Internationales Dietrich Bonhoeffer Studien- und Begegnungszentrum in Stettin

Autor/innen
ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 29.04.2014
Letzte größere Änderung: 29.04.2014
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
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Frieden, Gerechtigkeit, Schöpfung
Gemeinden/Institutionen
Verein zur Förderung des Internationalen Dietrich-Bonhoeffer Studien- und Begegnungszentrums in Szczecin e.V. in Hamburg
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: Keine Angaben
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Finkenwalde

Kurzbeschreibung

Ein Kreis engagierter Christen hat sich zusammengetan, um in Zroje bei Szecin (Polen, früher Finkenwalde) einen Ort zu schaffen, an dem Menschen im Gedenken an Dietrich Bonhoeffer, seine Ideen und Überzeugungen zusammenkommen können.

Situation / Kontext

Deutsche und Polen verbindet eine lange und oft leidvolle Geschichte. Der Überfall und die Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg und die anschließende Vertreibung der deutschen Bevölkerung bildet den tragischen Höhepunkt dieser Geschichte. Noch heute steht das Geschehene vielfach zwischen Deutschen und Polen.

Ziele

Wir möchten ein Zeichen setzen für die deutsch-polnische Verständigung. Wir möchten dazu beitragen, unsere schwierige Geschichte gemeinsam zu verstehen, Entfremdung abzubauen und praktische Wege der Zukunftsgestaltung zu suchen.

Reflexion / Hintergrund

Unsere Leitfigur ist Dietrich Bonhoeffer. Der protestantische Pfarrer trat engagiert für die Werte der Demokratie und Menschlichkeit ein. Sein Leben ist für Deutsche und Polen sowie für Christen aller Konfessionen ein gemeinsamer Ausgangspunkt für Dialog und Verständigung. Eine der zentralen Wirkungsstätten Bonhoeffers war Finkenwlade, heute Zdroje bei Szecin.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

„Im Osten etwas Neues“, mit einer Studien- und Entdeckungsfahrt für Jugendliche aus Hamburg und Stralsund begann ein Projekt 1998, ohne das ein Projekt beabsichtigt oder das Ziel dieses Unternehmens war. Krakau war die erste Station, Stettin die letzte auf dieser Reise. Tatsächlich gab es eine Flut von neuen Eindrücken, Bilder von einem schönen Land, Erinnerungen an freundliche und herzliche Begegnungen und die Erkenntnis: „so habe ich mir Polen und die Menschen nicht vorgestellt“.

Folgebegegnungen brachten die Parafia Ewangelicko-Augsburska (evangelisch-lutherische Kirche) in Stettin und die Hauptkirche St. Nikolai in Kontakt und Bewegung.

Fasziniert haben uns Hamburger der Mut und das klare Bekenntnis der Stettiner, so haben sie ihr 1995 eingeweihtes Gemeindehaus neben der Kirche, den Namen Bonhoeffer gegeben. Ein Deutscher als Namensgeber? Entsetzen und Unverständnis war die Reaktion. Letztendlich hat dieses Gemeindehaus maßgeblich zu dem Projekt, wie wir es heute in Stettin verankert haben, beigetragen und die Kirchengemeinde hat dadurch viel zu einem guten Klima in der Stadt beigetragen.

Zu den vielen Kontakten der Kirchengemeinde, und hier ist besonders Pfarrer Piotr Gaś zu nennen, zu Menschen aus vielen Ländern dieser Welt sind wir aus Hamburg dazu gekommen. Die Gemeinde befand sich gerade in Verhandlungen mit der Stadt um die Rückgabe von Eigentum. Als Ersatz wurde eine Stadtvilla in Stettin und das Grundstück des ehemaligen Predigerseminars in Finkenwalde angeboten. Zeitgleich hat sich der Architekt Hartmut Wurster in seiner Diplomarbeit mit Dietrich Bonhoeffers Buch „Gemeinsames Leben“ auseinandergesetzt und ein Konzept für ein modernes Predigerseminar entwickelt. Die Idee, ein Studien- und Begegnungszentrum zu verwirklichen, war geboren, aber ohne jede Idee, wie es denn wirklich aussehne und finanziert werden kann.

Das „neue“ Haus und das Grundstück in Finkenwalde war eine Herausforderung für die kleine Kirchengemeinde in Stettin(ca. 450 Mitglieder). Erste Spenden der Hauptkirche St. Nikolai aus Hamburg sicherten die weitere Entwicklung ab. Gedanken, Ideen, Modelle, kleine Schritte oder große Schritte? Vieles wurde spekuliert, fantasiert und gedacht: die Grundidee für alle diese Möglichkeiten einer sinnvollen war immer die Beschäftigung und das Lernen mit und durch Dietrich Bonhoeffer.

