Kolumbarium St. Paulikirche Soest

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a geistreich member
Created at: 2012-09-12
Last major update at: 2012-09-12
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Bestattung, Gedenkgottesdienst, Immobilien, Bauwesen und Friedhofswesen
Institutions
Ev. St. Petri-Pauli-Kirchengemeinde in Soest
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: Mehrere Jahre
Execution: Auf Dauer
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Kolumbarium St. Pauli-Kirche Soest

Abstract

In einem Teil eines Kirchengebäudes wird ein Kolumbarium eingerichtet. Ein anderer Teil bleibt als Gottesdienstraum erhalten.

Situation / context

Mit der Errichtung und Gestaltung des Kolumbariums St. Paulikirche knüpft die Ev. St. Petri-Pauli Kirchengemeinde an eine alte kirchliche Bestattungstradition an und führt sie eigenständig fort.

Im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein lagen die Friedhöfe rund um die Kirchen. Auch um die alten Soester Kirchen befand sich jeweils ein Friedhof. Erst im 19. Jahrhundert wurden die innerstädtischen Friedhöfe stillgelegt und große Friedhöfe am Rand der Städte angelegt.

Hinter dem jahrhundertealten Brauch, die Toten unmittelbar neben der Kirche zu begraben, steht das Verständnis der Kirche als “Haus Gottes” und der Wunsch, auch im Tode Gott nahe zu sein. Außerdem kam so die bleibende Zugehörigkeit der Toten zur Gemeinde Gottes – also zur “Kirche” im geistlichen Sinn – und damit auch zu den Hinterbliebenen zum Ausdruck.

Seit jeher gab es auch Begräbnisse in Kirchen; dieses Privileg blieb aber in der Regel Bischöfen und Adligen sowie reichen Patrizierfamilien vorbehalten. Auch in der St. Paulikirche hat es in früheren Zeiten Begräbnisse gegeben, wie alte, im Boden verlegte Grabplatten dem Besucher bis heute zeigen.

Goals

  • Das Kolumbarium St. Paulikirche Soest ist ein spezfisch kirchlicher Beitrag zur modernen Bestattungskultur, die von einer neuen Vielzahl an Bestattungsangeboten und von stärkerer Individualisierung gekennzeichnet ist. Christen wird in der gotischen St. Paulikirche die alte Möglichkeit, in einer Kirche beigesetzt zu werden, neu eröffnet - zu Preisen allerdings, die sich nicht wesentlich von Erdbegräbnissen unterscheiden, so dass diese besondere Bestattungsform nicht nur (wie in vergangenen Zeiten) wenigen Privilegierten offen steht.

  • Das Kolumbarium St. Paulikirche Soest ist nicht nur ein Ort der Verkündigung der christlichen Hoffnung der Auferstehung, sondern selbst ein Zeugnis der christlichen Hoffnung. Durch die Integration eines Friedhofs in eine weiterhin regelmäßig gottesdienstlich genutzte Kirche kommt die christliche Überzeugung anschaulich zum Ausdruck, auch nach dem Tod zu Gottes Volk zu gehören und auf ewig in Gottes Hand geborgen zu sein: "Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar" (Psalm 23,6).

  • Das Kolumbarium St. Paulikirche Soest ist ein Beispiel heutiger ökumenischer Praxis. Hier finden Christen aus allen ACK-Kirchen ihre letzte Ruhestatt - womit ihre Zusammengehörigkeit in Gottes Volk sichtbar zum Ausdruck kommt. Dazu gehört, dass im gottesdienstlich genutzten Teil der St. Paulikirche Abschiedsgottesdienste nach dem Ritus der Konfession des Verstorbenen und seiner Angehörigen gehalten werden.

  • Das Kolumbarium St. Paulikirche Soest begegnet dem Trend zu anonymer Bestattung. Weil die Angehörigen heute oft nicht mehr am Ort des Begräbnisses wohnen, wird die Grabpflege zu einem Problem, was etliche Menschen veranlaßt, sich anonym beisetzen zu lassen, aus Sorge, ihren Hinterbliebenen zur Last zu fallen oder aus Sorge vor einem ungepflegten Grab. Diese Sorge kann und will das Kolumbarium nehmen mit dem Angebot, nicht nur einen Begräbnisplatz anzubieten, sondern mit diesem Platz zugleich auch die Grabpflege durch die Kirchengemeinde dauerhaft und verlässlich sicherzustellen.

