Neue Orgel mit Schnittstelle zu Synthesizern und Computerprogrammen

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ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 16.03.2015
Letzte größere Änderung: 16.03.2015
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Deutsch (Original, angezeigt)
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Musik
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St. Johannis-Harvestehude in Hamburg
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Vorbereitung: 5 Jahre
Durchführung: 2 Jahre
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Kurzbeschreibung

Die Kirche St. Johannis-Harvestehude (Hamburg) hat eine neue Orgel erhalten: Mit dem innovativen System "Sinua Castellan" wurde eine Schnittstelle eingebaut, die eine Interaktion zwischen Orgel, elektronischen Klangerzeugern und Computerprogrammen erlaubt.

Situation / Kontext

1882 wurde vor den Toren Hamburgs im neu entstandenen Stadtteil Harvestehude die Kirche St. Johannis erbaut. Durch die Spende der vermögenden Konsulatsehefrau Ida Schmidt im Gedenken an ihren verstorbenen Sohn wurde die dänische Orgelbaufirma Marcussen mit dem Bau einer Orgel beauftragt.

Marcussen gehörte damals zu den gefragtesten und renommiertesten Orgelbauern Norddeutschlands und Dänemarks. Die ursprüngliche Orgel umfasste damals 27 Register, verteilt auf zwei Manualen und Pedal. So sehr bei der Einweihung das große handwerkliche Geschick des Erbauers und der schöne Klang gelobt wurde, wurde auch die recht geringe Zahl an Registern kritisiert. Mehrfach wurde sie daher erweitert und im Klang auch dem jeweiligen Zeitgeist angepasst. Denn das ursprüngliche romantische Klangkonzept kam im 20. Jahrhundert aus der Mode und musste einem neobarocken Klangideal weichen.

Eine geschichtliche Besonderheit ist, dass sie nach dem 2. Weltkrieg die einzige spielbare Konzertorgel Hamburgs war. Die letzte Veränderung erfuhr die Orgel 1974, als die mechanische Traktur durch eine elektrische ersetzt wurde und ein neuer freistehender Spieltisch gebaut wurde.

Ziele

Ziel der neuen Orgel ist die Verknüpfung von Tradition und Innovation. So entsteht hinter dem historischen Prospekt eine klassische Kirchenorgel. Das Klangbild der 53 Register ist am spätromantischen Klangideal, insbesondere am Klangideal Marcussens angelehnt. Was an originalen Pfeifen noch erhalten war, wird in der neuen Orgel weiterhin erklingen. Durch ein geschicktes Raumkonzept konnte trotz mechanischer Spiel- und dualer (also mechanischer und elektrischer) Registertraktur die Registerzahl nahezu verdoppelt werden. Röhrenglocken, Koppeln auf allen Werken, Tremulanten (Apparaturen, die die Luft in Schwingung versetzen und den Ton gewissermaßen flattern lassen), ein Windschweller, mit dem man den Winddruck stufenlos regulieren kann und eine Setzeranlage zum Speichern von Registerkombinationen sind bei Orgeln dieser Größenordnung natürlich keine außerordentliche Besonderheit, wenngleich erwähnenswert.

Doch mit dieser Orgel gehen wir einen Schritt weiter. Mit dem innovativen System "Sinua Castellan" wurde eine zukunftsweisende Schnittstelle eingebaut, die eine Interaktion zwischen Orgel, elektronischen Klangerzeugern und Computerprogrammen erlaubt. Synthesizer vom Spieltisch aus bedienen und mit dem Orgelklang verschmelzen lassen oder Improvisationen direkt am Rechner aufzeichnen und bearbeiten sind nur einige der Möglichkeiten, die dieses System bietet. Damit wollen wir ein Gegengewicht zu dem derzeit vorherrschenden rein restaurativen Gedanken liefern, den man bei so vielen Orgelneubauten, insbesondere hier in Hamburg, erkennen kann.

Reflexion / Hintergrund

Wir wollen zeigen, dass seriöser Orgelbau, der sich einer Tradition verpflichtet fühlt, nicht unvereinbar ist mit innovativen Konzepten, die neue ungeahnte Möglichkeiten in Spiel und Klang eröffnen. 

Denn für uns ist Kirche kein Museum, sondern ein lebendiger, der Gegenwart und Zukunft zugewandter Ort.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

In mehreren Prüfungen, auch durch den Orgelsachverständigen Petersen, wurde vor einigen Jahren festgestellt, dass die Veränderungen der Qualität und dem Klang der Orgel geschadet haben. Da wichtige Bestandteile der Technik stark abgängig waren und der Ausfall des Instrumentes drohte, entschloss man sich vor fünf Jahren, Orgelfirmen mit Bitte um Entwürfe für einen restaurativen Neubau anzuschreiben. Den Zuschlag erhielt schließlich die Leonberger Orgelbaufirma Mühleisen.

