Der Fensterzyklus von Johannes Schreiter in der Peterskirche Heidelberg

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ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 11.12.2014
Letzte größere Änderung: 13.12.2014
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Deutsch (Original, angezeigt)
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Gemeinden/Institutionen
Peterskirche Heidelberg in Heidelberg
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Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: Auf Dauer
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Kurzbeschreibung

Kirchenfenster lassen das Licht nur gebrochen in den Raum und erzählen vom Glauben - in besonderer Weise tun dies diese modernen Fenster.

Situation / Kontext

Die Evangelische Peterskirche ist heute die Universitätskirche Heidelbergs. Zu ihr gehört keine Wohnortgemeinde, sondern in ihr werden an den Sonn- und Feiertagen Universitätsgottesdienste gefeiert, die sich vor allem, aber nicht ausschließlich an die Mitglieder der Universität richten und in denen die Lehrenden der Theologischen Fakultät regelmäßig predigen. Neben weiteren Gottesdiensten (lutherische Werktagsmesse, Seminargottesdienste, alternative Abendgottesdienste) finden zahlreiche Konzerte, Vorträge, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen statt. Von April bis Oktober ist die Kirche tagsüber geöffnet und lädt zur Besichtigung, zum Verweilen, zum Gebet ein.

http://www.peterskirche-heidelberg.de/schreiterfenster/

Ziele

Die Fenster berichten von Begegnungen. Begegnungen, die sich zwischen Menschen, Fächern, Kulturen, Religionen, Lehrenden und Studierenden ereignen. Damit laden sie selber ein zu Kommunikation und Begegnungen.

Reflexion / Hintergrund

Wie jede Kunst eröffnet auch die Glaskunst verschiedene Zugänge und Deutungen. Die Offenheit der Deutungen ist bei zeitgenössischen Umsetzungen oft besonders stark ausgeprägt. Nicht selten scheitern aber bereits die ersten Zugänge, weil vieles fremd wirkt. Jedoch ist das Fremde, Unerwartete, Verstörende gerade ein wichtiges Signum moderner Kunst.

Im Unterschied zur traditionellen Glaskunst, in der häufig Geschichten malerisch erzählt werden oder deren Darstellungen eindeutig als Szenen der Heiligen Schrift erkennbar sind, verzichtet Johannes Schreiter auf die alten, oft klischeehaft anmutenden Symbole und Farben der Tradition. Seine weltweit beachtete und anerkannte Kunst ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie eine zeitgenössische abstrakte Formensprache in der Glaskunst weiterentwickelt und diese dadurch aus alten Fesseln löst. Das bedeutet jedoch nicht, dass Schreiters Kunst keine Botschaften beinhaltet, jedoch sind sie nie eindeutig oder gar als Intention des Künstlers formulierbar. Sie müssen vom Betrachter selbst wahrgenommen und gebildet werden. Wahrnehmungshilfen bieten die Themen der Fenster, ihre Verbindungen zu biblischen Aussagen und Bildern oder ihr Kontext im Kirchenraum. Solche Wahrnehmungshilfen sollen hier angeboten werden. Sie möchten erste Zugänge bahnen und zu eigenen Erkundungen der Botschaften aus Licht und Glas anregen.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

Bei der letzten großen Renovierung des Innenraums (2004–05) wurden u.a. die alten Farbgebungen wiederhergestellt, ein neues Raum- und Lichtkonzept verwirklicht und neue Prinzipalstücke (Altar, Kreuz, Lesepult, Taufstätte, Osterkerzenständer) von Matthias Eder entworfen, deren klare kubische Formen in einem spannungsvollen Kontrast zu dem von Grabdenkmälern geprägten Chorraum stehen.

Im Zuge dieser Renovierung wurde im Kirchenvorstand die Idee entwickelt, Johannes Schreiter um Entwürfe für einige Fenster zu bitten. 2005 entstanden die Entwürfe für die drei Fenster der Universitätskapelle, wenig später die Idee des Friedensfensters für die Gebetskapelle. Diese vier Fenster wurden 2006 eingebaut. 2009/10 entstanden weitere Entwürfe für die drei freien großen Fenster im Kirchenschiff und die beiden kleinen romanischen Fenster. Sie alle konnten von 2010 bis 2012 schrittweise realisiert werden, so dass insgesamt ein Zyklus von neun Fenstern entstanden ist.

Alle Fenster wurden ausschließlich durch Spenden finanziert.