Durchführung

Es bildete sich in dieser Phase eine Gruppe engagierter Menschen aus Stettin und Hamburg. Wir nannten uns schlicht „Initiativkreis“. Diese Gruppe bemühte sich um die Restaurierung des Hauses und die Gestaltung des Predigerseminars. Die bescheiden ausgerichteten Sanierungs- und Umbauideen wurden durch eine große Spende der Robert Bosch Stiftung vom Tisch gefegt. Diese machte Mut, jetzt doch Größeres zu wagen und zu tun. Eine Vielzahl weiterer Spenden half, im Jahr 2002 mit einer umfassenden Renovierung der alten Villa zu beginnen. Zeitgleich gelang es dem Initiativkreis, eine Begegnung zwischen den Gartenbauschulen in Hamburg und Stettin zu organisieren. So konnte das bis dahin recht unansehnliche Grundstück in Finkenwalde in eine schlichte Gedenkstätte umgewandelt werden. Im Zentrum steht hier das durch die Stettiner Gemeinde aufgestellte Kreuz, zwischen zwei großen Bäumen, die Zeitzeugen dieses Geländes. Eine kleine Tafel im Eingangsbereich informiert über diesem historischen Ort. Heute werden hier unter dem Kreuz von Besuchern viele kleine Andachten gehalten, die sich immer den laut vorbeifahrenden Zügen ein wenig anpassen müssen.

 

Im Mai 2003 konnte auch die Sanierung des Hauses beendet und im Juni während eines großen Begegnungsfestes mit Vorträgen über Dietrich Bonhoeffer eingeweiht werden. Zunächst war es im Haus innen doch sehr nackt und leer. Die zunächst provisorische Einrichtung konnte diesen Eindruck nicht aus der Welt schaffen. Trotzdem fanden sofort die ersten Seminare, Begegnungen und Konfirmandenfreizeiten statt. 2004 konnten die Räume mit der finanziellen Unterstützung der Westfälischen Kirche liebevoll eingerichtet werden.

Während dieser ganzen Zeit gab es die unterschiedlichsten Begegnungen zwischen den beiden Gemeinden, zwischen den Jugendlichen, den Konfirmanden und DiakonInnen, die an einem Wochenende auf den Spuren des „Gemeinsamen Lebens“ eine neue Tagesstruktur erprobten: Stille, Lesung, Gebet, Gemeinschaft.

 

Diese Projektphase von der Rückgabe des Hauses und des Grundstückes bis zur Einweihung des Begegnungszentrums, war geprägt durch viele zum Teil auch hitzige Diskussionen, vielen Spannungen und immer wieder sehr guten Lösungen. Diese Phase war für uns im Initiativkreis selbst ein Begegnungsprojekt und Lernprozess. Unterschiedlichkeiten und Gleichheiten wurden deutlich, nicht verschwiegen, sondern behutsam thematisiert. Diese gemeinsame Lernzeit unter uns verstärkte unser Gefühl, mit der Schaffung des Studien- und Begegnungszentrum einen konstruktiven Beitrag für Versöhnung und Lernen geleistet zu haben. Wir haben einen Ort geschaffen, wo Menschen in der Begegnung mit anderen ähnliche Erfahrungen machen können.

 

Nie aus dem Auge verloren haben wir unser Kernanliegen, Räume zu schaffen, in denen Gedanken, Ideen, Konsequenzen, Tröstendes, Respektvolles und Anregendes von Dietrich Bonhoeffer im Mittelpunkt stehen.

"Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll"

Dieser Gedanke, dieser Satz in seiner Größe und Kraft hat uns immer geleitet. Ergänzt durch den Anspruch, Möglichkeiten zu schaffen, die (eigene) Geschichte zu verstehen, um die Zukunft gestalten zu können. Unsere Seminare und Vorträge zu Themen Bonhoeffers haben bereits viele Menschen erreicht und zu der einen oder anderen persönlichen Kompassumstellung in den Lebenswelten der Menschen geführt.

 

Und heute?

Heute ist der Initiativkreis ein Verein. Durch einen Vertrag mit der Kirchengemeinde Stettin ist für die kommenden Jahre das Betreiben des Internationalen Dietrich Bonhoeffer Studien- und Begegnungszentrums abgesichert. Im Vorstand des Vereins sind aus Hamburg Herr Dr. Boyens, Frau von Selchow, Herr Watzlawik und Herr Hansen, aus Stettin Pastor Sikora, Herr Smolczynski und Herr Dr. Czernik. In regelmäßigen Treffen in Berlin klären wir Haushaltsfragen, Belegungen, neue Konzepte für Bonhoefferveranstaltungen, bereiten Begegnungsfeste und Vortragsveranstaltungen vor, versuchen, ein Netzwerk von Nutzern und Unterstützern aufzubauen. Unsere Treffen finden immer im BONHOEFFER HAUS / Erinnerungs- und Bildungsstätte in der Berlin / Charlottenburg statt. So ist „Bonhoeffer“ bei all unseren Besprechungen und Planungen immer präsent.

