Wiedereintritt

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erstellt am: 31.07.2011
Letzte größere Änderung: 05.03.2013
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(Wieder)eintritt
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Kircheneintritt

Definition

Warum treten Menschen wieder in die Evangelische Kirche ein oder lassen sich als Erwachsene taufen? Was erzählen sie über ihre Gründe, was sind also ihre Motive? In welcher biographischen Situation befinden sie sich? Und was lässt sich aus ihrer Geschichte für die kirchliche Praxis lernen?

Hinführung

Warum treten Menschen wieder in die Evangelische Kirche ein oder lassen sich als Erwachsene taufen? Was erzählen sie über ihre Gründe, was sind also ihre Motive? In welcher biographischen Situation befinden sie sich? Und was lässt sich aus ihrer Geschichte für die kirchliche Praxis lernen?

Diesen Fragen geht die Studie "Kirchen(wieder)eintritt" der EKD aus dem Jahr 2009 (veröffentlicht als EKD-Text 107) anhand von 21 Einzelbeispielen nach. Der nachfolgende Artikel bietet exemplarische Einblicke.

KIRCHEN(WIEDER)EINTRITT: MOTIVE, BIOGRAPHISCHE KONTEXTE UND SENSIBILISIERUNGEN FÜR DIE KIRCHLICHE PRAXIS

Exemplarische Erkenntnisse aus der aktuellen Studie der EKD 2009

von Rüdiger H. Chr. Jungbluth

1. Hintergründe: Entstehung, Erkenntnisanliegen und Anlage der EKD-Studie

Die Studie „Kirchen(wieder)eintritt“ der Evangelischen Kirche in Deutschland entstand als empirischer Baustein für die Arbeiten der vom Rat der EKD eingesetzten Projektgruppe „(Wieder-) Eintritt“. Sie wurde im Advent 2009 als Teil des EKD-Textes 107 „Schön, dass Sie (wieder) da sind! Eintritt und Wiedereintritt in die evangelische Kirche“ veröffentlicht.

Die Studie untersucht Motive und Hintergründe von Menschen, die wieder in die evangelische Kirche eintraten oder sich als Erwachsene taufen ließen. Die qualitative Studie hat explorativen Charakter. Wissenschaftlich verantwortet, aber nicht primär für den wissenschaftlichen Diskurs gedacht, verfolgt sie eine praktische Zielsetzung und kann Impulse für die pastorale Arbeit geben.

Ihre empirischen Erkenntnisse gewinnt die Studie aus Interviews. Insgesamt wurden 21 Personen aus zwölf verschiedenen Landeskirchen [1] anhand eines Frageleitfadens interviewt. Demzufolge erhebt die Studie keinen Anspruch auf Repräsentativität oder Vollständigkeit, sondern stellt Einzelbeispiele dar und erschließt das Interviewmaterial im Sinn einer Erstauswertung. Dabei handelt es sich nicht um die Darlegung von Fakten, sondern um die reflexive Selbstwahrnehmung der interviewten Personen, ihre Auswertung und daraus folgende Impulse.

Anhand eines Suchrasters, das unterschiedliche Faktoren wie z.B. Alter, Bildungsstand, Geschlecht, urbaner/ peripherer Lebensraum und geographische Verteilung berücksichtigt, wurden Pfarrämter und Wiedereintrittsstellen angefragt. Ziel war es, möglichst unterschiedliche Menschen zu interviewen.

Die befragten Personen traten in der Regel zwischen 2006 und 2008 (wieder) in die evangelische Kirche ein: jeweils sechs in Wiedereintrittsstellen und Gemeindepfarrämtern, neun ließen sich taufen. Sieben stammen aus Ostdeutschland, 14 aus Westdeutschland. In eher ländlichen Räumen leben zwölf, in urbanem Kontext neun Personen. Es wurden elf Frauen und zehn Männer interviewt. Die jüngste Gesprächspartnerin war 17, der älteste Gesprächspartner 75 Jahre alt. Menschen in Ausbildung fanden sich ebenso wie solche in Berufstätigkeit, Arbeitslosigkeit oder in Rente bzw. Pension. Ebenso vielfältig waren die Berufe: So konnten z.B. Angestellte von Post und Stadtwerken, Bäckereifachverkäuferin, Arzt, Lehrer und Hochschulprofessor interviewt werden.