    

Die Einweihung der einzelnen Fenster geschah jeweils im Gottesdienst mit einer Predigt zu dem je neuen Fenster. Im Anhang unten finden Sie die Predigt zum Titelbild, dem Tauffenster:

Predigt zur Einweihung von Johannes Schreiters Tauffenster im Taufgottesdienst am 10. Juli 2011 in der Peterskirche Heidelberg.

Durchführung

   

Die Fenster „Begegnung“, „Vertreibung“, „Auferstehung“

In der südlichen Seitenkapelle, der Universitätskapelle, ist ein Ort der Begegnung mit der Universitätsgeschichte entstanden. Die dort befindlichen Epitaphien und Inschriften erinnern an berühmte Gelehrte unterschiedlicher Fakultäten und Zeiten, unter ihnen der Gründungsrektor der Universität Marsilius von Inghen, aber auch Olympia Fulvia Morata (1526–55) aus Ferrara, eine berühmte Humanistin und Dichterin, die wohl die erste Dozentin der Heidelberger Universität geworden wäre, jedoch zu früh verstarb, sowie an Studenten aus verschiedenen europäischen Ländern. Der Raum kündet von den Blütezeiten der Universität, die immer dann eintraten, wenn sich Begegnungen über nationale, regionale, fachspezifische oder religiöse Grenzen hinweg ereigneten. Davon berichtet das ausliegende Gedenkbuch, in dem die Geschichte der Universität in solchen Begegnungen erzählt wird.

Begegnung ist auch das Thema des ersten Fensters von Johannes Schreiter. In seiner rechten Hälfte sind die für den Künstler typischen Klammerfiguren erkennbar, die oft für Menschen stehen. Sie sind in einer Reihe paarweise einander zugeordnet: Begegnungen, die sich zwischen Menschen, Fächern, Kulturen, Religionen, Lehrenden und Studierenden ereignen. Sie geschehen, jedoch bleiben gewisse Distanzen erhalten – Verschmelzungen finden nicht statt. Wie in der Wissenschaft und im Leben gelingen nicht alle Begegnungen. Im dritten Paar von unten wendet sich ein Partner ab, weiter oben fehlen die Gegenüber, zwei Figuren bleiben allein, obwohl sich eine über die eignen Grenzen hinaus ausstreckt. An der linken Seite des Fensters sind zwei Streifen erkennbar, ein schmaler weißer und ein roter. Dieses Weiß, das auch im oberen Maßwerk und in vielen Klammerfiguren erscheint, ist im Zyklus die Farbe Gottes. Sein Geist erfüllt, verändert und bewegt Menschen. Seine Liebe (rot) will Menschen erfüllen (weiße Figur, unten links) und kann – den einzelnen durchaus unbewusst – gelingende Begegnungen prägen: Im ersten, zweiten und siebten Paar entsteht durch die Begegnungen ein Kreuz in Rot; im siebten Paar ist vom weißen Streifen ausgehend der Kraftstrom, theologisch: der Segen, erkennbar; das erste Paar nimmt in Farbe und Ausdehnung eine Sonderstellung ein.

Im scharfen Kontrast zum ersten steht das dritte Fenster: Die zur Begegnung geschaffenen Figuren werden dort zu Gegnern und bedrohlichen Waffen. Vertreibungen und Verfolgungen werden damit thematisiert. Sie prägen die Universitätsgeschichte ebenso wie die Begegnungen. Auch davon berichtet das Gedenkbuch, das zudem Namen und Biogramme der in der NS-Zeit vertriebenen Dozentinnen und Dozenten bewahrt. In Schreiters Fenster werden die Figuren unten rechts zwar in den Bereich des Todes hinausgestoßen, aber gleichzeitig sind sie es, die als weiße, reine, mit Gott verbundene Menschen erscheinen. Der weiße Strahl von oben reicht hinein in die grausam-graue Realität, aber kann er die Verfolgten erreichen? Nur vereinzelt sind bei den linken grauen Klammerfiguren weiße Spuren erkennbar: Ganz oben streckt sich einer, vielleicht im Gebet, zu Gott aus, die unteren Figuren bleiben für sich, Widerstand gegen die Verfolger bringen sie nicht auf. Das mittlere Fenster thematisiert Auferstehung. Links ist ein großes geöffnetes Grab sichtbar, rechts eine Kette von offenen kleineren Einzelgräbern. Im Unterschied zu den beiden Seitenfenstern verläuft die Dynamik hier erkennbar vertikal, denn Auferweckung, die Gabe neuen und unzerstörbaren Lebens, ist allein durch Gott möglich. Für die Glaubenden ist sie zudem verbürgt in der Auferweckung des Einen, der Gott und Mensch zugleich ist, Jesus Christus. In seinem Grab ist ein Splitter göttlicher Liebe erkennbar; sie bleibt dort wie in allen Gräbern (vgl. Tauffenster) als Hoffnungsschimmer erhalten. Auferweckung ist auch unser Ziel, Christus reißt uns durch alle Widerwärtigkeiten, Verfolgungen, Vertreibungen und Nöte hindurch, oder wie Paul Gerhardt gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges gedichtet hat:

