Dekan/Superintendentin/Propst

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ein Geistreich-Mitglied
erstellt am: 18.11.2011
Letzte größere Änderung: 04.07.2013
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Deutsch (Original, angezeigt)
Inhaltsverzeichnis
Personalwesen, Leiten und Führen, Organisationsentwicklung, Kirchliche Berufe & Ämter
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Dr. Murmann, Hamburg, Pröpstin und Hauptpastorin

Definition

Die Leitungsebene zwischen Landeskirche und Kirchengemeinde ist für mehrere Kirchengemeinden zuständig.

Der Dekan/Superintendent/Propst – die Bedeutung der Amtsbezeichnungen

Das Amt des Dekans/Superintendenten/Propstes bzw. der Dekanin/Superintendentin/Pröpstin, das ephorale Amt ist ein Leitungsamt der evangelischen Kirche in einem Kirchenkreis/Kirchenbezirk. Die Amtsbezeichnungen leiten sich aus dem Lateinischen ab und geben erste Hinweise auf die Funktion des Amtes: Dekan – Vorgesetzter über zehn Pastoren (lat. decem = zehn), Superintendent – Aufseher (lat. Übersetzung des griech. epískopos, ebenso griech. ephorus), Propst – Vorgesetzter (lat. praepositus).

 

Um der guten Lesbarkeit willen wird im Folgenden ausschließlich die Amtsbezeichnung Superintendent verwendet. Die anderen Amtsbezeichnungen, auch in der weiblichen Form, sind darin mit gemeint.

 

Die Aufgaben des Superintendenten

Der Superintendent in der geistlichen Leitung

Der Superintendent hat Teil an der geistlichen Leitung der Kirche (Kybernetik, vgl. 1 Kor 12,28). Geistlich ist die Leitung der Kirche, wenn sie

  1. sich am Auftrag und Wesen der Kirche orientiert und darum das Evangelium in Wort und Tat darstellt und verbreitet (vgl. Augsburger Bekenntnis Art. 7), zugleich
  2. kirchliches Leben aus der Beziehung zwischen dem Evangelium und der gegebenen gesellschaftlichen Situation und ihren Herausforderungen entwickelt und zugleich
  3. die Gestaltung kirchlicher Arbeit an den Begabungen, Kenntnissen und Kompetenzen der Mitarbeitenden und an den äußeren Rahmenbedingungen und Ressourcen (Finanzen, Gebäude, Recht u.a.) orientiert.

Geistliche Leitung geschieht in diesem kybernetischen Dreieck.

Aus dieser Bestimmung von „geistlicher Leitung“ ergibt sich, dass der Superintendent zusammen mit allen anderen Mitarbeitenden in der Leitung der Kirche zugleich

  1. das Wort Gottes zu hören und darzustellen hat (Gottesdienst, Gebet, Schriftauslegung u.a.),
  2. die gegebene gesellschaftliche Situation wahrnehmen und mit gestalten soll (Diakonie, Bildung, öffentliche Verantwortung, Dialog, Medien u.a.) und
  3. für die Begleitung und Führung der Mitarbeitenden sowie für die Sicherung und Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen und Ressourcen (Organisationsstrukturen, Finanzen etc.) Sorge zu tragen hat.

Bei der Wahl der Führungs- und Leitungsinstrumente hat der Superintendent darauf zu achten, dass dies dem Wort Gottes entsprechen: Wenn es um den Glauben von Menschen geht, darf diese ausschließlich mit Worten und Zeichen des Evangeliums geschehen, wenn es um die Gestaltung kirchlichen Lebens geht (u.a. mit Strukturentscheidungen und Verträgen), sind diese Gestaltungsformen theologisch-ethisch zu verantworten (vgl. Augsburger Bekenntnis Art. 28 und Barmer Theologische Erklärung Art. 3).

 

Der Superintendent in der Kirchenleitung in Zusammenarbeit mit anderen

Der Superintendent ist auf der so genannten „mittleren Ebene“ tätig: zwischen der Leitungsebene der Kirchengemeinden (Kirchenvorstand/Kirchengemeinderat und Pfarramt) und der Leitungsebene der jeweiligen Landeskirche (Landessynode, Bischof, Landeskirchenamt/Konsistorialbehörde). In der Regel wird er von der Kirchenkreissynode/vom Kirchenkreistag gewählt. Im Kirchenkreis/Kirchenbezirk hat das Amt des Superintendenten eine Doppelfunktion: Zum einen die aufsichtliche (konsistoriale), zum anderen die synodale Funktion (Mitgliedschaft in der Kirchenkreissynode/im Kirchenkreistag und Vorsitz des Kirchenkreisvorstandes/Kirchenbezirksvorstandes). Als Superintendent ist er in die Leitung von Einrichtungen eines Kirchenkreises/Kirchenbezirkes (z.B. Diakonisches Werk, Kreisjugenddienst, Kreiskantorat, Verband der Kindertagesstätten) eingebunden.