Das so entstandene Material wurde einer thematischen Auswertung unterzogen, bei der die angesprochenen Themen ermittelt, analysiert und verglichen wurden. Dabei waren drei Fragestellungen leitend: In welcher Lebenssituation befinden sich Menschen, die (wieder) in die evangelische Kirche eintreten („biographische Kontexte“)? Was erzählen sie über ihre Gründe für diesen Schritt („Motive“)? Welche Impulse lassen sich aus diesen Berichten für die Gestaltung kirchlicher Arbeit gewinnen? („Sensibilisierungen für die kirchliche Praxis“)? Bevor diese drei Zugänge zu den Interviews exemplarisch skizziert werden, sollen Beispiele aus den Interviews einen ersten Eindruck vermitteln. Sie sind dem EKD-Text 107 entnommen.

 

 

2. Erste Annährung: Impressionen aus den Interviews [2] 

„Ich wollte immer getauft sein“

Herr C. (25 Jahre, Dachdecker, LKW-Fahrer)

 

„Taufen lassen wollt' ich mich eigentlich schon immer, weil ich schon immer gesagt habe: »Warum sind die andern getauft, und ich nich'«. Also, ich hab' da immer meine Eltern gefragt, warum sie das gemacht hab'n, also meine Schwester und ich, wir war'n nich' getauft, meine Schwester hat sich dann auch später noch taufen lassen, und meine Mutter sagte dann – zu DDR-Zeiten war das doch nich' so unbedingt gewollt, dass die Kinder getauft sind. Und meine Mutter und mein Vater, die ham' halt zusammen gesagt: »Gut, wir machen's so. Wir sind zwar getauft, die Kinder lassen wir nich' taufen, wenn se wollen, könn' se's später nachholen«. Se wollten dass da draus nich' mal 'n Nachteil entsteht, für uns. War für mich verständlich, hab' ich eingesehen, aber ich hatte es dann halt trotzdem vor, ich wollt' immer getauft sein. Na, nachher, wo mein Sohn gebor'n war da hab' ich dann den Vorname D [befreundeter Pfarrer] gefragt, ob er denn mich auch taufen würde, ob das ginge, ja, und er hat halt gesagt, er würde sich sehr freuen, er würde das gerne machen. Es war dann richtig, das hat, das hat halt dazu gepasst. Auf jeden Fall stand für mich fest, dass ich's gerne möchte. Und dass ich halt auch in die evangelische Kirche möchte, weil das eben für uns, es war halt immer so.“

 

„Jetzt musst du auch irgendwas zurückgeben“

Frau B. (39 Jahre, Geschäftsführerin eines Baugeschäftes)

 

„Und dann griechten wir… ein Kind, unsern ersten Sohn, und da stellte sich also raus, dass der einen Herzfehler hatte Und das sind dann natürlich immer so Momente, wo man dann ein Stoßgebet nach'm andern zum Himmel schickt. […] Meine Eltern hatten 'n Unternehmen und das is vor zwei Jahren is das in Konkurs gegangen mit dem

Ergebnis dass meine Eltern alles verlorn hab'm. […] Und das war dann der Punkt, wo dann auch wieder ein Stoßgebet das nächste jagte und wo ich dann gesacht hab, »so wenn das jetzt klappt dann tritt's 'de wieder ein.« Das ist eigentlich mein Weg zurück in de Kirche, das is sehr wenig geistlich, muss ich sagen, aber wie gesacht, das ist so 'ne An'nanderkettung von gut gegangenen Sachen, wo ich einfach der Meinung war, jetzt kannst de nicht ständig nur anrufen, sondern jetzt musst du auch irgendwas zurückgeben. […] Es ist schon ein Gefühl nach Hause gekomm' zu sein. Es is vielleicht nich unbedingt das geliebte zu Hause, aber es is was, wo ich den Eindruck habe schon hinzugehör'n. […] Dass ich mich einfach auskenne auch, das ich weiß - zum Beispiel ich geh weiß Gott nicht oft in de Kirche, aber wenn, dass ich dann zu Beispiel, ich kenne die Liturgie, ich weiß, wie sich das Alles abspielt, was wonach kommt einfach ein Widererkennen auch.“

 

„Du musst irgendwie klaren oder reinen Tisch geschaffen haben“

Herr A. (66 Jahre, Beamter der Deutschen Bundesbank i.R.)

