Gemeindeaufbau in Auslandsgemeinden

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created at: 2010-05-18
Last major update at: 2010-05-18
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Gemeindeaufbau, Auslandsgemeinden
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Malediveninsel am Abend

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Wie lädt man im Ausland deutschsprachige Christen zum Gottesdienst ein und wie baut man eine Gemeinde auf? Auch heute entstehen neue Auslandsgemeinden in den Wirtschaftszentren.

SITUATION / KONTEXT

Unter schätzungsweise 14 Millionen Deutschen im Ausland finden auch heute viele eine geistliche Beheimatung in einer deutschsprachigen Kirche. Für sie gilt: „Man kann nur in der Muttersprache richtig beten“. In früheren Jahrhunderten war es selbstverständlich, dass deutsche Auswanderer ihre eigene Kirche bauten und pflegten.

Die meisten, die aus beruflichen Gründen für begrenzte Zeit ins Ausland ziehen, sind aber kirchenfern und müssen für kirchliche Angebote erst gewonnen werden. Auslandsarbeit ist  heutzutage vor allem  ein missionarischer Dienst unter deutschsprachigen Menschen.

 Die EKD fördert und begleitet deutschsprachige Gemeindegruppen und Kirchengemeinden weltweit. Diese Auslandsgemeinden müssen sich weitgehend selbst finanzieren. Auch das Pfarrergehalt wird aus den freiwilligen Beiträgen und Spenden der Mitglieder bezahlt.

Die über 100 Pfarrer/innen, die von der EKD ins Ausland entsandt sind, arbeiten also unter den Bedingungen einer Freiwilligkeitskirche mit Menschen, die  aus volkskirchlichen Verhältnissen kommen. Deutsche sind es nämlich nicht gewohnt, sich als Mitglieder in einer Kirchengemeinde anzumelden und für ihre Kirche freiwillig zu spenden. Da es im Ausland weder Kirchensteuerpflicht noch Meldewesen gibt, müssen Auslandsgemeinden um Mitglieder werben und dafür sorgen, dass freiwillige Beiträge gezahlt werden.

Das sind die Rahmenbedingungen für Gemeindeaufbau in den Auslandsgemeinden.

Wie lädt man im Ausland deutschsprachige Christen zum Gottesdienst ein und wie baut man mit ihnen eine Gemeinde auf? Auch heute entstehen neue  Auslandsgemeinden in den Wirtschaftszentren im fernen und mittleren Osten.

IDEE

Die Erfahrungen der Auslandspfarrer und Auslandsgemeinden im Blick auf Gemeindeaufbau sind auf die Situation in Deutschland, insbesondere in größeren Städten, übertragbar.

Gemeindeaufbau zielt auch im Ausland darauf ab, Menschen zu einer Glaubensbeziehung zu Jesus Christus einzuladen, aber das besondere Angebot der deutschsprachigen Auslandsgemeinde ist die Verwendung der deutschen Sprache und die Pflege volkskirchlicher Traditionen (Liedgut, Kirchenmusik, traditionelle Feste) aus dem deutschsprachigen Raum.  Eine wichtigste Erfahrung im Ausland ist, dass die Verwendung der deutschen Sprache und die Pflege der volkskirchlichen Formen den Bedürfnissen ganz bestimmter Zielgruppen im Ausland entsprechen.

Die größten Erfolge hat die Auslandsarbeit unter jungen Familien mit kleinen Kindern aufzuweisen. Der Gemeindeaufbau beinhaltet deswegen vor allem Angebote für diese Zielgruppe. Es gehören dazu kindgerechte Events zu Nikolaus, Heiligabend, Erntedank und Sankt Martin, Krabbelgottesdienste, Angebote für junge Mütter mit Kindern, Familienfreizeiten, Kinderkirche bzw. Kindergottesdienste.  Die Praxis der Kindertaufe als Normalfall bietet den theologischen Anknüpfungspunkt. Eltern befürchten, dass ihren Kindern im Ausland „religiöse Erziehung“ fehlen könnte. Die Großeltern sind weit weg und die traditionellen christlichen Feste werden anders oder gar nicht gefeiert.  Daraus erwächst das Bedürfnis nach einer Verbindung mit der deutschsprachigen Gemeinde.

Die Eltern in der Altersgruppe zwischen 25 und 45 Jahren bilden die Hauptzielgruppe für den Gemeindeaufbau im Ausland. Zu dieser Zielgruppe zählen auch diejenigen, die am stärksten zur Finanzierung der Gemeinde beitragen können. Unter den Bedingungen der Freiwilligkeitskirche ist diese Zielgruppe daher unverzichtbar.

GRÜNDE & HERAUSFORDERUNGEN

Die Ankunft am ausländischen Wohnort ist vor allem für Familien mit Kindern ein krisenhafter Lebenseinschnitt, der eine völlige Umstellung des Familienlebens, eine Umorientierung der Eltern und eine Neubesinnung auf Werte, die in der Kindererziehung eine Rolle spielen, mit sich bringt. Das kirchliche Angebot muss auf die  Bedürfnisse, die in dieser Situation entstehen, eingehen.

