Männer in der Kirche

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created at: 2011-09-09
Last major update at: 2011-10-27
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Männer in der Kirche - besondere Anforderungen?

Männer in der Kirche

In Deutschland leben aktuell ca. 82 Millionen Menschen. Der Frauenanteil liegt in der Gesamtbevölkerung bei  51%. Von allen Bundesbürgern  sind 24,2 Millionen Mitglieder der Evangelischen Kirche. Davon machen Männer in der Evangelischen Kirche in Deutschland ca. 45% der Mitgliedschaft aus im Vergleich zu den 55% der Frauen. Es gibt also ca. 2,5 Millionen weniger männliche Mitglieder der Ev. Kirche als weibliche. Von allen in der Ev. Kirche ehrenamtlich Tätigen sind knapp 30% Männer. Sie stellen zudem insgesamt 25% der Beschäftigten im Kirchlichen Dienst, davon allerdings 66% der ordinierten Theologen. Darüber hinaus bringen sie einen Großteil der Kirchensteuereinnahmen auf.

 

Wo kommen Männer in der Kirche vor?

Männer sind in der Kirche also  noch vorrangig im Pfarramt, in Kirchenleitungen  oder in Gemeinderäten/Presbyterien aktiv. Sie leiten, führen und organisieren die kleinen und großen Angelegenheiten der Kirche –  zum Teil gemeinsam mit Frauen.  Im gemeindlichen Alltag machen sich Männer dagegen eher rar. Es gibt nur wenige klassische Angebote der Gemeinden, die sie in Anspruch nehmen. Männer engagieren sich gern, wenn sie das Gefühl haben,  gebraucht zu werden. Sie sind daher an vielen praktischen Projekten vor allem im Bereich der konkreten Hilfe für Menschen in Not beteiligt. Aber auch beim Musizieren findet man sie, in unserer Kirche klassischer Weise in den Posaunenchören und natürlich in den mehr als 3.000 Männerkreisen, die es EKD-weit gibt. Im Großen und Ganzen aber scheinen Männer doch das Gefühl zu haben, dass die Kirche eher für andere da ist:  Kinder, Jugendliche, Frauen, Alte und Gebrechliche. Sie als „autonome und leistungsfähige Normalbürger“ benötigen aus ihrer Sicht keine kirchliche „Betreuung“.

Das hat allerdings nichts mit dem hartnäckigen Klischee zu tun, Männer seien emotional unterentwickelt und fänden keinen Zugang zu ihren Innenwelten. Nach allen Erfahrungen kirchlicher Männerarbeit  empfinden Männer sehr wohl das tiefe Bedürfnis, dem Leben Sinn und Orientierung zu geben. Sie fühlen sich spirituell kompetent – doch sie legen hohen Wert darauf, ihre religiösen Erfahrungen selbst bestimmt zu gestalten und ihnen ihre eigene männliche Stimme zu geben.

In der Erwartung vieler Männer an den Sinn des Lebens  spielen die Leitmotive „Kampf“, „Abenteuer“ und Schaffenskraft“ eine große Rolle. Darin spiegelt sich ihre männliche
Wertvorstellung wieder. Letztlich ist unser Leben doch ein Kampf – das muss eben nicht immer negativ gesehen werden. In dieser Wertehaltung besteht der Sinn gerade darin, irgendwie klarzukommen, das zu leben, was wir uns vorgestellt haben. Für Männer ist es sehr wichtig, diesen Bereich des Lebens selbst bestimmt und eigentlich auch erfolgreich zu gestalten: Da bin ich als Mann gefragt!


(Warum) Sind Männer kirchenkritisch?

Wenn auch viele Männer der Institution Kirche kritisch-distanziert gegenüberstehen und ihr nicht zutrauen, ihrem Bedürfnis nach Selbstbestimmung ausreichend Raum zu geben, haben sie sich von ihrer „Mutter Kirche“ längst nicht verabschiedet. In den vergangenen zehn Jahren ist eine emotionale Annäherung vieler Männer an die Kirche wieder gewachsen.

Allerdings suchen Männer Anlässe der Gemeinschaft, die ganz konkret ihren Lebensgefühlen entsprechen. Auf dem Pilgerweg, bei stillen Tagen im Kloster, auf Visionssuche, in der Einsamkeit der Natur  oder meditativen Wanderungen machen sie spirituelle Erfahrungen, die sie ernst genommen,  die sie nicht der dogmatischen Überprüfung unterzogen wissen wollen. Sie haben Fragen, auf die sie aber keine einfachen
Antworten wollen. Sondern sie suchen in Gesprächen nach Annäherungen an solche
Antworten, die ihren Erfahrungen entsprechen. Daher müssen die Lebenssituationen der Männer und die Gesprächsangebote der Kirche zu einander passen (Tillich: korrelieren). Sie müssen sich auf Augenhöhe begegnen.