 

„Ja, das war, das hing schon mit der Heirat unsrer Kinder zusammen, vor zwei Jahren, und dann auch mit der Geburt unsres Enkelsohnes, dieses neue Leben. Das is’ eben, das erste, was wir gemacht ham’, wir ham’ dem 'ne Bibel geschenkt, mit 'nem Henkel dran, auf dem er herum kauen kann. Und dann ham’ mich mehr und mehr diese beiden Menschen – der Pfarrer Nachname J in Dorf Z, den wir jetzt, jetzt allerdings alleine gelassen haben, weil wir unser Häuschen im Mittelgebirge N aufgegeben ham’, aber auch das Bemühen der hiesigen Pfarrerin –, diese Menschen hier ham’ mich schon beeindruckt. Ich will vielleicht doch, wie's heißt, richtig einer Gemeinde zugehören. Ich möcht nicht irgendwie so mit 'ner Art Lüge leben, das man sacht, also, man belügt sich selbst, man geht dahin, man nimmt am Abendmahl teil, man sitzt am Kirchkaffee, man trägt den Gemeindebrief aus, und irgendwann wirst du drauf angesprochen. Ja: Unwohlsein. Ich wollte dieses Unwohlsein beenden. […] Aus dieser Gemengelage heraus – vielleicht könnte man auch sagen, dass ich jetzt in 'nen gereiftem Alter bin, wo man schon so 'n bisschen das Sinken der Abendsonne beobachtet, vielleicht, ist das, steckt das auch irgendwie im Kreuz, dass man sagt: »Also äh, du musst irgendwie klaren oder reinen Tisch geschaffen haben«, ich möchte zwar gern noch 'ne Zeitlang leben, aber vielleicht hat das ja auch 'ne Rolle gespielt. […] Ja, gleichwohl, wie gesagt, hab' ich mich also dazu entschlossen, ähm, wieder in die Kirche einzutreten.“

 

 

3. „Biographische Kontexte“

Im Kontext der Interviews lässt sich Kirchen(wieder)eintritt als ein biographisches Phänomen beschreiben. In verschiedenen Lebensphasen und unterschiedlichen Lebensumständen kann das Bedürfnis entstehen, sich wieder mit dem je eigenen Verhältnis zur Kirche zu beschäftigen. Hört man auf die facettenreichen Berichte der 21 interviewten Personen, so lassen sich drei verschiedene Zusammenhänge erkennen:

  • I.       Die Lebensalter Junges Erwachsenenalter, Mitte des Lebens und Alter 
  • II.      Krisen
  • III.     Familie und soziale Netzwerke - beides spielt auf unterschiedliche Weise
              in den verschiedenen Lebensaltern eine Rolle.

    Vermutlich stellen diese Zusammenhänge, in denen jeweils bestimmten Themen im Vordergrund stehen, überindividuelle Muster dar, die auch für andere Personen zutreffen könnten.

    Im jungen Erwachsenenalter, einer Phase ca. zwischen Anfang Zwanzig und Mitte Dreißig, stehen Themen aus den Kontexten „Partnerschaft“ und  „Familie“ im Vordergrund. Dazu gehören z.B., so wurde berichtet, der Wunsch nach einer „Trauung vor Gott“, der zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Kirche und Glaube führte. An anderer Stelle erzählte ein nicht getaufter Vater von seinem Wunsch, zusammen mit dem Kind und seiner getauften Frau als Familie in der Kirche einen gemeinsamen Ort, so etwas wie ein „Zentrum“ zu haben - und ließ sich gemeinsam mit dem Kind taufen. Weiteren Erzählungen nach verlief ein Weg in die Kirche über die Begleitung der eigenen Kinder in Kindergarten und Konfirmandenunterricht. 

    Impulse, sich (wieder) mit dem Verhältnis zur Kirche zu beschäftigen, entstammen hier dem familiären Umfeld und sind in Situationen des Übergangs angesiedelt.

    Ein anderer Fokus zeigt sich in der Lebensmitte, dem Abschnitt zwischen ca. Mitte 30 bis Ende 40. Der Auslöser zur Beschäftigung mit dem Verhältnis zur Kirche und dem eigenen Glauben  findet sich bei den interviewten Personen in den Kontexten Familie und Beruf. Dazu gehören z.B. eine „gelungene“ Bestattung eines Angehörigen, eine Silberne Konfirmation oder eine berufliche Weiterbildung bzw. Neuorientierung. Zudem sprechen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner das soziale Engagement von Kirche und ihre Funktion als gesellschaftlicher „Werteträger“ an. Sie beschreiben diese Aspekte als neue, mehr inhaltlich orientierte Sichtweise auf Kirche, wohingegen früher eher materielle Erwägungen (z.B. Kirchensteuer einsparen), Ärger über hierarchische Strukturen oder generell die Frage nach dem persönlichen Nutzen einer Kirchenmitgliedschaft dominierten.

