Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger

Autor/innen
ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 04.01.2013
Letzte größere Änderung: 03.03.2015
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Film
Gemeinden/Institutionen
Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in Hannover
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: Keine Angaben
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Tiger

Kurzbeschreibung

Der Spielfilm "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" wird gezeigt. Der Vorführung wird eine theologische Einordnung des Landesbischofs der ev.-luth. Landeskirche Hannovers Ralf Meister vorangestellt.

Situation / Kontext

"Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" von Regisseur Ang Lee ist die Verfilmung des (in deutscher Übersetzung) gleichnamigen Romans von Yann Martel.

Ziele

Filminteressierten wird durch die theologische Hinführung die religiöse Dimension des Films verdeutlicht. Gleichzeitig wird ein anderer Zugang zu religiöser Toleranz ermöglicht.

Reflexion / Hintergrund

"Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" behandelt das Thema "religlöse Toleranz" mit den Mitteln der Erzählkunst.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

Während der Film in den Kinos läuft, kann man nach Absprache mit dem Kinobetreiber bei einer Vorführung die theologische Einordnung dem Film voranstellen. Später lässt sich der Film auf DVD zeigen.

Durchführung

Dem Film kann folgende Einführung von Ralf Meister vorangestellt werden:

„ 'Voran meine Einschätzung. Für mich ist dieses Buch verrückt. Es ist brutal, witzig, originell, absurd, liebevoll, religiös, hintergründig. Es erzählt eine fantastische Geschichte, die man keinen Augenblick glauben kann und die gleichzeitig so viel Glaubwürdiges über den Menschen berichtet: Seine Angst, seine Sehnsucht, seinen Überlebenswillen und von der Phantasie, Geschichten zu erfinden, die helfen zu überleben.'

Vor knapp 10 Jahren habe ich diese Sätze in einem Vortrag über das Buch: 'Schiffbruch mit Tiger' von Yann Martel geschrieben.  Ich kaufte damals dieses Buch wegen eines einzigen Satzes, der auf den ersten Seiten steht. Bei einem Zufallstreffen im Indian Coffee House in Pondicherry, südlich von Madras zwischen einem alten rüstigen Mann mit strahlenden Augen und dem Autor der Erzählung, sagt der alte Mann den Satz, der die Geschichte ins Rollen bringt: 'Ich habe eine Geschichte, die ihnen den Glauben an Gott geben wird'. So ein Buch muss ein Pastor lesen.

'... - jede Religion hat massenhaft Geschichten' heißt es in dem Buch. Religion – so der Autor, das heißt nichts anderes, als Geschichten zu erzählen. Meist sind es die Geschichten der Götter mit all dem, was sie erlebt haben und die Geschichten ihrer Anhänger, ihrer Propheten, ihrer Priester und ihrer Kritiker. In der hellenistischen Antike, in der Geschichte Israels, in den Mythen der Urzeit Mesopotamiens und Babylons, in den Erzählungen über Jesus in den Evangelien: Wir kennen viele solcher Geschichten. Zuerst ist Religion immer erzählte Geschichte, lange bevor sie einmal zu Gesetzen oder gar zu Dogmen und Verboten gerinnt. In diesen Geschichten ist die Religion am lebendigsten. Dort deutet man den Ursprung des Kosmos, die Entstehung der Welt, die Erschaffung des Menschen und aller Kreaturen. Man erzählt von menschlichen Abgrundtiefen: Hass, Neid, Wut, Gewalt. Und menschlichen Leidenschaften: Liebe, Fürsorge, Mitleid. Und hört von Gottes Barmherzigkeit, seinem Zorn, seinen Strafen und seinen Verheißungen.

Zu erzählen kann lebensrettend sein. In dem Buch gibt es eine Passage, in der Pi, nach seinem Schiffbruch mitten auf dem Pazifik einen anderen Schiffbrüchigen trifft. 'Lass mich eine Geschichte erzählen' sagte Pi nach einer Weile.

'Eine Geschichte?'

'Ja'.

'Was soll ich denn mit einer Geschichte? Ich will essen.'

'Es ist eine Geschichte über Essen.'

'Worte haben keinen Nährwert.'

'Suche deine Nahrung, wo du sie finden kannst.'

'Da hast Du Recht.'

Schließlich erzählt Pi die 'Essensgeschichte.' Die Reaktion: ' ’Atemberaubend’ rief er'.

Im Buch und auch im Film werden verschiedene Geschichten erzählt - und es ist zugleich nur die eine: Die Geschichte von Pi. Pi – als abgekürzter Name von Piscine - aber auch als endlose mathematische Zahl. Ein Symbolname, eine Symbolzahl, die diese Geschichte zugleich über das Konkrete hinaushebt, auf eine quasi metaphysische Ebene. Dazu passt, dass Piscine als er als Student eine Pizza bestellt und, um nicht wieder falsch geschrieben zu werden, nicht seinen Namen nennt, sondern sagt: I’m who I’m - Ich bin, der ich bin.  Ich bin, der ich bin. So antwortet Gott im Buch Exodus, als Mose ihn nach seinem Namen fragt. (2. Mose 3, 14) Pi antwortet mit der Antwort Gottes.

