Politisches Engagement der Kirche

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ein Geistreich-Mitglied
erstellt am: 05.06.2012
Letzte größere Änderung: 08.08.2013
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Inhaltsverzeichnis
Gemeinwesen, Frieden, Gerechtigkeit, Schöpfung
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Politisch predigen

Definition

Politisches Engagement der Kirche

Hinführung

„Reformation und Politik“ unter dieser Überschrift steht das Reformationsdekadejahr 2014. Sich unter dem Aspekt der Politik mit der Reformation und dem Reformationsjubiläum auseinanderzusetzen, öffnet eine Bandbreite von Themen: Theologisch fallen die Aussagen der Reformatoren lutherischer und reformierter Provenienz zur Verhältnisbestimmung von Kirche und Politik ins Auge. Geschichtlich kann auf die Verknüpfung der reformatorischen Bewegung mit dem politischen Rahmen der damaligen Zeit geschaut und wirkungsgeschichtlich die Nähe von Obrigkeit und Protestantismus betrachtet werden. Unter aktuellen Aspekten ist der Einfluss der Reformation auf das demokratische System, in dem wir leben, und die Menschenrechte von Interesse.

Grundsätzlich steht die Frage im Raum, wie wir als Christinnen und Christen in der Welt leben, die Politik prägen und unsere Mitbestimmungsmöglichkeiten und -rechte als Bürgerinnen und Bürger und als Kirche(n) wahrnehmen: Welche Vorstellungen gemeinsamen Lebens leiten uns als protestantische Christinnen und Christen in Kirche und Gesellschaft? Erwächst aus unserem Glauben ein Auftrag unseren, Lebensraum zu gestalten? Wo übernimmt Kirche soziale und politische Verantwortung? An welchen Stellen tragen wir politische Entscheidungen mit und wo sind wir aufgerufen, Widerstand zu leisten? Für wen setzen wir uns als Einzelne und als Gemeinschaft der Glaubenden ein? Und nicht zuletzt: Wie begründen wir unser politisches Engagement?

 

Politik – Was ist das?

Wovon sprechen wir eigentlich, wenn von Politik die Rede ist. Was so eindeutig klingt, ist doch vielschichtig. In der englischen Sprache und in den Politikwissenschaften wird zwischen drei Politikbegriffen unterschieden: policy, politics und polity. Die inhaltliche, normative Dimension von Politik wird mit dem Begriff policy umschrieben. Damit rücken die Werte und Vorstellungen, die das politische Handeln bestimmen, in den Vordergrund. Die dabei ablaufenden politischen Willensbildungs- und Interessenvermittlungsprozesse, die unter dem Begriff politics in den Blick geraten, prägen die möglichen Ergebnisse der policy maßgeblich. In diesen politics-Prozessen ringen verschiedenen Gruppen und Personen um Macht und Einfluss, die für die Umsetzung der Inhalte nötig sind. Zu beachten ist, dass sich diese beiden Dimensionen von Politik immer innerhalb eines bestimmten Handlungsrahmens vollziehen, der unter dem Begriff „polity“ betrachtet wird. Die Verfassung und die verfassungsrechtlichen Institutionen, wie z. B. das Parlament und die Justiz, stehen im Fokus der Aufmerksamkeit.

 

Wenn wir diesen differenzierten Politikbegriff aufgreifen, verstehen wir heutzutage unter „Politik“ mehr als das, was zur Reformationszeit mit dem Begriff der „Obrigkeit“ bezeichnet wurde. Mit diesem Zugang zur Politik ist ein weites Feld eröffnet, auf dem den Wechselwirkungen von Reformation und Politik bzw. von Kirche und Politik nachgegangen werden kann.

Aus unserer Perspektive fällt die Verhältnisbestimmung von Staat und Kirche unter die Dimension der polity. Im Bereich der politics wird die Beteiligung der Kirche als gesellschaftlicher Akteurin oder als rechtlich fixierter Gesprächspartnerin im Willensbildungsprozess thematisiert. Die Positionen, die Kirche vertritt, sind Teil der policy.