  • Das Kolumbarium St. Paulikirche Soest versteht sich als Beispiel für eine mit dem eigentlichen Zweck des Kirchgebäudes vereinbare Nutzungserweiterung. In der Diskussion über die Zukunft von Kirchgebäuden, die gottesdienstlich nicht mehr benötigt werden und finanziell nicht mehr tragbar sind, will das Kolumbarium St. Paulikirche zeigen, dass und unter welchen Bedingungen es im Einzelfall sinnvolle Alternativen zum Abriss oder aber zu einer vollständigen Umnutzung (als Galerie, Veranstaltungsort, Friedhof oder Gastronomie) geben kann.

Reflection / background

Die christliche Kirche versteht sich von alters her als “Gemeinschaft der Heiligen”, die in Gott begründet ist, darum ewig besteht und unterschiedslos alle lebenden und verstorbenen Christen umfasst. Mit der Integration eines Friedhofs in den Kirchraum wird dieses alte christliche Selbstverständnis neu aufgenommen und im Kirchraum erfahrbar: Lebende und Tote gemeinsam unter einem (Kirchen-)Dach. Dem entspricht es, dass die Urnen auch nach der 20-jährigen Ruhezeit in der St. Paulikirche verbleiben und in der Kirche zur ewigen Ruhe gebettet werden.

General information on realization

Mit dem Wort “Kolumbarium” bezeichnet man seit der Antike Urnenfriedhöfe, bei denen die Urnen der Verstorbenen in kleinen Kammern beigesetzt werden. Seit dem 19. Jahrhundert wurden auf öffentlichen Friedhöfen ergänzend zu den Erdbestattungen Kolumbarien eingerichtet, häufig in Form von Urnenwänden. Erst seit einigen Jahren gibt es auch Kolumbarien in Form von Urnenwänden oder in Stelenform in Kirchgebäuden. Ein besonders bekanntes Beispiel ist die St. Josefskirche in Aachen.
Die Soester St. Petri-Pauli Kirchengemeinde, die über drei mittelalterliche Kirchen verfügt, beriet schon länger über eine angemessene Nutzungserweiterung für die St. Pauli-Kirche.

Preparation

Die Idee, in der St.Pauli-Kirche ein Kolumbarium einzurichten, kam bereits 2006 auf und wurde seitdem im Dialog mit den zuständigen Behörden und dem Denkmalamt zur Entscheidungsreife weiterentwickelt. Das Kolumbarium in der St. Paulikirche beruht auf einem Entwurf des Soester Architekten Hannes Knickenberg, der im Rahmen eines bundesweiten Architekten- und Künstlerwettbewerbs mit der Ausführung beauftragt wurde.

Realization

Das Kolumbarium (alte Bezeichnung für Urnenfriedhof) in der St. Paulikirche beruht auf einem Entwurf des Soester Architekten Hannes Knickenberg, der im Rahmen eines bundesweiten Architekten- und Künstlerwettbewerbs mit der Ausführung beauftragt wurde. Es besteht aus acht Stelen mit insgesamt 672 Begräbnisplätzen in 224 Einzel- und 224 Doppelkammern. Sie bilden um die westlichen Säulen der Kirche herum einen Halbkreis, der sich zum Kirchenschiff hin öffnet. Dadurch sind auch die Grabstellen auf den zentralen Ort der Kirche, den Altar mit dem gotischen Altarbild (um 1430) bezogen. Die Stelen vereinen moderne Formgebung und Materialität (sandgestrahlte Edelstahlseiten) mit traditioneller Farbigkeit und Materialität (Grabplatten aus Baumberger Sandstein). Dieser helle Sandstein wird seit dem Mittelalter im Kirchbau verwendet und begegnet auch andernorts in der St. Paulikirche (Taufstein, Sakramentshäuschen). Die acht Stelen bilden zusammen ein Ensemble, das seine Neuheit nicht verleugnet und sich gleichwohl in den alten Kirchraum einfügt. Die ruhige Schlichtheit der Stelen und die hohe Qualität der Materialien wie der handwerklichen Verarbeitung gewähren im Zusammenspiel mit der Weite und Würde der alten St. Paulikirche einen besonderen Ort der Totenruhe und des Totengedenkens.

