Predigt 20. Juli

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created at: 2014-07-22
Last major update at: 2014-07-23
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Deutsch (Original, currently shown)
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Gottesdienst, Zielgruppengottesdienst, Frieden, Gerechtigkeit, Schöpfung
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Erinnerungsgottesdienst

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Predigt zum Erinnerungsgottesdienst "Widerstand" am 20. Juli 2014 in Gera

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Es ist eine alte jüdische Legende, die sich auf Abraham und sein Plädoyer für Sodom und Gomorrha bezieht. Wenn in der Welt sich gar nur noch zehn Menschen finden, die als „Gerechte“ bezeichnet werden können, dann wird die Welt um dieser Gerechten willen verschont und gerettet. Diese Gerechten sind als solche nicht unbedingt erkennbar. Sie leben in unserer Mitte, ohne groß Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber dann, im Moment der Entscheidung, wenn um sie herum Barbarei, Lüge, Verrat und Feigheit zu triumphieren scheinen, dann behalten diese ihre menschliche Wärme und ihr Gottvertrauen. Sie schweigen nicht. Sie sagen deutlich „Nein“. Sie stellen sich in den Weg. Sie bergen den Verfolgten. Sie fragen nicht nach Erfolg, weil sie ihr Gewissen befragen. Sie legen gegen das Unrecht ihre Freiheit, ihre Sicherheit, ihr Leben in die Waagschale. Die Aussichtslosigkeit auf Erfolg ist für sie kein Argument. Sie tun, was sie tun, weil sie es für richtig halten. Inmitten der Knechtschaft leben sie eine sonderbare, wunderbare Freiheit vor.

 In einem Lied von Konstantin Wecker über den studentischen Widerstand der weisen Rose heißt es treffend:

 „Ihr habt geschrien,
wo andre schwiegen,
obwohl ein Schrei nichts ändern kann,
ihr habt gewartet, ihr seid geblieben,
ihr habt geschrien,
wo andre schwiegen -
es ging ums Tun und
nicht ums Siegen!“

 

Sie leben in unserer Mitte, ohne groß Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie sind im Moment ihres gerechten Handelns meist keine Helden. Sie gelten viel mehr als Versager, Verräter, Verbrecher. Was sie tun, ist im Grunde wenig spektakulär. Die Gerechten bleiben mit Würde Mensch. Die Gerechten verzichten bewusst darauf, Übermensch sein zu wollen und andere zum Untermenschen zu machen. Sie bleiben mit Würde Mensch, und wollen die Würde Anderer schützen.

Es war Sonnenfinsternis über Deutschland, in diesen blutigen Jahren 1933 bis 1945. Menschen wurden in Massen korrumpiert und zerbrochen. Barbarei, Lüge, Verrat und Feigheit bestimmten den Alltag. Und Abraham blickte aus der Tiefe, im Gespräch mit Gott, ob sich in dieser deformierten Gesellschaft vielleicht doch 10 Gerechte finden ließen, die sich menschliche Wärme und Gottvertrauen bewahrt haben.

 Gerechtigkeit zu leben, das bedeutet in der Diktatur immer Widerstand. Wobei Gerechtigkeit und Widerstand meist nicht in großartigen Gesten und aufwendigen Aktionen besteht muss, sondern vor allem in der Bewahrung der Menschlichkeit im Alltag. „Wir haben doch nichts gewusst. Wir konnten doch gar nichts tun.“ – solche Sätze einer Selbstrechtfertigung, diese Ausreden für Anpassung und Mitläufertum, widerlegen die Gerechten durch ihr eigenes Verhalten.

Die Facetten des Widerstandes waren dabei sehr breit gefächert. Es gab jüdischen Widerstand, religiös motivierten und kirchlichen Widerstand, es gab sozialdemokratischen, kommunistischen, sozialistischen, anarchistischen und gewerkschaftlichen Widerstand, es gab bürgerlichen, konservativen, liberalen Widerstand. Es gab den Widerstand aus Kreisen der Jugendbewegung, des Adels, der Wehrmacht. Es gab Widerstand von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Es gab Widerstand in den Konzentrationslagern. Es kulturellen, spontanen Widerstand und Widerstand im Alltag.

