"Und action!" Ein Filmprojekt für Jugendliche

Autor/innen
2 Geistreich-Mitglieder
Erstellt am: 29.07.2014
Letzte größere Änderung: 05.08.2014
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Jugendliche und Schule, Konfirmandenarbeit, Film
Gemeinden/Institutionen
Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Michaelis in Helmstedt
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: Keine Angaben
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Dreharbeit vor der "Green-Box"

Kurzbeschreibung

Rund 40 Jugendliche drehen an 5 Tagen einen kurzen Spielfilm. Sie übernachten dazu in der Kirchengemeinde. Das Filmprojekt ist eine Gemeinschaftsaktion zwischen Kirchengemeinde(n) und der Ev. Jugend Helmstedt (Propsteijugend). 

Situation / Kontext

Wir sind eine Gemeinde in Helmstedt.

Helmstedt ist eine Kleinstadt in Niedersachsen (ca. 20.000 Einwohner). Sie liegt in unmittelbarer Nähe zu Sachsen-Anhalt und liegt direkt am ehemaligen Grenzübergang „Marienborn“. Der kirchliche Kontext sieht so aus, dass es sechs ev.-luth. Stadtgemeinden gibt, wobei wir uns mit drei weiteren Gemeinden zu einem Quartier zusammengeschlossen haben. Zum Quartier gehören ca. 6000 Kirchenmitglieder. Die Projekt-Teilnehmer kommen aus allen Quartiersgemeinden, nicht nur aus dem Einzugsgebiet der durchführenden Ortsgemeinde. Das Projekt ist also in einem städtischen Kontext angesiedelt, lässt sich aber sicherlich auch in den ländlichen Raum übertragen. Das Projekt versteht sich als ein soziales Projekt. Damit geht es auf die soziale Struktur der Stadt ein, in der Abwanderung, Armut und Arbeitslosigkeit durchaus brennende Themen sind (Stadt und Landkreis sind hoch verschuldet, es gibt kaum Ausbildungsmöglichkeiten).

Während des Projektes bekommt jeder Teilnehmer eine bestimmte Aufgabe. So sind einige Schauspieler, andere Kameraleute, wieder andere Fotografen (z.B. für die Filmtechnik flash forward), noch andere arbeiten in der Requisite – und nicht zuletzt: die Regie-Assistenten, und das Technik-Team (Ton/ Bild), um nur ein paar Aufgabenbereiche zu nennen. Dementsprechend spricht das Projekt sicherlich unterschiedliche Geschlechter, Vorlieben und Milieus an.

Warum diese Sozialform? Worauf reagiert das Projekt als Projekt? Wir spüren, dass moderne Jugendarbeit nicht mehr wie früher funktioniert nach dem Motto: „Hier habt ihr ein altes Sofa und einen Kicker – nun trefft euch bitte jeden Freitag abend!“ Die Schule ist längst nicht nur ein Lernort, sondern ein Lebensort. Das Projekt fand darum auch in den Ferien statt (Himmelfahrtswochenende).  

Ziele

  • Ziel: Junge Menschen sollen intensive Gemeinschaft erleben und während des Kreativprozesses erfahren, dass ihre jeweiligen Gaben und Fähigkeiten Gehör und Raum in der Kirche finden. Sie übernachten in den Räumen der Kirche, so dass „eigene story“ und „kirchliche Geschichte“ optisch und gedanklich in- und nebeneinander liegen.
  • Ziel: Es gibt Begegnungen zwischen älteren Menschen aus der „Kerngemeinde“ und den jüngeren Teilnehmern des Projektes (Gemeindemitglieder „spenden“ Kuchen und Obst, schauen beim Dreh zu etc., die Projekt-Teilnehmer spüren, dass sie nicht an einem „toten Ort“ sind, sondern nehmen die anderen Gruppen und Menschen wahr).
  • Ziel: Die Motivierung von ehrenamtlichen Jugendlichen bzw. die Schaffung eines „Pools“ für jugendliches Engagement, auf das auch in anderer Gelegenheit zurückgegriffen werden kann (z.B. bei Konfirmandenfreizeiten).
  • Ziel: Eine Attraktivitätssteigerung der Konfirmandenarbeit. Die meisten Projekt-Teilnehmer sind KonfirmandInnen (freiwilliges Zusatzangebot). Das Projekt strahlt aus auf den Konfirmandenunterricht.
  • Ziel: Wir wollen den Anforderungen moderner Jugendarbeit entsprechen, siehe oben. Dazu zählt die Wahrnehmung eines „neuen Ehrenamtstyps“, der größtenteils in Eigenverantwortung verantwortlich handeln möchte (Stichwort: eigenständiges Budget, eigene Öffentlichkeitsarbeit). Trotz Projekt-Charakter ist dabei die Nachhaltigkeit ein großes Anliegen. Diese wird sichergestellt durch nachweisbare Ergebnisse (Film-CD) und die Weiterarbeit in Folge-Projekten: Wir haben bislang zwei Filmprojekte im Quartier angeboten – 2013 und 2014. Des weiteren wurden die Filme auch in anderen Gemeindekontexten weiter verwendet (z.B. Vorführung auf dem Gemeindefest). Seit dem ersten Filmprojekt bieten wir auf Konfirmandenfahrten auch einen Film-Workshop an. Ausrüstung und Kompetenz sind vorhanden und werden so weiter genutzt.

