Denkmalwürdiger Klimaschutz

Autor/innen
ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 02.10.2017
Letzte größere Änderung: 02.10.2017
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
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Verwalten, Bauen, Erhalten
Gemeinden/Institutionen
Evangelische Kirchengemeinde Havelländisches Luch in Paulinenaue
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: 2 Jahre
Durchführung: 6 Monate
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Kurzbeschreibung

Energetische Sanierung der ehemaligen Winterkirche in unserer Ortsgemeinde Pessin, Umwidmung zu einem ganzjährig nutzbaren Gemeinderaum, Wechsel des Energieträgers

Situation / Kontext

Wir sind eine Gemeinde in der Diaspora und haben eigentlich eine viel zu große Kirche. Im Winterhalbjahr finden hier in einem abgetrennten Bereich die Gottesdienste statt (außer Erntedank und am Heiligen Abend), die Kinder und die Senioren treffen sich hier ganzjährig, aber auch die politische Gemeindevertretung oder Vereine, allen voran „unser“ Förderverein Dorfkirche Pessin e.V. Die Kirchengemeinde hat kein weiteres Gebäude im Ort.

Ziele

Wir wollen die Kirche als sakralen Raum erlebbar machen, das Leben auf dem Land stärken und dessen Potenziale nutzen. Zugleich wollen wir der Verantwortung gegenüber der Schöpfung dabei gerecht werden.

Reflexion / Hintergrund

Im Jahre 2009 beschloss der Gemeindekirchenrat ein umfassendes Sanierungs- und Nutzungskonzept für die evangelische Dorfkirche Pessin. Zunächst stand die rein bauliche Sanierung im Vordergrund, dazu gehörten die Fassaden und der barocke Innenraum des großen Kirchenschiffes. Unter dem Motto „Nach der Sanierung ist vor der Nutzung“ wurden anschließend auch Investitionen in die künftige Nutzung getätigt, hierzu gehörte der Einbau einer digitalen Akustikanlage mit Schwerhörigen-Technik, Galerie-Leisten für die Emporen und – nicht zuletzt – der Einbau von zwei Toiletten, davon eine barrierefrei sowie einer Teeküche. Weitgehend abgeschlossen ist die Restaurierung des Innenraums; die Wiederbeschaffung einer Orgel hat den Kirchsaal im Herbst 2018 wieder vervollständigt. Energieeffizienz und Klimaschutz waren bereits Bestandteil dieses Konzepts. Erste Ideen, wie zum Beispiel die Nutzung der riesigen südlichen Dachfläche für Solarkollektoren, wurden „von höchster Stelle“ verworfen. Die neue, energieeffiziente Beleuchtung des Kirchenschiffs bedurfte längerer Diskussionen. Moderne Sitzbankheizkörper, jeweils nach Anzahl der Besucher bankweise schaltbar, sorgen inzwischen für lokale Wärme im großen Kirchenschiff.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

 

Um die Kirche ganzjährig nutzen zu können, war eine energetische Sanierung der sogenannten Winterkirche dringend erforderlich. Es handelt sich um einen in den 1930er Jahren vom Kirchenschiff abgetrennten Seitenflügel unterhalb der Südempore. Dieser wurde zunächst mit Holz und Kohle geheizt und dazu ein Schornstein eingezogen. In den 1980er Jahren erfolgte die Umstellung auf Elektroheizung, indem vier kleine Wandheizkörper aufgehängt wurden. Es gab keinerlei Wärmedämmung. Die räumliche Situation zwang uns zu einer Beheizung weit über das Winterhalbjahr hinaus, wenn der Raum genutzt werden sollte. Selbst bei moderaten Wintertemperaturen wurde der Raum nicht ausreichend warm. Es zog durch die Risse und Spalten in den Holzdielen und in das seitliche unbeheizte Kirchenschiff. Üblicherweise mussten Zusatzheizkörper von den Gruppen mitgebracht werden. Gleichzeitig fiel auf, dass eine geregelte Belüftung nicht möglich war.

Vorbereitung

Klimaschutz

Erste Beratungen mit unserer Landeskirche, der EKBO, fanden bereits Anfang 2013 statt. Bei der bestehenden Situation würden wir der Verantwortung vor Gottes Schöpfung wohl am ehesten gerecht, wenn die Kirche im Winterhalbjahr überhaupt nicht genutzt wird. Wirklich?

