Seelsorge - das Kurzgespräch im Alltag

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created at: 2014-11-04
Last major update at: 2014-11-04
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Im laufenden Alltag kann in einem Kurzgespräch ein starker seelsorglicher Impuls gesetzt werden.

SITUATION / KONTEXT

Wer um seine Seele besorgt ist, denkt dabei weder an Psychotherapie (»Ich hab’ doch keine Macke!«), noch zieht es diesen Menschen in eine kirchliche Seelsorge (»Jeder wird nach seiner Facon selig!«), denn psychologische oder seelsorgliche Beratung sind – wenn überhaupt – erst angesagt, wenn eine unleugbare Krankheit oder eine massive Störung des seelischen Gleichgewichts die Bejahung des normalen Lebens in Frage stellen. »Aber so krank bin ICH noch nicht, dass ein Seelendoktor sich nach den Regeln seiner Kunst um mich sorgen oder ein/e psychologisch geschulte/r Seelsorger/in mir helfen müsste, mein psychisches Gleichgewicht wieder zu finden.«.
Grundlagen des Kurzgesprächs. Kenntnisse und Fertigkeiten für ein bündiges Beratungsgespräch. BoD – ISBN 9783848214198 - € 12,90.

Buchtitel. Quelle: Timm Lohse

IDEE

Das seelsorgliche Gespräch im Alltag will kurz und bündig auf die Anfrage eines ratsuchenden Menschen eingehen und dessen Selbstorganisation so aktivieren, dass ihm ein eigenständiges Handeln (wieder) möglich wird.

Ein kurzes und bündiges Gespräch wird möglich, wenn Abschied genommen wird von einer an psychischen Defiziten und Fehlentwicklungen orientierten therapeutischen Gesprächsführung und stattdessen im Vollzug des miteinander Sprechens eine andere Wirklichkeit in den Blick kommt, in der der ratsuchende Mensch sich »wiederfindet« und zu handeln bereit ist.

GRÜNDE & HERAUSFORDERUNGEN

Das beiläufig begonne Alltagsgespräch bietet die Gelegenheit, in einem meist zufällig sich ergebenden dialogischen Diskurs zu klären, wie Ratsuchende sich von dem für sie aus der vergangenen Geschichte ihres Lebens sich ergebenden gegenwärtigen IST lösen können, um zukünftig den momentan als "gestört" empfundenen Lebensvollzug wieder zielstrebig dem eigentlich gewollten Lebensentwurf anzunähern.
Jeder Mensch ist in seinem inneren Dialog, mal mehr, mal weniger bedacht und bewusst darum bemüht, im alltäglichen Lebensvollzug eine für ihn sinnvolle Lebensgeschichte zu entfalten.

Besonders bei aktuell im alltäglichen Lebensvolllzug aufbrechenden Diskontinuitäten entsteht bzw. wächst der Wunsch bzw. die Hoffnung, in diesen inneren Dialog eine außenstehende Person einzubeziehen (»Ich möchte Sie kurz mal sprechen. Haben Sie einen Augenblick Zeit, ich hab da nur eine Frage …«), um den aktuellen Lebensverlauf mit dem Lebensentwurf oder umgekehrt, den Lebensentwurf mit dem aktuellen Lebensverlauf wieder in Einklang zu bringen.

Dort setzt die Seelsorge im Alltag an.

Das Kurzgespräch ist angemessen für die typische (nicht nur pfarramtliche) Situation der einmaligen Begegnung (eben am Gartenzaun, aber auch im Supermarkt, kurz vor dem Gottesdienst, beim Geburtstagsbesuch, in der Straßenbahn etc.). Deswegen ergibt sich aus meiner Sicht kein Widerspruch zur "klassischen", pastoralpsychologisch-kerygmatisch geprägten Seelsorge, die – bei entsprechend äußeren Rahmenbedingungen – nach wie vor ihre Berechtigung hat.

