Wurzeln stärken

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a geistreich member
Created at: 2014-04-04
Last major update at: 2014-04-04
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Seelsorge
Institutions
Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens in Dresden and Kirchenbezirk Leipziger Land in Borna
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Grimma

Abstract

(als Modellprojekt von der EKD ausgewähltes Projekt)
 
Das Projekt will den Menschen nachgehen, die von der Devastierung im Leipziger Land direkt betroffen sind und die aufsuchen, deren Ortschaften der Braunkohlegewinnung zum Opfer fielen. Weiterhin sollen Menschen besucht werden, die durch die Flut ihr Haus, ihr Geschäft oder ihre Lebensgrundlage zum Teil oder ganz verloren haben und dadurch „aufgegeben“ und den Heimatort verlassen haben.

Situation / context

Das Projekt ist in einer Region angesiedelt, die den stärksten prozentualen Rückgang der Kirchenzugehörigkeit in Sachsen aufweist, die gegenwärtig bei ca. 15 Prozent der Wohnbevölkerung liegt und daher kaum mehr eine kirchliche Sozialisation vorfindlich ist. Eine der wesentlichen Ursachen hierfür ist im Braunkohletagebau zu sehen, der als Grundlage für die DDR-Wirtschaft das Gebiet mit der sozialistischen Ideologie durchdrungen hat. Auch heute ist dieses Gebiet vom Braunkohletagebau geprägt, es fallen immer noch Ortschaften der Devastierung zum Opfer. Weiterhin ist ein Bereich der Region das zweite Mal von einer „Jahrhundertflut“ innerhalb von 11 Jahren betroffen, welche dazu führte, dass auch hier Menschen ihre Beheimatung aufgegeben haben.

Der Kirchenbezirk wurde in den letzten Jahren zusammengeschlossen und besteht seit 2009 aus den ehemaligen Ephorien Wurzen, Grimma und Borna. Es werden durch die verschiedenen Strukturreformen der Landeskirche auch immer mehr Kirchgemeinden vereinigt, so ist es für viele Pfarrerinnen / Pfarrer normal, ein halbes Dutzend Kirchen in der Parochie zu betreuen. Die Siedlungsdichte im Kirchenbezirk liegt bei rund 130 Einwohner pro km², im Vergleich liegt diese bei Stadt Leipzig bei rund 1.750 Einwohner pro km².

Durch den Braunkohletagebau wurde die Landschaft in den letzten Jahrzehnten großflächig umgestaltet. Ortschaften fielen dem wirtschaftlichen Interesse zum Opfer, Wohnsiedlungen für Arbeiter entstanden, eine Schlackehalte wurde aufgeschüttet, eine künstliche Seenlandschaft und Windparkanlagen geben der Region ein neues Gepräge. Viele Bewohner der Region sind von der Braunkohle direkt oder indirekt betroffen. Insgesamt wurden in den letzten 50 Jahren ca. 30.000 Menschen umgesiedelt. Auch gegenteilige Interessen stoßen aufeinander: Arbeitsplatz für den einen, Verlust des Lebensraums für den andern; Energiegewinnung für die einen, Umweltzerstörung für die anderen; die einen haben sich mit der Abfindung abgefunden, die anderen kämpfen weiter usw. Oft ist die jeweilige eine Gruppe bereit, die andere zu verletzen, wobei alte Verletzungen in der Biografie der einzelnen Personen für den Umgang miteinander nicht unerheblich sind.

