Fernstudium Feministische Theologie

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2 Geistreich-members
created at: 2010-05-18
Last major update at: 2015-03-22
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Deutsch (Original, currently shown)
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Erwachsene, Bildung und Unterricht, Frauen
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Humboldt-Universität

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Das Fernstudium Feministische Theologie bietet eine geschlechtersensible und erfahrungsnahe Einführung in die Theologie. Es wird seit 2004 in fast allen Gliedkirchen der EKD durchgeführt.

SITUATION / KONTEXT

Im Bereich der Frauenarbeit beobachten wir seit geraumer Zeit ein wachsendes Interesse an grundlegender theologischer Bildung und ein steigendes Bedürfnis die Inhalte des christlichen Glaubens mit den eigenen Lebenserfahrungen so zu verbinden, dass ihre befreiende und heilende Kraft spürbar und in einer Alltags tauglichen Sprache formulierbar wird. In dieser Bedürfnislage verbinden sich ein Bildungsinteresse und eine Suche nach spiritueller Vergewisserung.

IDEE

Das Fernstudium Feministische Theologie ermöglicht Frauen (prinzipiell auch Männern) einen erfahrungsnahen Zugang zu den Grundthemen der Theologie und zeigt deren existentielle, geschlechtsspezifische, soziale und politische Relevanz. Durch die Einbettung der Kurswochenenden in einen spirituellen Rahmen, die Anbindung an einen geistlichen Ort, die Vernetzung mit einem anderen hochwertigen theologischen Bildungsprogramm und die Schaffung von Kontaktflächen zu anderen kirchlichen Arbeitsfeldern können wir die plurale Bedürfnislage der Interessentinnen aufnehmen und ihnen sowohl für die eigene Glaubensentwicklung als auch für ihre vielfältigen Engagementfelder ein überzeugendes geistlich/theologisches Bildungsangebot machen.

Das Fernstudium Feministische Theologie, entwickelt und herausgegeben vom Frauenstudien- und – bildungszentrum der EKD und der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland, bietet eine geschlechtersensible und erfahrungsnahe Einführung in die Grundthemen der Theologie. Es wurde bzw. wird seit 2004 in fast allen Gliedkirchen der EKD durchgeführt und erfreut sich nach wie vor einer starken Nachfrage.

In der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist das Fernstudium mit der Ausbildung der Prädikantinnen und Prädikanten vernetzt und schafft weitere Kontaktflächen zu anderen kirchlichen Arbeitsfeldern. Die Wochenendkurse werden in Kooperation mit einem Frauenkloster unserer Landeskirche durchgeführt und ermöglichen Frauen auf diese Weise sich mit feministischer Theologie und Spiritualität in der Mitte der Kirche zu beheimaten.

GRÜNDE & HERAUSFORDERUNGEN

In Zeiten des Traditionsabbruchs und zunehmender religiöser Sprachlosigkeit, vermittelt das Fernstudium Feministische Theologie insbesondere Frauen, die ja nach wie vor in den Familien die Hauptübermittlerinnen der Tradition sind, grundlegende theologische Bildung.

Die feministisch-theologische Ausrichtung ermöglicht einen Zugang im Horizont der eigenen Lebenserfahrungen und führt zugleich in die kontextuelle Bedingtheit aller Rede von Gott ein.

Aktuelle theologische Entwicklungen universitärer Theologie werden verständlich aufbereitet und mit den Alltagserfahrungen von Frauen in den verschiedensten Kontexten verbunden.

Wissenschaftliche Theologie wird allgemein verständlich ins Gespräch gebracht; die Trennung zwischen Wissenschaftlerinnen und Frauen an der Basis wird damit aufgehoben. Die Teilnehmerinnen werden ermächtigt selbst theologisch zu denken und eine begründete eigene Position zu entwickeln. Das „PriesterInnentum aller Gläubigen“ wird ernst genommen und konkretisiert.

In der Durchführung der Kurswochenenden werden die Teilnehmerinnen in die Gestaltung der Tagzeitengebete und des sonntäglichen Abendmahlsgottesdienstes, der das theologische Thema der Arbeitssitzungen homiletisch und liturgisch umsetzt, einbezogen.

Die wertschätzende Grundhaltung feministischen Lernens ermöglicht eine generationsübergreifende Zusammenarbeit von Frauen mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen und fördert damit nicht nur einen Erfahrung gesättigten theologischen Diskurs, sondern auch die Bildung einer tragenden Gemeinschaft, zumindest auf Zeit. 

