Pilgern und Pilgerwege

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erstellt am: 26.01.2012
Letzte größere Änderung: 02.03.2012
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Samstagspilgern

Definition

Pilgern und Pilgerwege - eine ganzheitliche Form der Frömmigkeit

Die neue Lust am Pilgern – Protestantische Reflexionen

Von Klaus Nagorni

 

Hinführung

Pilgern ist angesagt. Nicht nur – und nicht einmal überwiegend – in kirchlichen Kontexten taucht Pilgern seit längerer Zeit als attraktives Thema auf, das Junge wie Alte buchstäblich auf die Beine bringt. Der Büchermarkt produziert eine Fülle von Handreichungen und Erfahrungsberichten von und über Pilgerreisen. Touristikfachleute und Wirtschaftministerien bemühen sich um den Ausbau von alten und die Entwicklungen von neuen Pilgerwegen. Evangelische Landeskirchen und katholische Diözesen setzen das Thema auf ihre Agenda und suchen den Kontakt zu Tourismus- und Wanderverbänden.

 

Reflexion

Eine alte Tradition erlebt ihre Renaissance. Es ist durchaus von einer gewissen Logik, dass nach der Thematisierung von „heiligen Zeiten“ – wie in der Debatte um den Sonntagschutz – und „heiligen Orten“ – wie in der Konzipierung einer Kirchenraumpädagogik – auch die „heiligen Wege“ ins Zentrum des Interesses rücken.

Dazu zehn Thesen:

  1. Hinter der heutigen Pilgerpraxis steht der Wunsch nach körperlicher und spiritueller Erfahrung in einer zunehmend abstrakter werdenden Lebenswelt. Eine breite Literatur wendet sich dem Phänomen des Pilgern aus unterschiedlichen Perspektiven zu: kirchenhistorisch, kulturgeschichtlich, religionssoziologisch, meditativ-erbaulich, touristisch. Dabei wird auch deutlich, wie leicht Pilgern zur Projektionsfläche unterschiedlichster Bedürfnisse und Erwartungen wird.
  2. Ähnlich wie bei der Frage, ob es im Protestantismus heilige Orte und heilige Zeiten gibt, geht es beim Thema Pilgern um die Frage: Gibt es im Protestantismus heilige Wege?
    Die Anknüpfungspunkte für ein zeitgemäßes protestantisches Verständnis vom Pilgern können nicht in der mittelalterlichen Pilgerpraxis liegen, sondern sind biblisch-christologisch und reformatorisch zu begründen.
  3. Dem Gottesdienst im Alltag der Welt entspricht protestantischerseits eine Pilgerfrömmigkeit, die nicht festgelegt ist auf bestimmte Pilgerrouten, sondern die Gott auf allen Wegen finden kann. Damit verträgt sich durchaus der Gedanke, dass es historisch und spirituell besonders erprobte Wege gibt. Um Pilgern qualifiziert theologisch begreifen und gestalten zu können, ist der ritual-theoretische Ansatz hilfreich: Pilgern als Kasualie.
  4. Pilgern ist analogiefähig. Im Blick auf den Pilgerweg wird der eigene Lebensweg durchsichtig. Es sind zu unterscheiden: die große Reise – „mein Leben ist ein Wandern“ zur großen Ewigkeit – und die vielen kleinen Reisen, in denen sich einüben lässt, was ich brauche, um die große Reise bestehen zu können. Ein bislang nicht gehobener Schatz sind die Pilger- und Weglieder des Evangelischen Kirchengesangbuches!
  5. Pilgern vermittelt Glaubenserfahrungen über Begegnungen: mit anderen Menschen, mit der Natur, mit sich selbst, mit Gott. Es hat teil an den Chancen wie an den Grenzen einer Theologie der Erfahrung. Es erdet den Glauben und führt über alles Irdische hinaus.
  6. Pilgern verhilft einerseits zu einer Form präsentischer Existenz: „Sorget nicht um den morgigen Tag.“ Pilgern setzt andererseits das befristete menschliche Leben in ein Verhältnis zur Ewigkeit[1]. Pilgern erprobt so das Gastsein auf Erden[2] und sensibilisiert für andere Menschen, die auch auf dem Weg zu Gott sind.
  7. Pilgern als ökumenische Aktivität verbindet die Konfessionen. In protestantischem Verständnis folgt es nicht mehr der Absicht, ein frommes Werk zu vollbringen, um so dem Heiligen näher zu kommen. Es ist Ausdruck der Zweckfreiheit, einer Dialektik von Absichtslosigkeit und Zielgerichtetheit („Und nichts zu finden, das war mein Sinn“).
  8. Verschiedene Versuche, die „Reinheit“ des Pilgers von touristischer Vermarktung abzuheben, sind verständlich, aber haben schon im Mittelalter zu nichts geführt. Pilgern war immer eine komplexe Form religiöser Praxis, die ambivalent und somit hinterfragbar war. Der touristische Anknüpfungspunkt sollte heute nicht von vorne herein zurückgewiesen, sondern auf seine Chancen befragt werden[3].
  9. Nicht zu unterschätzen ist in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, dass Pilgern unter ökonomischen Gesichtspunkten billiger ist als andere touristische Reiseformen. Es vermittelt so gut wie gratis den Austritt aus dem Alltag und den Eintritt in ein geistliches Lebensmuster. „Man muss wie Pilger wandeln/frei, bloß und wahrlich leer/viel sammeln, halten, handeln/macht unseren Gang nur schwer“[4].
  10. Pilgern löst nicht nur Probleme, es kann auch – wie jede Reise – in neue Krisenerfahrungen hineinführen. Es verschafft Distanz zum Alltag und eine neue Sichtweise auf die alltägliche Routine: „und sieh ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“ (Ps 139,24)

 

Pilgern und Spiritualität

Der gegenwärtige Pilger-Boom belebt einen alten Gedanken neu: Dass Wandeln und Wandlung zusammengehören. Wer auf Pilgerwegen wandelt, darf die begründete Hoffnung haben, dass sich auch nach innen etwas verwandelt. In dem Wort Lebenswandel sind diese beiden zusammengehörigen Seiten spiritueller Praxis noch zu erkennen.

