Still glauben und Stille

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created at: 2010-11-04
Last major update at: 2012-01-23
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Deutsch (Original, currently shown)
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Gemeindeaufbau, Gebet und Stille
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Ruhe

definition

Wo Kirchengemeinden oft von einem Projekt zum nächsten hetzen, sind Räume der Stille heutzutage immer wichtiger.

SITUATION / KONTEXT

Stille findet oft nicht mehr statt. Nicht im Alltag, wo für viele arbeitende Menschen die Tage nur durch Termine und Hektik bestimmt sind, aber auch oft nicht mehr in der Kirche, wenn die Feier des Gottesdienstes zum Event wird. Und doch ist die Stille - auch theologisch - ein wichtiges Element um Glauben zu leben.

IDEE

Stille ist wichtig. Deshalb sollte sie bewusst in das Leben der Gemeinde aufgenommen werden.

 

Aktuell ist dieser Artikel nur eine Sammlung von Gedankensplittern zur Stille. Ich möchte die geistreich-Community ganz bewusst dazu einladen, über die Stille weiter nachzudenken und den Artikel gemeinsam weiter zu schreiben. Also bitte keine Scheu!

 

GRÜNDE & HERAUSFORDERUNGEN

Viele biblische Berichte machen deutlich, dass man für die Begegnung mit Gott auch Raum einräumen muss. Oft wird von Wüstenerfahrungen begegnet, oft auch von Begegnungen in der Nacht. 

WIRKUNG / ERFAHRUNG

Wo Stille ist, ist Wachstum.

Wo Stille ist, wachsen Ideen.

Wo Stille ist, kann Gott wirken.

ALLGEMEINE HINWEISE ZUR UMSETZUNG

Vor dem oben beschriebenen Hintergrund kann es sich lohnen, bei der Gestaltung von kirchlichen Angeboten bewusst nach Orten der Stille zu suchen. Das kann auf allen Ebenen geschehen:

  • Auf der Ebene der Gemeindeentwicklung können regelmäßige Zeiten im Kirchenjahr gefunden werden (bspw. die Passionszeit oder die Adventszeit), in denen bewusst Angebote geschaffen werden, in denen Stille wahrgenommen werden kann. Ein Beispiel könnte eine Reihe von Passionsandachten sein, in denen das Erleben der Stille einen großen Raum einnimmt.
  • Auf der Ebene einer einzelnen Veranstaltung kann man Pausen bewusst gestalten und dort zur Stille einzuladen.
  • Im Gebet im Gottesdienst lohnt es, ein Gebet in der Stille bewusst mit aufzunehmen. Wobei auch das durch den Liturgen / Pastor / Prädikanten gelernt werden muss. Denn oft wird die Stille sehr kurz gehalten, so wird es in vielen Gemeinden zumindest zurück gemeldet.
  • Die "Kirche der Stille" in der evangelischen Kirchengemeinde Altona-Ost in Hamburg. Die Kirche ist von Montag bis Freitag  zwischen 12 Uhr und 18 Uhr geöffnet: http://kirche-der-stille.de
  • Das "Haus der Stille". Einkehr- und Meditationszentrum der Evangelischen Kirche im Rheinland: http://www.ekir.de/haus-der-stille - hier wären Erfahrungen interessant.
  • Bitte setzen Sie diese Liste gerne fort

 

Auf geistreich gibt es schon ganz viele konkrete Projekte, die von der Wirkung der Stille berichten. Auch hier möchte ich die einzelnen Autoren einladen, diese Berichte und Artikel hier anzufügen (Artikel bearbeiten und im unteren Teil des Dokuments auf den Button Artikel anfügen oder Praxisbeispiel anfügen klicken).

 

Einige beispielhafte Umsetzungen

Die Beispiele stammen vom Gottesdienstinstitut Nordelbien:

Anne Gidion und Thomas Hirsch-Hüffell

www.gottesdienstinstitut-nek.de

 

Sagen Sie jetzt nichts: Die Kunst der Pause im Gottesdienst

Eine Szene: 141 Mitarbeitende erheben sich im kahlen Saal der Spedition. Betriebsversammlung. Zu Beginn ehren sie einer der ihren. Er rutschte im Eis auf die Gegenfahrbahn. Den meisten dort wird Liturgie unvertraut sein, aber was ein Gedenken ist, das wissen sie: Eine Minute still stehen. Was geht alles vor in den Gemütern? Wut, Erinnerungen, die Hoffnung verschont zu werden, ein kleines Gebet?

