Kirchenasyl als interkulturelles Lernen in der Gemeinde

Author
a geistreich member
Created at: 2012-03-22
Last major update at: 2012-03-22
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Menschen in Armut, Integration und Inklusion
Institutions
Ökumenische BAG Asyl in der Kirche e.V. in Berlin
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: Abhängig von der Gemeinde
Execution: Ein Zeitraum ist nicht nennbar
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Abstract

Solidarität mit Flüchtlingen und Migrant/innen in Not - Kirchengemeinden praktizieren Integration und inklusive Gesellschaft.

Situation / context

Kirchengemeinden nehmen Menschen auf, denen die Abschiebung droht oder die keine Papiere haben, und setzen sich für ihr Bleiberecht in Deutschland ein.

Goals

Der konkrete Einsatz für Menschen aus aller Welt wird zur beispielhaften Praxis von Integration und Inklusion. Aus der Notsituation, der man sich stellt, erwächst gemeindeübergreifendes Zusammenwirken und setzt geistliche und thematische Impulse frei. Durch das exemplarische interkulturelle Lernfeld entsteht vielseitiges Gemeindeengagement.

Reflection / background

Erfahrungen mit Kirchenasyl gibt es in Deutschland seit dem ersten Kirchenasyl 1983 in Berlin. Kirchengemeinden sind oft Anlaufstelle für verzweifelte Menschen auf der Suche nach Rat, Unterkunft und Hilfe. Kirchenasyl gibt Zuflucht suchenden Menschen die Möglichkeit, in Ruhe und angstfrei mit kompetenter Unterstützung ihre Situation zu (er-)klären und für sie gegebenenfalls doch noch ein Bleiberecht zu erwirken. Kirchenasyl will damit einen Beitrag zum Abbau von Ungerechtigkeit leisten. Mit jedem Einzelfall soll auf die Mängel des geltenden Asylrechtes aufmerksam gemacht und Kritik an Asylpolitik und Abschiebepraxis geübt werden. Politisch nachhaltig wirksam wird aufgedeckt, wie Einzelfallgerechtigkeit gelingen kann. Zugleich nehmen Gemeinden eine gesellschaftlichtliche Vorreiterrolle ein und leben Integration und interkulturelles/interreligiöses Zusammenleben exemplarisch vor.

Als notwendige Ergänzung zum Kirchenasyl wurde das Kozept kirchlicher Gästewohnungen entwickelt. Die Gästewohnungen sind ein Schutz- und Beratungsraum. Sie bieten Flüchtlingen für kurze Zeit Obdach, um den anstehenden Entscheidungsprozess – Anstrengung neuer Verfahren, Weiterwanderung, Rückkehr, Kirchenasyl – beratend und betreuend zu begleiten.

General information on realization

Landes- und bundesweit haben sich ökumenische Netzwerke gebildet, die die Kirchenasylarbeit beratend begleiten, evaluieren und öffentlich thematisieren. Hintergrundmaterialien und Fortbildungen etwa zu den rechtlichen, seelsorgerlichen und interkulturellen Aspekten von Kirchenasyl unterstützen die Gemeindearbeit vor Ort.

Preparation

Die Anfrage für ein Kirchenasyl wird oft kurzfristig an eine Gemeinde herangetragen und bei akuter Abschiebungsgefahr muss schnell gehandelt werden. Deshalb leisten die Ökumenische BAG Asyl in der Kirche und die Ländernetzwerke laufend Informations- und Beratungsarbeit und verbreiten Materialien und Arbeitshilfen, damit sich Kirchengemeinden mit dem Thema auseinandersetzen und Kirchenvorstände einen Grundsatzbeschluss fassen können, im Ernstfall Kirchenasyl zu gewähren. Diese Vorbereitung ermöglicht es, bei einer konkreten Anfrage rasch zu prüfen und zu entscheiden, ob die Gemeinde die Schutzsuchenden ins Kirchenasyl aufnimmt.

Realization

Wenn eine Kirchengemeinde angefragt wird, Kirchenasyl zu gewähren, macht sie sich mit Hilfe kirchlicher Asylberatungsstellen und fachkompetenter Anwälte ein Bild von der aufenthaltsrechtlichen Situation der betroffenen Menschen und klärt ab, welche Perspektiven es gibt. Es erfolgt dann ein Beschluss des Gemeindekirchenrates, die Flüchtlinge aufzunehmen. Die Gemeinde mobilisiert einen Unterstützerkreis, der das Kirchenasyl praktisch und inhaltlich begleitet. Dazu gehören