 

Die ersten Schritte

Mit finanzieller Unterstützung durch die Landeskirche wurde ein Energetisches Gutachten in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse waren mehr als erschreckend, was den Ist-Zustand angeht. Die aufgezeigten Lösungsmöglichkeiten, von der einfachen Wärmedämmung bis hin zum Standard eines Niedrigenergie-Hauses waren ermutigend – aber kostenintensiv.

 

Das Projekt „energetische Sanierung“

Gemeinsam mit weiteren Akteuren ging es an die Planung: Ein engagiertes Ingenieurbüro, ein aktiver Förderverein, viele Gespräche mit den Denkmalbehörden. Die Kommune sorgte für einen kostengünstigen Anschluss an das Erdgas-Netz. Eine Stiftung war von unserem Konzept begeistert und steuerte eine große Spende bei. Die bereits begonnene Planung für einen weiteren Bauabschnitt im Kirchturm (Toiletten und Küche) wurde kurzfristig einbezogen. So begannen im Frühjahr 2016 zeitgleich zwei Bauabschnitte, die beiden letzten großen Abschnitte für die Umsetzung des Nutzungskonzepts.

Durchführung

Die ursprüngliche „Winterkirche“ wurde zu einem ganzjährig energiesparend beheizbaren Gemeinderaum umgebaut. Der Fußboden und die Wand zum inneren Kirchraum wurden überwiegend mit naturnahen Holzdämmstoffen wärmegedämmt. In den historischen Wandnischen befinden sich die unauffälligen Heizkörper. Die Brennwerttherme wurde außerhalb, auf dem Dachboden montiert; sie versorgt nun auch Toiletten und Küche mit Wärme. Statt der Isolierung der Decke erfolgte der Aufbau eines gedämmten Fußbodens oberhalb des Gemeinderaums. Der Neuanstrich erfolgte nach einer aktuellen restauratorischen Untersuchung. Nach Abschluss der Maßnahme waren die baulichen Veränderungen auf ein Minimum reduziert und somit bis auf die neue Farbgebung kaum sichtbar. Auf diese Weise konnten die Belange des Denkmalschutzes vollständig berücksichtigt werden. Die Beleuchtung wurde generell auf energiesparende Leuchtmittel umgestellt. Wir nutzten zudem diese Gelegenheit, um den Raum barrierefrei erreichbar zu machen und die elektrische Anlage zu modernisieren. Aus energetischer Sicht ist ein „Gebäude im Gebäude“ entstanden. Nach den Berechnungen der Gutachterin, bestätigt durch das kirchliche Bauamt, reduziert sich mit dieser Maßnahme der CO-2-Ausstoss um 73 Prozent des aktuell technisch Machbaren. Für eine über 800 Jahre alte denkmalgeschützte Dorfkirche ein beachtenswertes Ergebnis.

Für eine künftige „Fernregelung“ wurde das Gebäude mit einem Internet-Anschluss (Datenkabel) ausgerüstet. Auch hier wollen wir vorbereitet sein.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

Der Nutzen

Wir leisten einen aktiven Beitrag zum europäischen Klimaschutz – Ziel. Wir nehmen unsere Verantwortung für Gottes Schöpfung ernst und sind dankbar, dass uns dafür die Wege geöffnet wurden.

Der neue Gemeinderaum kann ohne schlechtes Gewissen auch im Winterhalbjahr genutzt werden. Mit der regelbaren Heizungsanlage ist eine punktgenaue Einstellung nach dem jeweiligen Wärmebedarf möglich. Lebendiges Gemeindeleben im ländlichen Raum wird gefördert.

Wirkung / Erfahrung

Ungefähr 1.400 Dorfkirchen stehen nach Aussage des Förderkreises Alte Kirchen Berlin – Brandenburg e.V. allein im Land Brandenburg, viele davon haben eine solche „Winterkirche“. Energie-Gutachten würden zu ähnlichen Ergebnissen führen. Es gibt erste Kontakte zu benachbarten Gemeinden, die sich für unser Projekt interessieren.

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