Wünschenswertes Ziel wäre es schließlich, wenn auch andere Menschen aus der Gemeinde sich von solcher Art von Projekten inspiriert fühlten vor dem Hintergrund, dass das kybernetische Modell der Vereinskirche mit ihren wöchentlichen Gruppen, durchaus bröckelt (und altert).

Reflexion / Hintergrund

Filmerzählung und ev. Theologie hängen eng zusammen. Die Evangelien sind so etwas wie eine Filmerzählung. Aus verschiedenen Perspektiven und Kameraeinstellungen (vier Evangelien!) wird das Leben Jesu gezeigt und interpretiert.  Die Teilnehmer sollen mit der Wirklichkeit „spielen“ und dadurch indirekt für Fragen nach dem richtigen Blick auf das Leben, der richtigen Einstellung sensibilisiert werden. Damit wird deutlich, dass Wirklichkeit wesentlich von dem lebt, was und wie wir sehen. Theologisch wird damit der Glaube an Gott als eine „Erfahrung mit der Erfahrung“ bestimmt.

Implizit rückt damit auch eine Medienkompetenz in den Blickpunkt. Was bewirkt Schminke? Wie kann ich Wirklichkeit beeinflussen bzw. manipulieren? Welche Macht haben Bilder? Eine solche Medienkompetenz ist theologisch vor dem Hintergrund des biblischen Bilderverbots zu würdigen.

Neben dem Endprodukt spielen vor allem der Kreativprozess und das Gemeinschaftserlebnis (Teamwork) eine wesentliche Rolle. Während des Drehs wird zum einen deutlich: Jede und jeder wird gebraucht. Ein Schauspiel ohne Ton ist wirkungslos. Guter Ton ohne Licht auch. Theologisches Leitbild ist somit der Charismenleib aus 1Kor 12. Zum anderen ist da die Stärkung der individuellen Person: Vor der Kamera stehen. Eine Szene interpretieren.  Erfolg haben, aber auch Scheitern erleben.  Die Wiederholung einer Szene und die Erfahrung: 4 Stunden Dreh ergeben gerade 2 Minuten im Film. Sich zusammenraufen, weitermachen, sich gegenseitig tragen. Und – die Erfahrung: Einen guten Film, eine gute Gemeinschaft, kann man nicht bis in die Vollendung planen und „machen“. Da kommt immer auch etwas Unverfügbares und Geschenktes hinzu.

Die Premierenfeier knüpft hieran an. Die Teilnehmer werden als „Stars“ gewürdigt, Eltern und Großeltern fotografieren, sind stolz – vor der eigentlichen Aufführung. Theologisch anspruchsvoll ist hierbei der Spagat zwischen wirklicher Würdigung und pompöser Überhöhung.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

Die Projektteilnehmer sind zumeist Schüler. Darum finden die Drehtage an einem langen freien Wochenende statt. Es sollte beim Dreh auch mit „Leerlauf“ gerechnet werden. Nicht alle Teilnehmer werden für jede Szene gebraucht. Die Einrichtung einer „chill-lounge“ ist hier hilfreich.

Was Inhalt und Form des Films betrifft, sollte eine Balance gefunden werden zwischen theologischen Fragen und der Lebenswelt der Teilnehmer. Bei unserem Film ging es um die sinnreiche Frage: „Was bewirken meine Handlungen und Entscheidungen? Und was ist Schicksal bzw. determiniert?“ Das ganze aber war zugleich eingebunden in eine actionlastige story aus der Lebenswelt von jungen Teeangern, in der es um die Liebe zu einem Hund, um das Tierheim vor Ort etc. ging.

