Ökumene: Abgrenzung und Dialog - Können Katholiken Luther integrieren?

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created at: 2011-04-07
Last major update at: 2011-04-07
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v.r.: Landesbischof Dr. Friedrich Weber, Moderator Jörn Dulige, Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz

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Die Ökumene wirkt derzeit strapaziert - sie liegt aber oft näher beisammen, als gedacht. Das bewies eine Debatte in Wiesbaden zwischen Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber und dem Frankfurter Katholischen Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz 

Im Jubiläumsprogramm zum 100-jährigen Bestehen der Wiesbadener Lutherkirche 2011 waren (am 16.3.) zwei ehemalige Wiesbadener im Luthersaal zu Gast: Der Braunschweiger Landesbischof Professor Dr. Friedrich Weber und Dr. Johannes zu Eltz, der Frankfurter Katholische Stadtdekan. Im ersten „Forum Lutherkirche“ äußerten sie sich zu „Abgrenzung und Dialog – was kann Martin Luther uns heute sagen?“

 

Ökumenische Dialog ist vorangekommen

Bischof Weber, der bis 2002 Propst für Süd-Nassau war, sieht die Ökumene weiter vorangekommen, als es öffentlich immer wieder scheint: Papst Benedikt XVI. habe bei einer Privataudienz vor wenigen Wochen mit Ökumenikern versichert, hinter das, was gemeinsam errungen worden sei, werde die Katholische Kirche nicht zurückgehen. Wörtlich habe er gesagt: „Wir müssen gemeinsam einander um Vergebung bitten, was wir uns angetan haben“, zitierte der Braunschweiger Bischof den Papst. Martin Luther würde vermutlich heute von den Kirchen fordern, das „allgemeine Priestertum der Gläubigen“ zu leben, einer Klerikalisierung der Kirche zu wehren und die Verkündigung nicht allein an die Theologen zu binden. Die Evangelische Kirche sei dabei auf einem guten Weg, müsse aber ihrem Bildungsauftrag besser nachkommen. „Wir brauchen Mission“, meinte Weber und eine Veränderung beim Zugehen auf Menschen. Kritisch sehe er die zahlreichen Gremien der Kirche, die reformbedürftig seien. Zum gemeinsamen Abendmahl konfessionsverschiedener Ehepaare könne er sagen, es könnte die Möglichkeit nach kanonischem Recht bereits geben. Die Katholische Kirche sei dabei angefragt.

 

Ein Katholik vermag Luther zu integrieren

Der Frankfurter Stadtdekan zu Eltz zitierte aus seiner mitgebrachten Lutherbibel, die ihm das Evangelische Dekanat Wiesbaden zu seiner Amtseinführung als Stadtdekan 2006 in der Landeshauptstadt geschenkt hatte. Luthers Glaubenssatz vom in der Welt „Fleisch gewordenen Wort Gottes“ gelte für Katholiken ebenso. Dass die Schrift allein Gültigkeit besitze, werde im katholischen Glauben durch eine Schwerkraft auf Gott hin ergänzt. Eine Gravitation um zwei Pole nannte zu Eltz das, während die evangelische Position um nur einen Punkt, „das Wort allein“, kreise. Heute müssten sich die Christen allerdings fragen lassen, ob sie wirklich noch glaubten, was das Evangelium bezeuge. Zum Reformator von Wittenberg sagte der seit 2010 in Frankfurt leitende Priester: „Ich wäre ein schlechter Katholik, wenn ich nicht in der Lage wäre, Martin Luther in unsere Glaubenswelt zu integrieren.

 

Geschwisterlichkeit nicht überstrapazieren

Wie weit die Ökumene aber dennoch auseinander liegt, machte das folgende von Kirchenrat Jörn Dulige, dem Beauftragten der evangelischen Kirchen am Sitz der Hessischen Landesregierung, moderierte Gespräch deutlich: Weber wollte wissen, weshalb die katholische Kirche in Frankfurt sich einer Beteiligung an der Reformationsfeier verschließe und das Karlsamt ohne die dortige evangelische Pröpstin Gabriele Scherle feiern werde. Zu Eltz nannte den Vorgang „kein Auseinandergehen“, sondern eine einvernehmliche Regelung. Geschwisterlichkeit dürfe nicht überstrapaziert werden. Er habe nichts dagegen, wenn es die von Weber genannten typisch protestantischen Elemente in der Katholischen Kirche Einzug hielten und damit es die Evangelische Kirche nicht mehr zu geben brauche.

 

Katholische Betriebstemperatur

Bei den knapp 50 Zuhörern löste die Äußerung hörbares Raunen aus. Der Landesbischof setzte mit der Frage nach, nach seiner Wahrnehmung gebe es deutlich weniger katholische Wissenschaftler, die sich mit Martin Luther befassten, als früher. „Ist das karriereschädlich?“, fragte Weber. Das verneinte zu Eltz und verdeutlichte seine Sicht: Er glaube, das Schlimmste, was der Ökumene passieren könne sei, wenn Katholiken nicht mehr richtig katholische sein könnten. „Eine sinkende katholische Betriebstemperatur ist nicht gut für die Ökumene.“

 

Als Dulige fragte, was beide vom bevorstehenden Papstbesuch in Deutschland erwarteten, antwortete zu Eltz: „Der Papst ist ein echter Theologe und sucht Wahrheit.“ Mit  der römischen Visite könne nach seiner Einschätzung die Suche nach einer „Formel der Wiedervereinigung“ beginnen.

 

Papst ein zugewandter Gesprächspartner

Weber beschränkte seine Erwartung bei dem voraussichtlich nur eineinhalbstündigem Gespräch mit dem Pontifex und den Protestanten in Erfurt auf die Frage, was die Konfessionen „im gemeinsamen Zeugnis“ verbinde. Benedikt sei ein seinen Gesprächspartnern erfreulich zugewandter Mensch. Über seinen Besuch freue er sich ganz besonders.

 

Lutherkirchenpfarrer Volkmar Thedens-Jekel dankte nach den Voten mehrerer Zuhörer für das lebhafte ökumenische Gespräch und überreichte die Festschrift der Gemeinde zum Lutherkirchenjubiläum „Ein feste Burg ist unser Gott. Die Wiesbadener Lutherkirche . ein Juwel des Jugendstils.“ Das Forum Lutherkirche“ wird am 18.Mai, 19.30 Uhr,  mit einem Vortrag „ Die Lutherkirche – ein Kirchbau in neuer Form und Ausgestaltung“ von Professor Dr. Gottfried Kiesow fortgesetzt.

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