    Im Lebensabschnitt Alter berichteten interviewte Personen ab ca. 60 Jahren von Berufsende und Eintritt in den Ruhestand. Sie erwähnten den Wunsch, angesichts des „Sinkens der Abendsonne“, also dem Eindruck von der Endlichkeit des Lebens, ihr Leben zu ordnen. Indirekt findet sich die Frage nach einer kirchlichen Bestattung. Der Austritt aus der Kirche erfolgte, so wurde berichtet, beispielsweise aufgrund von Kirchenpolitik, Kritik an der Kirche als Institution oder auch materiellen Gründen. Dennoch verloren nicht alle interviewten älteren Menschen die Beziehung zu Christentum und Glaube - sie gingen z.T. weiterhin zur Kirche oder suchten sich Alternativen in freikirchlichen Gemeinden oder der Stadtmission. Entsprechend wird im Zusammenhang mit dem Wiedereintritt in die Kirche z.T. von Schamgefühlen und dem Wunsch nach Diskretion berichtet.

    Krisen stellen in allen Lebensphasen einen biographischen Kontext des Wiedereintrittes dar. Taufen finden sich hier - wie auch im biographischen Kontext Alter - bei den interviewten Personen nicht. Sie erzählten beispielsweise von Krankheit, Trennung von der Partnerin und Arbeitslosigkeit. In diesen krisenhaften Situationen traten, so erzählten sie, Fragen nach dem Sinn des Lebens, das Bedürfnis nach Geborgenheit, wie sie bei Kirche in der Kindheit erfahren wurde, aber auch die Vorstellung eines Handels mit Gott (wenn mein Kind wieder gesund wird, trete ich wieder ein) auf. Auch hier finden sich Anliegen wie „sein Gewissen zu beruhigen“ oder „Ordnung ins Leben zu bringen“.

    Die Familie und andere soziale Netzwerke stellen ebenfalls einen wichtigen biographischen Kontext des Wiedereintrittes dar. Ein Interviewpartner berichtete etwa von Anstößen durch seine Schwiegertochter. Diese besuchte einen Taufkurs, um sich auf ihre kirchliche Trauung vorzubereiten - und entschied im Zuge des Kurses, sich noch vor der Trauung taufen zu lassen. Die Geburt und Taufe eines Enkelkindes wurde als ein wesentlicher Anlass beschrieben, sich neu mit Glauben und Kirche zu beschäftigen. Und auch die Übernahme eines Patenamtes wurde als (allerdings eher formal betrachteter) Anlass für den Wiedereintritt erwähnt - übrigens nicht nur bei einem 32jährigen, sondern auch bei einer 72jährigen. Neben der Familie kommt auch dem Freundeskreis als einem sozialen Netzwerk eine wichtige Funktion zu. Eine 17jährige erzählte, dass sie über ihren Freundeskreis Kontakt zur Kirchengemeinde erhielt und sich schließlich taufen ließ.

     

    4. „Motive“

    Bei dem zweiten Zugang zum Interviewmaterial, den „Motiven“, handelt es sich nicht um objektive Zusammenhänge - sondern vielmehr um reflexive Selbstdeutungen und Gründe des (Wieder-) Eintrittes im Rückblick durch die Interviewpartnerinnen und Interviewpartner. 

    Die so verstandenen „Motive“ lassen sich auf Basis der Textanalyse in acht thematischen Gruppen zusammenfassen. Sie können der Kürze halber an dieser Stelle nur als skizzenhafter Überblick aufgezeigt werden, der einen ersten Eindruck vermittelt. Für Details und genauere Beispiele aus den Interviews sei auf den EKD-Text 107 verwiesen.