Durchführung

2013 wurde hinter dem historischen Prospekt die gesamte Orgel abgebaut und im vergangenen Jahr mit dem Einbau der neuen Orgel begonnen. Der technische Aufbau ist im März 2015 nahezu vollständig abgeschlossen und in den verbleibenden letzten Wochen vor der Einweihung werden nun die rund 3500 Pfeifen intoniert und gestimmt.

   
Einen Fernsehbericht finden Sie unter
 http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hamburg_journal/Hightech-Orgel-fuer-St-Johannis,hamj39314.html

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

Die neue Orgel will natürlich gefeiert und gespielt werden. Deshalb haben wir zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen rund um die neue Orgel konzeptioniert:
 
Sonntag, 22. März 2015, 10 Uhr
 
Festgottesdienst zur Orgelweihe

 
"Die Orgel ist ein wunderbarer, sehr menschlicher und daher nicht wegzudenkender Träger der christlichen Botschaft", sagte einmal Egidius Braun. Zwei Jahre mussten wir auf das Instrument verzichten, das einen so großen Klangkosmos in sich trägt, dass es vielen Hörern zur Stimme des göttlichen Klanges wurde. Umso mehr freuen wir uns, die neue Orgel erstmals in diesem Festgottesdienst erklingen zu lassen. Im Anschluss an den Gottesdienst stellen Hans-Martin Petersen, der als Orgelsachverständiger den Orgelbau begleitete, und Christopher Bender die neue Orgel vor.
 
Pastorin Birgitta Heubach, Liturgie und Predigt
Chor St. Johannis
Christopher Bender, Orgel
 
Sonntag, 22. März 2015, 19 Uhr
 
Einweihungskonzert

 
Zwei vielfach preisbedachte Meister der Orgelmusik werden das erste Konzert gestalten: Prof. Wolfgang Zerer und Prof. Franz Danksagmüller. Der Hamburger Hochschulprofessor Zerer, geboren 1961 in Passau, war Preisträger bei Orgelwettbewerben (etwa Brügge und Innsbruck) und hatte Lehraufträge in Stuttgart und Wien. Seit 1989 ist er Professor für Orgel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, gibt Konzerte, Meisterkurse, übernimmt Jurytätigkeiten und machte CD-Aufnahmen. Er bereiste bereits die meisten Länder Europas, Israel, USA, Südkorea und Japan.
Nach der Pause wird Prof. Franz Danksagmüller die Orgel von einer ganz an-deren Seite beleuchten. Danksagmüller, der nach Stationen in St. Pölten, Wien und Linz nun in Lübeck Orgelimprovisation unterrichtet, ist international bekannt für seine Improvisationen, die die Orgel, oft auch in Verbindung mit Live-Elektronik, in ganz neuem Licht erscheinen lassen. So feiern wir in diesem Konzert, was diese Orgel ausmacht: Tradition und Innovation.
 
Prof. Wolfgang Zerer und Prof. Franz Danksagmüller, Orgel
 
Eintritt: 10 €
VVK (Konzertkasse Gerdes Tel. 040/453326)
und Abendkasse ab 18.30 Uhr
 
Sonntag, 29. März 2015, 15 Uhr
 
Orgelführung für Kinder

 
Besonders auf Kinder übt eine Kirchenorgel eine besondere Faszination aus. Ein Blick auf die vielen leuchtenden Knöpfe und Tasten am Spieltisch, die Erklärungen zu den tausenden Pfeifen und Einblicke in das Innere der Orgel werden für Kinder zu einem spannenden und eindrucksvollen Erlebnis. Eine Führung dauert ca. 30 Minuten. Die Größe einer Gruppe ist auf 15 Kinder plus Begleitung limitiert, daher bieten wir bei Bedarf mehrere Führungen an. Anmeldung deshalb erforderlich unter kirchenmusik@st-johannis-hh.de
 
Karfreitag, 3. April 2015, 10 Uhr
 
Gottesdienst mit Passionsmusik

 
Heinrich von Herzogenberg: Passion (Auszüge)
 
Zusammen mit dem Theologen Friedrich Spitta schrieb Herzogenberg 1898 dieses "Kirchenoratorium", das er bewusst für die Aufführung im liturgischen Rahmen vorgesehen hatte. So sind die Gemeindechoräle in das Stück eingewoben und auch die Orgel hat eine tragende Rolle. Wenngleich er mit diesem Stück keine Erfolge feiern konnte, ist Herzogenberg mit seiner Haltung zum Wegbereiter der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik geworden. Die Verwebung von Lesung, Chormusik und Gemeindegesang gibt dem Gottesdienst eine neue, emotionale Tiefe.
 
