Konfirmandenarbeit und Gottesdienst - uns gegenseitig ernst nehmen

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Konfirmation (Konfirmationsjubiläum), Konfirmandenarbeit
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Gottesdienst mit Jugendlichen

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Thomas Binder: Zehn Thesen für eine verbindliche Gottesdienstkultur in der Konfirmandenarbeit (aus: anknüpfen update 5: Gottesdienst, 2010)

I. "Unverbindliche Verbindlichkeit"

„ … und wie oft muss man in den Gottesdienst kommen?“ So fragen Konfirmandeneltern, wenn ein neuer Konfirmandenkurs beginnt. Die Antwort lautet sinngemäß: „ … niemand muss zur Kirche kommen; da aber Christen der Gottesdienst wichtig ist, ist es sicher sinnvoll, dass Sie als Eltern mit ihren Kindern regelmäßig kommen!“ Die Eltern versprechen, dass sie das tun werden. Wer daraufhin regelmäßig Gottesdienste besucht, wundert sich, dass meistens weder die Konfirmanden noch ihre Eltern anwesend sind.

Diese beispielhafte Erfahrung einer Kirchengemeinde mag für viele stehen: Gottesdienste und andere Veranstaltungen der Gemeinde werden in der Konfirmandenzeit – solange sie "freiwillig" sind – von vielen Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie deren Eltern zunehmend selten oder gar nicht mehr besucht. Besondere Beachtung verdient die Tatsache, dass die ohnehin geringe Attraktivität der Gottesdienste für Jugendliche im Verlauf des Konfirmandenjahres nochmals deutlich abnimmt.[1] In 76% der württembergischen Kirchengemeinden besteht für Konfirmandinnen und Konfirmanden (deshalb?) die Pflicht, während der Konfirmandenzeit zwischen 16 und 25 Gottesdienste zu besuchen. Eine ausdrücklich vorgeschriebene Mindestanzahl von Gottesdienstbesuchen wird in der Rahmenordnung nicht genannt. Mehr als die Hälfte aller Gemeinden überprüft den Besuch zudem durch "harte" Anwesenheitskontrollen[2] wie zum Beispiel Unterschriftenkarten.[3] Doch "Umfragen zeigen, dass die Gottesdienstbesuchspflicht für Konfirmanden oft kontraproduktiv ist".[4]

Die pauschale Forderung, man solle deshalb grundsätzlich auf verpflichtende Regelungen des Gottesdienstbesuches verzichten und diesen "freiwillig" machen, greift meines Erachtens zu kurz. Zu fragen ist vielmehr, inwiefern eine verpflichtende - und damit auch kontrollierte - Regelung des Gottesdienstbesuchs dazu beitragen kann, die Ziele der Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden zu unterstützen und die Ergebnisse der aktuellen Studien zur Konfirmandenarbeit zu berücksichtigen. Die folgenden Thesen weisen außerdem auf notwendige konzeptionelle Voraussetzungen für verpflichtende Rahmenbedingungen hin.

 

II.  „Ja – aber…“ – die Thesen

1."Wenn wir verbindlich sind, nehmen wir uns und den anderen ernst."[5] Mit der verbindlich ausgesprochenen und kontrollierbar eingeforderten Erwartung an die Jugendlichen nach regelmäßigem Mit-Feiern von Gottesdiensten macht die Gemeinde deutlich, dass der Gottesdienst für sie selbst ein ureigenes und zentrales Anliegen ist. Ebenso machen die Jugendlichen durch ihre regelmäßige Anwesenheit deutlich, "wie ernst es ihnen mit ihrem Wunsch ist, konfirmiert zu werden und Zugang zum Glauben und Kontakt zur Gemeinde zu gewinnen"[6]. Bleibt der Gottesdienstbesuch "ganz beliebig, ist er auch nicht mehr 'freiwillig'. Wer keine Entscheidung treffen muss, ob er heute geht oder nicht - weil das niemand von ihm erwartet - der ist auch in seinem Willen nicht mehr frei.“ Aber „wer Entscheidungen trifft, kann zu recht erwarten, dass er oder sie mit den Konsequenzen dieser Entscheidung konfrontiert wird"[7].

