Gräber in der Ferne

Autor/innen
ein Geistreich-Mitglied
Erstellt am: 21.04.2011
Letzte größere Änderung: 21.04.2011
Sprachen
Deutsch (Original, angezeigt)
Einsortiert in
Gemeinwesen, Integration und Inklusion, Bestattung, Gedenkgottesdienst
Gemeinden/Institutionen
Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Marien in Lemgo
Stichworte
Zielgruppen
Mitarbeitende
Informationen
Vorbereitung: zwei bis drei Jahre Gesprächsführung, Entwicklung und Fundraising
Durchführung: Gedenkstätte auf Dauer
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Gräber in der Ferne

Kurzbeschreibung

In einer Stadt wird in ökumenischer Zusammenarbeit von christlichen Gemeinden und Vereinen eine Gedenkstätte für die 1941-44 in der Sowjetunion vertriebenen Deutschen errichtet und so ein Erinnerungsraum geschaffen.

Situation / Kontext

Mit Gräbern in der Ferne verbindet sich oft eine besondere Leidensgeschichte von Krieg, Vertreibung, Entwurzelung.
Verbunden mit der Traumatisierung, die sich auch in der zweiten und dritten Generation der 1941 innerhalb der Sowjetunion Vertriebenen auswirkt, oft ohne dass es den Betroffenen bewusst ist. Für Russlanddeutsche ist das Projekt oft die erste Gelegenheit, die Geschichte aus der Zeit von 1941 bis 1944 öffentlich bekannt zu machen und gewürdigt zu wissen.
Es beinhaltet auch den Aspekt des Gemeindeaufbaus und der Seelsorge an (künftigen) Gemeindegliedern bzw. Bewohnern im Stadtteil: Zur ev.-luth. Kirchengemeinde St. Marien Lemgo gehören ein Sechstel Russlanddeutsche. Viele haben aber noch keinen Kontakt und keine Bindung an ihre Gemeinde entwickelt. Viele weitere sind noch auf der Suche nach einer Heimat in einer Gemeinde, nach einem Glaubenskurs und der Möglichkeit der Taufe. Das Projekt ermöglicht, mit ihnen in Kontakt zu treten.

Ziele

Auf dem Hauptfriedhof der Stadt Lemgo soll im Sommer 2011 ein besonderes Denkmal errichtet werden. Es erinnert an Menschen, deren Gräber weit entfernt oder unbekannt sind. Angehörigen, die diese Gräber nicht besuchen können, soll ein Ort gegeben werden, der persönliche Trauer und Erinnerung ermöglicht.

Reflexion / Hintergrund

Gedacht ist an Aussiedler (10% der Stadtbevölkerung), genauso aber auch an Kriegshinterbliebene mit Kindern und Enkeln, andere Vertriebene, Gastarbeiter, Flüchtlinge und alle Zugezogenen und Zugewanderten.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

Die Idee wurde von einem Arbeitskreis entwickelt und weiterverfolgt. Darin arbeiten alle christlichen Gemeinden der Stadt und Vereine mit, zu denen zu einem großen Teil oder überwiegend Aussiedler gehören. Der Arbeitskreis möchte auf einem Friedhof in Lemgo einen Ort schaffen, zu dem jede/r kommen kann, der Gräber in der Ferne hat - um zu gedenken und zu trauern. Das trifft auch auf die hier Geborenen zu, deren Angehörige anonym bestattet worden sind. Eine Jury hat in einem Wettbewerb aus zwei eingereichten Exposés heimischer Künstler/innen den Entwurf einer Lemgoer Bildhauerin ausgewählt.
Das Denkmal besteht aus vier quadratischen Steinplatten (90 cm × 90 cm × 13 cm), die waagerecht und senkrecht zu einer ausgewogenen Form ineinander gesteckt sind. Als Symbol hat die Künstlerin ein Haus gewählt. Es steht für Heimat, zu Hause sein, Geborgenheit, Familie, Schutz. Das Haus, als Nische in den Stein gehauen, zum Abstellen einer Kerze oder kleiner Gegenstände. Der Text ist aufgeteilt auf die verschiedenen Flächen des Denkmals. So kann jeder Besucher einen persönlichen Trauerort finden. Neben dem Denkmal soll eine weitere quadratische Platte zum Abstellen von Blumen und Kerzen zur Verfügung stehen, mit einer runden Öffnung in der Mitte, in die Heimaterde geworfen werden kann.

Durchführung

Zum Start der öffentlichen Darstellung des Projektes wurde am 28. August 2010, am Jahrestag des Beginns der Deportation Deutscher in der Sowjetunion (1941) nach Kasachstan und Sibirien eine Gedenkveranstaltung abgehalten. Es wurde der neutrale Ort einer Schulaula gewählt. Neben dem Bericht einer Zeitzeugin und einer historischen Einordnung  standen Ansprachen zweier Geistlicher im Mittelpunkt. Sie nahmen die Leiderfahrungen auf und stellten sie in den weiten Horizont der Geborgenheit, die das Volk Gottes immer wieder erfahren hat. Verschiedene Musikstücke unterbrachen die Wortbeiträge, zu denen auch ein Grußwort des Bürgermeisters gehörte. Gebet und Segen bildeten den Abschluss. Eine begleitende Ausstellung von Grafiken verdeutlichte das Schicksal der Russlanddeutschen.

Die Veranstaltung war gleichzeitig der Auftakt der Fundraising-Aktion zur Finanzierung der Gedenkstätte. Spenden wurden über die beteiligten Kirchengemeinden gesammelt sowie bei Aktionen, wie z.B. einem Chorkonzert, eingeworben. Dabei erklangen insbesondere russische und deutsche Volksweisen, die Gedanken und Emotionen der Russlanddeutschen aufnehmen.

Das Projekt wird von der lokalen Presse wohlwollend begleitet. Auch überregionale Medien haben berichtet (WDR-Rundfunk, Unsere Kirche). Zur Denkmal-Einweihung will eine Ministerin der Landesregierung kommen.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

Es soll eine jährliche Wiederholung der Gedenkveranstaltung sowie weitere Projekte geben. Die Einweihung des Denkmals ist für den Sommer 2011 geplant.

Wirkung / Erfahrung

 Verschiedene Bevölkerungsgruppen (Vertriebene, türkische Gastarbeiter, Zugezogene, Kriegshinterbliebene) erkennen, dass sie ein ähnliches Schicksal teilen und unterstützen das Denkmal-Projekt. Beim gemeinsamen Anliegen, Erinnerung von Leid und Unrecht sowie gemeinsame Trauer zu ermöglichen, können verschiedene christliche Gemeinden gut ökumenisch zusammenarbeiten und miteinander beten, was bisher in Lemgo als undenkbar galt.

 

Rückmeldungen der Teilnehmenden und Mitwirkenden:
Nach der Gedenkveranstaltung ergaben sich viele Kontakte zu Russlanddeutschen, die bisher Kirchengemeinden kaum wahrgenommen hatten.

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