     

    a. Heimat und Gemeinschaft finden

    • „Geistige Heimat“ als Heimat in der Gemeinde oder als „Weggemeinschaft“ finden
    • „Geborgenheit und Annahme ohne Vorbehalte finden“: z.B. Kirche als Ort positiver Gemeinschaftserlebnisse
    • „Nach Hause kommen“, „sich auskennen“: z.B. Verbundenheit mit einem bestimmten Kirchengebäude; Kenntnis der Liturgie des Gottesdienstes; allgemeines Gefühl, „sich auszukennen“
    • „Roten Faden im Leben“ quer durch die Generationen (Großeltern in der Kirche - Eltern nicht) „wieder aufnehmen“
    • „Dazugehören“

    Verschiedene biographische Kontexte, u.a. Krisen - ausgelöst z.B. durch Krankheit oder biographische Neuorientierung

     

    b. Kirche als Anlaufstelle und Lebensabsicherung

    • „Die sind immer für mich da“ - entsprechende interviewte Personen sind weniger an Kontaktpflege interessiert als z.B. an der Möglichkeit, seelsorgerliche Unterstützung in Anspruch nehmen zu können oder in der Gemeinschaft bzw. bei den Gemeindegliedern Ansprechpartner und -partnerinnen zu finden.

    v.a. der jüngere bis mittlere biographische Kontext

     

    c. Hochzeit, Taufe, Trauung kirchlich gestalten

    Im Vordergrund steht der Wunsch,

    • In der Kirche bzw. vor dem Altar zu heiraten;
    • Kirchlich bestattet zu werden;
    • Ein Patenamt zu übernehmen;

    An dieser Stelle können sich inhaltliche Gründe mit einer Vorstellung von Kirche als einer „Gebrauchsgröße“ [3], die man zu einem bestimmten Anlass nutzt,  verbinden.

    Lebensmitte und Lebensende

     

    d. Ordnung ins Leben bringen

    Angesichts des „Sinkens der Abendsonne“ Wunsch nach

    • „Wiederherstellung der gewohnten Ordnung“
    • „Das Leben sortieren“
    • „Das Gewissen beruhigen“

     v.a. im Alter (Berufsende) und in Krisen (Krankheit)

     

    e. Werte unterstützen

    • „Kirche als Werteträger bejahen, in dem Werte erneuert und bewahrt werden“
    • „Werte unterstützen“ wie persönliche Freiheit und die 10 Gebote

    Nach einer Neuorientierung in der Lebensmitte richtet sich der Fokus u.a. auf „Werte“. Als solche werden z.B. von einer Polizistin die persönliche Freiheit und die 10 Gebote im Kontext des demokratischen Wertesystems genannt.

    Aber auch die reformatorische Botschaft Luthers, die ein Hochschulprofessor für unterstützenswert hält, fällt in diesen Bereich.

    In besonderer Weise in der Lebensmitte

     

    f. Soziales Engagement stärken

    Hier erzählten Gesprächspartner z.B.

    • von dem Wunsch, der Kirche durch ihre Taufe „etwas zurückgeben“ zu wollen für das umfangreiche Angebot und die Begleitung ihrer Kinder (Kindergottesdienst, Kindergarten, Posaunenchor)
    • von dem Bedürfnis, das „soziale Engagement der Kirche zu unterstützen“ - z.B. durch die Kirchensteuer Kindertageseinrichtungen und Altenheimen mit finanzieren

    v.a. in der Lebensmitte

     

    g. Beziehung zu Gott

    Zwei Gesprächspartnerinnen erzählten von dem Wunsch, „sich zu Gott zu bekennen“, der bei beiden zur Taufe führte.

    Damit war gleichzeitig eine soziale Dimension verbunden: ein „Bekenntnis“ zum kirchlich stark gebundenen Ehemann im Rahmen der kirchlichen Trauung (nach der Taufe) bzw. zum Freundeskreis, der seinen Mittelpunkt in der Kirchengemeinde hatte, verbunden.

    In diese Motivgruppe findet sich ferner der Wunsch einer Gesprächspartnerin, mit dem Wiedereintritt „Gott etwas zurückzugeben“ - nicht zu verwechseln mit dem Anliegen, der Kirche etwas zurückzuzugeben. Hintergrund war hier eine „Aneinanderkettung von guten Sachen“, also positive Lösungen krisenhafter Lebenssituationen.