„Ich hang und bleib auch hangen / an Christus als ein Glied; / wo mein Haupt durch ist gangen, / da nimmt er mich auch mit, / Er reißet durch den Tod, / durch Welt, durch Sünd, durch Not, / er reißet durch die Höll, / ich bin stets sein Gesell.“

(Ev. Gesangbuch Nr. 112,6 – Paul Gerhardt, 1647)

 

Fenster „Himmlisches Jerusalem“

In der Bibel wird das „himmlische Jerusalem“ in Apk 21 als neue, ideale, quadratische Stadt mit zwölf Toren und zwölf Edelsteinen beschrieben, in der Gott selbst anwesend ist und daher keinen Tempel benötigt. Dieser Gedanke wird im hell leuchtenden Quadrat des Fensters erkennbar aufgenommen, das vom bedrohlichen Grau im Himmel (oberes Maßwerk) und auf Erden (unten) umgeben ist. Der zerberstende Erdkreis verdeutlicht, dass die alte Erde mit ihren Kriegen, Vertreibungen und ihrem Unrecht vergeht. Der neue Himmel, die neue Erde, das neue Jerusalem sind allein Gottes Tat und Gabe. Die Ewigkeit ist mehr und anderes als die Fortschreibung paradiesischer Naturfreuden oder die Vollendung menschlicher Kulturleistungen, sie umfasst und gründet neues Leben in einer neuen Gottesstadt, einer Stadt ohne Tränen und Gewalt.

Dorthin, zum himmlischen Jerusalem, von Paulus in Gal 4,21ff als Ort der Freiheit entworfen, strömen die Menschen und Völker aus allen Richtungen durch die edelsteinbesetzten Tore. Sie erleben im leuchtend-strahlenden Gelb das neue Leben und die neue Stadt – und Gott in ihrer Mitte: das weiße Quadrat, deren zwei Hälften in der Mitte durch das rote Band der Liebe verbunden sind (traditionell die Rolle des Heiligen Geistes), weist auf Gott, und gleichzeitig wird das gesamte Quadrat durch ein Pluszeichen (oder ist es doch ein Kreuz, das Schreiter jedoch sonst so gut wie nie verwendet?) bekräftigt. Diese Quadratgestaltung kann als Hinweis auf das Geheimnis der Trinität gelesen werden, die ihrerseits von Kurt Marti mit einer trefflichen Metapher als „gesellige Gottheit“ beschrieben wurde, gesellig in sich und mit den Geschöpfen, gesellig in der neuen Stadt.

„Gloria sei dir gesungen / mit Menschen- und mit Engelzungen, / mit Harfen und mit Zimbeln schön. / Von zwölf Perlen sind die Tore / an deiner Stadt; wir stehn im Chore / der Engel hoch um deinen Thron. / Kein Aug hat je gespürt, / kein Ohr hat mehr gehört / solche Freude. / Des jauchzen wir und singen dir / das Halleluja für und für.“

(Ev. Gesangbuch Nr.147,3 – Philipp Nicolai, 1599)

 

Das Friedensfenster

Das Friedensfenster in der Gebetskapelle widmete Johannes Schreiter seiner 2007 verstorbenen Ehefrau Edith. Den Vers aus Joh 14,27 („Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“) hat Schreiter während der Arbeit am Entwurf intensiv meditiert, so dass das Fenster auch dieser Spur folgend wahrgenommen werden kann.

