Innovative Wege der Seelsorge mit Menschen mit depressiven Störungen

Autor/innen
2 Geistreich-Mitglieder
Erstellt am: 04.04.2014
Letzte größere Änderung: 04.04.2014
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Seelsorge
Gemeinden/Institutionen
Lehrstuhl für Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Seelsorgelehre und Pastoraltheologie an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen in Tübingen und Difäm – Gesundheit in der Einen Welt - Deutsches Institut für Ärztliche Mission e.V in Tübingen
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: Keine Angaben
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Tübingen

Kurzbeschreibung

(als Modellprojekt von der EKD ausgewähltes Projekt)

 
Haupt- und Ehrenamtliche sollen für die Seelsorge an Menschen mit depressiven Störungen qualifiziert werden. Diesen soll mehr Teilhabe an der Gemeinde ermöglicht werden.

Situation / Kontext

Psychische Erkrankungen, insbesondere Angststörungen und Depressionen, nehmen weltweit zu. Für die betroffenen Menschen steht eine große Auswahl von sehr wirksamen medizinischen und psychotherapeutischen Behandlungen zur Verfügung. Es ist jedoch anerkannt, dass ein soziales Netz und Halt gebende Glaubens- und Wertvorstellungen die fachliche Behandlung wesentlich ergänzen können. Darüber hinaus sind diese Faktoren auch bedeutend in der Prävention psychischer Erkrankungen. Diese wissenschaftlich belegten Erkenntnisse spiegeln sich wider in einer Suchbewegung von Menschen mit psychischen Erkrankungen: Sie sehnen sich nach sozialer Teilhabe und nach Antworten auf existentielle Fragen. Für Kirchengemeinden bietet sich hier die Chance, neue Wege der Seelsorge für psychisch kranke Menschen zu gehen und zu einem wichtigen Partner der professionellen (diakonischen und säkularen) Gesundheitsdienste zu werden. Dies erfordert jedoch eine Sensibilisierung der Kirchengemeinden für die Thematik, eine Qualifizierung sowohl von Haupt- und Ehrenamtlichen, wie auch eine stärkere Anbindung der Psychiatrieseelsorge an die Gemeindeseelsorge, indem ein Wissenstransfer von Psychiatrieseesorge zur Gemeindeseelsorge hin initiiert wird und zugleich medizinische Beratungsstellen und psychiatrische Anlaufstellen auf der einen Seite und Angebote von Kirchengemeinden stärker kooperieren und wechselseitig aufeinander verweisen können.

Ziele

Das Projekt „Innovative Wege der Seelsorge für Menschen mit depressiven Störungen“ setzt hier an und möchte einen Beitrag leisten zur Inklusion von psychisch kranken Menschen in Kirchengemeinden. Darüber hinaus zielt das Projekt darauf, in Kirchengemeinden einen Selbstverständigungsprozess über die Bedeutung der Seelsorge für alle gemeindlichen Vollzüge anzuregen.

Reflexion / Hintergrund

Das Projekt nimmt Erkenntnisse der Kirchen- und Gemeindetheorie sowie die Erfahrungen des Difäm in der weltweiten Gesundheitsarbeit auf. Insbesondere fließen Erfahrungen mit dem Ansatz gemeindegetragener Gesundheitsarbeit in die Arbeit mit deutschen Kirchengemeinden ein. Kirchengemeinden werden für ein Gesundheitsthema sensibilisiert und gesundheitliche Ressourcen werden aktiviert. Am Beispiel depressiver Störungen wird gezeigt, dass Kirchengemeinden als soziale Netze, als Orte der Deutung des Glaubens und des gelebten Glaubens wichtige gesundheitliche Ressourcen haben. In enger Kooperation mit dem Lehrstuhl für Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Seelsorgelehre und Pastoraltheologie (Tübingen) können Erfahrungen aus der gemeindegetragenen Gesundheitsarbeit in der Seelsorgelehre wissenschaftlich reflektiert werden.