    Jüngeres bis mittleres Lebensalter sowie Krisen

     

    h. Eine Kirchliche Arbeitsstelle antreten

    Das Motiv, ggf. eine kirchliche Arbeitsstelle - z.B. im Pflegebereich - antreten zu können, fällt bei einem Gesprächspartner mit in den Blick. Es muss nicht das primäre Motiv sein, kann aber eine Rolle im Sinn von Kirche als „Gebrauchsgröße“ spielen.

    Jüngeres bis mittleres Lebensalter

     

    5. „Sensibilisierungen für die kirchliche Praxis“

    Der (Wieder-) Eintritt in die Kirche zeigt sich auf Basis der Interviews als ein Prozess. In diesem lassen sich drei verschiedene Phasen erkennen: Zunächst ist eine „Phase der Orientierung“ festzustellen. Daran schließt sich eine „Phase der Realisierung“, gefolgt von einer „Phase des Danach“ an. Dieser Phasen sind nicht immer eindeutig zu differenzieren und gehen teilweise ineinander über. Innerhalb der Phasen lassen sich spezifische Ängste und Vorbehalte, aber auch  Bedürfnisse und Wünsche im (Wieder-) Eintrittsprozess erkennen. Hiervon ausgehend, können Handlungsstrategien für die kirchliche Praxis entwickelt werden. Im Folgenden werden Beispiele für wichtige Aspekte in den einzelnen Phasen genannt, die von den interviewten Personen angesprochen wurden. Eine ausführlichere Darstellung findet sich im EKD Text 107.

     

    (a) Die Phase der Orientierung

    In der Phase der Orientierung berichteten Interviewpartnerinnen und Interviewpartner davon, dass sie begannen, sich (neu) mit ihrem Verhältnis zu Kirche zu beschäftigen. Ein Entschluss für einen (Wieder-) Eintritt ist in dieser Phase noch nicht gefasst. Ihre Dauer ist individuell verschieden - sie kann Wochen, Monate, aber auch Jahre dauern. In den Interviews spielen z.B. folgende Aspekte eine Rolle:

    Informationen. Hierzu gehören Fragen wie z.B.: Wie funktioniert ein (Wieder-) Eintritt? Zu welcher Gemeinde gehöre ich? Wo finde ich Kirche, Gemeindehaus, Pfarramt? Gibt es Internetseiten mit aktuellen Informationen? Auch Informationsstände von Kirche, zum Beispiel auf dem Marktplatz, werden wahrgenommen. Allerdings spielten missionarische Einzelaktionen für den Entschluss zum Wiedereintritt für die interviewten Personen praktisch keine Rolle. Ist es also sinnvoller, Gemeindearbeit vor Ort grundsätzlich im Sinn einer Kultur der Einladung und Begegnung grundsätzlich missionarischer auszurichten?

    Kirchensteuer. Bei einigen der interviewten Personen stellten sich Fragen wie z.B.: wofür wird mein Geld verwendet? Muss ich 10 % meines Bruttoeinkommens zahlen? Wird auch bei meinem Partner Steuer abgezogen? Muss also die Transparenz des Kirchensteuersystems verbessert werden?

    Niederschwellige Angebote. Ein entsprechend unverbindlicher Zugang zur Kirchengemeinde war für einige der interviewten Personen für einen Erstkontakt wichtig. Hier wurde beispielsweise ein Literaturkreis genannt, in dem neueste Romane vorgestellt wurden, aber auch der Wunsch nach einer Kontaktaufnahme durch den Besuchsdienst. Doch auch von der Teilnahme an Angeboten mit höherer Verbindlichkeit - wie etwa einem Taufkurs, der als eine Art „Grundkurs Christentum“ genutzt wurde - berichtet. Die Erzählungen lassen zudem erkennen, dass eine ortsnahe Präsenz von Kirche - z.B. in Form einer guten Erreichbarkeit von Pfarramt und Gemeindehaus - in der Orientierungsphase eine wichtige Hilfestellung sein kann. Diese ortsnahe Präsenz ist vor allem im urbanen Raum dabei nicht gleichbedeutend mit der Ortsgemeinde.

    Beratung und Ansprechpersonen. Für einige Interviewpartner und Interviewpartnerinnen war eine Beratung durch einen Seelsorger im Zuge des Wiedereintrittsprozesses wichtig. Diese Beratung wurde als Wegbegleitung beschrieben, auf die bei Bedarf zugegriffen werden konnte. Für andere interviewte Personen wiederum spielte die Person der Pfarrerin bzw. des Pfarrers im Rahmen des Wiedereintritts dagegen gar keine Rolle.