Bisherige Erfahrungen in unserer Landeskirche aber auch in anderen durchführenden Gliedkirchen der EKD zeigen, dass Absolventinnen des Fernstudiums hoch motiviert und in der Lage sind, das Erlernte in unterschiedliche kirchliche und gesellschaftliche Kontexte einzubringen. Der Anteil der kirchlich engagierten Frauen unter den Absolventinnen liegt in unserer Landeskirche über 50%. Die Absolventinnen erleben das Fernstudium als eine grundlegende theologische Qualifizierung. Für ein weitergehendes Engagement kommen für die Absolventinnen vor allem drei Arbeitsfelder der Kirche in Frage: Gestaltung von Gottesdiensten und Andachten; Bibelarbeiten und Themenabende für unterschiedliche Gemeindegruppen (z.B. Geschlechtergerechte religiöse Erziehung für Mütter- und Großmütterkreise), Gremienarbeit, Gleichstellungsbeauftragungen etc.

WIRKUNG / ERFAHRUNG

Insgesamt lässt sich sagen, dass der gesamte Fernstudiengang ein beeindruckender Versuch ist, LaiInnen auf unterschiedlichsten Ebenen in feministisch-theologisches Denken einzuführen, und sie so im Blick auf den eigenen Glauben zu emanzipieren und sprachfähig zu machen. Durch die strukturell in der feministischen Theologie verankerte Verbindung von Theorie und Praxis und die Anerkennung von Verschiedenheit (der Frauen) als eine Grundlage produktiven feministisch-theologischen Lernens erhält der Fernstudiengang eine implizite ekklesiologische Dimension. Zusammen mit dem spirituellen Rahmen, in den das gesamte Projekt eingebettet ist, entsteht so eine Gemeinschaft auf Zeit, die den Teilnehmenden einen tragenden Grund gibt, auf dem beängstigende oder kraftlos gewordene Glaubensvorstellungen zerbrechen und neue wachsen können.

Die gewachsene theologische Sprach- und Ausdrucksfähigkeit wird nicht nur in der veränderten Selbstwahrnehmung der Absolventinnen deutlich, sondern zeigt sich auch in einer verstärkten Engagementbereitschaft gerade im Bereich aktiver geistlicher/gottes-dienstlicher Mitgestaltungswünsche und der Mitarbeit an der Weitergabe der christlichen Glaubenstradition.

ALLGEMEINE HINWEISE ZUR UMSETZUNG

In der Umsetzung arbeiten wir im Wesentlichen mit dem Konzept und Studienmaterial des „Fernstudium Feministische Theologie“, das vom Frauenstudien- und -bildungszentrum der EKD und der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland (heute: Evangelische Frauen in Deutschland e.V.) herausgegeben wird. Wir erteilen ein Zertifikat auf der Grundlage der im Konzept vorgegebenen Richtlinien, erwarten aber zusätzlich die Anfertigung eines „Werkstückes“ sowie einer abschließenden biografischen Reflexion des eigenen Lernweges.

Da das Zertifikat in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers als Äquivalent zu vier von sechs theologischen Modulen der PrädikantInnenausbildung anerkannt wird, integrieren wir um der Vergleichbarkeit willen eine fortlaufende Einheit zur biblischen Theologie sowie einige zentrale systematisch-theologische Themen in die Wochenendkurse. Auch hier ist eine feministische Hermeneutik leitend.

Auf der organisatorischen Ebene versuchen wir in allen Regionen unserer weiträumigen Landeskirche Tutorien zu installieren.

Diese werden in der Regel von religionspädagogisch qualifizierten haupt- und/oder ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen geleitet.

Über die Tutorin werden die regionalen Studienzirkel mit der Leitungsebene im

Frauenwerk vernetzt. Diese organisiert und steuert das gesamte Projekt: Planung, Finanzierung, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung und Durchführung der Wochenendkurse sowie der Einführungs- und Abschlussveranstaltungen.

Das Studienmaterial umfasst sieben Studienbriefe, deren theologische Themen gut verständlich eingeführt und durch verschiedene feministisch-theologische Textbeispiele ins Gespräch gebracht werden. Fernstudiendidaktisch aufbereitete Arbeitsfragen erleichtern die orientierende Bearbeitung im häuslichen Einzelstudium, das je Studienbrief ungefähr acht bis zehn Wochen umfasst. Innerhalb dieses Zeitraums findet eine Tutoriumssitzung statt, in der Austausch und Diskussion über die Inhalte und die je eigenen Positionen ermöglicht werden.

In den jede Studieneinheit abschließenden Wochenendkursen wird das Erarbeitete vertieft und perspektivisch erweitert, in der Regel durch eine externe Referentin, die über eine wissenschaftliche Qualifikation in dem jeweiligen Themenschwerpunkt verfügt..

