Kirche der Stille

Autor/innen
ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 11.12.2012
Letzte größere Änderung: 11.12.2012
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Gebet und Stille
Gemeinden/Institutionen
Ev. Kirchengemeinde Altona-Ost in Hamburg
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: auf Dauer angelegt
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3 Stimmen
Kommentare zum Dokument
Kirche der Stille

Kurzbeschreibung

Eine evangelische Gemeindekirche wurde in eine Meditationskirche verwandelt. Besucher - egal welcher Konfession - können sechs Wege in die Stille kennenlernen und gemeinsam üben: von der Zen-Meditation bis zum christlichen Herzensgebet.

Situation / Kontext

Die Kirchengemeinde antwortet damit auf die Sehnsucht und das Bedürfnis vieler Menschen, in Stille und Unmittelbarkeit die Nähe Gottes und Nähe zu sich selbst zu finden. Viele Menschen sind auf der Suche nach einem persönlichen Weg, der Kraft, Orientierung und Halt im alltäglichen Leben bietet. In der „Kirche der Stille" können Menschen Stille erleben, meditieren, beten, Kraft schöpfen sowie sich selbst und Gott begegnen.

Ziele

Mit dem Projekt „Kirche der Stille" sollen neue Wege eröffnet werden. Wir sind überzeugt davon, dass lebendiges Christentum in unserer heutigen Zeit nicht zuletzt bedeutet, sich der eigenen mystischen Quellen zu erinnern und aus ihnen zu schöpfen.

Reflexion / Hintergrund

Das Konzept dieser im norddeutschen Raum völlig neuen Art von Kirchennutzung, orientiert sich an den drei Grundelementen: Stille, Weite und Rhythmus.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

Um die Christophoruskirche für Stille und Meditation zu nutzen, wurde sie umgebaut. Altar, Kanzel, Taufbecken und Kirchenbänke wichen, damit ein weiter Raum mit einer neu gestalteten Mitte entstehen konnte. Der Energiefluss wurde so gelenkt, dass er wohltuende Prozesse fördert, und es wurden ausschließlich ökologische Materialien eingesetzt.

Durchführung

Die „Kirche der Stille" ist ein offener Raum - mitten im Lärm und in der Hektik der Großstadt Hamburg. Hier können sich Menschen versammeln, um aus der Zeit und dem Alltag herauszutreten, um Anforderungen ruhen zu lassen und Stille zu finden. Eine Kirche für alle, die einfach da sein wollen: im Schweigen, in Freude und Dankbarkeit, in Angst und Schmerz. Die Kirche steht den ganzen Tag offen und bietet einen zweckfreien Raum, in dem keine Bedingungen gestellt werden.

In der Stille kann die Unmittelbarkeit Gottes und die Kraft der eigenen Mitte erfahren werden. Einkehr ist möglich in sich selbst und in Gott. Dies kann allein ebenso wie in Gemeinschaft erlebt werden – die Kirche der Stille bietet beide Möglichkeiten. Gemeinsames Sitzen in der Stille ist vertiefend, erweiternd und stützend.

In der Kirche können Menschen Stille in all ihrer Vielfalt erleben – im Gebet, beim Tanzen und Singen oder in der Meditation. Dabei führen viele verschiedene Wege in die Stille: Diese Wege wollen wir aufzeigen und unterschiedliche Praktiken, Methoden und Übungswege vorstellen. Unser Angebot umfasst auch spirituelle Begleitung und Beratung.

In der Stille wird die Achtsamkeit gegenüber Körper und Seele geübt. Der Körper ist „Tempel des heiligen Geistes" (1. Kor 3,16) und der Gegenwart Gottes. Deswegen sind Angebote zur Körperwahrnehmung in der „Kirche der Stille" wesentlich.

Die „Kirche der Stille" ist eine evangelische Kirche und knüpft an die Tradition der christlichen Meditation und Kontemplation an. Wir orientieren uns an den Mystikerinnen und Mystikern wie Meister Eckhart, Teresa von Avila, Edith Stein oder Dag Hammarskjöld. Deren unterschiedliche Wege wollen wir wiederentdecken und einüben. Ebenso leitet uns die Tradition des Herzensgebetes und der geistlichen Exerzitien.
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Christinnen und Christen auch für Wege in die Stille geöffnet, die anderen Religionen entspringen. Sie haben eine Verbindung zwischen christlichem Glauben und praktischen Schulungswegen gefunden. Ein Beispiel ist das Sitzen in der Stille, wie der Zen-Buddhismus es lehrt. Diesen neuen spirituellen Wegen geben wir in der „Kirche der Stille" ebenfalls Raum.

Ausgehend von unserer christlichen Überzeugung suchen wir die Begegnung mit anderen Religionen. Wir fördern den interreligiösen Dialog und den offenen Austausch, das Gespräch und die Begegnung – besonders, um andere religiöse Wege in die Stille kennen zu lernen. Dazu gibt es gesonderte Veranstaltungsreihen, Foren und Begegnungszeiten. Die „Kirche der Stille" eröffnet einen Raum des Friedens und der Verbundenheit mit der einen Welt.
Das Üben der Achtsamkeit geschieht stets in Verbundenheit mit anderen Menschen und der gesamten Schöpfung. In der Meditation erfahren wir uns als Teil des Ganzen. Die Hingabe zu Gott und die Offenheit des Herzens führen in die Verantwortung für unsere eine Welt. Regelmäßige Friedensgebete haben in der „Kirche der Stille" Raum. Rhythmus liegt allem Leben und allem Lebendigen zu Grunde.