Je nach Kontext ist das, was schon politisch ist, unterschiedlich. Schon allein durch unsere immer vorhandene Verortung als reformatorische Kirchen und als protestantische Christinnen und Christen innerhalb der Gesellschaft und innerhalb des politischen Systems sind wir politisch, mit mehr oder weniger großem Einfluss.

 

Kirche in der Politik

Die evangelische Kirche ist eine politische Akteurin im demokratischen System in Deutschland. Mit ihrem Mehrebenensystem (EKD, Landeskirche, Kirchenkreise und Kirchengemeinden) ist sie auf den unterschiedlichen Ebenen des politischen Systems präsent, sei es in der Bundes- oder Landespolitik oder im kommunalen und lokalen Bereich. Ihrem Selbstverständnis nach versucht sie Menschen und Personengruppen eine Stimme zu verleihen, die selbst nicht die Möglichkeit haben im politischen Chor Gehör zu finden. Sie mischt durch ihre Verlautbarungen (Denkschriften, Beschlüsse etc.) und Angebote (Bildungsangebote, diakonische Aktionen etc.) im gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess mit und nimmt ihre Funktionen in politischen Entscheidungsprozessen (z. B. im Rundfunkrat, in Ethikkommissionen und in kommunalen Ausschüssen) wahr.

Doch auch durch ihre Mitglieder, die als Christinnen und Christen in der Politik aktiv sind, wird das protestantische Erbe in der Politik hochgehalten.

 

Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung

Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das zivilgesellschaftliche Engagement der Kirchen insbesondere mit drei Begriffen verbunden: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Diese drei biblischen Begriffe bilden einen Gegenentwurf zu den Missständen der Zeit. Sie können als inhaltlich politisches Programm des politischen Engagements von Kirche aufgefasst werden (policy).

Nicht vom gerechten Krieg wird geredet, sondern von der Ermöglichung eines gerechten Friedens. Die Vorstellung von Gerechtigkeit wird in ihren vielfältigen Dimensionen ausgelotet vor Ort und im globalen Kontext. Dem Umgang mit den natürlichen Ressourcen und der Gefährdung der Lebensgrundlagen wird mit einer Besinnung auf die Schöpfung und deren Bewahrung entgegengetreten. In diesem sogenannten Konziliaren Prozess tritt die ökumenische Dimension der Kirche ins breite Bewusstsein.

 

Politisches Engagement

Auf unterschiedliche Weise engagiert sich Kirche politisch: In konkreten Aktionen und in thematischen Gottesdiensten, in Gedenkveranstaltungen und in Zukunfts-Kongressen, im Management und in Jugendbegegnungen, auf lokaler Ebene und in internationalen Partnerschaften. Die Buntheit und Vielfalt zeigt sich in den hier vorgestellten Projekten, die das eigene politische Handeln als Christin und Christ, als Gemeinde, Kirchenkreis oder Landeskirche, als ökumenische Gruppe inspirieren und zum eigenen politischen Statement animieren.

Quelle

Anne Heckel

Referentin der Institutsleitung

Institut für Kirche und Gesellschaft

der Evangelischen Kirche von Westfalen

Iserlohner Str. 25

58239 Schwerte

http://www.kircheundgesellschaft.de

    

Sonstiges

  • Die Kirche ist nicht politisch - Die Kirche ist nicht parteipolitisch?
  • Die primäre Aufgabe der Kirche ist nicht die Veränderung der Welt - aber wenn die Kirche ihre Aufgabe wahrnimmt, verändert sie Welt.

  

Verweise

Zum Themenjahr 2014: politische und gesellschaftliche Projekte:

http://www.geistreich.de/FokusThemenjahr2014

http://www.geistreich.de/FokusPolitik

  

Das Thema Armut:

http://www.geistreich.de/FokusArmutBeenden

  

Siehe die Praxisbeispiele unten.

Praxisbeispiele

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