Am Beispiel der Seelsorge mit Menschen mit depressiven Störungen soll gezeigt werden, dass Seelsorge nicht nur ein Handlungsfeld der Kirche neben anderen ist, sondern als "die Muttersprache der Kirche" (vgl. Impulspapier „Kirche der Freiheit“) besondere Bedeutung hat. Seelsorge und Kirchentheorie sind daher wechselseitig aufeinander zu beziehen. Die seelsorgerliche Dimension aller kirchlichen Vollzüge soll hervortreten und diese stärken. Weil Seelsorge der Diskretion unterliegt, tritt sie häufig in den Hintergrund der Aufmerksamkeit. Indem die Seelsorge am Beispiel der Inklusion von Menschen mit depressiven Störungen thematisch wird, kann sie zur evangelischen Tiefenschärfung aller Handlungsfelder (Gemeinschaft, Gottesdienst, Diakonie und Bildung) beitragen.

Das Projekt basiert auf den Ergebnissen eines Pilotprojekts „Kirchengemeinde und Depression“, das in gleicher Trägerschaft im Zeitraum Oktober 2010 bis Dezember 2012 im Kirchenbezirk Tübingen durchgeführt wurde.

Die Auswertung der Interviews und die Elemente der Umsetzung in zwei Kirchengemeinden bieten interessantes Material, das ausgewertet und publiziert wurde. Während das abgeschlossene Projekt auf die Erhebung, Wahrnehmung und Beschreibung von gelungenen und verbesserungswürdigen Beispielen von Gemeindearbeit aus der Sicht unterschiedlicher Gruppen in den Gemeinden konzentriert war, soll das jetzt geplante Projekt auf den Ergebnissen der Analyse aufbauen. Methodisch wird der Schwerpunkt darauf liegen, exemplarisch mit Kirchengemeinden einen Prozess zur Stärkung seelsorgerlicher Kompetenzen und zur Vernetzung von Gemeinde- und Psychiatrieseelsorge anzuregen und zu begleiten und als best-practice-Beispiel zu dokumentieren. Inhaltlich sollen folgende zwei Problemfelder besonders in den Blick genommen werden, da sie bei den Veranstaltungen im Rahmen des Pilotprojekts immer wieder thematisiert wurden:

×          Die Frage der religiösen Krankheitsdeutung (Deutung der Krankheit als Folge persönlicher Schuld oder eines Mangels an Glauben)

×          Die von Ehrenamtlichen erfahrene Hilflosigkeit und Überforderung im Umgang mit Menschen mit Depressionen, da Betroffene sich zum einen oft zurückziehen und es zum anderen für die Helfenden oft schwer ist, „nicht helfen zu können“.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

Das Projekt ist für 18 Monate konzipiert.

Zur Erreichung des Ziels der Stärkung der Kompetenz von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Kirchengemeinde im Bereich der Seelsorge für Menschen mit depressiven Störungen sind folgende Schritte geplant:

