Predigt zu Epiphanias 2013

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Created at: 2013-01-04
Last major update at: 2014-11-19
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Deutsch (Original, currently shown)
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Jahreswechsel und Epiphanias, Predigtwerkstatt
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Kirchenamt der EKD in Hannover
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Leuchtturm

Abstract

Predigt zu Epiphanias 2013 am 6.1.2013

Situation / context

Henning Kiene

 

Epiphanias 2013, 6. Januar 2013

„den Lichtgeschichten folgen“

 

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

                                                                                                      Jesaja 60, 1-6

 

Liebe Gemeinde,

heute, bis um 09.00 Uhr müssen 25.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen haben. Im Norden der Stadt Hannover werden etwa drei Sprengbomben aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet. Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg, gefährliche Altlast, verborgen im Erdreich. Etwa 70 Jahre nach den Bombennächten spüren die Enkel und Urenkel der Kriegsgeneration, - vor 70 Jahren völlig unbeteiligte Menschen – die Schrecken des Krieges. Wie ein dunkler Schatten, der sich allenfalls langsam lichten will, verdunkeln die Erinnerungen, die diese Kriegstage mit ihren Hinterlassenschaften wach rufen, diesen Jahresanfang. Es gab so unglaublich finstere Zeiten in unserem Land, in denen kaum jemand ernsthaft an einen unbeschwerten Frieden und ein glückliches Leben glauben wollte. Nur Dunkel, kein Licht, für die Welt eine Katastrophe, für die Moral in unserem Land ein Absturz. Und die letzten Hinterlassenschaften dieser Jahre lagern noch im Erdboden, machen nachdenklich, belasten auch die Gewissen.

Es sind zunächst keine lichten Bilder, die einem am Morgen dieses Epiphaniastages, dieses Dreikönigsfestes vor Augen treten. Warum gerade heute diese, wie die Zeitung schreibt, „aufwendigste Bombenräumung der Stadtgeschichte“? Gerade am Epiphaniastag, dem Tag, an dem noch einmal so richtig Weihnachten werden könnte? Vermutlich muss es einfach schnell gemacht werden. Am liebsten würde ich dem Gedanken ausweichen, dass da noch immer Reste im Erdreich lagern, die Leib und Leben vieler Menschen schon lange bedrohen. Vom Licht reden, nicht vom Dunkel, wäre heute angesagt. Aber es meldet sich eine andere, viel tiefer gegründete, Ahnung: Es lagern nicht nur äußere Bedrohungen im Erdreich, es gibt einen Anteil Finsternis, der mich von innen heraus gefährdet. Da lagern Dinge in der Tiefe der eigenen, auch der kollektiven Erinnerung, an die niemand gerne rührt. Auf dem Grund der Seele, dem Licht entzogen, tragen viele an alten, schweren Lasten. Es gibt Momente, Zeiten, die sich tief eingebrannt haben, und es tut gut, wenn nicht über alles gesprochen werden muss: Offene, auch vergebene Schuld, der Blick in den Abgrund, die eigene, verletzte Seele, die eines anderen Menschen. Es kann besser sein, sich diesen inneren Angelegenheiten nicht ständig aussetzen zu müssen.

„Hier schweigt das Licht; der dunkle Raum erbrüllt“, dichtete Dante. In seiner „Göttlichen Komödie“ zeigt er ein düsteres Inferno einer lichtlosen, in konzentrisch angelegten Kreisen Art Hölle, in der sich Dunkel über Dunkel lagert. „Hier schweigt das Licht“.

Der Kontrast könnte heute schärfer nicht sein. Auf der einen Seite unserer Stadt werden die unheimlichen Lasten der Vergangenheit aus der Finsternis ans Licht gehoben. Tausende müssen ihre Wohnungen verlassen. Wie so oft in den Jahren seit Kriegsende: Was die einen schon zur Vergangenheit erklärt haben, kommt dann doch noch wieder ans Licht. Auf der andere Seite: Es ist weiter Weihnachten. Und über beidem schwebt die uralte Frage: Siegt das Licht oder triumphiert die Finsternis. Finsternis aber steht für mehr als für erloschenes Licht, sie steht für Qual, Leid, Geschrei, Tod. Und Licht steht auch für Moral, das Gute, den Sinn, den Sieg über das, was die Seele düster umstellt.

