Karfreitag

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created at: 2010-05-18
Last major update at: 2010-05-18
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Alternative Gottesdienste, Passionszeit
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Karfreitagspredigt

Predigt von Pastorin Ute Köppen am Karfreitag in der Kirche in Gelting


Liebe Gemeinde!
Was fällt Ihnen auf, wenn Sie die Darstellungen der Kreuzigung in Ihrer Kirche betrachten?
Am auffälligsten am Kreuz dort an der Wand…
dann geschnitzt vorn am Altar
schließlich an der Kanzel…
Wir haben schon so viele Darstellungen von Jesus am Kreuz gesehen, dass wir uns  schon dran gewöhnt haben: Jesus ist überall fast nackt dargestellt. Auffallen würde, wenn er plötzlich bekleidet wäre.

Die Passionsgeschichte erzählt: Die Soldaten haben Jesus seine Kleider genommen und sie geteilt und über sein Übergewand das Los geworfen. Das war so üblich bei Hinrichtungen, ein kleines Zubrot.
Aber könnte diese Nacktheit noch eine andere, tiefere Bedeutung haben? Wenn Sie nun noch einmal neu hin sehen, wie jemand, der die Geschichte nicht kennt und in die Kirche kommt  ...was kommt Ihnen da in den Sinn?
Wann ist ein Mensch eigentlich nackt?
Wir alle kommen nackt zur Welt. In einem Weihnachtslied singen wir über das Jesuskind „Dort liegt es elend, nackt und bloß in einem Krippelein,“ Und am Ende stirbt Jesus unbekleidet. Es ist doch seltsam, dass wir Christen diese Momente als unsere höchsten Feiertage feiern, Momente, die Jesus zeigen, wo er nackt und schutzlos ist.
Was feiern wir da? Ich glaube, wir feiern unsere tiefste Menschlichkeit. So sind wir alle unter der Kleidung.  Wir kommen nackt. Wir lieben nackt. Und wir gehen nackt.

Nacktheit bedeutet Intimität, Nähe.
Wer einen Menschen gepflegt hat, wer einen Säugling zu versorgen hat, der weiß, welche Nähe da entsteht.

In dem Film „Ziemlich beste Freunde“ pflegt ein junger Mann einen Querschnittsgelähmten, kein Pfleger, sondern ein Arbeitsloser aus der Vorstadt. Als es darum geht, dem Gelähmten bei der Intimpflege zu helfen, sagt der junge Mann: „Nein! Das kann ich nicht…das kann keiner von mir verlangen…“  Nachher, als sie Freunde geworden sind, sieht man, wie liebevoll er seinem älteren Freund hilft, bei allem.
Wenn ICH diesen entblößten Leib am Kreuz sehe, denke ich an meine Jahre als Krankenhausseelsorgerin.
Auf der Intensivstation spielt es keine Rolle, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Natürlich versuchen die Pflegenden, die Intimsphäre zu wahren. Aber was wirklich zählt, ist die Zuwendung zu diesem geschundenen Leib.
Der Mann dort am Kreuz aber ist nicht nur nackt und hilflos. Er ist verwundet.
Viele Kranke haben mir ihre Wunden gezeigt.“ Wollen Sie mal sehen?“ Und ehe ich antworten konnte, sah ich die Wunde.  Seitdem ich im Krankenhaus gearbeitet habe, ahne ich, dass da etwas dran ist, wenn es in der Bibel heißt: Durch seine Wunden sind wir geheilt. Durch seine Wunden ist der Gekreuzigte allen nah, die verwundet sind.
In vielen Passionsliedern ist davon die Rede, dass Christus am Kreuz unsere Schuld trägt. Er trägt aber nicht nur unsere Schuld. Er trägt unsere Scham. Das Kreuz zeigt, was wir verbergen. 
Sicher, die Soldaten, die Jesu die Kleider genommen haben, wollen  ihn damit demütigen. Aber Jesus behält seine Würde. Und auf geheimnisvolle Weise stellt damit die Würde Aller wieder her, die entblößt werden. Adam und Eva schämten sich, als sie merkten, dass sie nackt waren. Hier sehen wir den neuen Menschen, nackt, geschmäht, verwundet und dennoch würdevoll. „Seht, welch ein Mensch!“ sagte Pilatus. ECCE  HOMO, steht auf manchen Kreuzen.
Wir erkennen, wenn wir uns die Kreuzigungsszene am Altar ansehen: Menschlich sind nicht diese Soldaten, verpanzert bis zur Unkenntlichkeit, geschützt durch ihre Rüstung. Menschlich ist dieser mit der Dornenkrone.
Aber ich sehe noch etwas anders, wenn ich diesen Christus am Kreuz sehe. Zu seiner Nacktheit kommt noch seine Haltung hinzu: die ausgebreiteten Arme.  Wenn Sie einmal in Gedanken die Arme so ausbreiten…an was erinnert Sie diese Haltung? Ein Mensch, der die Arme ausbreitet, kann sich nicht wehren. Darum heißt es: Hände hoch, wenn jemand entwaffnet werden soll.
So steht der Pastor, so stehe ich da, wenn ich die Arme zum Segen ausbreite. Noch am Kreuz verwandelt Jesus den Ausdruck von Hilflosigkeit in eine Geste des Segens.
„Du, ans Kreuz genagelt
aus der Last des Leibes
breitest du die Arme
wie kaputte Flügel
über unsere Angst.“ (Anders Frostenson)
So sehe ich Christi Leib am Kreuz: „Seht, welch ein Mensch!“ Und: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen“


Amen

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