Als Kirche, ob Gemeinde, Landeskirche, Werk oder Projekt, müssen wir darauf reagieren, indem wir auch bereit sind, uns in unseren Formen zu verändern und zu erweitern: Kommunikationsstrukturen, Gesellungsformen, Sprachmuster und thematische Schwerpunkte, die das Leben einer Gemeinde prägen, stehen gleichermaßen auf dem Prüfstand, wen sie erreichen und wen sie außen vor lassen. Es liegt in unserer Verantwortung als Kirche, Räume zu schaffen, in denen Männer und Frauen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher religiöser Sozialisation emotionale und spirituelle Heimat wie Teilhabe finden.


BEST PRACTICE: Evangelische Männerarbeit

Die Perspektive verstärkt auf die Bedürfnisse von Männern zu richten, sie im Blick zu haben und sich nicht mit ihrer heimlichen Flucht aus der Kirche abzufinden, ist keine Aufgabe die allein an eine kleine Gruppe von hauptamtlichen Spezialisten delegiert werden kann. Das ist eine gesamtkirchliche Gemeinschaftsaufgabe. Das Signal „Wir wollen Euch so wie ihr seid!“ muss von den Gemeinden deutlich vernehmbar an ihre Männer ausgesendet
werden.

Die Männerarbeit der EKD und ihrer Gliedkirchen möchte sie dabei unterstützen. Sie kann auf eine 65jährige Erfahrung in der Seelsorge, der Bildung und der politischen Interessenvertretung für Männer zurückgreifen und hat  Modelle für die Arbeit mit Männern
in der Kirche entwickelt und vielfach erprobt. 

Männer in ihrer jeweiligen Lebenssituation abzuholen ist dabei ein wichtiges Grundprinzip. Die persönliche Entwicklung  der Identität vollzieht sich ja nicht geradlinig, sondern sie ist geprägt durch den Lebensverlauf. Unterschiedliche Lebenssituationen bringen unterschiedliche Fragen, Bedürfnisse und Hoffnungen hervor. An den Bruchstellen, an den Weggabelungen männlichen Lebens gilt es daher anzusetzen.

  

Väter

Nicht von ungefähr gibt es wohl auch keinen Bereich der kirchlichen Männerarbeit, der sich eines so großen Zuspruches erfreut, wie die Arbeit mit Vätern und Kindern. Ob spezielle Freizeitangebote wie Kanu- oder Segeltouren, ob spezielle Events wie Festivals oder handwerkliche Kurse, ob Abenteuer- oder Übernachtungsaktionen in der Kita – diese Angebote werden in Gemeinden, auf Kirchenkreis- oder Landeskirchenebene gerade von der Gruppe Männer angenommen, die wir als Kirche sonst eher selten erreichen, nämlich von den 25-35 Jährigen, die über ihre Kinder wieder in Kontakt zu ihrer Kirche treten! Und dabei sind sie nicht nur für die Freizeitgestaltung mit den Kindern zu gewinnen, sondern auch für Gespräche über ihr Vatersein, über die Schwierigkeiten der Kindererziehung und
schließlich auch für Fragen des Glaubens und seiner Vermittlung an die Kinder.

 

Ältere Männer

Am anderen Ende der Skala des Lebensalters finden wir sicherlich einen Großteil der Männergruppen, die sich in vielen Kirchengemeinden zusammenfinden. In ihnen vollzieht sich zum Teil klassische kirchliche Bildungsarbeit mit Vorträgen, Diskussionen und Bibelarbeiten zu unterschiedlichen politischen, kulturellen oder theologischen Themen. Lange Zeit ist von der Prognose ausgegangen worden, dass sich diese Gruppen aus
Altersgründen in naher Zukunft überleben würden. Diese Prognose war falsch, solche Gruppen generieren sich immer wieder neu, auch wenn sich Anlässe und Themen möglicherweise langsam verändern.

