Wormser Religionsgespräche

Autor/innen
ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 03.05.2013
Letzte größere Änderung: 03.05.2013
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Erwachsene, Interreligiöse Begegnungen
Gemeinden/Institutionen
Ev. Kirche in Hessen und Nassau in Darmstadt, Kirchenamt der EKD in Hannover, Dekanat Worms-Wonnegau in Worms und Stadt Worms in Worms
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: Keine Angaben
Meinungen
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Podium der Wormser Religionsge3spr#äche

Kurzbeschreibung

An eine Tradition aus dem 16. Jahrhundert anknüpfend laden die Religionsgespräche zu Vorträgen, Workshops, Gottesdienst und Konzert mit Vertretern verschiedener Religionen ein. 

Situation / Kontext

Gespräche kommen nur zustande, wenn es verschiedene Meinungen gibt und die Meinenden sich dennoch austauschen wollen. Das ist bei Religionsgesprächen nicht anders, nur dass Religion vom Grundsatz her mit Wahrheits- und Bekenntnisansprüchen einhergeht.

Ziele

Begegnung und Dialog von Vertretern verschiedener Religionen

Reflexion / Hintergrund

1541 suchten Martin Bucer und Johannes Gropper beim ersten Wormser Religionsgespräch nach einem Konsens in gemeinsamen Lehrartikeln, dem »Wormser Buch«. Auch nach dem Augsburger Religionsfrieden, der das Reich in evangelische und katholische Territorien teilte, wurde 1557 beim zweiten Wormser Religionsgespräch, an dem Melanchthon und Gropper teilnahmen, ein erneuter Konsensversuch unternommen.

Beide Gespräche kamen nicht zum gewünschten Erfolg. Das gilt auch für das ebenfalls 1557 in Worms-Pfeddersheim geführte Gespräch zwischen Reformierten und Täufern. Seit dem frühen Mittelalter gibt es in Europa und im Nahen Osten Religionsgespräche in religiösen Streitfragen, auch zwischen Christen und Juden sowie Christen und Muslimen. Diese Gespräche stehen trotz ihres oft uneingelösten Anspruchs zur Einigung dennoch für das Potenzial der Verständigung in religiösen Fragen.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

Deshalb griff die Stadt Worms gemeinsam mit der EKHN (EKHN = Evangelische Kirche in Hessen und Nassau) und der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) im Themenjahr "Reformation und Toleranz" der Lutherdekade diese Tradition auf und lud vom 19. bis 21. April 2013 zu "Wormser Religionsgesprächen" ein, die im ersten Jahr den Arbeitstitel "Dulden oder Verstehen" trugen.

Durchführung

„Wir wollen uns begegnen und miteinander arbeiten“, brachte Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), bei der Eröffnung das Ziel der Veranstaltung auf den Punkt. Die ‚Neuauflage‘ der historischen Religionsgespräche aus dem 16. Jahrhundert wurde in Kooperation zwischen der Stadt Worms, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der EKHN sowie des Evangelischen Dekanats Worms-Wonnegau umgesetzt. Rund 1.100 Menschen nahmen das dreitägige Angebot zur Information und Diskussion mit Vertretern aus Kirche, Politik und Wissenschaft an.

„Die Stadtgesellschaft hat über Jahrhunderte dafür gekämpft, dass ein säkularer Rahmen geschaffen wird, innerhalb dessen die Vielfalt der Meinungen, Bekenntnisse, Kulturen, Religionen garantiert und respektiert, aber auch ins Gespräch und zu Lösungen geführt werden“, begrüßte Oberbürgermeister Michael Kissel die rund 500 Gäste, die am Freitagabend zur Eröffnung der Wormser Religionsgespräche ins Kultur- und Tagungszentrum gekommen waren. Es sei Worms immer gut gegangen, so Kissel weiter, wenn sich die Religionen in einem „kreativen Dialog“ befanden.

Über einen interreligiösen Dialog gingen die Wormser Religionsgespräche weit hinaus. So betrachtete etwa Bundestagspräsident Lammert in seinem Eröffnungsvortrag das Verhältnis von Politik und Religion: „Wie viel Religion braucht eine demokratisch verfasste Gesellschaft?“ Darin unterstrich Lammert, dass das gesellschaftliche Leben in Deutschland stärker von Religion geprägt sei, als das Viele auf den ersten Blick vermuten würden: „Nicht Politik, sondern Orientierungen, von deren Richtigkeit und Wahrheit die Menschen überzeugt sind, halten die Gesellschaft zusammen“, so der Präsident des Deutschen Bundestages. Die Tatsache, dass fast die Hälfte der in Deutschland wohnenden Menschen keiner christlichen Kirche angehört, erfordere es, dass die Religionen miteinander ins Gespräch kommen. Lammert schloss mit einem Zitat des islamischen Mystikers Rumi: „Draußen hinter den Ideen von rechtem und falschem Tun liegt ein Acker. Wir treffen uns dort. Das ist die ganze Aufgabe. Aber um sie zu erledigen, bedarf es zweier Voraussetzungen. Erstens man muss sich treffen wollen. Und zweitens muss man den Acker tatsächlich bearbeiten.“