 Und Abraham blickte aus der Tiefe, im Gespräch mit Gott, ob sich in dieser deutschen Gesellschaft vielleicht doch 10 Gerechte finden ließen, die sich menschliche Wärme und Gottvertrauen bewahrt haben.

Der Umsturzversuch am 20. Juli stellt natürlich eine konsequente direkte Aktion dar. Flugblätter und Parolen, der illegale Austausch von Informationen über die Schweiz, gezielte Sabotageakte in Rüstungsbetrieben wurden von unterschiedlichen Gruppen organisiert. Doch die Bewahrung der Würde bestand meist nicht in großartigen Gesten und aufwendigen Aktionen. Die Verweigerung, an Propagandaaufmärschen teilzunehmen, in SA, NSDAP oder anderen gleichgeschalteten Organisationen einzutreten, den Mitmenschen zu bespitzeln und zu denunzieren, brauchte Charakter und Mut. Das Hören des britischen Senders BBC, das Erzählen von regimekritischen Witzen, das Lesen verbotener Literatur konnte den Einzelnen, die Einzelne in Gefahr bringen. Trotz Boykott in jüdischen Geschäften einkaufen zugehen, KZ-Häftlingen freundliche Blicke, gute Worte oder gar etwas essen zuzustecken, galt als Straftat. Pfarrer, die in ihren Predigten das Unrecht ansprachen oder in der Fürbitte die Opfer des Terrors aufnahmen, landeten nicht selten selbst im Lager.

Auch die persönliche Entscheidung, auf den Krieg zu reagieren, war vielschichtig. Die Meisten folgten der Wehrpflicht und versuchten, irgendwie zu überleben. Zahlreiche Wehrmachtsangehörige beteiligten sich an Geiselerschießungen und anderen Kriegsverbrechen.

Andere versuchten, unterdrückte Informationen über solche Vorgänge zu verbreiten. Mancher versuchte, sich als Deserteur dem verbrecherischen System zu entziehen. Wenige nur gaben eindrucksvoll Zeugnis, indem sie als Kriegsdienstverweigerer in den Tod gingen. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sein Kreis versuchten, durch einen Umsturz das Unrecht zu beenden.

Und Abraham blickte aus der Tiefe, im Gespräch mit Gott, ob sich in dieser deutschen Gesellschaft vielleicht doch 10 Gerechte finden ließen, die sich menschliche Wärme und Gottvertrauen bewahrt haben.

Beeindruckend war die Entscheidung Einzelner, verfolgten jüdischen Menschen, politisch Bedrohten oder entflohenen Häftlingen Unterschlupf zu geben oder ihnen bei der Flucht zu helfen. Mancher gerechter Mensch trat im unerwarteten Gewand auf:

„Es war in Berlin. Das Cafe wurde von Prostituierten frequentiert. Aber es war auch nach der Machtergreifung weiterhin noch Treffpunkt schwuler Männer. Da war dieser Tag; die Gestapo machte Razzia und verhaftete nach Gutdünken Männer, die kurz darauf mit rosa Winkel im KZ starben. Auch mich wollte der Scherge packen, da stand doch eine der Prostituierte auf und schrie den Gestapomann an –Hey, Kerl, lass meinen Freier los! Wenn Du meine Kunde4n verhaftest, wovon soll ich mir dann mein Brot kaufen?- Ihr werdet es kaum glauben, aber diese couragierte Frau mit dem Herz auf den richtigen Fleck hat mir in diesem Augenblick das Leben gerettet.“ – so der Bericht eines Mannes, der wegen dieser rau als homosexuell Liebender die NS-Diktatur überlebt hat. 

Ein „Gerechter unter den Völkern ( ‏חסיד אומות העולם‎ Chassid Umot ha-Olam)  bezeichnet ein von Israel verliehenen Ehrentitel für nichtjüdische enschen, die während der NS-Diktatur sich dafür einsetzten, um jüdische Menschen zu retten.

Fabian von Schlabrendorff , beteiligter Offizier des Widerstandes am 20. Juli, sagte zu seiner Entscheidung:

„Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird. […] Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“

Und Abraham blickt noch immer ungebrochen aus der Tiefe, im Gespräch mit Gott, ob sich auch in dieser heutigen unseren Zeit 10 Gerechte finden ließen, die sich menschliche Wärme und Gottvertrauen bewahrt haben.

 

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