2. Verbindlichkeit hilft, auf den Geschmack zu kommen. Für eine wachsende Zahl von Jugendlichen und deren Eltern ist das Konfirmandenjahr eine Erstbegegnung mit dem christlichen Glauben im Kontext des Gottesdienstes. Diesen für sich zu entdecken, ist ein zentrales Ziel der Konfirmandenzeit. Dabei gilt: "Lernen hat immer auch eine emotionale Grundlage; es sein denn, wir verschütten sie. Vieles bleibt Jugendlichen heute ganz unzugänglich, weil sie nicht darauf aufmerksam gemacht werden, was in ihrem Leben ein Anlass ist, zu staunen, ein Geheimnis zu bedenken und ehrfürchtig zu werden."[8] Ein verpflichtender und ernsthaft kontrollierter Gottesdienstbesuch würde dies befördern helfen.

3. Um die "Sprachen des Gottesdienstes zu entziffern"[9], benötigen Jugendliche Zeit. Jugendliche "wachsen in religiöse Rituale hinein und können dort Beheimatung finden"[10]. Zur sinnvollen Bearbeitung der Fremdheit und "Analogielosigkeit" des Gottesdienstes im Gegenüber zur Alltagswelt der Jugendlichen ist aber ausreichend Zeit nötig. Sollen eigene Erwartungen geklärt, eine eigene innere Haltung zum Gottesdienst gefunden, dabei die Wahrnehmung geschult und ein Gespür dafür entwickelt werden, "was da im Gottesdienst und mit mir selbst geschieht"[11], ist dies methodisch und didaktisch nur durch einen verbindlichen Rahmen möglich, in den der regelmäßige Gottesdienstbesuch gehört.

4. Verbindlichkeit schafft Begegnungsräume. Der Lernort Gemeinde lebt von Begegnungen - zwischen Jugendlichen, Haupt- und Ehrenamtlichen, Eltern und Menschen aller Altersstufen. Diese Begegnungen sind nicht von vorneherein da. Für sie müssen im Lauf des Konfirmandenjahres erst Räume geschaffen werden. "Der Gottesdienst bekommt einen anderen Stellenwert, wenn er auch als Kommunikationszentrum und Treffpunkt verstanden wird."[12] Möglichkeiten könnten der Kirchenkaffee, ein Predigtnachgespräch oder ein anschließendes Mittagessen sein. Eine - gegenseitig - verbindliche Gottesdienstkultur trägt dazu wesentlich bei.

5. Was nicht regelmäßig geschieht, geschieht in der Regel nur mäßig.  Das Mitfeiern und Mitgestalten der Liturgie setzt voraus, dass sie verstanden wird. Dies geschieht "durch Einübung und Reflexion in Verbindung miteinander"[13]. "Dabei muss das Verstehen nicht immer dem Praktizieren vorausgehen, sondern umgekehrt: Praktizieren leitet Verstehen an."[14] Wenn der Besuch des Gottesdienstes – im Sinne des doppelten Perspektivenwechsels – zur  Einübung in eine wesentliche Lebensäußerung des christlichen Glaubens beitragen soll, dann ist dies nur nachhaltig möglich, wenn für "Einübung und Reflexion" ausreichend Zeit- und Erfahrungsräume vorhanden sind.