Vorbereitung

Mit Pressegesprächen, Plakaten, Artikeln im Gemeindebrief, im Internet auf der Gemeindehomepage, und vor allem über facebook haben wir auf das Angebot aufmerksam gemacht.

Die Vorplanungen gingen etwa ein ¾ Jahr vorher los.

Ebenso die Sponsorensuche. Die Sponsoren konnten zwischen mehreren „Sponsoren-Paketen“ entscheiden. Wichtig dabei ist, dass sie keinen Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung des Films nehmen durften. Etwa die Hälfte der Kosten wurden durch Sponsorengelder gedeckt (ca. 2.000 Euro). Das muss dazu gesagt werden: Das Projekt ist – gemessen an kirchlichen Haushalten – nicht ganz günstig. Das erste Projekt 2013 hat über 5.000 € gekostet. Das jetzige Projekt 2014 hat knapp 4.000 € gekostet.

Die Teamer haben sich etwa ½ Jahr im Voraus regelmäßig getroffen, vor allem, seitdem das Drehbuch stand.  Es gab Absprachen mit den externen Drehorten, z.B. mit dem Tierheim, aber auch mit „Elm-Lappwald-Bahn“, die für uns fuhr. Beim ersten Projekt hatte die Freiwillige Feuerwehr mitgemacht.

Durchführung

Die Teilnehmer haben in der Kirchengemeinde übernachtet. Sie haben dort gegessen und geduscht (Essen wurde selber in der Küche gemacht).

Die einzelnen Teamer haben zunächst ihr Ressort vorgestellt (z.B. Regie) und die Teilnehmer – zumeist KonfirmandInnen – konnten sich den einzelnen Ressorts / Teamern zuordnen.

Nach dem ersten Lernen des Drehbuchs wurde mit dem Dreh begonnen – viel auch außerhalb der Gemeinde an verschiedenen Orten der Stadt. Der Film war actionlastig, entsprechend wurden „stunts“ trainiert (an einem Auto) und „special effects“. Am Abend gab es immer eine Andacht.

Nach den Drehtagen wurden die Szenen geschnitten und die Premierenfeier vorbereitet. Die fand als open-air-Veranstaltung statt – mit einer großen Leinwand an der Kirche.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

Der Film wurde auf der großen Premierenfeier gezeigt und später auch auf dem Gemeindefest.

Wirkung / Erfahrung

Das Projekt erhielt große Aufmerksamkeit in den regionalen Zeitungen und auch in der Evangelischen Zeitung. Durch den Dreh an verschiedenen Orten in Helmstedt sind viele Menschen neugierig stehen geblieben und haben sich erkundigt, wer hier denn drehe. Die Eltern, die ihr Kind zum Konfirmandenunterricht anmelden, fragen nach, ob denn nächstes Jahr wieder ein solches Filmprojekt stattfindet. Gemeindemitglieder haben beim Dreh hinein geschnuppert und Sachen gespendet, ebenso einige Eltern. Mit dem Filmprojekt haben wir in Helmstedt Neuland betreten. Freizeiten und andere Aktivitäten bieten auch andere Institutionen an. Ein solches Filmprojekt ist bislang einzigartig.

  

Zu der Erfahrung mit den Ehrenamtlichen: Der Großteil der ehrenamtlichen Mitarbeitenden stammt aus der Evangelischen Jugend. Aber es gibt auch Verbindungen zur Gemeinde. So ist die Projektleiterin zugleich Kirchenvorstandsvorsitzende. Auffällig ist, dass das Projekt – ursprünglich erwachsen aus der Idee, zu dem Jubiläumsjahr der Gemeinde etwas für junge Menschen anzubieten – beim zweiten Mal (2014) eine Eigendynamik gewonnen hat. So hat sich die ehrenamtliche Initiative einen eigenständigen Namen gegeben (maryhill production – zu deutsch: Marienberg-Produktion; das erste Projekt fand an der Kirche St. Marienberg statt). Finanzplanung und Sponsorensuche geschah gemeinsam mit dem Pfarramt. Ansonsten wurde sehr eigenständig gearbeitet (z.B. Anschaffung von Technik etc.). Die Teamer, angeleitet durch einen 2-3er Kreis, wollten hier Freiheit und Eigenständigkeit (selbständiges Herangehen an die Presse). Diese Freiheit war unbedingt erforderlich, freilich auch nicht ganz unproblematisch. Insgesamt aber ist sehr zu loben, dass dieses Projekt ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen wurde. Die Zeit, die hierin investiert wurde, ist gar nicht zu benennen! Und das Ganze recht professionell!

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