  • Geeignete Räumlichkeiten (Wohnen, Kochen, sanitäre Einrichtung)
  • Notwendige Mittel zum Überleben (Nahrung, evtl. Kleidung)
  • Kontakt zu Rechtsanwältinnen und Behörden (mit Unterstützung kirchlicher Beratungsstellen)
  • Sorge für den Alltag der BewohnerInnen, ggf. Schulbesuch der Kinder, sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten der Erwachsenen, Gesundheitsversorgung (speziell im Fall von Traumatisierung)
  • Finanzierung des Kirchenasyls durch Spendeneinwerbung, Solidaritäts- und Benefizaktionen
  • Gottesdienste, Andachte und Gemeindeveranstaltungen
  • Kommunikation nach innen und außen, Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit

Allerdings muss auch bedacht werden, dass die Dauer von wenige Tage bis zu mehreren Jahre bedraten kann, diese ist von der rechtlichen Problemlage abhängig. In langwierigen Fällen sollten immer wieder Zeitrahmen für Etappenziele abgesteckt und Zwischenauswertungen vorgenommen werden.

Der Arbeitsaufwand hängt stark vom Unterstützungsbedarf der ins Kirchenasyl aufgenommenen Person oder Familie ab. Der UnterstützerInnenkreis trifft sich im Normalfall regelmäßig. Es ist sinnvoll, Aufgaben verbindlich zu verteilen und der Überlastung Einzelner möglichst gegenzusteuern.

Weitere Links

Schutz von Flüchtlingen

Alsfelder Sprachtandems

Gedenken der Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen

www.geistreich.de/FokusToleranz

http://reformiert.de/newsletterartikelseite-system/items/wenn-ein-fremdling-bei-euch-wohnt-1591.html

 

  

Weiterführende Literatur

Wrap up & follow-up actions

Nach Beendigung eines Kirchenasyls besteht der Kontakt zu den ehemaligen BewohnerInnen oft weiter. Nicht selten werden Arbeitsplätze im Umfeld der Gemeinde bereitgestellt und die Gemeindeanbindung dauert fort. Vor Ort sowie landes- und bundesweit werden die Kirchenasylfälle dokumentiert und regelmäßig evaluiert. Die Erfahrungen und Ergebnisse der Kirchenasylarbeit fließen in die politische Lobbyarbeit des bundesweiten Netzwerks und in die Kooperation mit anderen Menschenrechtsorganisationen ein und entfalten nachhaltige politische Wirkung. Auch im Falle eines Mißerfolgs, d.h. einer polizeilichen Räumung, Abschiebung oder "freiwilligen Ausreise", bleiben die UnterstützerInnen oft in Kontakt zu den ehemaligen BewohnerInnen und werden zu Zeugen menschenrechtlicher und humanitärer Probleme in Folge von Abschiebung. Dies zu dokumentieren und öffentlich zu machen, ist ein wichtiger Bestandteil der Kirchenasylarbeit.

Effect / experience

Seit 1983 wurde bundesweit mehr als 3000 Personen Kirchenasyl gewährt, davon zahlreichen Kindern und Jugendlichen. Von den erfassten und ausgewerteten Fällen endeten über 80% positiv, d.h. die Personen konnten in Deutschland bleiben. Gemeinden erfahren vielseitige Unterstützung, binden Menschen neu in die ehrenamtliche Arbeit ein, bauen Kontakte nach außen auf und entfalten Kreativität in den Aktionsformen. Kirchenasyl bedeutet insofern oft auch Gemeindeaufbau. Viele Gemeinden berichten von einer Vertiefung des geistlichen Lebens und von interkulturellen und zwischenmenschlichen Lernprozessen. Der Einsatz für Menschen in Not, gegen Unrecht, macht Kirchengemeinden auch nach außen oftmals neu glaubwürdig.

Es liegen zahlreiche Erfahrungsberichte vor, die von positiven Erfahrungen der praktischen Solidarität, Sensibilisierung und inhaltlichen Auseinandersetzung berichten, aber auch von räumlicher Enge, Arbeitsüberlastung Einzelner und Enttäuschung bei Misserfolg. Für die Flüchtlinge bedeutet das Kirchenasyl die Hoffnung auf Abwendung existentieller Gefahr oder inhumaner Härten. Zugleich bringt es das nicht immer einfache Angewiesensein auf Helfende mit sich. Viele Beteiligte berichten von zwischenmenschlichen Herausforderungen und lohnenden interkulturellen Lernprozessen.

Tipps für Nachahmer/innen
Es lohnt sich, von den vielfältigen Erfahrungen Kirchenasylgewährender Gemeinden zu lernen. Wichtig sind klare Absprachen zu Beginn und im Verlauf eines Kirchenasyls. Kompetente Beratung in rechtlichen Fragen ist unerlässlich. Die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche bietet umfassende Information und Beratung an.

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