Im Oktober 2012 wurde die Stiftung „Dietrich Bonhoefferbegegnungszentrum“ offiziell anerkannt. Dadurch ist ein weiterer wichtiger umgesetzt worden. Denn die Stiftung hat wesentlich mehr Optionen für Seminare, Veranstaltung und Projekte, als die beiden Kirchengemeinden.

Bereits im April 2012 wurden Frau Sambor und Herr Reichard als Leitung für das Begegnungszentrum gewonnen und eingestellt. Mit der Stiftungsgründung haben jetzt beide Freiräume und Chancen, das Leben im Haus zu intensivieren.

 

Das Haus ist fertig eingerichtet. Der zunächst gedachte Andachtsraum ist inzwischen zu einem Bonhoefferzimmer umgestaltet worden. Hier besteht die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und intensiv mit Literatur und anderen Medien mit der Geschichte unserer Länder, mit der Versöhnung und dem Verstehen dieser so unterschiedlichen Kulturen und mit dem Leben  und Werk Dietrich Bonhoeffers zu beschäftigen.

Im unteren Bereich des Hauses befinden sich zwei Gruppenräume, die auch für Ausstellungen genutzt werden, ein Fußballkicker und eine Tischtennisplatte und ein kleines Büro. Im Erdgeschoss gibt es den großen Gruppenraum mit der Möglichkeit, mit 35 bis 40 Personen in einem Tischkreis zusammen zu sitzen. Die Küche und der Andachtsraum sind ebenfalls auf dieser Ebene. In der folgenden Etage gibt es fünf eingerichtete Zimmer mit je zwei oder auch drei Betten und einem eigenen Bad, so dass hier 11 bis 15 Menschen bequem unterkommen können. Wie in einem Hotel finden die Besucher immer ein fertig bezogenes Bett vor. Im letzten Geschoss des Hauses ist auf zwei Ebenen ein Schlafraum mit 15 Betten eingerichtet, im Kellerbereich gibt es einen Schlafraum für 8 Personen. Für die Hauswirtschaftsleiterin ist eine Wohnung auch auf dieser Etage geschaffen worden. Das Begegnungszentrum liegt in einem wunderschönen Bereich der Stadt Stettin. Es gibt einen großen Garten, eine Terrasse, einen kleinen gemütlichen Vorraum, einen Kamin, Medienschränke, Flipchart etc., die Ausstattung für die Seminare und Veranstaltungen. Vom Begegnungszentrum in die Innenstadt geht man 10 Minuten, zum Schloss und der Oder ca. 35 Minuten, zur Kirchengemeinde allerdings ca. 45 Minuten.

 

Die Übernachtung kostet plus der Vollverpflegung (4 Mahlzeiten) € 27,50 pro Tag und Teilnehmer, allerdings wird bei einer Nutzung des ganzen Hauses mit weniger als 14 Personen eine Pauschale von € 350.- berechnet.

 

Gedenkstätte Finkenwalde / Zdroje

Im Jahr 2003 wurde das Grundstück des ehemaligen Predigerseminars von zwei Berufsschulklassen aus Hamburg und Stettin in seine jetzige Struktur umgestaltet. Damit konnte der Wunsch, eine attraktive schlichte Gedenkstätte zu verwirklichen mit einem Begegnungsprojekt zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen verwirklicht werden. Es ist nicht einfach für die Kirchengemeinde in Stettin, diese Stätte zu unterhalten und zu sichern. Viele mutwillige Zerstörungen und Missachtungen dieser Anlage haben jetzt zu einem erweiterten Projekt geführt. Die Gedenkstätte bekommt ein neues Gesicht, es werden Wege erweitert, Bänke und Informationstafeln werden aufgestellt, ein großer Stein wird dem Besucher Informationen über diesen Ort vermitteln, eine Umzäunung wird dem Grundstück einen sicheren Rahmen geben. Am 9. Juni 2012 wurde die Gedenkstätte in einem feierlichen Gottesdienst mit viel Freude, vielen Menschen und gutem Wetter neu eröffnet.

Das Zentrum ist aus sehr unterschiedlichen Gründen seit Ende 2017 geschlossen.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

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Wirkung / Erfahrung

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Aufgegriffen und weiterentwickelt

    Umfeld des Beitrags

    • Gedenkstätte NS-Zwangsarbeiterlager in Neukölln
      Gedenken und Erinnern an Ereignisse wie den 9. November oder die Befreiung von Auschwitz.
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      von einem Geistreich-Mitglied

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