     

    (b) Die Phase der Realisierung

    Nach der Phase der Orientierung findet sich eine Phase der Realisierung des (Wieder-) Eintritts. Hierbei werden z.B. folgende Aspekte genannt:

    Bedenken vor einer „Glaubensprüfung“. Vor dem Wiedereintritt stellten sich interessierte Personen Fragen wie: Muss ich über meinen Glauben Auskunft geben? Wird ein regelmäßiger Gottesdienst Besuch von mir erwartet? Muss ich mich für meinen Austritt oder meinen Wiedereintritt rechtfertigen? Dabei ist nicht auszuschließen, dass hinter solchen Fragen auch andere Bedürfnisse stehen könnten: So etwa der Wunsch, über den eigenen Glauben zu reden, es aber nicht zu können.

    Wiedereintritt als eine private Angelegenheit. Einige der interviewten Personen erzählen davon, dass der Wiedereintritt für sie eine rein private Angelegenheit darstellte. Diese Auffassung kollidierte teilweise mit dem Interesse der Pfarrerin bzw. des Pfarrers vor Ort - so hätte in einem Fall beispielsweise eine öffentliche Abkündigung im Gottesdienst nach Darstellung des Interviewpartners zu einem erneuten Austritt geführt. Auch die Tatsache in einigen Landeskirchen die Mitglieder des Kirchenvorstandes - also Fremde - über den Wiedereintritt abstimmen müssen, sorgte für Irritation.

    Doch auch dieser Aspekt wird von den Gesprächspartnerinnen und -partnern unterschiedlich betrachtet. Längst nicht alle haben mit einer Abkündigung, einer Vorstellung oder eine Segnung im Gottesdienst Schwierigkeiten - sondern verbinden damit auch ein Gefühl der Befreiung.

    „Formaler“ und „gestalteter“ Wiedereintritt. Interviewte Personen berichteten von verschiedenen Gestaltungsformen des Wiedereintritts: Vom rein administrativen Akt, bei dem die Sekretärin nur Formulare auf dem Tisch legt, bis hin zum Seelsorgegespräch. So unterschiedlich sich die kirchliche Praxis gestaltet, so verschieden zeigen sich in den Erzählungen auch die Wünsche der (Wieder-) Eintretenden. Menschen, die Kirche vornehmlich als eine „Gebrauchsgröße“ betrachten, haben - zumindest in der Gruppe der interviewten Personen - kein Interesse an einer Ausgestaltung des Wiedereintritts. Sie wollen einfach nur wieder eintreten, um zum Beispiel einen Patenschein zu erhalten. Andere erzählen von der Enttäuschung, dass es kein Ritual für den Wiedereintritt gab, oder dieser aus ihrer Sicht wenig feierlich und stimmungsvoll, sondern eher als administrativer Akt ablief.

     

    (c) Die Phase des „Danach“

    In der „Phase des Danach“ finden sich in den Interviews vor allem folgende zwei Aspekte:

    Erwartung einer Reaktion von „Kirche“. Von dieser Erwartung wird vor allem im Zusammenhang mit dem Wiedereintritt über eine Wiedereintrittsstelle berichtet. In diesem Zusammenhang wird ein Anruf des Dekans, aber auch ein Willkommensbrief des Superintendenten genannt. Solche Reaktionen von Kirche wurden als positiv beschrieben. Doch nicht immer reagierten die (Wieder-) Eingetretenen darauf. Von Enttäuschungen wurde dort erzählt, wo eine Reaktion von Kirche ausblieb, diese den Wiedereintritt also eher als Verwaltungsakt abhandelt.

    Unverbindliche Annäherung und kirchliche Vereinnahmung. Für einige der interviewten Personen war die Möglichkeit einer unverbindlichen Annäherung wichtig, ohne gleich von Seiten der Gemeinde vereinnahmt zu werden. So berichtete ein Interviewpartner, dass er unmittelbar nach dem Gottesdienst, in dem sein Wiedereintritt bekannt gegeben wurde, vom Kirchenvorstand auf eine ehrenamtliche Mitarbeit angesprochen wurde. Auch das umfangreiche Informationspaket der Gemeinde, dass er am nächsten Tag in seinem Briefkasten fand, trug er seinem Bericht nach erheblich mit zu dem Gefühl bei, „überrumpelt“ zu werden. Dabei ging es ihm, so der Gesprächspartner, zunächst darum, erst einmal wieder einzutreten - und dann für sich die Angebote der Gemeinde vor Ort zu sondieren.