6. Verbindliche Regelungen schaffen Klarheit. Die Württembergische Rahmenordnung spricht sich für "klare und verlässliche Absprachen" aus, wobei für einzelne Kurselemente während des Konfirmandenjahres "Freiwilligkeit und Verbindlichkeit unterschiedlich geregelt werden" können.[15] Zwischen einer unbedingten, teilweise lähmenden Verbindlichkeit, und der beliebigen Unverbindlichkeit steht den Verantwortlichen in der Konfirmandenarbeit also eine Fülle möglicher Regelungen frei. Eine regelmäßige und überwiegende Abwesenheit der Konfirmandinnen und Konfirmanden und ihrer Eltern bei Gottesdiensten unterläuft das Ziel der Rahmenordnung, im "Gottesdienst und in der Begegnung mit Personen und Gruppen, die sich in der Gemeinde engagieren und ihren Glauben leben" den "Leib Christi sichtbar und erfahrbar" und durch Beteiligung der Jugendlichen am Gottesdienst den "Lernort Gemeinde" konkret werden zu lassen.[16]

7. Gottesdienste als Höhepunkte im Konfirmandenjahr inszenieren. Jugendliche unterscheiden genau zwischen verpflichtenden und freiwilligen Elementen. Da sie über immer weniger planbare Freizeit verfügen, wollen sie wissen, worauf es ankommt. Ihr häufiges Nachfragen vor fast jeder Veranstaltung außerhalb des Mittwochnachmittages ("Müssen wir da kommen?"), scheint auszudrücken: Ich möchte wissen, wann es sich "lohnt" zu kommen. Verbindliche Konfirmandengottesdienste und eine klar geregelte Mindestzahl zu besuchender Gottesdienste im Konfirmandenjahr tragen dazu bei, dass der Gottesdienstbesuch auf einer höheren Stufe ihrer Werteskala steht. Zudem sollte der Konfirmationsgottesdienst in Kontinuität zu anderen gemeinsam vorbereiteten Gottesdiensten stehen, um nicht ein isolierter, "analogieloser" Höhepunkt am Ende des Konfirmandenjahres zu sein.

8. Regelmäßiger Gottesdienstbesuch kann von Jugendlichen nur eingefordert werden, wenn der Gottesdienst inhaltlich und formal ansprechend für sie und mit ihnen vorbereitet wird. Die württembergische Studie  zur Konfirmandenarbeit[17] zeigt, dass allein die Verpflichtung der Jugendlichen zum Gottesdienstbesuch nicht ausreicht, ihr Interesse am und ihre Zufriedenheit mit dem Gottesdienst zu erhöhen: "Der Zwang zum Gottesdienstbesuch wird immer wieder beklagt."[18] Sie macht aber auch deutlich, dass die jugendgemäße Gestaltung und Mitgestaltung von Gottesdiensten durch Jugendliche "erheblich zu einer verbesserten Wahrnehmung der Gottesdienste" beitragen.[19] Bevor Jugendliche zum Gottesdienstbesuch verpflichtet werden, bedarf es einer Selbstverpflichtung der konfirmierenden Gemeinde, sich von "Perspektiven für eine jugendsensible Kirche"[20] leiten zu lassen und ihre Gottesdienste so zu gestalten, "dass sich Kinder und Jugendliche einbezogen fühlen".[21] Liturgie und Formen sollen "der Lebenskultur junger Menschen entsprechen", die Verkündigung soll "lebensnah und verständlich sein".[22]

9. Verbindlichkeit beruht auf Gegenseitigkeit. "Nur der hat das Recht, Konfirmandinnen zum Gottesdienst zu verpflichten, der selber mindestens ebenso pflichtgemäß den Gottesdienst besucht."[23] Wenn diese Regel von Pfarrerinnen und Pfarrern, Kirchengemeinderäten und Eltern bedacht würde, ließen sich überzogene Erwartungen an die Jugendlichen leicht vermeiden. Der aktive Einbezug von Konfirmandeneltern in einzelne Gottesdienste im Konfirmandenjahr bietet dabei eine gute Möglichkeit, diesen Zusammenhang deutlich zu machen.

10. Der Gottesdienstbesuch darf nicht länger der "heimliche Lehrplan"[24] der Konfirmandenarbeit sein. Verbindliche Organisationsformen und eine klar geregelte Mindestzahl verpflichtender Gottesdienste im Konfirmandenjahr machen unausgesprochene Erwartungen an die Jugendlichen für Eltern, Mitarbeitende und Kirchengemeinde transparent und kommunizierbar.