Die Adressaten müssen kurz nach der Ankunft erreicht werden. Dazu ist schriftliche Werbung (Flyer, Broschüren, Anzeigen) wichtig, die im deutschsprachigen oder internationalen  Kindergarten, in den entsprechenden Schulen, bei der Botschaft ausliegt. Die Homepage im Internet ist wichtig, reicht aber nicht aus. Ebenso wichtig sind Personen, die auf die Angebote persönlich hinweisen (andere Mütter, Lehrer, Kindergärtnerinnen). Entscheidend sind Gemeindeaktivitäten zu Beginn des Schuljahres, Angebote, die eine möglichst frühe Kontaktaufnahme mit Kirche nach der Ankunft ermöglichen (z.B. Kinderbibeltag).

WIRKUNG / ERFAHRUNG

Für den Gemeindeaufbau ist es wichtig, die Familie im Blick zu haben und nicht nur die Kinder. Ein kinderorientierter Ansatz könnte dazu führen, dass die kirchlichen Angebote zur „Kinderbetreuung“ verkümmern.

Es gilt daher, die jungen Eltern in die Aktivitäten einzubinden und sie zur religiösen Erziehung ihrer Kinder zu befähigen. Durch Mitarbeit im Kindergottesdienst oder am Kinderbibeltag wachsen Eltern in diese Aufgabe und identifizieren sich mit der Gemeinde. Die Vorbereitung und Durchführung familienorientierter Events (Nikolaus, Sankt Martin) kann z.B. auf mehrere Väter verteilt werden.

Flankierend sind Fortbildungsangebote (Wie erzähle ich biblische Geschichten? Wie beantworte ich religiöse Fragen meines Kindes?) und Glaubenskurse  speziell für die Zielgruppe der Eltern von jüngeren Kindern wichtig.

Es kann zum Problem werden, dass Erwachsene und ältere Jugendliche  dem Gottesdienst fern bleiben und sich von der Gemeinde ganz abwenden, wenn alle Gottesdienste von der Anwesenheit jüngerer Kinder bestimmt werden. Der Sonntagsgottesdienst soll nicht Kindergottesdienst sein. Darum ist es wichtig, parallel zum Sonntagsgottesdienst Kinderkirche oder einen Kindergottesdienst anzubieten.  Hierfür muss die Gemeinde die räumlichen Rahmenbedingungen schaffen.

ALLGEMEINE HINWEISE ZUR UMSETZUNG

Nicht in jeder Auslandsgemeinde ist die Zielgruppe der Familien mit jungen Kindern die Hauptzielgruppe der Gemeindeaufbaubemühungen. Je nach Standort kann es auch erfolgreiche Auslandsarbeit unter anderen Zielgruppen wie z.B.  Auswanderer oder Senioren, die im Ausland ihren Ruhestand verbringen (Altersmigranten) oder unter den mit Einheimischen verheirateten Frauen geben.

Wichtig ist daher eine Analyse der Zusammensetzung der deutschsprachigen Bevölkerung am jeweiligen Ort. Für den Gemeindeaufbau in Auslandsgemeinden ist zudem wichtig, sich nicht an deutschen Gemeindemitgliederzahlen zu orientieren. Die kirchlichen  Zahlen basieren in Deutschland auf den Angaben der staatlichen Melde- und Finanzbehörden. Im Ausland können nur diejenigen als Mitglieder gezählt, die sich bei einer Gemeinde anmelden und einen finanziellen Beitrag entrichten. Erfahrungsgemäß können pro Pfarrstelle nicht mehr als 350-500 Menschen mit kirchlichen Angeboten erreicht werden, von denen etwa 70 bis 100 Haushalte (ca. 200 Personen) durch gezielten Gemeindeaufbau für eine verbindliche Mitgliedschaft gewonnen werden können. An vielen Orten ist eine hohe Fluktuation der deutschsprachigen Expatriates (= im Ausland lebende Personen) zu verzeichnen. Dies erschwert einerseits den Gemeindeaufbau, ermöglicht aber andrerseits die Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe, die sich in relativ kurzen Abständen (ca. 3-4 Jahre) erneuert. Bei einer langfristig ansässigen Bevölkerung stellt sich in ganz anderer Weise die Aufgabe der Begleitung der Zielgruppe (z.B. junge Familien mit kleinen Kindern) in den unterschiedlichen Lebensphasen.

 

Link zum Weiterlesen:

http://www.auslandsgemeinden.de

http://www.ekd.de/efas/images/Beruflicher_Auslandsaufenthalt_Internet.pdf

IMPULS

Die Erfahrungen der Auslandspfarrer und Auslandsgemeinden im Blick auf Gemeindeaufbau sind auf die Situation in Deutschland, insbesondere in größeren Städten, übertragbar.

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