Geistliche Sprechstunde

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ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 22.06.2012
Letzte größere Änderung: 22.06.2012
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Gemeinwesen, Andachten, Seelsorge
Gemeinden/Institutionen
Ev. Pfarramt Laucha in Laucha An Der Unstrut
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: 2 Stunden wöchentlich
Durchführung: 2 1/2 Stunden wöchentlich
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Annäherung 2

Kurzbeschreibung

Im Pfarrbereich gibt es 14 Gemeinden, ein wöchentlicher Sonntagsgottesdienst ist darum nur in einigen Gemeinden möglich. Darum gibt es zusätzlich zu den Gottesdiensten Wochentagandachten. Zu den Andachten der Ehrenamtlichen kommt nun noch die 'geistliche Sprechstunde' mit der Pfarrerin: In einem festen Turnus (14-tägig, mind. monatlich) ist hier in jeder Kirche Zeit, zu beten, zu singen und Gottes Wort zu hören und gleichzeitig Gelegenheit, die Pfarrerin zu treffen. Dadurch ist Kirche im Ort wieder stärker präsent.

Situation / Kontext

Der (ländliche) Pfarrbereich Laucha gehört zur Region Saale-Unstrut-Finne im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz. Er ist von 11 Predigtstellen auf 14 Predigtstellen gewachsen. Dadurch standen die Gemeindekirchenräte vor der Herausforderung, das Bedürfnis nach Seelsorge, Gottesdienst und erlebbarer Gemeinde mit der Realität der abnehmenden Mobilität, der größeren Fläche und der wenigen Mitarbeiter übereinzubringen.

Ziele

Mit der geistlichen Sprechstunde gelingt es, Kirche für alle im Ort hörbar zu machen, die zuverlässige Präsenz der Hauptamtlichen zu sichern und vor allem als Gemeinde gottesdienstlich zu feiern. Das ist vor allem deshalb für die Gemeinden wichtig, als es viele Kreise und Gruppen gibt, in denen sich Ehrenamtliche (christliche und nochnichtchristliche) sehr engagieren - sie brauchen eine Gelegenheit, geistlich aufzutanken. Dass wir damit auf ein Bedürfnis treffen, ist an den Andachten erkennbar, die seitdem zusätzlich von Ehrenamtlichen in ihrem Ort gehalten werden. So verbinden wir das Ureigene, Angemessene (Andacht) mit dem Nützlichen (Präsenz).

Gottesdienst und Andacht ist für jeden wenigstens zweimal monatlich erreichbar und die Pfarrerin wird zuverlässig vor Ort erlebt und ist ansprechbar.  Nebenbei wird eine einfache Form von Andachten eingeübt, die problemlos von Ehrenamtlichen übernommen werden kann.

Reflexion / Hintergrund

Seit 13 Jahren wird im Pfarrbereich nach einem Konzept gearbeitet, das auf Offenheit für Nochnichtchristen setzt (konvivial). Dadurch sind relativ viele Kreise und Projekte entstanden, in denen Konfessionslose (Nochnichtchristen) und Christen gleichberechtigt miteinander arbeiten (partizipatorisch). Das gilt auch für den Bereich der Verkündigung. Nochnichtchristen wollen erleben, was uns trägt und wir brauchen geistliche Substanz, um uns nicht im Aktionismus zu verlieren. Wenn es aber in den kleinen Dörfern nur alle 14 Tage oder monatlich einen Gottesdienst gibt, ist geistliche Gemeinde schlecht erlebbar.

Zu diesem gemeindespezifischen Beweggrund kommt noch der Anstoß durch die demographische Entwicklung. Sie verursachte die Erweiterung des Pfarrbereiches um drei Gemeinden. Und mit ihr wird deutlich, dass die Masse der Christen auf ortsnahe Möglichkeiten des Gottesdienstes angewiesen ist. Zentralisierung von Gottesdienstorten und Rückzug aus der Fläche fällt m.E. unter das Stichwort "Zwangssäkularisierung", läßt Gemeinden im Stich und bedeutet den Verzicht darauf, allen nachzugehen und niemanden verlorenzugeben, wie es im Ordinationsvorhalt heißt.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

Die geistliche Sprechstunde braucht die Zustimmung aller Gemeinden. Sie muss so angesetzt werden, wie es für die einzelnen Orte am günstigsten ist.