 

„Experten“ im UnRuhestand

Eine weitere spezielle Lebenssituation, in der Männer Orientierung und Gemeinschaft suchen, ist der entweder unmittelbar bevorstehende oder gerade vollzogene Übergang in den beruflichen Ruhestand. Viele Gruppen entstehen, weil sich Männer über diese Situation austauschen wollen und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, sich mit ihren beruflichen Kompetenzen einzubringen und nützlich zu machen. Dieses Schatzes sollten sich die Gemeinden  bewusst sein und ihrerseits Kreativität entwickeln, wofür  sie solche Männer
gewinnen wollen. Der Seniorenclub ist dazu gewiss nicht der Weisheit letzter Schluss. Vielleicht dann doch eher gemeindliche Bau- oder Gartenprojekte, humanitäre Hilfsaktionen, ökonomische und technologische Expertise, Patenschaften für Jugendliche der Gemeinde oder Besuchs-, Hospiz oder Pflegedienste.

 

Männer in den "besten" Jahren

Und der Mann in der Mitte des Lebens? Mit seiner Vitalität aber auch seinen Zweifeln …

Er will etwas tun, er will unterwegs sein, den Erfahrungshorizont erweitern (- was er im Übrigen mit den meisten Frauen seines Alters heute zunehmend gemein hat). Wir treffen ihn in den vielen Outdoor- und Kreativprojekten, die die Kollegen der Männerarbeit vor Ort zunehmend entwickeln. In dieses Segment kirchlicher Arbeit mit Männern gehören neben den oben beschriebenen spirituellen Erfahrungsräumen sowohl sportliche Angebote wie
Bogenschießen oder Schwertkampf als auch Kochrunden, gemeinsame Frühstücke oder
Vespern. Entscheidend für all das ist die Korrelation zwischen Ort, Form und Sprache der Angebote auf der einen und dem alltäglichen Erfahrungshorizont der Männer auf der anderen Seite. Das bedeutet auch, Seelsorgenetzwerke bereit zu halten, die Unterstützung, Kraftschöpfen und Ermutigung in speziellen Krisensituationen  (Burn out, Trennungen, Sorgerechtsstreit, Herzinfarkt, Arbeitslosigkeit etc.) ermöglichen.

 

Und wann kommen die Männer in den Gottesdienst?

All diese Arbeitsformen richten sich mit einer besonderen Perspektive auf die Relevanz ihrer Sinnstiftung für Männer. Sie verstehen sich keineswegs als Konkurrenz zu kommerziellen Freizeit- oder Wellness-Angeboten: Aber sie bieten Wellness für die Seele. 

Männer suchen Anlässe der Gemeinschaft, die ganz konkret mit ihrer Lebenssituation zu tun haben. Dies gilt auch für die Kerngemeinde und ihren Sonntagsgottesdienst. Gottesdienstliche Feiern, in denen Männer in der Gemeinde mit ihren spirituellen Bedürfnissen und Erfahrungen im Vordergrund stehen und sie als  Akteure und Gestalter
ansprechen, sollten zum Standard des gemeindlichen spirituellen Lebens werden, egal ob bei einer Pfarrerin oder einem Pfarrer. Allerdings setzt dies eine hohe Sensibilität der Pfarrerinnen und Pfarrer  für ihre eigene geschlechtliche Identität voraus. Seit über zwanzig Jahren entwickelt die Männerarbeit der EKD ein Werkheft zum Männersonntag (3. Sonntag im Oktober), in dem die Männer in der Gemeinde zur Gestaltung eines Gottesdienstes zum Jahresthema ermutigt werden und ihnen das entsprechende, im Vorfeld mit Männern aus den Landeskirchen entwickelte, Material zur Verfügung gestellt wird. Die Zahl solcher Männergottesdienste wächst stetig.

Wo Männer einen aktiven Part in der Gemeinde für sich finden, der ihre Erfahrungen ernst nimmt und ihre Kompetenzen anerkennt, treten Männer in einen Dialog mit ihrer Kirche auf Augenhöhe ein und fühlen sich in ihr zu Hause.

 

Weiterlesen

http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2011/die-maenner-und-die-gretchenfrage-11219

Nordelbische Stimmen, "Was Männern Sinn gibt", 11 / 2006: nest@nordelbische.de

Martin Engelbrecht, Martin Rosowski, Was Männern Sinn gibt. Leben zwischen Welt und Gegenwelt. Mit einem Geleitwort von Christoph Bochinger und einem theologischen Ausblick von Paul M. Zulehner, Stuttgart 2007 (Kohlhammer)

 

Links

Männergottesdienste

http://www.geistreich.de/articles/259

Frauen in der Kirche

http://www.geistreich.de/articles/324

 

Geschlechterbewusste Arbeit in der Kirche

http://www.geistreich.de/articles/327

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