Meine Mutter sagte am Dreikönigstag gerne zum Sonnenauf- und nachmittags noch über den Sonnenuntergang: „An Weihnachten um einen Hahnentritt, an Neujahr um einen Männerschritt, an Dreikönig um einen Hirschensprung.“ Sie meinte: Der Tiefpunkt des Winterdunkels ist durchschritten, nun geht es aufwärts. Und ihre Stimme war voller Freude, denn sie sehnte den Moment, in dem sie die Wintersachen verstauen konnte und die hellen Sommerkleider aus dem Schrank kamen, herbei. Das Zunehmen des Lichtes folgt bekanntlich konsequent der Physik unseres Sonnensystems. Dennoch, latent meldet sich eine Urangst. Es könnte ja sein, dass die Natur irgendwann ihren eigenen Gesetzen nicht mehr folgt. Darüber schwebt für uns die Frage: Kann und wird Gott seinen Gnadenplan, den er mit mir hat, auch wirklich umsetzen. Wird auch das Jahr 2013 ein „Jahr des Herren“, für Sie, für mich, für uns?

Im Jesajabuch ist das nicht durchgehend klar. „Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir“. Die Finsternis, von der wir heute hören, ist dem Prophetenbuch vertraut. „Was wollt ihr tun am Tage der Heimsuchung und des Unheils, das von ferne kommt? Zu wem wollt ihr fliehen um Hilfe? Und wo wollt ihr eure Herrlichkeit lassen?“ (Jesaja 10,3) Es gehört zu den Geheimnissen des christlichen Glaubens, dass eben genau die Perspektive, in der grundsätzlich alles zu Grunde gehen könnte, sich nicht durchgesetzt hat. Apokalypse will nicht Untergang, sondern Aufgang. Glaube liebt nicht das, was nicht gelingen kann und will, sondern die Überwindung. Die aus meiner Sicht überzeugendsten Zeuginnen und Zeugen des christlichen Glaubens sind nicht die, die ein „es war schon immer schlecht und es wird immer schlimmer“ vertreten, sondern die Frauen und Männer, die sich den Möglichkeiten für eine Besserung verschreiben haben. Menschen, die, wie die drei Weisen aus dem Morgenland, dem Stern, dem Licht folgen. Allein das von ihrem Weg, der dem Licht folgt, erzählt wird, verändert schon etwas. Es lohnt sich, nicht sitzen zu bleiben, folge dem Licht deines Lebens. „Du wirst vor Freude erstrahlen“.

In diesem Jahr werden einige bedeutende 50. Jahrestage erinnert. Martin Luther King hat seine Rede gehalten „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.“ Auch vor 50 Jahren: Auf dem Platz vor dem Schöneberger Rathaus. John F. Kennedy „Ich bin ein Berliner“ das war eindeutig falsch, aber dieser Satz hat verzagten Menschen Mut gemacht. Und Charles de Gaulle sagte vor 50 Jahren, als die deutsch-französische Freundschaft beschlossen werden sollte, zur deutschen Jugend „Ich beglückwünsche Sie zunächst jung zu sein. … Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein“. Wer weiß heue noch, dass Franzosen und Deutsche vor 100 Jahren erbitterte Erbfeinde waren? Diese Worte, 50 Jahre sind vergangen, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. „Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden“, es gibt einen Weg der dem Licht folgt. Es gibt eine innere Entscheidung, die folgt dem Wunsch, die Dinge zu verbessern.  

Selbst der Dichter Dante, der das Licht „schweigen“ lässt, der sich dem Inferno aussetzt, steigt in seiner „Göttlichen Komödie“ aus den Höllenkreisen, die er dichtend durchmisst, empor.  

