskirchen heißt sie Befähigungsnachweis oder Eignungsnachweis. Man kann sie als erfolgreichen Abschluss des privaten Orgelunterrichts ablegen.

In Deutschland sind 92 Prozent aller Kirchenmusikstellen als C-Stellen ausgewiesen. Lediglich 8 Prozent der Stellen sind mit A- oder B-Kirchenmusikern besetzt.

Aufgaben und Arbeitsfelder

Zwei Schwerpunkte: Orgelspiel und Chorleitung

Zu den Aufgaben eines Kirchenmusikers gehört das Orgelspiel in Gottesdienst und Konzert, ferner die Leitung von Chören oder Instrumentalgruppen. Je nach örtlichen Gegebenheiten gibt es eine Kantorei, einen Kinderchor, einen Jugendchor, einen Kammerchor, einen Oratorienchor, einen Gospelchor, eine Gemeindeband, einen Posaunenchor, ein Blockflötenensemble, ein Streichorchester oder einen Handglockenchor. Außerdem gehen Kirchenmusiker in die verschiedenen Gemeindegruppen, um mit ihnen zu singen. Das reicht vom Kindergarten und der Konfirmandengruppe über die Frauenhilfe oder den Männerkreis bis zur Altentagesstätte.

Fließband – nein danke!

Der Kirchenmusiker hat in seinem Beruf viel mit Gestaltung zu tun. Er gestaltet als Chorleiter oder Organist nicht nur die Musik während der Aufführung in Gottesdienst und Konzert, sondern entwirft auch Programme, Probenabläufe, Plakate, Werkeinführungen, Pressetexte und Einladungsschreiben. Oft komponieren Kirchenmusiker auch selbst oder schreiben Arrangements für die eigenen Chorgruppen. Kirchenmusiker sind auf vielen Ebenen schöpferisch tätig. Sie können mit sich und ihrem Instrument allein sein, können aber auch mit vielen Menschen gemeinsam musikalisch arbeiten. All das sind beste Voraussetzungen für ein erfülltes Berufsleben. Kirchenmusiker sind zwar Akkordarbeiter in verschiedenster Bedeutung – müssen aber nicht am Fließband stehen.

Erfahrungsaustausch

Egal ob haupt- oder nebenberuflich angestellt, sind Kirchenmusiker meist alleine an einer Gemeinde tätig. Im Gegensatz etwa zu den Erzieherinnen eines kirchlichen Kindergartens sind sie also auf sich gestellt. Auch gibt es oft mehrere Pfarrer an einer Gemeinde, die engen Kontakt untereinander haben. Selbst „Einzelpfarrer“ stehen durch regelmäßige Pfarrkonvente ihres Kirchenkreises miteinander in Verbindung. Für Kirchenmusiker dagegen ist der kollegiale Austausch vor Ort schwieriger. Kreiskantoren oder andere Kirchenmusiker, die in überregionalen Gremien tätig sind, treffen sich bei Konferenzen und Ausschusssitzungen. Wer dort nicht dabei ist, kann zahlreiche Fortbildungen zum Erfahrungsaustausch nutzen. Landeskirchen und die jeweiligen Verbände laden dazu ein. Chorverbände, Posaunenwerke, Popularmusikverbände oder Berufsverbände bieten eine Fülle von themenbezogen Seminaren, Schulungen oder Verbandstagen an. Wer daran nicht teilnehmen kann, für den gibt es im Internet verschiedene Foren für den Erfahrungsaustausch mit anderen Kollegen. Eine der besten Möglichkeiten ist die Kirchenmusikliste: eine Mailingliste, bei der sich zurzeit fast 800 Kirchenmusiker aller Konfessionen in allen Fragen des Berufes gegenseitig beraten. Informationen dazu gibt es bei www.kirchenmusikliste.de.

Mitreißen!