Wir erfahren es im Ein- und Ausatmen, im Schlagen unseres Herzens oder in dem Wechsel von Schlafen und Wachen.

So ist alles Leben, jede noch so kleine Zellaktivität über den großen Jahreszyklus in der Natur bis zum Lauf der Sterne und der Erde im Weltall rhythmisch geordnet.

Auch unser Alltag wird tiefer und reicher erlebt, wenn es uns gelingt – gegen alle Hektik, gegen allen Stress und Zeitdruck – einen Wechsel von Aktivität und schöpferischer Pause zu gestalten.

Die „Kirche der Stille" unterstützt diesen Weg, indem sie zum einen offener Raum ist und zum anderen wiederkehrende Angebote macht. Wer seinen Alltag unterbricht und einen Raum betritt, in dem geschwiegen wird, kann dies als heilsamen Rhythmus erleben.

Dieser Rhythmus findet sich in der „Kirche der Stille" in einer verlässlichen Tagesstruktur wieder:

  • 12.00 - 18.00 Uhr Offene Kirche
  • 18.00 Uhr Abendmeditation
  • 19.30 Uhr Meditationsangebote mit unterschiedlichen Wegen in die Stille


Die einzelnen Tage der Woche werden jeweils mit festen Themen und Angeboten verbunden und erhalten damit eine leicht erkennbare und sich wiederholende Struktur. Sonntags werden regelmäßig meditative Gottesdienste gefeiert. Auch der Lauf des Jahreskreises wird aufgenommen und die Feste und Anliegen des Kirchenjahres werden in besonderer Weise gefeiert.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

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Wirkung / Erfahrung

Um die 10.000 Menschen besuchen die Angebote der Kirche der Stille.

Wer kommt?

Eine kürzlich durchgeführte Befragung hat ergeben, dass die Kirche der Stille überwiegend von Menschen zwischen 19 und 64 Jahren besucht wird, die auch die Bevölkerungsmehrheit im Stadtteil stellen. Es sind etwas mehr Frauen als Männer. Etwa 75 % verfügen über einen Hochschulabschluss. Die Hälfte kommt aus dem näheren Umkreis, die andere Hälfte reist aus entfernteren Stadtteilen oder Hamburger Vororten an. Es gibt kaum Überschneidungen mit denjenigen, die in der traditionell strukturierten Gemeinde aktiv sind.

Alle, die kommen, suchen Stille. Sie möchten im Innersten berührt werden und persönliche spirituelle Erfahrungen machen. In der Stille suchen die meisten nach „Gott“, wobei nicht wenige das Wort scheuen, weil es mit bedrückenden Bildern oder kindlichen Vorstellungen gekoppelt ist. 

Dabei sind drei Gruppen zu unterscheiden:

  1. Es gibt die Meditationserfahrenen mit einer großen Offenheit für andere Religionen. Einige sind einen buddhistischen Schulungsweg gegangen oder haben Erfahrungen mit Kontemplation und dem Herzensgebet gemacht. Für diese ist das feste Angebot in einer kontinuierlichen Gruppe besonders wichtig.
    „Hier finde ich genau das, was ich gesucht habe: weder eine esoterische Nische noch eine traditionelle Kirche, sondern einen Ort, der die Möglichkeit gibt, auf einer Erfahrungsebene sich zu begegnen, die das Rationale und das Personale aller Konfessionen übersteigt.“
     
  2. Dann gibt es eine Gruppe von christlich entwurzelten und neu suchenden Menschen, die nach einer christlichen Prägung in ihrer Kindheit – aus unterschiedlichen biografischen Gründen – in  Distanz zu Kirche und Glauben gelebt haben und sich jetzt – nicht selten nach einer Phase der Suche in anderen Religionen – in aller Vorsicht in der Kirche der Stille wieder an Christentum und Kirche annähern.
    „Ich bin seit meiner Kindheit vom Christentum beeinflusst und finde vieles Vertraute, Geborgenheit gebende darin. Zugleich habe ich später vom Buddhismus profitiert, von seinen Methoden der Geistesschulung, von der Idee, eine persönliche tägliche Praxis zu entwickeln. Ich befinde mich auf der Suche nach meiner persönlichen Spiritualität, die auch meinen Alltag trägt. Ich möchte von der Weisheit vieler Religionen profitieren. Entscheidend ist, dass am Ende mehr Weisheit und Mitgefühl entsteht. Ich finde, die Kirche der Stille ist ein wunderbarer Baustein auf dem Weg dahin.“

  3. Und eine dritte Gruppe besteht aus jüngeren Menschen zwischen 20 und 30 Jahren ohne religiöse Prägung, die mit der spirituellen Dimension von Leben in Kontakt kommen möchten.
    „Mir gefällt an der Kirche der Stille die „offene Offenheit“: Ein Raum für den Alltag, der so gestaltet ist, dass unterschiedlichste Rituale, spirituelle Traditionen, Arten mit Gott in Kontakt zu treten, darin Platz haben. Mir gefällt auch, dass sie als christliche Kirche auftritt, die offen für andere Traditionen ist, aber sich nicht als „interreligiöser Tempelkirchenmoschee-Raum“ geriert. Mir öffnet das erstmals das Herz für die christliche Kirche.“

Literaturhinweis: Irmgard Nauck / Anne Gidion, Der Stille Raum geben. Ein Weg der Kirche im 21. Jahrhundert, Freiburg/Breisgau 2012. (Kreuz-Verlag)

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