Der Studientag zum Thema ‚Begegnung der Religionen und Kulturen‘ am darauffolgenden Samstag wurde mit einem Gebet der Religionen eröffnet. Über 70 Menschen unterschiedlichen Glaubens waren in der Dreifaltigkeitskirche zusammengekommen. Neben den Gebets- und Grußworten der in Worms beheimateten Gemeinden, darunter die alevitische und afrikanisch-christliche Gemeinde, die türkisch-islamische Gemeinschaft DITIB, die Ahmadiyya-Gemeinde, die Ehli-Beyt-Gemeinde, sowie Vertreter der katholischen, syrisch-orthodoxen und evangelischen Kirche, sorgten besonders die musikalisch geprägten Beiträge für eine besondere Stimmung: Der erst 18 Jahre alte Ismael Hoca von der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş faszinierte durch seine Koranrezitation. Dekanatskantorin Ellen Drolshagen überraschte mit einem Lied zum Mitsingen – in einer südafrikanischen Sprache!

In den verschiedenen Workshops und Vorträgen ging es auch um die Inhalte der modernen – beinahe alltäglichen – „Religionsgespräche“, wie sie derzeit vielerorts geführt werden: etwa zum islamischen Religionsunterricht. Dr. Merdan Güneş erarbeitet als erster Lehrer im rheinland-pfälzischen Modellprojekt „Islamischer Religionsunterricht“ die Lehrpläne von Grundschule bis Sekundarstufe. Während des Studientages präsentierte er besondere Voraussetzungen und Inhalte des islamischen Religionsunterrichtes. „Heute geht es zum Glück weniger um das ‚ob‘ islamischen Religionsunterrichts, sondern um den richtigen Weg“, zeigte sich Güneş optimistisch. „Öffentliche Theologie braucht Zweisprachigkeit – es reicht nicht, dass etwas in der Bibel steht, es muss auch vernünftige Gründe geben, dem zu folgen“, so Dr. Eberhard Pausch zum Thema öffentliche Theologie in der offenen Gesellschaft. Der Theologe vertrat die These, dass eine „gute öffentliche Theologie“ selbstkritisch, tolerant und einladend sein soll, ohne jedoch zu vereinnahmen oder gar zu manipulieren.

Im Gottesdienst am Sonntagvormittag zur Eröffnung der Podiumsdiskussion erinnerte Kirchenpräsident Jung daran, dass die Schöpfungsgeschichte die Zeit vor der Entwicklung der Vielfalt von Religionen, Kulturen und Weltanschauungen beschreibt. „Gott hat alle Menschen gemacht. Und zwar jeden Einzelnen – wir sollten die Welt auch für die nächsten Generationen lebenswert halten“, lautete der abschließende Apell des Kirchenoberhaupts.

„Toleranz setzt Standhaftigkeit voraus“, so leitete Prof. Dr. Peter Steinacker, ehemaliger Kirchenpräsident der EKHN, die Podiumsdiskussion ein. Moderiert wurde die hochrangig besetzte Diskussionsrunde von der Fernsehjournalistin Gundula Gause, die eingangs bemerkte: „Wir haben Unmögliches vor.“ Dennoch war die nachfolgende Diskussion in erste Linie von Konsens geprägt. „Im islamischen Verständnis ist Toleranz weniger ein Aushalten als vielmehr ein Anerkennen“, so Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster.

Auch Karl Kardinal Lehmann bezeichnete Anerkennung als „Schlüsselwort“ für Toleranz. Landesbischof Friedrich Weber aus Braunschweig skizzierte das Bild der „zivilisierten Differenz“: Man dürfe sich nicht nur dahingehend einigen, was Religionen und Konfessionen gemeinsam haben, sondern sich auch über die trennenden Elemente im Klaren sein. Mit seinem Hinweis, dass praktizierte Toleranz die Duldung von Differenzen beinhaltet, zielte Philosophieprofessor Rainer Forst in eine ähnliche Richtung.

Rabbinerin Elisa Klapheck aus Frankfurt begründete mit diesem Gedanken die Notwendigkeit auch innerreligiöser Gespräche: Der „unfriedliche Kern der Religionen“ werde von radikalen Strömungen genährt. Deshalb dürfe man sich von diesen Richtungen innerhalb der eigenen Religion nicht distanzieren, sondern müsse in einen Dialog treten. Landesbischof Weber brachte die Notwendigkeit für die weitere gemeinsame Arbeit auf den Punkt: „Für ein zukunftsfähiges Europa ist es wichtig, dass es Gespräche zwischen und mit den Religionen gibt“.

Die evangelische Kirche und die Stadt Worms werden ihren Teil dazu beitragen: Die Wormser Religionsgespräche werden künftig in einem Turnus von zwei Jahren zum Diskurs einladen, wie Dr. Ulrich Oelschläger, Präses der EKHN und Lutherbeauftragter der Stadt Worms, abschließend verkündete.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

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Wirkung / Erfahrung

Die Wormser Religionsgespräche sollen alle zwei Jahre fortgesetzt werden.

 

Aufgegriffen und weiterentwickelt

    Umfeld des Beitrags

    • Dialog
      Deutschland ist durch Migrationsbewegungen vor neue gesellschaftliche Herausforderungen gestellt. So ergibt sich die Notwendigkeit interreligiöser Begegnungen.
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