WIRKUNG / ERFAHRUNG

Seelsorge, die einen Menschen bei der Suche nach den angemessenen Formen für die Bejahung seines Selbstentwurfes im alltäglichen Lebensvollzug begleiten will, wird das Gespräch dort anbieten, wo dieser Mensch ahnt oder ansatzweise erkennt,

  • dass ihm nur einer die Zunge lösen müsste, um selber aussprechen zu können, was sich nach seinem SELBST anhört;
  • dass ihm nur einer die Binde von den Augen lösen müsste, um selber sehen zu können, welches Bild der Perspektive seines SELBSTs entspricht;
  • dass ihm nur einer die Fesseln lösen müsste, um selber einen Schritt in die Richtung ansetzen zu können, die in die Zukunft seines SELBSTs führt.


 

Quelle: Timm H. Lohse, Das Kurzgespräch in Seelsorge und Beratung

 

Sehr sinnvoll außerdem: Timm H. Lohse, Das Trainingsbuch zum Kurzgespräch!

ALLGEMEINE HINWEISE ZUR UMSETZUNG

Wesentliche Voraussetzung dafür, ein solches Seelsorgegespräch im Alltag zu »führen«, ist die Bereitschaft der/s Seelsorgerin/s, sich der inneren und äußeren »Sprache« des Ratsuchenden anzupassen, in der dieser sich bis jetzt mit sich selbst verständigt hat.
Bei den seelsorglichen Gespräch im Alltag gilt es, das, was für den ratsuchenden Menschen (noch) werden soll, angesichts dessen, was bisher geworden ist, auf seine praktikable Umsetzung zur Sprache zu bringen. Dabei wird die/der Seelsorger/in die Tiefe des bisher vollzogenen Lebensprozesses dieses Menschen, die sich in den »Standpunkten« seines inneren Dialogs artikuliert, sorgsam zu berücksichtigen haben. Nur so werden die notwendigen Korrekturen für eine zukünftig wieder weitgehende Übereinstimmung zwischen Lebensvollzug und Lebensentwurf, erarbeitet.

 

Links:

www.chatseelsorge.de

www.trauernetz.de

http://www.telefonseelsorge.de

 

Bücher:

Timm H. Lohse, Das Kurzgespräch in Seelsorge und Beratung. Eine methodische Anleitung [Taschenbuch]. Vandenhoeck & Ruprecht; 3. Auflage. (1. Dezember 2005).

 

Timm H. Lohse, Sein & bleiben: Vom Alltag der Liebe [Roman, Taschenbuch]: 

Liebe im Alltag des Miteinanders zu bewahren, erfordert urgründiges Selbstvertrauen, ausdauernde Geduld und fantasievolle Entschiedenheit. Karen Britta Binder und Sünje Jensen begegnen einander zufällig in der Mitte ihres Lebens. Die beiden Frauen berichten von aktuellen Herausforderungen und zurückliegenden Erfahrungen des Füreinander-Seins in Freundschaft und Ehe. Dabei werden einfaches Wünschen, banales und tragisches Scheitern und immer wieder aufkeimendes Hoffen auf erfülltes Leben offenbar. Der Erzählbogen spannt sich von sexuellen Erlebnissen über den Schwangerschaftskonflikt bis zur möglichen Vielfalt menschlicher Beziehungen und den Grenzen ihrer Belastbarkeit. Im Wandel ihres Lebens wollen Karen und Sünje jede in ihrer Art und auf ihre Weise sie selbst sein und bleiben. Das Hohelied der Liebe im Alltag erklingt poetisch, unaufdringlich und zart.

Frieling & Huffmann; 1. Auflage (14. Dezember 2010).

IMPULS

Mit diesen Gesprächen im Alltag verbindet sich eine seelsorgliche Grundhaltung, die bestimmt ist von der Hoffnung auf die neuen Möglichkeiten der Zukunft.

Etwas zugespitzt charakterisiere ich diese Haltung folgendermaßen:

  • Hoffnung beleben statt Frust ergründen,
  • Ressourcen fördern statt Defizite benennen,
  • Gesundes stärken statt Krankes bekämpfen,
  • Möglichkeiten erkunden statt Befindlichkeiten verbalisieren,
  • aufschlüsseln statt deuten,
  • orientieren statt problematisieren,
  • auf das Gelingen aus sein statt komplizieren.

Weiteres unter:

www.kurzgespraech.de

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