Goals

Das Modellprojekt will den Menschen nachgehen, die von der Devastierung direkt betroffen sind und die aufsuchen, deren Ortschaften der Braunkohlegewinnung zum Opfer fielen. Weiterhin sollen Menschen besucht werden, die durch die Flut ihr Haus, ihr Geschäft oder ihre Lebensgrundlage zum Teil oder ganz verloren haben und dadurch „aufgegeben“ und den Heimatort verlassen haben. Ein Bericht der Diakonie in Sachsen weist auf, dass nach der jüngsten Flut verhältnismäßig weniger Betroffene Hilfe in Anspruch genommen haben. Daher ist die nachgehende Betreuung eine wichtige Form der der Krisenbewältigung, um die Not auch dieser Menschen zu erkennen. Als Außenstehender gewinnt man den Eindruck, dass einige der betroffenen Menschen nach der Devastierung und Flut an Traumatisierung, Retraumatisierung und an einer Art Stigmatisierung leiden und nur schwer offen über die Ereignisse reden können. Ebenfalls ist eine „sanfte soziale Verwahrlosung“ spürbar, da trotz eines materiellen Wertausgleiches eine Selbstisolierung augenscheinlich ist. Resignation ist auch nach Jahren des Heimatverlustes noch spürbar. Es kommt bei einigen Betroffenen zu depressiven und traumatischen Erkrankungen. Daher sollten die Erfahrungen und Ergebnisse der seelsor-gerlichen Begleitung der Menschen anonymisiert ausgewertet und evtl. verglichen werden.

Reflection / background

Eine Studie von Prof. Dr. Pickel (Leipzig) hat ergeben, dass Menschen außerhalb der Kirche diese vordringlich durch das Werk der Diakonie und Seelsorge wahrnehmen. Als Diakonie sind wir schon sehr lange auf das Mitwirken Kirchenfremder angewiesen. In der Region Leipziger Land sind von den ca. 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Diakonie nicht einmal die Hälfte Mitglied einer Kirche und auch bei den Seelsorgeprojekten der Telefonseelsorge, Hospizarbeit und Notfallseelsorge sind ein großer Teil der Ehrenamtlichen nicht kirchlich gebunden. Um seelsorgerliches Handeln in dem Modellprojekt umzusetzen, werden wir auch auf Menschen der Region angewiesen sein, die keiner Kirche angehören. Dies ist eine zusätzliche Herausforderung und bedeutet auch eine zusätzliche Mobilisierung, um mit Kirchenfremden das Werk der Kirche in die Welt zu tragen.

General information on realization

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Preparation

  • Beratung mit Unterstützungssystemen lt. EKD-Förderung, Feinkonzeption des Projektes inkl. Finanzplanung
  • Zusammenstellung des Projektleitungsteams
  • Werbung für die Ausbildung Ehrenamtlicher
  • Akquirierung von Finanzmitteln
  • Ausbildung von Ehrenamtlichen
  • Aufgabenplanung aller Beteiligten
  • Einbindung öffentlicher Stellen und Materialien

Realization

  • Erstellung eines Besuchsplanes
  • Besuche von Betroffenen
  • Umfangreiche Projektanalyse und daraus sich ergebende Nivellierungen des Projektes
  • Sammlung und Aufbereitung von Materialien
  • Erfassung und Auswertung der Gespräche
  • ständige Ausstellung in der umgesetzten Kirche
  • Auswertung der Besuche
  • Abschlussbericht

 

Für die Durchführung sollen wenigstens fünf (max. zehn) Ehrenamtliche im Besuchs- und Seelsorgedienst ausgebildet werden. Die Landeskirche Sachsens hat in diesem Jahr unter Mitwirkung von 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Seelsorgedienst das Handbuch „...und ihr habt mich besucht“ entwickelt, dieses ist vordringlich für den Einsatz in Kirchgemeinden, Altenpflegeheimen, Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken gedacht, lässt sich aber auch für die Ausbildung von Ehrenamtlichen dieses Modellprojektes anwenden. Für diese Ausbildung wird in den kircheninternen Medien (Inter- und Intranet, Flyer, Amtsblatt, Nachrichtenblätter der Kirchgemeinden etc. geworben) und ebenso in öffentlichen und kommunalen Medien (Zeitungen, Kreisjournal u.ä.).

 

Weiterhin sollen auch einige der ca. 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Notfallseelsorge, die sich nach der ersten Flut 2002 im Kirchenbezirk gegründet hat, für diese Arbeit gewonnen werden. Eine erste Anfrage lässt erkennen, dass hierzu die zu erwartende Bereitschaft (3 - 5 Personen) gegeben ist.