Gegen die römisch-katholische Ablasspredigt behauptete einst Martin Luther, dass das ganze Leben eine Umkehr sei. Pilgern ist eine Möglichkeit, diesem Gedanken konkrete Gestalt zu verleihen. Pilgernd wird der Zusammenhang von Wandel und Wandlung – gut evangelisch – am eigenen Leibe erfahrbar.

Das Verhältnis von einer Pilgerreise auf einem konkreten Pilgerweg nach Santiago, Rom oder Jerusalem und dem Verständnis des ganzen Lebens als einer Pilgerreise ist dabei spannungsreich und dialektisch zu begreifen. Das Eine vermag das Andere durchsichtig zu machen. Das Pilgern auf den Wegen des irdischen Lebens kann zur Einübung werden für das „Wandern zur großen Ewigkeit“. Umgekehrt leuchtet das himmlische Ziel dem irdischen Wanderer als Orientierungsmarke in der Gegenwart auf.

Dieses Ziel erinnert Menschen daran, seien sie nun auf den alltäglichen oder außeralltäglichen Wegen und Pilgerwegen unterwegs, dass ein Mensch und Christ hier keine bleibende Stadt hat, sondern die zukünftige sucht (Hebr 13,14). Denn schließlich ist das ganze Leben eine Reise.[5]

 

Quelle und Fußnoten

(Kurzfassung des Artikels „Die neue Lust am Pilgern. Protestantische Reflexionen zu einem Trend zwischen Sakralität und Profanität“ aus Dokumente zum Kirchlichen Zeitgeschehen. Kirchliches Jahrbuch 2007, Seiten 147-163, von Klaus Nagorni).

 

  • [1]   Gerhard Tersteegen: „Mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit“, EG 481.
  • [2]   Paul Gerhardt: „Ich bin ein Gast auf Erden“, EG 529.
  • [3]   Vgl. das beispielhafte Kooperationsprojekt „Heilige Orte, sakrale Räume, Pilgerwege. Möglichkeiten und Grenzen des spirituellen Tourismus“, Hrsg. Ministerium für Wirtschaft und Arbeit in Sachsen-Anhalt, 2006.
  • [4]   Gerhard Tersteegen, EG 393,4.
  • [5]   Siehe dazu: Das Leben ist eine Reise. Kirche und Tourismus: Impulse – Modelle – Bausteine. Hg.: Evangelischer Arbeitskreis Freizeit–Erholung–Tourismus in der EKD, Hannover 2004.

 

 

Service

   

Weitere Literatur

2013 Kleiner Pilgerkalender für Norddeutschland

http://gemeindedienst.nordkirche.de/nachrichten/one.news/index.html?entry=page.news.kd.1126000130.e

  • Hans Ruh / Klaus Nagorni (Hg.), Pilgerwege. Zur Geschichte und Spiritualität des Reisens, Herrenalber Forum 34, 2003.
  • Pilgerpastor Bernd Lohse, Rauswege. Pilgern im Stadtpark.
    Neu: Der Hamburger Stadtpark-Pilgerweg
  • Pilgerpastor Bernd Lohse, Der Olavsweg: Pilgerführer von Hamar nach Trondheim (Juni 2013)
  • Ulrike Dorner, Bernd Lohse, Ulrich Schmidt und Michael Stahl, Auf und werde: Der geistliche Begleiter für Pilgerwege, Lutherische V.-G., 2009.
  • Franz Alt, Bernd Lohse und Helfried Weyer, Aufbruch zur Achtsamkeit: Wie Pilgern unser Leben verändert, Kreuz Verlag 2013.
  • Pilgerpastor Bernd Lohse, Familienbande: PilgerKrimi

    

   

Pilgerwege

Die Pilgerwege in Deutschland sind zahllos. Siehe auch unten unter Internetlinks.

Psalmenwege. Dekanat Kronsberg, Ev. Kirche Hessen-Nassau. www.psalmenwege.de

Mönchsweg. Schleswig-Holstein (und Dänemark). www.moenchsweg.de

Pilgerweg Mecklenburgische Seenplatte. www.Pilgerweg-Mecklenburgische-Seenplatte.de

Pilgerweg Loccum-Volkenroda. www.loccum-volkenroda.de

Elisabethpfad. www.elisabethpfad.de

    

   

Internetlinks

Allgemein

http://www.pilger-weg.de

www.pilgern.de

im Norden

www.pilgern-im-norden.de

www.pilgern-hamburg.de

in Bayern

www.pilgern-bayern.de

im Rheinland

http://www.evangelisch-pilgern.de

Im Kirchenshop

http://www.kirchenshop-online.de/themenbereiche/pilgern.html

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