Es gibt im allgemeinen Musikbetrieb viele introvertierte Musiker, die durch ihre Konzerte ein Publikum begeistern können. Introvertierte Menschen haben es als Kirchenmusiker allerdings schwer, denn sie sind in diesem Beruf nicht nur als Künstler gefragt, sondern in hohem Maße auch als Pädagogen. Kirchenmusiker müssen Musik vermitteln, indem sie sie in Chorproben mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erarbeiten – und das nicht nur technisch. Kirchenmusiker sollen das Werk und die Hintergründe bei seiner Entstehung erläutern können. Sie sollen viel über den Zusammenhang von Text und seiner besonderen Vertonung weitergeben können. Auf diese Weise können sie den Chormitgliedern eine Komposition nahebringen und dadurch tiefer erlebbar machen. Das Ziel der pädagogischen Arbeit im Chor ist nicht nur eine gelungene Aufführung, sondern auch, die Begeisterung für ein Werk bei den Mitwirkenden zu wecken. Kirchenmusiker müssen mitreißen und begeistern können. Sie sind Dompteur und Animateur in einer Person. Sie wollen aus den Chormitgliedern das Letzte herausholen. Dazu gehört viel Menschenkenntnis und auch eine gute Allgemeinbildung, besonders auf literarischem Gebiet, denn die Arbeit eines Chores ist eng mit der Darstellung von Texten verbunden.

Die Probenarbeit selbst und die Atmosphäre im Chor haben also einen hohen Stellenwert. Gerade die Musik ist für viele Menschen das letzte Bindeglied zur Kirche.

Verzahnen

Der Beruf des Kirchenmusikers setzt Organisationstalent und Kommunikationsfreudigkeit voraus. In vielen Städten sind Kirchenmusiker erheblich an der kulturellen Arbeit dieses Ortes beteiligt. Sofern sich Anknüpfungspunkte zu Schulen oder anderen kommunalen Einrichtungen ergeben, nehmen Kirchenmusiker und ihre Chöre diese meist wahr: Singen beim Stadtfest oder auf dem Weihnachtsmarkt, ein Ständchen zum Jubiläum des Bürgermeisters, ein gemeinsames Konzert mit dem Männergesangverein – all das sind Gelegenheiten, bei denen sich Kirchenmusik und Kommune verzahnen und voneinander profitieren können. Viel hat ein Kirchenmusiker erreicht, wenn er als Mitglied des städtischen Kulturausschusses berufen wird. Ist er erst einmal drin, kann er noch viel mehr erreichen.

Breitenwirkung

Ganz wichtig ist die Öffentlichkeitsarbeit. Kirchenmusiker wollen auch Menschen außerhalb der Kirche einladen – und zwar als Konzertpublikum, als Teilnehmer eines neuen Chorprojektes, als Gäste bei einem Familiensingtag, als Sponsoren für die Orgelsanierung, als Mitglieder einer Ferienkantorei, als Besucher bei einer Orgelführung für Kinder oder bei einer Orgelkonzertwanderung durch mehrere Kirchen. Gute Kontakte zur lokalen Presse, dem Lokalradio oder einem Offenen TV-Kanal sind dann wichtig. Redaktionen wollen bedient werden und verbreiten im besten Fall alle Informationen, die ein Kirchenmusiker ihnen schickt. Auch die Pflege des Musikbereiches der Kirchen-Homepage ist mittlerweile eine Standardaufgabe des Kirchenmusikers.

Über den Tellerrand hinaus

Kirchenmusiker können auch über die Kirchengemeinde hinaus tätig werden, zum Beispiel als Orgel- oder Glockensachverständiger, als Leiter überregionaler kirchlicher Singwochen oder als Referent bei einem C-Kurs. Aber auch außerhalb kirchlicher Strukturen ist dies möglich. Ein Kirchenmusiker kann die Leitung des städtischen Bach-Chores übernehmen, an einer Musikschule ein Instrument unterrichten, als Lehrbeauftragter oder Professor an einer Musikhochschule lehren, an einer kommunalen Schule als Lehrer tätig werden oder privat Klavierunterricht geben: All das ist mit der Ausbildung zum Kirchenmusiker möglich.

 

Gesundheit

Die Ev. Fachstelle für Arbeits- und Gesundheitsschutz hat eine Broschüre für Organisten herausgegeben: Broschüre „Gerne will ich mich bequemen ...“. Gesundheitstipps für Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker. 

Bezug:

Ev. Fachstelle für Arbeits- und Gesundheitsschutz

Otto-Brenner-Str. 9

30159 Hannover

Tel. (0511) 27 96-635

Fax (0511) 27 96-630

www.efas-online.de

 

Autor

KMD Thomas Schmidt
Kreiskantor des Kirchenkreises Wied
der Evgl. Kirche im Rheinland und
Kantor an der Marktkirche Neuwied

 

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