Mit seinen Farben Weiß, Gelb-Gold-Ocker (Siena) und Rot übt das Fenster eine friedvolle Wirkung aus, die sicher auch in der Abwesenheit des in den gegenüberliegenden Fenstern verwendeten Grautons begründet ist. Hinzu kommt die breite weiße, von oben nach unten verlaufende Bahn, die wie Gottes uneingeschränkte Zuwendung, die anders ist als die Welt und von ihr unterschieden bleibt, wirkt. Die leuchtend rote Klammer der Gottesliebe verstärkt diese Zuwendung und die sie umgebenden Bleiruten geben dem Fenster Dynamik. Man kann diese Bleiruten durchaus auch als Lebenslinien verstehen: starke und schwächere, abbrechende und von der Seite kommende, die sich an die Liebe Gottes heften. Der kleine blau-violette Schimmer (ist er ein Hinweis auf einen Edelstein des himmlischen Jerusalem oder doch auf die Passion Jesu?) erscheint wie ein Hoffnungszeichen, dass diese Verbindung im Tod und im Leben gelingt: „Nicht ... wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Dass die Begegnung mit Gott auch auf Erden möglich ist, darauf weist das im unteren Bereich befindliche horizontale weiße Band. Das rot-orange Rechteck, in das Gottes Weiß von oben hineinströmt, ist offen für manche Deutung. In der christlichen Tradition ist neben dem Gebet der Abendmahlsstisch ein Ort solcher Gottesbegegnung und der Erfahrung tiefen Friedens mit Gott und den Menschen.

Viele empfinden dieses Fenster als besonders schön und gelungen; Kunsthistoriker halten es für das ausgewogenste und ruhigste; Menschen, die den Ort zu Meditation und Gebet aufsuchen, berichten von Erfahrungen der Ruhe und des Trostes: „... meinen Frieden gebe ich euch.“

 

Das Fenster „Heiliger Geist“

Im Gegensatz zur stillen Harmonie des Friedensfensters begegnet dem Betrachter im benachbarten Fenster Heiliger Geist eine ins Auge fallende Dynamik: In der Mitte weist ein von oben nach unten zeigender rot-gelber Pfeil in der weißen Bahn die Richtung dieser Kraft. Im unteren Fensterbereich befinden sich weitere Bahnen in Weiß und Grau, aber auch weiße Klammerfiguren mit züngelnden Flammen, die an die Pfingstgeschichte nach Apg 2 erinnern. In der Pfingstverheißung heißt es: „Ihr werdet die Kraft (griech.: dynamis) des Heiligen Geistes empfangen ... und werdet meine Zeugen sein“ (Apg 1,8).

In der Dynamik dieses Geistes springt das mittlere graue Feld auf, weiß sich auf der linken Seite das Weiß stark und kraftvoll gegen das bedrohliche Alltagsgrau durchzusetzen, ohne dass dieses ganz verschwinden könnte, und ist auf der rechten Seite, dem Bereich des Todes im Vertreibungsfenster, die weiße Bahn zwar beschädigt, aber doch verlässlich; im Vergleich mit den Bedrohungen im Vertreibungsfenster fällt der Unterschied besonders ins Auge. Theologisch gelesen: Eine begeisterte Kirche ist Zeugin des Friedens und der Gerechtigkeit und stets neu entflammt, die Botschaft der Liebe Gottes in Wort und Tat weiterzugeben.

Interessant ist ein kleines Detail im oberen Maßwerk: Obwohl Schreiter seine Gestaltung nahezu immer in das vorhandene Maßwerk einpasst, hat er hier eine bemerkenswerte Ausnahme gemacht: Die obere Querverstrebung in der mittleren Bahn wurde entfernt, damit die gelb-rote Klammer die vorgegebene Ordnung durchbrechen kann. Gottes Geist durchbricht menschliche Begrenzungen und verändert in, durch und trotz uns die Welt.

„O komm, du Geist der Wahrheit, / und kehre bei uns ein, / verbreite Licht und Klarheit, / verbanne Trug und Schein. / Gieß aus dein heilig Feuer, / rühr Herz und Lippen an, / dass jeglicher getreuer / den Herrn bekennen kann.“

(Ev. Gesangbuch Nr.136,1 – Philipp Spitta, 1833)

 

Das Tauffenster

Auch das Tauffenster strahlt durch die in ihm verwendeten Farben (hier kommt ein Blauton innerhalb der sonst dominierenden Gold- Gelb-Rot-Töne zum Einsatz), die malerischen Übergänge, die Fülle der Bleiruten und das im unteren Bereich verwendete dramatische Grau-Schwarz große Dynamik aus.

Im Kontext der Taufstätte und des benachbarten Thoma-Gemäldes vom im Wasser versinkenden und von Christus herausgerissenen Petrus hat dieses Fenster seinen biblischen Anknüpfungspunkt in einem Abschnitt aus dem Römerbrief über die Taufe: „Wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft worden sind, auf seinen Tod getauft worden sind? Mit ihm sind wir demnach begraben worden durch die Taufe auf den Tod, damit, wie Christus von den Toten auferstanden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir wandeln in der Neuheit des Lebens“ (Röm 6,3f).

