Kloster im Gefängnis

Autor/innen
ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 13.06.2012
Letzte größere Änderung: 13.06.2012
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Gebet und Stille, Sonderseelsorge , Frauen
Gemeinden/Institutionen
Evangelische Gefängnisgemeinde Gotteszell
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: eine Woche
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JVA Schwäbisch Gmünd

Kurzbeschreibung

Insassinnen einer Justizvollzugsanstalt bekommen in einer Meditationswoche die Gelegenheit, neue Erfahrungen mit sich und mit Gott zu machen. Ein Angebot für Frauen.

Situation / Kontext

Entstanden ist die Idee vor vier Jahren im Zusammenhang neuer Ansätze von „restorative justice“ im Strafvollzug. Diese auf Versöhnung mit der Gesellschaft und auf die wieder herzustellende Gerechtigkeit ausgerichtete Konzeption wird in verschiedenen Bundesländern von der Gefängnisseelsorge mit unterschiedlichen Angeboten aufgegriffen.

Ziele

Meditation und Schweigewochen sind dabei auch als Übungsangebot zur Persönlichkeitsentwicklung im Strafvollzug zu sehen. Ein Angebot für Frauen.

Reflexion / Hintergrund

Was für Gefängnisinsassen insbesondere gilt, wirft auch eine allgemeine Frage auf:
Wie können Menschen Freiheit gewinnen angesichts von Fremdbestimmung und Angst?

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

Das Modell "Kloster im Gefängnis" wird in Schweden schon lange praktiziert.

Vorbereitung

Die Teilnehmerinnen (bisher waren es zwischen 11 und 13) sind für diese Woche von der Arbeit freigestellt und ziehen – wenn möglich – auf eine dafür vorgesehene Abteilung um. Ab diesem Jahr wird eine Abteilung mit vorerst sieben Zellen mit Holzbetten und neu gestrichenen Möbeln dafür bereit stehen. Sie verzichten in dieser Woche bewusst auf Fernseher und Radio und auf Telefonate nach draußen. Sie bekommen ein Tagebuch gestellt.

Durchführung

Die Klosterwoche ist gestaltet ist gestaltet in Form von Einkehrtagen, wie sie in ähnlicher Form auch in Klöstern angeboten wird. Prägend für die Form sind drei volle Schweigetage und ein klar strukturierter Tagesablauf von 7 Uhr morgens bis 21 Uhr abends. Er kennzeichnet sich durch mehrfaches Sitzen in der Stille in Form von Meditation, drei Tagzeitengebete in der Kirche, Arbeitszeit im Schweigen, Gehen im Freien im Schweigen und einer Ausdrucksmethode für Leib und Seele, dem „Initiatischen Gebärdenspiel“. Einzelgespräche von ca. 10 Minuten mit den Leitenden sind für jede Teilnehmerin täglich verpflichtend eingeplant. Jede Woche steht unter einem biblischen Thema, das in verschiedenen Impulsen und durch Beiträge in den Abendandachten aus verschiedenen Klöstern, die die Klosterwoche auch in der Fürbitte unterstützen, entfaltet wird. Der ökumenische Charakter von „Kloster im Gefängnis“ war bisher durch die Begleitung der Franziskanerinnen in Schwäbisch Gmünd gegeben.

Die Themen im Überblick:

  • 2009:    „Weg durch die Wüste“ - Moses Begegnung mit Gott (Exodus 3, 1-14).
  • 2010:    „Du führst mich in die Weite“ - Das Gebet des Jabez (1. Chronik 4, 9+10).
  • 2011:    „Heilung und Umkehr zum Leben“ - Maria Magdalena als Glaubensschwester.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

In Schwäbisch Gmünd, wie auch in der Sozialtherapie für Männer auf dem Hohenasperg, wo Einkehrtage für inhaftierte Männer angeboten werden, kann die Erfahrung in einer wöchentlichen Meditationsgruppe fortgeführt werden. Und natürlich in den Gesprächen mit den Seelsorgerinnen.

Wirkung / Erfahrung

Einige der Teilnehmerinnen, von denen die Mehrheit wegen eines Tötungsdeliktes langjährige Haftstrafen verbüßt, nehmen nun schon zum vierten Mal teil. Sie sehen die Woche als eine Vertiefung ihrer Erfahrung mit dem Schweigen an. Im Schweigen würde sehr viel an emotionaler Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Leben und auch der Tat möglich, als im Haftalltag, so stellen sie fest. Bereits nach einem Tag trete die Realität „Gefängnis“, die sehr viele hässliche Seiten hat, deutlich in den Hintergrund. Die Stille sei Herausforderung, aber auch Chance, zu sich zu kommen. Und in diesem „zu-sich-kommen“, das oft sehr unbequem sei, Gott neu zu begegnen. So sagte eine Teilnehmerin nach der letztjährigen Klosterwoche: „Immer, wenn ich mich mit meiner Tat konfrontiert sah, bin ich in ein tiefes schwarzes Loch gefallen. Lange dachte ich, ich überlebe das nicht. Doch in der Klosterwoche konnte ich spüren, dass ich getragen bin. Das geschah in der Stille, da war etwas tröstliches da. Und die Gruppe hat mich auch mitgetragen. Das hätte ich nie gedacht. Das war unheimlich schön. Allein, dass ich das durchgehalten habe, gibt mir ein großes Vertrauen. Ich glaube jetzt, dass es eine Zukunft für mich geben kann.“ Auch berichten die Teilnehmerinnen von einer größeren Gelassenheit, wenn sie wieder in den Haftalltag zurückkehren.

Aufgegriffen und weiterentwickelt

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