In vielen Fällen ist der Superintendent zugleich mit einem Stellenanteil im Pfarramt der Superintendenturgemeinde tätig.

 

Der Superintendent in der Personalführung und -entwicklung

Entsprechend des oben genannten kybernetischen Dreiecks ist der Superintendent mit der Begleitung und Führung der beruflich Mitarbeitenden (Pastoren/innen, Diakone/innen, Sozialpädagogen/innen, Kirchenmusiker/innen, Öffentlichkeitsreferenten/innen, Fundraiser u.a.) sowie der ehrenamtlich auf Kirchenkreisebene tätigen Mitarbeitenden beauftragt. Dies geschieht in Gottesdiensten zur Einführung und Verabschiedung, in Jahres- bzw. Personalentwicklungsgesprächen sowie in Beurteilungsgesprächen, in der Beratung zu Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie zur Supervision, in Gesprächen zur Konfliktbearbeitung, in der Durchsetzung disziplinarrechtlicher und dienstrechtlicher Maßnahmen, in der Seelsorge, in Maßnahmen der Werbung und Findung von Mitarbeitenden sowie in der Pflege der Dienstgemeinschaft und internen Kommunikation (Konferenzen, Klausuren, Einkehrtage, Mitarbeitendenmagazin, Feste, Geselligkeit). Bei der Begleitung und Führung von ehrenamtlich Mitarbeitenden werden Aspekte der Ehrenamtlichenkultur und des Freiwilligenmanagements berücksichtigt.

 

Der Superintendent in der Leitung der Organisation „Kirchenkreis / Kirchenbezirk“

Entsprechend des kybernetischen Dreiecks ist der Superintendent auch mit der Leitung der Organisation „Kirchenkreis“/“Kirchenbezirk“ beauftragt. Dies geschieht durch

  • Visitation der Gemeinden mit den Aspekten der Beratung und der Aufsicht,
  • durch leitende Mitarbeit bei der Erstellung von Jahres- oder Mehr-Jahreskonzepten zu Inhalten und Strukturen kirchlicher Arbeit im Kirchenkreis/Kirchenbezirk (Konzepte zu kirchlichen Handlungsfeldern, Finanz- und Stellenplan, Gebäude- und Energiemanagement u.a.) und
  • durch die Leitung von Organisationsentwicklungs- und Veränderungsprozessen auf bestimmten Handlungsfeldern (z.B. Diakonie, Kindertagesstätten, Verwaltung).

Ein Superintendent braucht auf diesen Feldern zugleich die Fähigkeit, innovativ und strategisch zu denken, Mitarbeitende u.a. durch Aufmerksamkeitslenkung zu motivieren, transparent zu kommunizieren, Interessengruppen einzubinden, Prozesse organisatorisch und unter Beachtung der Psychodynamik zu lenken. In verwaltungstechnischer Hinsicht wird er durch die Arbeit eines Kirchen(kreis)amtes unterstützt.

 

Der Superintendent als spiritueller und theologischer Experte

Um die Leitungsaufgaben in dem kybernetischen Dreieck ausüben zu können, hat der Superintendent immer wieder – zusammen mit anderen Mitarbeitenden des Kirchenkreises – den Auftrag der Kirche in Beziehung zu Gegebenheiten der gesellschaftlichen Situation sowie in Abhängigkeit zu den Rahmenbedingungen und Ressourcen zu klären. Dazu gehören eigene und gemeinsame Zeiten der spirituellen Besinnung (Gebet, Gottesdienst, Einkehrtage u.a.), eine wache „Zeitgenossenschaft“ sowie das theologische und interdisziplinäre Studium. Immer wieder neu muss erkannt werden, wie das Evangelium „im Hier und Heute“ relevant sein kann. Aus dem Abstand vom Praxisalltag, in der Freiheit der zweckfreien Gottesbegegnung in Gebet und Gottesdienst wie auch in der Reflexion der theologischen und interdisziplinären Theorie können neue Ideen und Visionen entstehen und Priorisierungen bewährter Praxis neu gefunden werden. Dies bewahrt davor, Bestehendes nur zu verwalten und fortzusetzen und veränderte Herausforderungen und Rahmenbedingungen zu übersehen.

 

Der Superintendent als Repräsentant der Kirche in der Öffentlichkeit

Der Superintendent ist erster Ansprechpartner für kommunale Vertreter/innen, Vertreter/innen des Bildungswesens, gesellschaftliche Vereine und Verbände sowie die Presse im Gebiet eines Landkreises oder eines vergleichbaren sozialen Raumes. Er repräsentiert die evangelische Kirche bei öffentlichen Anlässen (z.B. durch ein Grußwort), er wird zu ethischen und gesellschaftlichen Fragen um Stellungnahme gebeten oder auch in gesellschaftlichen Konflikten als Mediator angefragt. Diesen Erwartungen aus der Öffentlichkeit kommt der Superintendent durch eine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (Pressemitteilungen, Pressegespräche, Internetpräsenz, soziale Medien, Flyer u.a.) entgegen.