 

Eine andere Szene: Mama hat geschrien, weil Tobias mit seinem Tretmobil frohgemut über die vierspurige Fahrbahn zwischen Bahnhof und Bäckerladen gestrampelt ist - nach ihrem Schrei sofort zurück zu Mama. Sie reißt ihn an sich und hält ihn still. Wie sieht es wohl grad aus in den beiden?

 

Dritte Szene: Tobias wird sechs Wochen später getauft. Seine Mutter hat nachgedacht. Nach der stillen Minute am Rand des Verkehrs, der kein Erbarmen kennt. Wasser ist über Tobias Köpfchen geflossen, ein Kreuz des Segens ist gezeichnet, Hände lagen auf ihm. Alle setzen sich. Eine Minute Schweigen im Gedenken an das Leben. Was passiert grad in der Mutter, die an der Pforte der Spedition arbeitet?

 

Es wirkt manchmal wie ein Verdikt, das über unseren Gottesdiensten liegt: Bloß keine Stille. Immer muss Geräusch sein. Liebende schweigen nach der Liebe, der Katholik schweigt nach dem Abendmahl. Der neuen ‚Kirche der Stille‘ in Hamburg laufen sie die Türen ein. Aber im normalen Gottesdienst sucht man Stille mit der Lupe. Immer muss man etwas singen, sagen, hören. Nach großem Debatten-Aufwand hat sich eine Gemeinde dazu durchgerungen, im Fürbittenteil eine Phase stillen Gebets einzuführen. Die dauert genau 15 Sekunden - länger hält es die Leitung nicht aus. Was soll da entstehen? Gebet?

 

Kann es sein, dass in der Pause – unter anderem - der Tod ahnbar wird? Wird sie deshalb gefürchtet?

Kann es sein, dass die agendarischen Gottesdienste meistens so pausenlos sind, weil die ganze Welt mit ihren Inszenierungen es auch ist – pausenlos?

Kann es sein, dass in der Pause unkontrollierbare Regungen entstehen, die sich selbständig zu Gott hin aufmachen könnten? Darf das geschehen?

 

Kirche ist einer der wenigen Orte in der Gesellschaft, wo man kollektiv still sein kann, ohne dass es peinlich wäre. Wir reden viel vom Unterbrechen und von der Sonntagsruhe, aber es gibt kaum wort- und klangfreies Innehalten in unseren Gottesdiensten.

Die Verabredung hieße: Wir hören hier zusammen auf - im Doppelsinn von Beenden (des Alltäglichen) und Hinhören.

 

Der Gottesdienst verträgt mehr Stille

Mögliche Zeiträume für Stille im Gottesdienst

 

Das musikalische Vorspiel …

… kann in sich Pausen enthalten. Das ist kein Widerspruch zur Lautstärke. Es kann etwas Furioses geben und danach Stille. Beide Klänge steigern einander.

Die Musik, der Solo- oder Chorgesang kann laut beginnen und immer leiser werden, bis man nichts mehr hört. Dann kommt eine Zeit lang nichts mehr. Das wirkt so stark, dass man eigentlich schon satt nach Hause gehen könnte.

 

Der Anfang mit Worten …

… kann Pausen enthalten. Zwischen biblischem Wort und Begrüßung – drei Sekunden Pause. Ohne Überleitung. Zwischen trinitarischem Votum und Start der Begrüßung - drei Sekunden Pause. Pausen wirken in feiner Dosierung sofort konzentrierend. Ohne Moderation, Wetterbericht und Verweis auf den Kirchkaffee.

 

Im Vorbereitungsgebet …

… nach der Begrüßung und vor dem Psalm kann der Mensch in einer Stille von mindestens einer Minute (oder besser zwei) zu sich finden.