 

Die Ehrenamtlichen sollen unter Mitwirkung und Begleitung eines Seelsorgers mit den betroffenen Menschen reden und auch ganz gezielt ihrer Lebenssituation nachgehen. Ebenso können sich Pfarrerinnen und Pfarrer beteiligen, in deren Parochie Betroffene leben. Weiterhin werden voraussichtlich auch Verwaltungsaufgaben, die nicht ehrenamtlich abgedeckt werden können, anfallen. Für die Beschaffung der Adressen von Betroffenen und die Sicherung der Materialen, die die Betroffenen zur Verfügung stellen, bedarf es einer amtlichen Struktur, um hier Teilnehmern und Mitarbeitern Rechtssicherheit zu gewähren. Für den hauptamtlichen Seelsorger und die Verwaltungskraft werden mind. je 10 % einer Vollbeschäftigung veranschlagt.

 

Welchen Fragen gehen die Seelsorger nach?

 

Die Fragen könnten bei diesem Gespräch sein, ohne dass es ein Abfragen wird:

Wie verkraften Sie die Zerstörung ihrer Heimat und den Verlust Ihrer Friedhöfe, Kirchen, Schulen, Gärten, Wohnhäuser...?

Wie leben Sie sich in der neuen Umgebung ein, was hilft Ihnen, was vermissen Sie?

Mit welchen Einschränkungen (körperlich / materiell) müssen Sie leben?

Welche Lebensbrüche gab es bei Ihnen durch die Umbrüche?

Welche Gefühle (Wut, Angst, Trauer, Ohnmacht...) sind in Ihren Erinnerung?

Was ist Ihnen geblieben, trotz Ihres Verlustes?

An was möchten Sie sich erinnern und was möchten Sie lieber vergessen?

Welche Materialien möchten Sie zur Erinnerung zur Verfügung stellen? usw.

Dabei soll es wichtig sein, die Ressourcen, auf welche die Betroffenen in der Bewältigung von erfahrenem Verlust zurückgreifen, wahrzunehmen und diese „Wurzeln“ zu stärken. Die ehrenamtlichen Seelsorger  sollen diesen Lebens(um)brüchen nachgehen und die Betroffenen wertschätzend stärken. Menschen deren Ortschaft, Haus und Besitz betroffen sind, bekommen Raum für ihre Trauer, für ihre Ängste und ihre Wut und können Chancen für ihr Leben wahrnehmen. Sie finden Begleitung in der damit verbundenen Krisenspirale, bei der am Ende auch eine Aktivwerden mit und für andere Betroffene stehen kann.

Wrap up & follow-up actions

  • Integrierung der Erfahrungen in den kirchlichen Dienst im betroffenen Kirchenbezirk
  • Erstellung einer Handreichung für Seelsorge bei räumlichen Verlusterfahrungen

Effect / experience

Erwartete Widerstände und Probleme

  • Die Einbindung öffentlicher, wirtschaftlicher und staatlicher Stellen kann mühevoll werden und von gegensätzlicher Interessenlage besetzt sein
  • Die angespannte wirtschaftliche Lage der Landeskirche hat kaum Spielraum für die Finanzierung zusätzlicher Projekte
  • Es fehlt zunehmend an geeignetem und ausreichendem Personal.
  • Ehrenamtliche haben oft mehrere Tätigkeiten und werden von mehreren Trägern beworben. Auch hier wird es Zeit brauchen, genügend und geeignete Personen zu finden.
  • Betroffene, die sich zurückgezogen haben, werden vielleicht nicht erreicht.

 

 

Erwartetes Resultat

Menschen nehmen das Seelsorgeangebot der Kirche wahr und an. Sie werden in einer besonderen Lebenssituation gestärkt. Es wird ein Handlungsbedarf für räumliche Verlustsituationen festgestellt und dazu eine Handreichung aus den gewonnenen Erfahrungen erarbeitet.

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