 

Das Amt des Superintendenten in Veränderung

Die Aufgaben- und Rollenvielfalt des Amtes des Superintendenten ist groß: Sie reicht vom Visionär, Seelsorger und Prediger über den spirituellen und theologischen Lehrer über den Experten für interne und externe Kommunikation bis hin zum Manager von Organisationsentwicklungsprozessen und zum Repräsentanten in Öffentlichkeit und Gesellschaft.

Diese Aufgaben- und Rollenvielfalt ist Reiz und Problem zugleich: Sie ermöglicht einerseits (ähnlich wie das Pfarramt) ein Arbeiten in einer großen Breite der Herausforderungen mit der notwendigen Breite der Kenntnisse und Kompetenzen.

Andererseits erscheint das Amt als inhaltlich (Herausforderungen sind oft komplexer als die Lösungskompetenz) und strukturell (zeitliche Überlastung) überdehnt. Diese Überdehnung nimmt angesichts folgender Veränderungen, denen Kirchenkreise/Kirchenbezirke unterworfen sind, noch zu:

  • Kirchenkreise/Kirchenbezirke haben neben ihrem institutionellen zunehmend auch einen organisatorischen Charakter. Während Institutionen Stabilität aufweisen, müssen Organisationen einer ständigen Organisationsentwicklung unterzogen werden, wenn sie zukunftsfähig sein sollen. Dies setzt ein strukturell und psychodynamisch reflektiertes Veränderungsmanagement des Superintendenten voraus.
  • Die Erwartungen an die Begleitung und Führung von Mitarbeitenden aus Sicht der Mitarbeitenden wie aus Sicht der Leitungspersonen steigen.
  • Kompetenzen und Verantwortlichkeiten werden auf die Ebene der Kirchenkreise/Kirchenbezirke verlagert: Kirchengemeinden erwarten vom Kirchenkreis/Kirchenbezirk Kommunikations- und Koordinierungsleistungen, wenn sie (z.B. durch Stellenkürzungen und/oder höhere Erwartungen der Mitglieder) an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit kommen. Zugleich geben die Landeskirchen strategische Planungsaufgaben und -entscheidungen an die Ebene der Kirchenkreise/Kirchenbezirke ab, weil auf dieser Ebene am ehesten eine Balance zwischen Orts- bzw. Praxisnähe und überörtlicher Planungs- und Leitungsnotwendigkeit gelingt.
  • Aufgrund des Rückgangs von Mitgliederzahlen in den Gemeinden und Kirchenkreisen und um effektivere und effizientere Leitungsstrukturen zu schaffen, werden Kirchenkreise zusammengelegt, so dass die Zahl der Kirchengemeinden und der Mitarbeitenden in einem Kirchenkreis zunehmen.

Die erkennbare Überdehnung des Amtes des Superintendenten kann oft nur durch persönliches Über-Engagement (mit der Gefahr der gesundheitlichen Überlastung und/oder einer unausgeglichenen Balance von Arbeit und freier Zeit) oder durch bewussten oder zufälligen Qualitätsverlust in der Arbeit („Universaldilettantismus“) teilweise ausgeglichen werden. Ein sehr geringer, zum Teil sinkender Anteil von Frauen im ephoralen Amt kann auch als Problemanzeige gewertet werden.

Lösungsstrategien, die beschriebene Überdehnung zu reduzieren, können darin liegen,

  • die Aufgaben des Amtes als Superintendent einer Kritik zu unterziehen und zu reduzieren,
  • den Superintendenten von Aufgaben eines Pfarramtes zu entlasten,
  • die personelle Besetzung des Leitungsamtes der Größe eines Kirchenkreises/Kirchenbezirkes anzupassen sowie
  • alternative Leitungsstrukturen (Stellvertreter/innen mit dauerhaften Aufgabenbereichen und Stellenanteilen, Team-Superintendentenamt, kollegiale Leitung mit Superintendenten/innen und Pastoren/innen als Abteilungsleiter/innen u.a.) zu erproben.

 

Literatur

  • Jan Hermelink: Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens. Eine praktisch-theologische Theorie der evangelischen Kirche, Gütersloh 2011.
  • Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hg.), „Geistlich Leiten – Ein Impuls“. Dokumentation, Hannover 2012.
  • Volker Weymann/ Udo Hahn (Hg.): Die Superintendentur ist anders. Strukturwandel und Profil des ephoralen Amtes, Hannover 2005.

Autor

  • Dr. theol. Ralph Charbonnier
    Superintendent im Kirchenkreis Burgdorf, Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
    Spittaplatz 3
    31303 Burgdorf
    Tel.: 05136/8889-0
    Email: sup.burgdorf@evlka.de

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