Die sieben Studieneinheiten umfassen die Themen:

  • Was ist feministische Theologie (Prolegomena)
  • Gott (Trinitätslehre)
  • Jesus (Christologie)
  • Ethik (Schwerpunkte: Sozialethik/Medizinethik)
  • Bibel
  • Kirche
  • Spiritualität

Die einzelnen Themenfelder werden  so aufbereitet, dass sowohl erfahrungsbezogene Zugänge als auch differenzierte theoretische Auseinandersetzungen ermöglicht werden und die „Studierenden“ je nach eigenen Interessenlagen jedes Thema von seinen religions- und traditionsgeschichtlichen Wurzeln bis in die aktuelleren wissenschaftlichen Diskussionen hinein bearbeiten, nachvollziehen und aneignen können.

Hermeneutischer Schlüssel des gesamten Studienganges ist eine konsequente Kontextualisierung aller theologischen Fragestellungen und insofern, als der Fernstudien-gang sich vorwiegend an Frauen richtet, liegt das Schwergewicht natürlich auf den feministisch-theologischen Zugängen der letzten dreißig Jahre. Diese werden aber nicht unkritisch und einseitig rezipiert, sondern im Kontext der weltweiten Ökumene mit allen sich daraus ergebenen Anfragen so aufbereitet und präsentiert, dass sie voraussetzungslos, aber kritisch angeeignet werden können. Der immer wieder hergestellte Bezug zu aktuellen, Gegenwarts relevanten wie auch individuell-existentiellen Fragestellungen fordert zu eigenen Stellungnahmen heraus.

Die Textbeispiele bilden theologisch ein breites Spektrum ab. Feministisch-theologische Positionen der letzten dreißig Jahre werden in ihrem historischen und theologischen Kontext bearbeitet. Von Philo von Alexandrien über die Kirchenväter zu den großen MystikerInnen des Mittelalters und Martin Luther bis zu den relevanten TheologInnen der Gegenwart wird dabei der Bogen gespannt. Rezipiert werden ExegetInnen wie Frank Crüsemann, Gerd Theissen und Klaus Wengst ebenso wie Luise Schottroff und Elisabeth Schüssler Fiorenza. Traditionelle theologische Positionen (z.B.Karl Barth, Paul Tillich) werden mit befreiungstheologischen Entwürfen (z.B. Leonardo Boff/Dorothee Sölle) sowie mit aktuellen feministischen Diskursen (z.B. Liberia Delle Donne de Milano, Judith Butler, Luce Irigaray, Gisela Matthiae) konfrontiert.

Auch eher abseitige, aber in der gesellschaftlichen Diskussion präsente Positionen

aus dem außerchristlich / esoterischen Bereich werden nicht tabuisiert, sondern vorgestellt und zu kritischer christlich positionierter Auseinandersetzung angeregt.

Die Wochenendseminare folgen in unseren Kursen einem festen zeitlichen Rahmen.

Morgen- und Abendgebet werden regelmäßig von den Teilnehmerinnen selbst gestaltet.

Wir beginnen am Freitagabend mit einem gemeinsamen Abendessen.

Die anschließende erste Arbeitssitzung dient in der Regel der Herstellung eines biografischen Bezugs zum Thema. Der Samstag ist geprägt von je zwei intensiven Arbeitseinheiten am Vor- und am Nachmittag. Diese werden in Zusammenarbeit mit einer wissenschaftlich qualifizierten Referentin durchgeführt und dienen der thematischen Zusammenfassung, der kritischen Reflexion sowie der Erweiterung und Aktualisierung der aktuellen Studieneinheit. Eine weitere Arbeitseinheit zwischen 19:00 und 21:00 Uhr ist für biblische Theologie bzw. systematisch-Theologische Vertiefungen vorgesehen. Des Weiteren eine ein- bis zweistündige Arbeitseinheit am Sonntagmorgen.

Danach folgt ein gemeinsamer Abendmahlsgottesdienst, der in der Regel thematisch von den Mitgliedern eines Tutoriums vorbereitet wird. Das Wochenende endet am Sonntagmittag nach der Abschlussreflexion mit einem gemeinsamen Essen.

IMPULS

Wir streben langfristig eine feste Verankerung des Gesamtprogramms in der Ehrenamtlichenarbeit an, evtl. im Sinne einer theologischen Grundqualifikation, die die Mitarbeit in den entsprechenden Arbeitsfeldern ermöglicht: Gestaltung von Gottesdiensten, Bibelarbeiten, Leitung von Frauengruppen, Beteiligung in der Kinder-, KonfirmandInnen- und Mädchenarbeit, Gremienarbeit, Bildungsarbeit.

Bereits gelungen ist eine Verbindung mit der PrädikantInnenausbildung. (s.o.)

Regelmäßig erscheint das Fernstudium Feministische Theologie neben anderen Angeboten im Fortbildungskalender für KirchenvorsteherInnen.

Der geistliche Vizepräsident unseres Landeskirchenamtes hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen, er begleitet das Projekt und unterstützt unser Interesse es nachhaltig in unserer Landeskirche zu verankern

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