Vorbereitung

Am Anfang steht die Abstimmung mit den Kirchenältesten - soll es sein, wenn ja, in welchem Rhythmus und zu welcher Zeit? Im Gemeindeblatt wird das Unternehmen "Geistliche Sprechstunde" erklärt, per Aushang wird in jedem Ort auf die geistliche Sprechstunde hingewiesen.

Durchführung

Für die geistliche Sprechstunde ist jede Woche eine Andacht zu entwickeln. Es empfiehlt sich, ein klares Formular zu haben, in dem aber auf die örtlichen Gesangvorlieben eingegangen werden kann. Im Pfarrbereich gibt es eine Form, in der Bibeltexte, kurze Reflektionen, Gebet und Lied miteinander abwechseln. Jede Andacht paßt auf ein A4-Blatt, das alle Andachtsfeiernden ausgehändigt kriegen. Analog der Egelner Gemeindeagende sind die einzelnen Stücke auf die Feiernden verteilt, sodass alle beteiligt sind. Nur vereinzelt wird der Luthertext bei Übersetzungen verwendet, gesungen wird alles - von Taizé bis zu 379. Die Liedtexte stehen meist nicht auf dem Blatt. Insgesamt dauert eine Andacht etwa 25 Minuten. Es sollte aber mehr Zeit eingeplant werden, um dem Wunsch nach Gesprächen Raum zu geben.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

Das Projekt läuft jetzt 1 1/2 Jahre, ein Ende ist nicht abzusehen. Inzwischen lagern sich in manchen Orten andere Aktivitäten an (s.u.).  In den Gemeindekirchenräten wurde mehrfach kurz über die geistliche Sprechstunde reflektiert.

Wirkung / Erfahrung

Die geistliche Sprechstunde ist natürlich in erster Linie wegen des Inhalts wirksam. Nebenbei aber steigert sie die geistliche Kompetenz und bringt die Texte der Bibel wieder ins Bewußtsein. Durch die Verläßlichkeit ist die Zufriedenheit der kleinen Orte mit ihrer Gemeindesituation gewachsen: Die Nochnichtchristen erleben, dass 'Kirche' sich nicht zurückzieht wie andere Institutionen, die Christen haben eine Gelegenheit mehr, sich in ureigener Angelegenheit zu treffen. Das schafft Vertrauen. Für Hauptamtliche hat diese Form den Vorteil, in der Vorbereitung überschaubar zu sein, das eigene Tun als ausgesprochen sinnvoll zu erfahren und der einzelnen Gemeinde näher zu sein.

Das Gemeindeleben wird in den kleinen Orten unverhofft lebendiger: Neben der schon erwähnten Praxis zusätzlicher wöchentlicher, ehrenamtlicher Andachten in 3 Orten wird in zwei Orten anschließend Kindern Orgelunterricht bzw. Gitarrenunterricht erteilt (Nebeneffekt: Die Kinder, sämtliche ungetauft, kommen freiwillig vorher zur Andacht). In der Adventszeit kam es nach den Andachten in mehreren Orten zu Singaktionen bei Kranken und Hochalten.

Natürlich kommt es auch vor, dass keiner oder vom Ort nur Eine/r kommt - wenn es zu kalt ist, alle verhindert sind oder es vergessen wurde. Auch dann sollte Andacht gehalten werden - es wird für die Menschen im Ort gebetet, in der Kirche Bibel gelesen und gesungen, das ist für den / die, der /die es tut, genauso wichtig wie für den Ort.

Aufgegriffen und weiterentwickelt

    Umfeld des Beitrags

    • Andachten anders
      Anders sind diese Andachten, weil sie an einem anderen Ort und in anderen Formen gefeiert werden.
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    • Dorf
      Mit dem modernen Dorf verbinden sich spezifische Chancen und Herausforderungen für die Kirche.
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      Regionalisierung ist das Bemühen, Projekte mit Nachbargemeinden oder sogar kirchenkreisweit zu koordinieren. -.
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