Armut überwinden

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created at: 2012-02-02
Last major update at: 2012-02-02
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Menschen in Armut
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Heft "Armut überwinden - an vielen Orten" ist erschienen

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Auf geistreich finden sich viele Projekte gegen Armut. Armut ist ein drängendes Thema. Hier finden Sie grundlegende Texte zum Thema.

Hinführung

Armut ist ein drängendes Thema. Hier finden Sie grundlegende Texte zum Thema.

 

Aufsatz "Menschen in Armut in der Kirchengemeinde"

Marlis Winkler, "Menschen in Armut in der Kirchengemeinde – Perspektiven für eine Teilhabe am Beispiel des Projektes Gemeinsam gewinnen", in: „Kirchen aktiv gegen Armut und Ausgrenzung“, Kohlhammer Verlag 2011.

Sie finden den Beitrag unten im Downloadbereich.

10 Thesen zu Armut von Prof. Gerhard Wegner

Gerhard Wegner ist Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD

  

„Die Welt ist in ihrem Kern eine Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Schöpfer und Erschaffenen. Und sie hat ihren Ursprung in Gott.“ John Rawls 1942

   

1) Von Armut bedrohte oder betroffene Menschen sind von einem doppelten Ausschluss – Verlust – von Teilhabechancen bedroht: sie fallen aus der gesellschaftlichen Arbeits-Kooperation in der Wirtschaft heraus oder werden dort an den Rand gedrängt. Sie fühlen sich in der Zivilgesellschaft nicht anerkannt und sich auch hier benachteiligt. Sie erleben in dieser Hinsicht in mehrfacher Weise „gesellschaftliche Vernachlässigung“. Dies kann zu weiterer Entmutigung und zum Rückzug führen und die erfahrene Kränkung verfestigen.

 

2) Oftmals ist in dieser Situation ein Weg aus der Armut aus eigener Kraft kaum mehr vorstellbar. Alle Ressourcen müssen für das Überleben genutzt werden und so richtet man sich auch notgedrungen in der Armut ein. Das befördert weiteren Ressourcenverschleiß. Es braucht deswegen Anstöße von anderen. Es braucht Hilfe von außen, um die eigene Situation überhaupt in einer neuen Perspektive sehen zu können. Dafür braucht es Menschen, die sich den Betreffenden in einer ermutigenden, interessierten und nicht diskriminierenden Weise zuwenden.

 

3) Eine solche nüchtern-empathische Zuwendung ist von den staatlichen Stellen (z.B. Fallmanager) stets gefordert, aber dort nur begrenzt möglich. Staatlicherseits kann der oder die Einzelne nicht so in den Blick kommen, wie es nötig wäre. Schon gar nicht kann das lebensnotwendige konkrete Umfeld ausreichend bearbeitet werden. Entsprechend braucht es an dieser Stelle personelle Ressourcen aus der Zivilgesellschaft im Sozialraum: bürgerschaftliches Engagement für die Betreffenden.

 

4) Besser noch: Bürgerschaftliches Engagement mit den Betreffenden beziehungsweise die Förderung deren eigenen bürgerschaftlichen Engagements. Denn: solches Engagement kann prinzipiell auch von Armen als Zuwendung vor Ort 5 sinnvolle Tätigkeiten und als sinnvolle zeitliche Strukturierungen ihres Alltags erlebt werden. Das Gefühl des „Gebrauchtwerdens“ im Sinne der Erfahrung von Zugehörigkeit – auch von Spaß und Freude – entschädigt für vieles andere. Soziale Kontaktmöglichkeiten zu anderen ermöglichen neue Erfahrungen.

 

5) Entscheidend scheinen vor allem körperliche Betätigung, körperliche Arbeit, Sport und ähnliches zu sein. Der Inklusion in entsprechende Aktivitäten kommt eine große Bedeutung zu. Sie müssen entsprechend aufgewertet werden. Viele Sportvereine haben dies im Blick auf Kinder auch erkannt. Sie stellen Freiplätze bereit. Freilich kommen die Betreffenden nicht von allein. Kirchengemeinden können in dieser Hinsicht im Freizeitbereich vieles tun (Beispiel: Hövi-Land in Köln).

 

6) Entsprechendes Engagement kann auf diese Weise als Brücke zur Erhaltung oder zur Erweiterung eigener Kompetenzen dienen. Der entscheidende Faktor ist dabei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und der realistischen Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls. Dies kann die Chancen verbessern, wieder einen Arbeitsplatz zu erhalten. Damit dies funktionieren kann, müssen die entsprechenden Tätigkeitsangebote strikt freiwillig sein. Erst aus der Erfahrung, etwas selbstständig und frei begonnen zu haben, erwächst weitere Motivation.

 

7) Damit sich die Betreffenden aber überhaupt auf ihre Fähigkeiten besinnen können, etwas Freiwilliges zu beginnen, braucht es unterstützende Schonräume und insgesamt eine „Zuwendungsstrategie“ (Rosine Schulz), um die unter ihren Alltagsproblemen Leidenden an neue Aufgaben heranzuführen. Es geht hier folglich um die Gestaltung eines Abholprozesses: von selbst werden sich die Betreffenden nicht engagieren, da die Schwelle für sie unüberwindlich erscheint. Alles hängt an der Gestaltung von Begleitungsprozessen, in denen personale Zuwendung praktiziert wird.

 

8) Folglich muss es um die Gewinnung von Menschen gehen, die sich für solch einen Begleitungsprozess qualifizieren lassen. Diese Menschen gibt es – aber es braucht auch für sie Gelegenheiten, damit sie sich für die anderen einsetzen können. Also: es braucht Freiwilligenagenturen, die sich gezielt (auch) um arme Menschen bemühen. Solche Agenturen müssen gefördert werden. Es kann hier durchaus Übergänge in soziales Unternehmertum geben.

 

9) Ein wichtiger Ansatzpunkt entsprechender Aktivitäten ist das den Kirchengemeinden gut vertraute Feld von Familien, Kindern und Jugendlichen. Arme Menschen erwarten von der Kirche gerade in diesem Bereich Unterstützung. Familien unterstützende Aktivitäten sind bei aller institutionellen Förderung von Kindern unerlässlich, da die Familien trotz allem für die Entwicklung der Kinder entscheidend sind. Der breiten Diffamierung und finanziellen Benachteiligung von armen Familien muss etwas entgegengesetzt werden.

 

10) Schließlich: Kirchengemeinden haben auch das Ziel, Arme in ihre religiöse Kommunikation einzubeziehen (Mission) – und das ist auch gut so! Denn der christliche Glaube enthält unendlich viel an Mut machenden und stärkenden Ressourcen, die den Armen nicht vorenthalten werden dürfen. Der Gott, der die Armen liebt, will auch in der Praxis der Kirchengemeinden erfahren werden. Diese Sicht und diese Erfahrungen können dafür sorgen, Arme nicht zum Objekt unserer Tätigkeiten herabzustufen sondern ihnen stets auf Augenhöhe zu begegnen – ja von ihnen zu lernen. Jeder Arme erinnert mich daran, dass all meine Fähigkeiten ein unverdientes Geschenk sind und ich für ihren Gebrauch werde Rechenschaft ablegen müssen.

 

    

Weitere Verweise

Sammlung von Projekten

http://www.geistreich.de/FokusArmutBeenden

Eigener Eintrag im Inhaltsverzeichnis

http://www.geistreich.de/experience_reports?toc_id=48

 

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