Nichts scheint in diesem Buch zufällig zu sein. In fast jedem Abschnitt sind Hinweise versteckt.

Pi liebt Gott, und er folgt allen Religionen, denen er begegnet und die ihn überzeugen. Das sind in Indien der Hinduismus, das Christentum und der Islam. Viele Kapitel in dem Buch 'Schiffbruch mit Tiger' erzählen im ersten Teil davon, bevor der längere zweite Teil das Überleben als Schiffbrüchiger auf dem Meer schildert. Doch dieses Abenteuer, dieses Märchen ist nicht zu trennen ohne den Glauben von Pi und sein besonderes Verhältnis zu den verschiedenen Religionen und zu Gott. Besonders beeindruckend ist das Gespräch zwischen einem hinduistischen Pandit, einem katholischen Geistlichen und einem Sufi, einem islamischen Mystiker, mit dem jungen Pi und seinen Eltern. Dieses Gespräch über Religionen erinnert an die berühmte Ringparabel von Gotthold Ephraim Lessing. Sie wird jedoch nicht nur einfach zitiert, sondern auf eine für mich überraschende Weise neu durchgespielt, zum Leben erweckt, in Literatur – und nun auch im Film  - verflüssigt. Der oft so theoretische Dialog zwischen und über die Religionen wird in einen Menschen hinein verlegt. 'Seine Frömmigkeit ist bewundernswert', sagt der Pandit zu seinen Eltern, 'in diesen schlimmen Zeiten ist es eine Wohltat, einen Jungen zu sehen, dem Gott so sehr am Herzen liegt... Aber er kann nicht Hindu, Christ und Moslem zugleich sein. Das ist unmöglich. Er muss sich entscheiden.“ Dennoch: Pi will sich taufen lassen und wünscht sich einen Gebetsteppich.

Es geht in diesem Buch deshalb auch um die religiöse Toleranz. Wie können religiöse Menschen einem 16jährigen begegnen, der behauptet: Er sei Hindu, Moslem und Christ zugleich? Life of Pi ist eine Geschichte über die Suche des Menschen nach Gott, in der Vielfalt seiner Offenbarungen. Über die Schönheit des Glaubens und die wundervollen Geschichten, die von Gott erzählen. Aber zugleich ist es auch eine phantastische Geschichte über das Verhalten von Menschen und Tieren in scheinbar ausweglosen Situationen. Die Suche nach dem Überleben in dieser Welt, im Guten wie im Schrecklichen, macht diese Story fantastisch.

Mit einem japanischen Frachtschiff verlässt die Familie Pi’s ihre Heimat um mit dem gesamten Zoo von Indien nach Kanada zu reisen. Es ist eine Reise mit der Arche. Das Schiff versinkt. Es hatte den Namen Zimzsum. Dieser Name stammt aus der jüdischen Kabbala und heißt: Selbstzurücknahme Gottes. Die Schöpfung der Welt und die Erschaffung des Menschen sind erst möglich geworden, weil Gott sich zurückgezogen hat, weil er einen Raum freimachte, in dem dann Neues entstehen konnte.

Mit dem Untergang des Schiffes zieht sich Gott zurück. Er überlässt seine Schöpfung sich selbst. Der Kampf zwischen Mensch und Natur, zwischen Gut und Böse findet ohne sein Eingreifen statt. Da ist ein Mikrokosmos auf dem Pazifischen Ozean, in den Gott nicht eingreift. Die Arche Noah mit Tieren und einer Familie, genau wie in der Bibel, dazu noch ein paar Schiffsleute, die alle mit untergehen. Diese Arche überlässt Gott sich selbst. Sie dezimiert sich auf einen Menschen und ein Tier, auf Kultur und Natur, auf wild und gezähmt, auf gut und böse. Alles gegenwärtig im Menschen und im Tier. Wir sind Zeugen bei dem, was sich abspielt.

Wir ertragen, was schließlich in dem Wunder mündet, 227 Tage auf dem feindlichen Pazifik in einem Rettungsboot mit einem Tiger zu überleben. Das Wunder geschieht, weil Pi und der bengalische Tiger gemeinsam überleben. Alle Versuche, ihr notgedrungenes Zusammenleben in eine Hierarchie zu ordnen, den Tiger zu zähmen funktionieren nicht. Die Rettung gelingt nur gemeinsam mit Tier und Mensch.

'Ist die Geschichte wahr?' zweifeln am Ende der Erzählung die japanischen Versicherungsagenten, die den Überlebenden befragen. Sie glauben ihm nicht, trotz all seiner Versuche, sie zu überzeugen. So erzählt er seine Geschichte noch einmal. Ähnlich, aber doch ganz anders, grausamer, nur mit überlebenden und dann getöteten Menschen, ohne Tiere. Am Ende fragt er: 'Und welche Geschichte gefällt ihnen besser?' Und er bestätigt das rätselnde Nachdenken der Agenten mit der Formulierung: Genauso ist es mit Gott.

Wie es mit Gott ist ...?

Welche filmischen, bilderreichen Antworten der Film uns anbietet, werden Sie gleich sehen. Ich wünsche ein tolles Sehvergnügen, offene Augen, Ohren und Herzen. "

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

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Wirkung / Erfahrung

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Aufgegriffen und weiterentwickelt

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