 

Literatur

  • Conrad, Jörg: "Tut mir auf die schöne Pforte" - was ich vom Gottesdienst erwarte, in: anknüpfen update 4. Spiritualität gestalten. Praxisideen für die Konfirmandenarbeit, Stuttgart, 2009.
  • Cramer, Colin; Ilg, Wolfgang; Schweitzer, Friedrich:  Reform von Konfirmandenarbeit - wissenschaftlich begleitet. Eine Studie in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Gütersloh 2009.
  • Dozententeam des RPZ Schönberg: Herausforderungen für die Zukunft der Konfirmandenarbeit, in: Schönberger Hefte. Beiträge zur Religionspädagogik aus der EKHN, Heft 2/2009.
  • Glauben entdecken. Konfirmandenarbeit und Konfirmation im Wandel. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 1998
  • Gottesdienst über das Erfahren kennen lernen. Gespräch mit Margot Käßmann über jugendgerechte Gottesdienste, das Vorbild der Erwachsenen und die Bedeutung von Ritualen für Jugendliche, in: Timo Rieg; Christoph Urban (Hrsg.): Das vergessene Jahrzehnt. Kinder - Jugend - Gottesdienst, Bochum 2004, 144ff.
  • Hinderer, Martin: Die Sprachen des Gottesdienstes entziffern, in: anknüpfen update 4. Spiritualität gestalten. Praxisideen für die Konfirmandenarbeit, Stuttgart, 2009.
  • Ilg, Wolfgang; Schweitzer, Friedrich; Elsenbast, Volker (Hg.): Konfirmandenarbeit in Deutschland Empirische Einblicke - Herausforderungen - Perspektiven Gütersloh, 2009.
  • Kehren, Bernd: Darf die Gottesdienstteilnahme für Konfirmanden verpflichtend sein?, in: Timo Rieg; Christoph Urban (Hrsg.): Das vergessene Jahrzehnt. Kinder - Jugend - Gottesdienst, Bochum 2004, 126-129.
  • Kirche und Jugend. Lebenslagen - Begegnungsfelder - Perspektiven. Eine Handreichung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2010.
  • Mit Kindern und Jugendlichen auf dem Weg des Glaubens. Rahmenordnung für die Konfirmandenarbeit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart 2000.
  • Rütschi, Gabrielle: Vielleicht - Die unverbindliche Verbindlichkeit, Zürich 2008.
  • Thesen aus den Workshops: Konfirmandenarbeit für das 21. Jahrhundert, EKD-weite Fachtagung der ALPIKA-KA, Loccum, 4.-6. November 2009

Anmerkungen

[1] Reform, 231.237

[2] Das Dozententeam des RPZ Schönberg fordert , in künftigen Rahmenordnungen für die Konfirmandenarbeit sollten "bestimmte harte Formen der Anwesenheitskontrolle [...] in Gottesdiensten untersagt werden". Quellenangabe!

[3] Reform, 239

[4] Käßmann, 145.

[5] Rütschi, 166.

[6] Kehren, 127.

[7] Kehren, 128.

[8] Glauben entdecken, ???

[9] Hinderer, 30.

[10] Käßmann, 146.

[11] Hinderer, 30.

[12] Kehren, 129.

[13] Glauben entdecken, ????.

[14] Glauben entdecken, ???.

[15] Rahmenordnung, 17.

[16] Rahmenordnung, 14.

[17] Reform von Konfirmandenarbeit. Reform von Konfirmandenarbeit - wissenschaftlich begleitet. Eine Studie in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Gütersloh 2009.

[18] Reform, 237.

[19] Konfirmandenarbeit in Deutschland, 143

[20] Kirche und Jugend, 78.

[21] Rahmenordnung, 22.

[22] Rahmenordnung, 32.

[23] Kehren, 126.

[24] Glauben entdecken, ???, Kursivsetzung  durch den Autor. 

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