Militärseelsorger - ein Wanderer zwischen den Welten?

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created at: 2012-12-19
Last major update at: 2012-12-19
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Deutsch (Original, currently shown)
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Frieden, Gerechtigkeit, Schöpfung, Freiwilligendienste, Kirchliche Berufe & Ämter
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Militärseelsorge

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Für die einen sind Militärpfarrerinnen und -pfarrer immer noch die, die Waffen segnen, für die anderen, z.B. nach einer erfolgreichen KDV-Beratung, die es auch nach Ende der Wehrpflicht gibt, Wehrkraftzersetzer.

Hinführung

Für die einen sind Militärpfarrerinnen und -pfarrer immer noch die, die Waffen segnen, für die anderen, z.B. nach einer erfolgreichen KDV-Beratung, die es auch nach Ende der Wehrpflicht gibt, Wehrkraftzersetzer.

Was unsere Arbeit ausmacht, darum soll es im Folgenden gehen. Eigentlich, das vorweg, sind wir ganz normale Pastorinnen und Pastoren in der Sonderseelsorge, nicht mehr und nicht weniger.

 

Pastor/in für Soldatinnen und Soldaten sowie deren Familien

Kasualien aller Art, von der Wiege bis zur Bahre begleiten unseren Dienst, wie in jeder Gemeinde. Gottesdienste ebenso, wobei es reguläre Sonntagsgottesdienste meist nur in den Militärkirchengemeinden, den Auslandsstandorten und im Auslandseinsatz gibt. Da unsere „Schäfchen“ zumeist Wochenendpendler sind, finden die Standortgottesdienste unter der Woche, häufig am sehr frühen Morgen, statt. An vielen Standorten gibt es Bibelkreise, Chorarbeit, Musikgruppen, Familienkreise, Gesprächskreise und anderes. Viele Kolleginnen und Kollegen bringen sich in die Ortsgemeinde ein, an den Standorten Munster und Augustdorf gibt es eine evangelische Militärkirchengemeinde, zu der alle evangelischen Soldaten und ihre am Standort lebenden Familienangehörigen gehören und in diesen Gemeinden gibt es alles das, was es in jeder Gemeinde gibt, in Munster z.B. auch Konfirmandenunterricht und Jugendarbeit.

Viel Gemeindearbeit geschieht auf Rüstzeiten, unter der Woche mit Soldatinnen und Soldaten, am Wochenende mit den Familien. 2011 kam ich auf 15 Rüstzeiten, davon 13 am Wochenende. Und auch wenn die Mitarbeitenden ihre Familie mitnehmen dürfen, ich war doch oft nicht zuhause. Wer sich für die Militärseelsorge interessiert, sollte Gemeindearbeit nicht ablehnen, sondern darin Erfahrung haben und Freude finden. Man sollte aber bedenken, dass sich zu dieser Gemeinde auch Leute halten, die nicht getauft sind, nicht zu einer Kirche gehören oder zu einer anderen Kirche oder gar Religion, und das auch nicht ändern wollen. Ich habe immer wieder Muslime im Gottesdienst. Vieles an Angeboten wird deshalb niederschwellig bleiben und auch wenn es immer wieder Erwachsenentaufen gibt, sollte die Motivation nicht vordergründig missionarisch sein.

 

Seelsorge

Egal ob Soldaten Christen sind oder nicht: Die Seelsorger/innen sind, auch wenn das statistisch nicht immer nachzuweisen ist, weil die Gespräche irgendwo am Arbeitsplatz zwischendurch geführt werden, gesuchte Gesprächspartner für Lebensfragen aller Art, ob es um klassisch religiöse Themen geht, um private Probleme in Familien und Beziehungen, um Suchterkrankungen, um dienstlichen Ärger, um friedensethische Fragen, um KDV-Beratung, um allgemeine Sinnfragen, um Mobbing, um Heimweh, sogar zu politischem oder religiösem Radikalismus habe ich schon Gespräche geführt. Besonders in den Auslandseinsätzen häufen sich Gesprächswünsche aller Art. Und eine besondere Aufgabe ist das Überbringen von Todesnachrichten, nicht nur, wenn Soldaten gefallen sind, sondern auch nach Unfällen, und die Unterstützung bei besonderen zivilen und militärischen Großschadensereignissen. Militärseelsorger/innen sollten erfahrene und motivierte Seelsorger/innen sein, Erfahrung in der Notfallseelsorge ist dabei hilfreich, wissen, dass es im System Bundeswehr noch wichtiger ist, als sonst, aktiv auf die Menschen zuzugehen und sich im Bereich Seelsorge regelmäßig weiterbilden, wozu die Militärseelsorge viele Angebote macht.