Ankommen, Gott hinhalten, was ist. Gern alles, was aufsteigt, nicht nur ‚Sünde‘.

 

Bei den Lesungen …

… kommen die Hörenden innerlich nur mit, wenn sie nach Sinnabschnitten oder Höhepunkten des Textes drei Sekunden nichts hören. So bekommt das vorher Gesagte erst Bedeutung. Der Groschen fällt. Die Seele kommt mit. Pausen gehören zum Selbstverständlichsten der Lesekunst.

 

Nach der Evangeliums-Lesung …

… kann sich die Gemeinde einfach hinsetzen und zusammen mit dem, der gelesen hat, lautlos nachhören. Mindestens eine Minute – erst dann wirkt es beabsichtigt und nicht wie eine Panne.

 

Bei der Predigt …

… darf ja auf keinen Fall geschwiegen werden. Der ununterbrochene Redefluss beweist Eloquenz. Mag sein. Erfahrungen aus entschieden meditativen Gottesdiensten zeigen: nach eine Zeit der Stille wirkt ein schlichter Gedanke zehnmal so stark. Menschen merken sich das ungleich klarer und können es mitnehmen, weil die knappe Rede in eine deutlich tiefere Bereitschaft zum Hören fällt.

 

Nach der Predigt …

… sollen Menschen meist schnell ein Buch aufschlagen, Nummern finden, Noten und Text lesen. Also singen. Warum darf ich nicht still sitzen, eine Minute nur? Vielleicht möchte ich etwas nachklingen lassen.

 

In der Fürbitte …

… spricht oft ein Mensch für alle vorn am Altar. Er könnte dort auch einfach (z.B. „für die Menschen aus der Gemeinde, die krank sind.“) - danach eine Stille von 15 Sekunden halten, damit die anderen im Raum jeweils an die denken können, die sie im Blick und im Herzen haben.

Üblicher ist inzwischen eine Phase der Stille nach den gesprochenen Fürbitten, aber die ist leider fast immer zu kurz. Erfahrungsgemäß braucht es mehr als eine Minute, um überhaupt selber ins Beten zu kommen und den Modus des Zuhörens zu verlassen. Die häufig zu findende Praxis, „eine Zeit der Stille“ anzusagen, die dann aber kurz ist und angespannt wirkt, hilft an dieser Stelle nicht.

 

Nach dem Abendmahl …

… kann man still sitzen. Alle die wollten, haben etwas bekommen, die Leitung setzt sich, die Orgel schweigt, nichts passiert. Mindestens eine Minute.

 

Bei Kasual-Gottesdiensten …

… gilt das alles auch. Die Handlungen sind stark und müssen Wirkung entfalten dürfen. Dazu gibt die Stille ihnen eine Chance.

Bei der Taufe nach der Taufhandlung - Stehenbleiben oder Hinsetzen, nichts geschieht für eine Minute.

Das Abschiedsgedenken bei der Bestattung – Stille danach im Stehen.

Nach der Aussegnung - Stille.

Bei der Trauung nach dem JaWort - Stille.

Gerade Kirchenungeübte, wie man sie in Kasualgottesdiensten häufig findet, können in einem Vorbereitungsgebet mit Ruhe etwas anfangen. Für viele ist der Raum erst einmal fremd. Während der Gebete mit Stille darin können sie zu sich kommen und offener werden.

 

Bei großen Anlässen …

… das heißt bei Familien-Gottesdiensten, Markt-Gottesdiensten usw. geht Stille selbstverständlich auch. Vielleicht nicht so oft, aber einmal am Anfang nach einem Klang auf die Ruhe lauschen mit 100 Kindern zusammen, das ist für alle ein großes Erlebnis. Wo gibt’s das sonst? Fragt man nach dem Gottesdienst Eltern und Kindern nach ihrem persönlichen Höhepunkt im Gottesdienst, so sagen mindestens 50%: Die Stille zu Beginn.

 

Bei Übergängen in der Liturgie …

… z.B. wenn jemand auf die Kanzel geht oder einen langen Weg zum Altar hat: keine Orgel, der Musik der Schritte lauschen, wahrnehmen, dass sich jemand auf einen Weg macht. Wortfreie Zone. Dies auskosten.