  • Auf der Basis der Ergebnisse des Pilotprojekts wird ein Fachtag für Gemeindeleitende eines Kirchenbezirks (z.B. Stuttgart, Reutlingen oder Tübingen) durchgeführt. Die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Interviews und Wege der Verbesserung der Kompetenz für die Seelsorge mit depressiven Menschen werden vorgestellt und die Ansatzpunkte für eine Weiterarbeit werden mit den Teilnehmenden diskutiert. Im Nachgang zu diesem Fachtag werden Schulungen für Hauptamtliche durchgeführt und es werden zwei Kirchengemeinden des Kirchenbezirks zur Umsetzung des Projekts ausgewählt.
  • Das Projektteam stellt die Ergebnisse des Pilotprojekts sowie die Elemente der erfolgten Umsetzung im Kirchengemeinderat der teilnehmenden Kirchengemeinde vor. Eine Gruppe der Gemeinde (Haupt- und Ehrenamtliche) nimmt teil an einem Prozess, der unter Einbezug eigener Ressourcen (z.B. bestehende Gruppen, Gemeindemitglieder mit spezifischen Fähigkeiten etc.) einen Umsetzungsplan erarbeitet. Elemente der Umsetzung können sein: Vorträge in der Gemeinde und in Gemeindegruppen, liturgische Elemente, Schulungen von Gemeindemitgliedern im Bereich der Alltagsseelsorge für Menschen mit depressiven Störungen, Seminare zur religiösen Krankheitsdeutung. Darüber hinaus werden Ehrenamtliche in den beteiligten Gemeinden (zum Beispiel Gruppenleitende) geschult für die Seelsorge, insbesondere die Alltagsseelsorge mit depressiven Menschen. Diese qualifizierten Schulungen werden für diese Zielgruppen konzipiert und durchgeführt von Psychiatern, Psychotherapeuten und Theologen, die im „Bündnis gegen Depression“ zusammengeschlossenen sind. In die Konzeption der Schulungen gehen die Ergebnisse des Projekts „Kirchengemeinde und Depression“ mit ein, zum Beispiel die in den Interviews dokumentierten Erfahrungen Betroffener und ihrer Angehörigen in der Begegnung mit Haupt- und Ehrenamtlichen in Kirchengemeinden und ihre jeweiligen Erwartungen bzw. Wünsche an die Kirchengemeinden.
  • Die Arbeit mit den Kirchengemeinden wendet Methoden der partizipativen Forschung (participatory action research) und der wertschätzenden Befragung (appreciative inquiry) an. In der Phase der Umsetzung des Projekts in den Kirchengemeinden werden Vorträge, Diskussionen, Gruppenarbeiten eingesetzt und es wird mit Publikationen (z.B. dem Gemeindehandbuch Depression) gearbeitet
  • Die Veränderungen bezüglich Wissensstand und subjektiv erfahrener Kompetenz der beteiligten Haupt- und Ehrenamtlichen werden evaluiert.

 

Zur Erreichung des Ziels der Vernetzung von Psychiatrie – und Gemeindeseelsorge wird eine wissenschaftliche Tagung durchgeführt, bei der die beiden Bereiche aufeinander bezogen werden. Das Thema der interdisziplinären Tagung an der Universität Tübingen ist aus unterschiedlichen Fachperspektiven der Psychiatrie, Medizin und Evangelischen Theologie, die Frage nach den Möglichkeiten einer Kooperation von Kirchengemeinden und Psychiatrie. Insbesondere die Chancen und Grenzen der Einbeziehung Haupt- und Ehrenamtlicher von Kirchengemeinden während der stationären Versorgung psychisch kranker Menschen und in der Phase des Übergangs von der stationären zur ambulanten Betreuung sind zu diskutieren. Dabei soll in der Medizin die Frage nach den religiösen Bedürfnissen von psychisch Kranken präsent gemacht werden.

Vorbereitung

  • Aufarbeitung der Ergebnisse des Pilotprojekts für die Präsentation in Gemeinden und bei Tagungen
  • Fachtagung für Gemeindeleitende
  • Schulung Hauptamtlicher

Durchführung

  • Arbeit mit und in den Kirchengemeinden einschl. Schulung Ehrenamtlicher
  • Wissenschaftliche Tagung Psychiatrie- und Gemeindeseelsorge

Entsprechend den Erfahrungen im vorangegangenen Pilotprojekt sind zum Beispiel folgende PR-Maßnahmen geplant:

  • Kurzvorstellung des Projekts bei den regelmäßigen Treffen der Pfarrerschaft, z.B. Pfarrkonvent, Pfarrerdienstbesprechung.
  • Vorstellung des Projekts bei der Kirchenbezirkssynode
  • Vorstellung des Projekts im Pfarrgemeinderat der beteiligten Kirchengemeinden
  • Pressearbeit in kirchlichen und säkularen Medien

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

  • Arbeit an Themenband
  • Evaluation

Wirkung / Erfahrung

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Aufgegriffen und weiterentwickelt

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