Birgitta Heubach, Predigt
Harvestehuder Kammerchor
Streicherensemble St. Johannis
Christopher Bender, Orgel
Claus Bantzer, Leitung
 
Karfreitag, 3. April 2015, 14.30 Uhr
 
Musik zur Todesstunde

 
Die Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu als große Improvisation für Orgel und Synthesizer. In 30 Minuten wird die Geschichte von der Gefangennahme am Ölberg bis zum Tod am Kreuz mit eindrucksvollen Klängen dargestellt. Seit Jahren ist die Musik zur Todesstunde vielen Menschen ein wichtiges Ritual geworden.
 
Christopher Bender, Orgel und Synthesizer
 
Eintritt frei
 
Ostersonntag, 5. April 2015, 19 Uhr
 
Festliches Osterkonzert

 
Mit diesem Konzert und einer Koryphäe der Orgelmusik  beschließen wir die musikalischen Festwochen zur Orgeleinweihung. Der 1975 geborene Martin Schmeding hat schon in jungen Jahren eine eindrucksvolle Vita vorzuweisen. Auf acht 1. Preise bei "Jugend musiziert" folgten, weitere beim Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerb Berlin, Pachelbel-Wettbewerb Nürnberg, Ritter-Wettbewerb Magdeburg, Böhm-Wettbewerb Lüneburg, Deutschen Musikwettbewerb Berlin, Europäischen Wettbewerb junger Organisten Ljubljana und Musica antiqua Competition Brugge, um nur einige zu nennen.
Mit 24 Jahren war er Organist an der renommierten Neanderkirche in Düsseldorf, mit 27 Jahren an der Dresdner Kreuzkirche. Nach Lehraufträgen in Hannover, Leipzig, Dresden und Bremen ist er 2004 zum Professor an die Freiburger Musikhochschule berufen worden. Wenn man auf seiner Homepage nach seinem Repertoire schaut, findet man neben dem Gesamtwerk der wichtigsten Orgelkomponisten aller Epochen auch Programme für ausgefallene Kombinationen wie Orgel und Schlagzeug und experimentelle Programme moderner Komponisten. Mit Sicherheit wird es Martin Schmeding auch in diesem Konzert gelingen, die Besonderheit unserer neuen Orgel herauszuarbeiten und zum Strahlen zu bringen.
 
Prof. Martin Schmeding, Orgel
 
Eintritt: 10 €
VVK : Konzertkasse Gerdes Tel. 040/453326 oder www.eventim.de
und Abendkasse ab 18.30h
  

   
April - Oktober 2015, jeweils letzter Sonntag im Monat um 19 Uhr
 
Orgelmusik zur Abendzeit

 
Die Orgelmusik zur Abendzeit hat eine lange Geschichte an St. Johannis-Harvestehude. Unter Claus Bantzer wurde sie zu einer bedeutenden Konzertreihe in Hamburg. Viele Menschen kamen, um seinen Improvisationen zu lauschen. Diese Tradition hat Christopher Bender seit 2008 bis zum Abbau der alten Orgel fortgesetzt. Mit der neuen Mühleisen/Marcussen-Orgel haben wir nun ein Konzertinstrument, das sowohl für Literaturspiel, insbesondere Musik der Romantik, als auch für Improvisationen hervorragend geeignet ist. Neben Christopher Bender sind viele exzellente Organisten aus ganz Deutschland der Einladung gefolgt, um Sie mit wunderbarer Musik zu begeistern.
Die Konzerte dauern rund eine Stunde, der Eintritt ist immer frei.
 
26.4.      mit Christopher Bender
31.5.      mit Christoph Schoener (St. Michaelis, Hamburg)
28.6.      mit Claus Bantzer (ehem. KMD von St. Johannis-Harvestehude)
26.7.      mit Matthias Neumann (Hamburg, Bayreuth)
30.8.      mit Stephan Kreutz (Villingen/Schweiz)
28.9.      mit Wolfgang Seifen (Berlin)
25.10.    mit Christopher Bender

     

http://www.st-johannis-hh.de

Wirkung / Erfahrung

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Aufgegriffen und weiterentwickelt

    Umfeld des Beitrags

    • Partitur
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