    Eine andere interviewte Person erzählt davon, dass der Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst für sie eine gute Möglichkeit war, langsam und unverbindlich Kontakt aufzunehmen. 

     

    6. Exemplarische Impulse für die Weiterarbeit

    Die im EKD-Text 107 veröffentlichte Studie gibt zehn Impulse für die Weiterarbeit in der Praxis, von denen hier exemplarisch drei wiedergegeben werden sollen:

    • „In keinem Interview werden besondere missionarische Veranstaltungen als relevant im Zusammenhang mit dem (Wieder-)Eintritt explizit erwähnt. Zwar wird mehr öffentliche, „werbende“ Präsenz von Kirche, gerade in den Medien, erwartet – diese wird aber im Blick auf den eigenen (Wieder-)Eintritt zumindest nicht benannt. Das wirft die Frage nach der Reichweite einzelner, öffentlicher Kampagnen zur Mitgliedergewinnung auf. Relevanter erscheint im Licht der Interviews eine grundsätzliche missionarische Ausrichtung aller kirchlichen Arbeit im Sinn einer Kultur der Ansprache, Einladung und Begegnung.“ [4]
    • „Niederschwellige Anlässe wie etwa ein Literaturkreis, Kirchenkaffee oder Ähnliches sind eine unverbindliche Möglichkeit, sich zu informieren und dem Thema Kirche und Glaube (wieder) anzunähern. Hier liegt ein Entwicklungspotential für eine missionarische Ausrichtung von Gemeindearbeit - vor allem bei „klassischen“ Gemeindekonzepten mit einem kerngemeindlichen „inner circle“ in fest abgesteckten Gruppen und Kreisen. Eine wichtige Rolle könnte dabei eine stärker projektbezogene kirchliche Arbeit spielen.“ [5]
    •  „(Wieder-)Eintritt erfordert (je nach Logik der Eintretenden) eine individuell angemessene und ansprechende Inszenierung: in Form eines Gottesdienstes in der Osternacht oder eines Segensrituals im geschützten Raum der Wiedereintrittsstelle. Wie kann erreicht werden, dass Kirche ihre Stärke Ritualkompetenz mehr nutzt – und vermieden werden, dass der (Wieder-)Eintritt im Alltag als ein administrativer Akt unter vielen untergeht? Was können solche Inszenierungen zugleich zur Stärkung des (Wieder-)Eintrittes insgesamt beitragen, indem sie von den Personen als weitererzählenswert erfahren werden?“ [6]

     

    Erstveröffentlichung

    Landeskirchenamt der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck und Ev. Akademie Hofgeismar (Hgg.): Kircheneintritt, Eine Handreichung rund um das Thema Mitgliedergewinnung, Kassel 2011, S. 22-32.

     

    Fußnoten

    [1] Mecklenburg, Kirchenprovinz Sachsen, Thüringen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Nassau, Kurhessen-Waldeck, Rheinland, Westfalen, Hannover, Bremen.

    [2] Beispiele zitiert nach: Jungbluth, Rüdiger H. Chr.: Kirchen(wieder)eintritt, Eine qualitative Studie der EKD, in: Kirchenamt der EKD (Hrsg.): Schön, dass Sie (wieder) da sind!, Eintritt und Wiedereintritt in die evangelische Kirche, EKD-Texte 107, Hannover 2009, S. 65f.

    [3] Begriff geprägt von Gerald Kretzschmar, Alltagskultur und Kirche, Beobachtungen zur sozialen Bindung in der Kirche aus biographisch-narrativer Perspektive, in: Ders., Uta Pohl-Patalong und Christoph Müller (Hg.): Kirche Macht Kultur, Gütersloh 2006, S. 179.

    [4] Jungbluth, Rüdiger H. Chr.: Kirchen(wieder)eintritt, Eine qualitative Studie der EKD, in: Kirchenamt der EKD (Hrsg.): Schön, dass Sie (wieder) da sind!, Eintritt und Wiedereintritt in die evangelische Kirche, EKD-Texte 107, Hannover 2009, S. 101.

    [5] Jungbluth, Rüdiger H. Chr., ebd., S. 101.

    [6] Jungbluth, Rüdiger H. Chr., ebd., S. 102.

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