 

Unterricht

Alle Soldaten haben Anspruch und Verpflichtung auf zwei Schulstunden Lebenskundlichen Unterricht, berufsethischer - und kein Religionsunterricht, pro Monat, der gebündelt in Form von Tages- oder Mehrtagesseminaren durchgeführt werden soll. Und auch wenn die Durchführung manchmal aus Termingründen schwierig wird, wird schon sehr viel unterrichtet. Die Themenbereiche sind mit der Bundeswehr gemeinsam festgelegt worden, die Durchführung bleibt vielfältig, ich selber habe z.B. im vergangenen Jahr Unterrichte zu Themen wie

  • „Gerechter Friede“, „Schuldig werden“, „Erwin Doldt – auch ein KZ-Kommandant konnte Widerstand leisten“, „Die Weltreligionen“, „Juden in Deutschland“, „Berufsethos des Offiziers“, „Terrorismus“, „Verschwörungstheorien“, „Schwören“ (für Rekruten), „Typisch männlich – typisch weiblich: Zur Genderfrage“ und „Wann wird Befehlsverweigerung zur Pflicht?“

gehalten. Wer sich für die Militärseelsorge interessiert, sollte Freude am Unterricht haben, möglichst Erfahrung darin haben, sich sowohl Menschen mit Hauptschulabschluss als auch solchen mit Hochschulabschluss stellen können und sich auch in diesem Bereich ständig weiterbilden.

 

Auslandseinsätze

Auch die Geistlichen gehen in die Auslandseinsätze der Bundeswehr mit. In Afghanistan, im Kosovo und an Bord der Marineschiffe sind ständig Militärpfarrer/innen dabei. Das ist eine Belastung auch für eine/n selber und die Familien. Und eine Gefährdung gibt es natürlich auch immer, auch wenn die Haupttätigkeit in geschützten Feldlagern stattfindet. Die Einsatzhäufigkeit ist unterschiedlich, bei der Marine geht es fast jedes Jahr mit auf See, die Pfarrer/innen beim Heer gehen im Durchschnitt alle zweieinhalb bis drei Jahre für vier Monate in den Einsatz. Dafür wird die eigene Arbeit in Seelsorge und Gottesdiensten im Einsatz auch besonders dankbar angenommen und ich habe es für meinen Einsatz in Kunduz mal so formuliert: „Ich habe mit meiner Gemeinde im besten Sinne als Dorfpastor gelebt“.

 

Pfarrer/in im System Bundeswehr

Die Seelsorger/innen bleiben, auch in den Einsätzen, Zivilisten, haben keinen Dienstgrad und tragen keine Waffen. Die Flecktarnkleidung, die wir im Einsatz tragen, ist eine Schutzkleidung und keine Uniform. Das ist uns wichtig und verhinderte Militärs als Seelsorger wollen weder wir als Militärseelsorger, noch die Soldaten. Dennoch lebt man im System Bundeswehr, wird zu Veranstaltungen eingeladen, besucht Lehrgänge gemeinsam mit Soldaten, ist Dienststellenleiter und Vorgesetzter einer/eines Mitarbeitenden und fährt ein Auto mit Y-Kennzeichen. Eine Akzeptanz des Soldatenberufes und der Aufgabe der Bundeswehr als Exekutivorgan des Rechtsstaates sollte, bei allem Recht, auch kritische Fragen zu stellen, vorhanden sein. Die Formel der Militärseelsorge lautet „Kritische Solidarität“ mit den Soldatinnen und Soldaten und diese hat sich in nunmehr 55 Jahren durchaus bewährt.

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