Das Kolumbarium St. Paulikirche Soest ist vom Ort wie von der Konzeption her eine spezifisch kirchliche Begräbnisstätte. Sie ist nicht nur für die Glieder der Ev. St. Petri-Pauli Kirchengemeinde bestimmt, sondern steht allen Christen offen, die einer der in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) verbundenen Kirchen angehören. Dazu zählen neben den evangelischen Kirchen (lutherisch, reformiert, uniert) auch die römisch-katholische Kirche, die verschiedenen orthodoxen Kirchen und die ev. Freikirchen der Baptisten und der Methodisten. Im Zweifelsfall erkundigen Sie sich bitte bei der Friedhofsverwaltung.

Die Urnenkammern im Kolumbarium St. Paulikirche sind Wahlgemeinschaftsgrabstellen. Dies bedeutet, dass aus den noch nicht vergebenen Urnenkammern frei ausgewählt werden kann. Die Vergabe der Nutzungsrechte erfolgt nach Eingang des Antrags (Antragsformulare sind bei der Friedhofsverwaltung erhältlich). Die Nutzngsrechte werden für 20 Jahre vergeben und sind verlängerbar.

Wrap up & follow-up actions

Die Namen der Beigesetzten werden in einem ausliegenden Totenbuch dauerhaft verzeichnet. Die Kirchengemeinde gedenkt der Verstorbenen in der Fürbitte, bietet besondere Gedenkgottesdienste für die Angehörigen an, übernimmt die Pflege der Anlage und sorgt als Zeichen des Gedenkens für einen Blumenschmuck vor der Gedenktafel.

Effect / experience

Die Errichtung des Kolumbariums in der gotischen St. Paulikirche Soest im Jahre 2009 ist regional und überregional auf großes Interesse gestoßen. Etliche Zeitungs- und Zeitschriftenartikel haben darüber berichtet, ebenso der Lokalfunk (WDR-Studio Südwestfalen), und demnächst wird in der ARD-Sendung "ARD Ratgeber Haus und Garten" u.a. auch unser Kolumbarium mit seiner besonderen, spezifisch kirchlichen Konzeption vorgestellt. Über 100 Besuchergruppen aus ganz NRW haben bis heute das Kolumbarium besichtigt. Von den 672 Grabkammern sind derzeit (Stand Mitte September 2012) 42 belegt, darüberhinaus wurden bereits zahlreiche Nutzungsverträge zu Lebzeiten abgeschlossen.
 
Die besondere Konzeption - Integration eines Kolumbariums in eine regelmäßig genutzte Gemeindekirche, welche der christlichen Überzeugung Ausdruck verleiht, dass auch die Toten einen Ort in Gottes Haus haben, dass Christen auch jenseits der Todesgrenze in Gottes Hand geborgen sind und weiter zur "Gemeinschaft der Heiligen" gehören - findet immer wieder Beachtung und große Zustimmung, nicht nur bei unseren Gemeindegliedern (und besonders bei denen, die dort Angehörige bestatten), sondern auch bei Besuchern und in der Öffentlichkeit. Zur Akzeptanz des Kolumbariums dürfte die schlichte, stilvolle Gestaltung der Anlage beigetragen haben, die sich bewußt in den vorhandenen, hochqualifizierten Kirchraum integriert und dabei mit dem Gottesdienstraum eine spannungsvolle Einheit bildet. Die kunstvoll gestaltete Abtrennung ("Lebenslinien" von Anna Pauli, Köln) zwischen Gottesdienstraum und Friedhofsbereich regt immer wieder zu Diskussionen und Weiterdenken an.
 
Das "Kolumbarium St. Paulikirche Soest" ist ein Pilotprojekt der Ev. Kirche von Westfalen, die mit dieser Grabeskirche Neuland betrat. Ein solches Projekt erfordert in der (jahrelanger) Vorplanung und Vorbereitung, Durchführung und im Betrieb - alles neben einem vollen Gemeindepfarramt - seit Jahren viel Zeit und Kraft. Ohne Herzblut und ohne theologische und menschliche Dialogfähigkeit ist ein solches Pilotprojekt genauso wenig denkbar wie ohne eine einleuchtende Konzeption oder ohne den Mut einer Kirchengemeinde, mit einer hohen Investition (knapp 600.000 Euro) sich dieser architektonischen wie gemeindlich-kirchlichen Herausforderung zu stellen. Direkte finanzielle Unterstützung seitens Kirchenkreis, Landeskirche oder Denkmalamt gab und gibt es nicht. Allerdings wurde das Projekt von kirchlichen Fachleuten aus den Bereichen Finanzen, Friedhofsrecht und Kirchenarchitektur intensiv begleitet und die Baumaßnahme selbst mit einem innerkirchlichen Darlehn ermöglicht.

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