Die Taufe führt symbolisch zunächst ins Grab hinein. Aber weil es das Grab Christi ist (die linke Hälfte des Grabes ist etwas heller und hat auch den roten Liebessplitter wie im Auferstehungsfenster) und ihm Gottes Verheißung gilt (das Weiß und auch der Strom des lebendigen Wassers reichen tiefer als das Grab), führt es mit Gewissheit wieder zum Leben – eine Deutung, die auch der Geschichte vom sinkenden Petrus entspricht. Getaufte sollen in der Neuheit des Lebens wandeln, also gemäß Paulus die alten Hierarchien und Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Herren und Sklaven, Juden und Heiden (vgl. Gal 3,28) durchbrechen und dies innerhalb ihres Lebens in Kirche und Welt zu verwirklichen trachten.

 

Reines, lichtes Wasser, lebendiges,

fließendes, frisches Licht, lebendiges,

Da bleibt kein Stein vor dem Grab, da kannst du nicht liegen bleiben, da musst du dich erheben,

leben, aufrecht.

In diesem Lichtquell

ist dir keine Grenze gesetzt. (Thomas Weiß, 2012)

 

Die Fenster „Wort“ und „Sakrament“

Die beiden kleinen romanischen Fenster widmen sich den Themen Wort (oben) und Sakrament (unten) und damit einem zentralen Begriffspaar evangelischer Theologie, mit dem die Aufgabe der Kirche beschrieben wird: In Wort und Sakrament hat die Kirche „die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmer Theologische Erklärung [1934], These VI).

Beide Fenster sind erfreulich uneindeutig. In ihnen ist jeweils durch die Form als Zwillingsfenster (Biforium) und die Bildgestaltung des unteren Fensters das Kreuz erkennbar. Das Wort im biblischen Sinn ist das „Wort vom Kreuz“ (1. Kor 1,18), also die Botschaft, dass Gott im gekreuzigten und auferweckten Christus sein Wirken für alle und ein für alle Mal gezeigt hat. Das Kreuz im oberen Fenster trennt aber nicht die grauen von den gold-gelben Bereichen, sondern das leuchtende Gelb, das auch im Jerusalemfenster und in allen drei Nordfenstern sichtbar ist und wohl für Gottes Wirken steht, reicht in den Bereich der grauen Flächen hinein. Vielleicht ist dies als mahnender Hinweis an die Kirche zu verstehen, die freie Gnade Gottes nicht in Kirchenmauern einzusperren.

Auf dem Sakramentsfenster begegnen dem Betrachter die bekannten Pfeile in rot und rot-gelb-weiß. Die Sakramente, mit denen die Kirche den Menschen zu dienen hat, sind Zeichen für Gottes Wirken und seine Botschaft vom Kreuz. Dynamische Bleiruten begegnen auf geraden und krummen Wegen dieser Botschaft, machen Erfahrungen von Liebe und Frieden (umschlossene rote Splitter), die mitten in Kirche und Welt kostbar, aber vorläufig sind. Der im gesamten Zyklus einmalig verwendete Farbton Magenta (unten rechts) als Mischung von Blau und Rot ist möglicherweise ein Hinweis auf das neue Leben aus der Taufe.

Dominierend ist in beiden Fenstern die strahlende Gottesfarbe Weiß. Während sie auf allen anderen Fenstern stärker oder schwächer vorhanden ist, bildet sie hier den alles prägenden Hintergrund, verweist auf Fundament wie Ziel der Kirche, auf ihre Aufgabe und verbindet beide Fenster mit dem weißen Streifen im sich anschließenden Begegnungsfenster. So schließt der Fensterzyklus von Johannes Schreiter mit einer Einladung zu erneuter Begegnung und Kommunikation.

     

Prof. Dr. theol. Helmut Schwier

Lehrstuhl für Neutestamentliche und Praktische Theologie

Universitätsprediger

Theologisches Seminar der Universität Heidelberg

   

  

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

Damit die Kirchenfenster Besuchern der Kirche erschlossen werden können, wurde im Schnell und Steiner Verlag ein Buch herausgegeben, dem dieser Beitrag entnommen wurde:

  • Helmut Schwier (Hg.), Botschaften aus Licht und Glas: Der Fensterzyklus von Johannes Schreiter in der Heidelberger Universitätskirche, Schnell & Steiner; 24. Juni 2013.

Wirkung / Erfahrung

Sehr positive Resonanz.

Aufgegriffen und weiterentwickelt

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