 

Allerdings: Zuviel darf es auch nicht sein, sonst kann es betulich werden. Drei wahrnehmbare und nicht als Pannen, sondern als Absicht erlebte Momente der Stille im Gottesdienst sind ein gutes Maß.

Entschieden gestalten

Dramaturgie

Wer einen Gottesdienst mit vertiefenden Elementen plant, muss sich entscheiden:

soll es vorwiegend still zugehen, vorwiegend bewegt, vorwiegend lehrreich? Ein Gottesdienst wirkt leicht unentschieden, wenn von allem etwas dabei sein soll.

 

Wer z.B. Stille als Hauptakzent will, führt dies als wiederkehrendes Element wie eine Art ‚Knochengerüst‘ in den ganzen Gottesdienst ein. Anfangs fällt die Stille etwas länger aus zum Gewöhnen, später kann die Stille kürzer ausfallen, weil dies Element schneller greift - das heißt, die Menschen erwarten es nun und brauchen weniger Zeit, um zu sich zu kommen. Denn auch die anderen Elemente sind geeignet zum Vertiefen - wenn sie Raum bekommen, nachzuklingen.

An die Stille lagern sich nachgeordnet andere Elemente an.

 

Beispiel für einen Gottesdienst (zu Weihnachten)

A1

Orgelvorspiel

Begrüßung

Lied

Jesaja 11

Gebet (kurz, höchstens zwei Hauptsätze)

Stille (mindestens fünf Minuten)

Lied

 

B

Lesung Lukas 2, 1 – 7

Orgel

Lesung Lukas 2, 8 – 14

Orgel

Stille (mindestens 3 min)

Lesung moderner Text (2 min)

Stille (mindestens 2 min)

1 Gedanke (max 2 min)

Stille (mindestens 2 min)

Lesung Lukas 2, 15 – 20

 

A2

Lied

Fürbitte in Stille (Kerzen anzünden)

Vater unser

Lied

Segen

Orgelnachspiel

 

In diesem Gottesdienst sind die Stille-Phasen Inseln des Innehaltens. Was gesagt oder gesungen wurde, kann hier in den Leuten nachklingen. Gleichzeitig öffnet sich der Mensch für weiteres, das gern traditionell daherkommen kann. Am Anfang und Ende (A1 und A2) des Gottesdienstes sind die Menschen aktiver beteiligt, in der Mitte (B) hören sie. Die Dramaturgie baut auf die Wirkung knapper Lesungen, die jeweils in Ruhe ‚verdaut‘ werden können. Es gibt keine (lange) Predigt, sondern Impulse. Diese Form nimmt positiv auf, was Menschen aus ihrer Alltags-Umgebung kennen: kurze Sequenzen. (Die heutige Aufmerksamkeitskurve sinkt bei Menschen im Durchschnitt nach ca. drei Minuten ab.) Der Unterschied zum Alltag ist jedoch: Die Stille lässt die Sequenzen wirken.

 

Der Gottesdienst im Ganzen ist dem Wechsel aus Hören, Mittun und Innehalten verpflichtet

(A1-B-A2).

 

Dies als Beispiel für Entschiedenheit in der Komposition.

 

Das Ganze gilt auch für Gottesdienst mit anderen Akzenten, z.B. Bewegung, Gesang, Rollenspiel etc.

EIN Genus hat Vorrang, und andere ordnen sich nach und zu.

IMPULS

Still glauben. Zu Gelassenheit kommen. Loslassen. Beten.

 

Eng verwandt mit dem Thema "Still Glauben" ist sicherlich die Frage nach dem Umgang mit stillen Feiertagen. Gerade in der Passionszeit 2011 ist dies ja wieder in den Medien, in Kirche und in der Politik wieder intensiv diskutiert worden.

 

Genau wie im Gottesdienst braucht es im Kirchenjahr stille Tage. Tage, die ohne viele Worte zur Einkehr einladen. Tage, an denen die Stille ausgehalten wird und so elementare Grundfragen des Glaubens und des Lebens wieder erfahrbar werden. 

 

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