Sommerfahrt für Asylbewerber und Deutsche für 10€

Autor/innen
ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 03.02.2011
Letzte größere Änderung: 21.03.2012
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Menschen in Armut, Gemeinwesen, Interreligiöse Begegnungen, Arbeitswelt und Arbeitslosigkeit, Integration und Inklusion, Ökumene und Internationales
Gemeinden/Institutionen
Projekt "Kirche im Kiez" / Evangelische Stern-Kirchengemeinde Potsdam in Potsdam
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: schwer zu beziffern
Durchführung: 4-5 Tage
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CVJM-Freizeitheim Klein Grönau

Kurzbeschreibung

Kurze interkulturelle Gemeindefreizeit (4-5 Tage) für Menschen, die sich sonst keinen Urlaub leisten könnten

Situation / Kontext

Unser Stadtteil gilt als sozialer Brennpunkt. Hier leben viele Menschen von (knappen) staatlichen Transferleistungen. Im Stadtteil befindet sich auch eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber. Viele Menschen, mit denen wir zu tun haben, können nur zuhören, wenn andere von ihren Urlaubserfahrungen reden.

Ziele

Vor allem ging es darum, einigen Menschen, die es nicht leicht haben, ein paar schöne Tage zu bieten. Darüber hinaus sollten Asylbewerber und Deutsche in einer geistlich geprägten Atmosphäre miteinander ins Gespräch kommen und auch ein Stück gemeinsames Fremdsein erleben. Unseren zum Teil erst vor kurzem zugewanderten Freunden wollten wir ein Stück Deutschland zeigen und die größtenteils religionslosen Deutschen mit hineinnehmen in ein Stück selbstverständliche Religiosität, ohne sie zu vereinnahmen. Und schließlich sollte die Reise so gestaltet sein, dass sie auch mit geringen finanziellen Mitteln reprodzierbar ist.

Reflexion / Hintergrund

Die meisten Kirchengemeinden bieten bei Gemeindefreizeiten finanzielle Unterstützung für die, die sie brauchen. Häufig fällt es den Betroffenen aber schwer, sich zu outen. Wir haben daher von vornherein für alle, die Transferleistungen beziehen, den Preis auf symbolische 10 € gesetzt (Kinder kostenlos), wer wollte, konnte freiwillig mehr bezahlen (was einige auch taten). Geholfen haben uns dabei Fördermittel aus dem Programm "Soziale Stadt", allerdings waren (bei 26 Teilnehmern) nur knapp 1.300 € nötig.

Wir wollten aus finanziellen Gründen mit Regionalzügen und Länder- bzw. Wochenend-Tickets reisen, so dass die Entfernung nicht zu groß sein sollte. Unsere Asylbewerber wünschten sich eine Stadt im Westen, während die deutschen potenziellen Teilnehmer sich vor allem schöne Landschaft, einen See oder ein Meer wünschten. Schließlich kamen wir auf Lübeck. Mit dem CVJM-Freizeitheim Groß Grönau fanden wir eine ideale Unterkunft: ein günstiges Selbstversorgerhaus, nicht übertrieben komfortabel, aber mit eigenem Charme, und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar.

Eine schwierige Frage war die der religiösen Prägung der Reise. Immerhin leben im Wohnheim auch muslimische Asylbewerber, und unsere deutsche Zielgruppe ist mehrheitlich religionslos. Wir haben dennoch entschieden, bewusst als Evangelische Kirche einzuladen und auch Andachten anzubieten, dabei aber die Freiwilligkeit betont. Im Verlauf der Reise war das nicht problematisch; vielleicht auch deshalb, weil sich vor allem christlich geprägte Afrikaner und Deutsche, die bereits zum "Dunstkreis" unseres Projektes gehörten, angemeldet haben. Bei einer zweiten Sommerfahrt im folgenden Jahr war fast die Hälfte der Teilnehmer muslimisch. In dieser Gruppe wurde das Angebot einer Morgenandacht auch von den christlichen Teilnehmern überhaupt nicht genutzt; die Abendandacht wurde zu einem gemeinsamen Singen, teilweise am Lagerfeuer, das von den afrikanisch-christlichen Teilnehmern als geistlich empfunden wurde, von den afghanisch-muslimischen Teilnehmern als ein Stück afrikanische Folklore, das sie durchaus interessant fanden.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

Vorstellbar wäre auch, eine "normale Gemeindefreizeit" mit Förder- oder Sponsorengeldern für sozial benachteiligte Menschen zu öffnen, in dem der Teilnahmepreis ganz regulär für Menschen, die Transferleistungen beziehen, auf 10-20€ reduziert wird, sozusagen nicht als "Großzügigkeit auf Anfrage", sondern als feste Regel für alle; und dass diese Freizeit dann bewusst in entsprechenden diakonischen oder sozialen Einrichtungen beworben wird.

So könnte eine spannende soziale Mischung entstehen, die bei entsprechender Sensibilität der Freizeitleitung und der "bürgerlichen Teilnehmer" durchaus gelingen und für alle Beteiligten bereichernd sein kann.

Vorbereitung

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Durchführung

Das Reiseprogramm war denkbar einfach:

  • Donnerstag - Anreise, ankommen, Abendspaziergang
  • Freitag - Tagesausflug nach Lübeck
  • Samstag - Strandtag in Warnemünde
  • Sonntag - Hausputz, Abschlussgottesdienst und Rückreise

 

Für Kochen und Einkaufen fanden sich Freiweillige, die mit einigem Stolz Gerichte aus ihrer Heimat präsentierten. Bei der ersten Fahrt nach Lübeck entstand ein gemischtes beiTeam aus afrikanischen und deutschen Frauen. Bei der zweiten Fahrt nach Hamburg dagegen gab es täglich wechsende Teams entlang der Kulturgrenzen, dieses Mal waren dann auch Männer mit einbezogen.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

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Wirkung / Erfahrung

Schon im Vorfeld war die Resonanz riesig, so dass wir aus Kapazitäts- und finanziellen Gründen nicht alle Interessenten mitnehmen konnten. Die Teilnehmer waren begeistert von Lübeck, vom Meer, vom Gruppenerlebnis und machten schon auf der Rückfahrt Pläne für das Folgejahr. 2011 sind wir dann mit ca. 40 Personen nach Hamburg gefahren; mit ganz ähnlicher Resonanz. Für 2012 ist ein Frühlingsfahrt nach Wernigerode geplant; auch für diese Fahrt gibt es eine Warteliste.

Die Sommerfahrten sind im Verhältnis zu der erzeugten Begeisterung nicht besonders aufwändig; allerdings sind die tatsächlichen Reisetage für die Organisatoren doch anstrengend. Es muss viel improvisiert werden. Die ganze Sache macht aber auch sehr großen Spaß.

Aufgegriffen und weiterentwickelt

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