„Bis ich des Himmels schönes Licht von ferne
Erglänzen sah durch eine runde Kluft
Und steigend wir dann wiedersahn die Sterne.“

Die Texte dieses Sonntages verlassen den beginnenden Alltag des Jahres 2013. Sie geben dem Licht des Weihnachtsfestes noch einmal eine neue, eine eigene Färbung. Ein Licht-Finsternis-Kontrast allein reicht nicht aus. Jetzt leuchtet auch nicht allein das Kerzenlicht des Heiligabends, jetzt ist es ein kosmisches Licht, eben noch war es eine Handvoll unbedarfter Hirten, jetzt sind es drei Weise, die aus fernen Landen anreisen. Sie werden mit jedem Schritt, dem sie dem Licht folgen immer selber zu Botschaftern des Lichtes.

Wir folgen nun seit 12 Tagen, seit dem ersten Weihnachtstag, den alten Lichtgeschichten, die in zunehmender Intensität die Dinge so in Szene setzen, dass hinter die niemand mehr ernsthaft hinter diese Tage zurückfallen möchte. Darum ist der Kontrast, der sich auftut, auch asymmetrisch. Nicht so: Wir hier in der weihnachtlichen Kirche, in der wir Lichtworte hören und den Bildern, die sie erzeugen, gerne unseren Glauben schenken. Dort aber sind die Reste düsterster Vergangenheit, moralischer, ethischer, rechtlicher, staatlicher Verrohung, schwerster Schuld, die plötzlich wieder Gegenwart werden und heute 25.000 Menschen ihrer Wohnung verweisen.

Die Trennung: Hier Licht, dort die Finsternis, führt nicht zum Ziel. Würde das beides, hier das Licht und dort die Finsternis unverbunden nebeneinander bleiben, und nichts miteinander zu tun bekommen, dann trüge der Glaube an das Licht und das Aufgehen der Herrlichkeit den Keim eines zweifelhaften Zwielichtes in sich. Es würde sich immer wieder die Frage stellen, wird das Licht siegen? Werden der Glaube, die Liebe, die Hoffnung nicht doch verlieren? Solche Fragen aber verpassen das Ziel.

Zum Glück ist eine Bewegung, die diese Dunkelbilder überwindet, freigesetzt. Wie die drei Weisen aus dem Morgenlande, aus den letzten, auch den dunkelsten Seelenwinkeln herausgeführt werden und dem Lichte folgen, so auch wir.

Mein Vorsatz für 2013: Diese scharfen Kontraste nicht nur einfach aushalten und irgendwie ertragen, dass das Leben sich auch ungereimt darstellt. Ich will nicht nur einfach spüren, dass es hier Frieden gibt und dort auch Krieg herrscht, will nicht hinnehmen, dass es viele Erbfeindschaften gibt und wenig Erbfreunschaften, dass abgrundtiefe Grenzen hochgezogen werden, die Menschen von Menschen trennen, Schwarze von Weißen, Christen von Nichtchristen, Nachbarn von Nachbarn und viel zu wenig Brücken errichtet werden. Solch scharfe Kontraste werden überwunden, wenn sich Menschen, Männer, Frauen, Kinder und Greise aufmachen und dem Stern folgen. Wer wäre nicht gerne dabei.

Es braucht nur eine erste Stimme, die sich erhebt, die ruft: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt“. Und es braucht Menschen, die sagen: „Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Kurz es braucht Menschen, die sich auf den Weg machen. Auf den Weg, der sie aus der eigenen Begrenzung, der angstbesetzten Furcht vor Rückschau herausführt. Menschen, die vom Dunkel an ihrem Seelengrund wissen, und die dem Licht folgen wollen. Zum Glück erlischt der Stern nicht sondern nimmt an Leuchtkraft zu. Vor fünfzig Jahren sagte Martin Luther King während des Marsches auf Washington für Arbeitsplätze und Freiheit vor Hunderttausenden „Wenn wir erlauben, dass die Glocken der Freiheit läuten … , werden wir diesen Tag schneller erleben, wenn alle Kinder Gottes, schwarzer Mann und weißer Mann, Juden und Christen, Protestanten und Katholiken Hände halten können und die Worte des alten Neger-Spirituals „Endlich frei, endlich frei. Danke Gott, Allmächtiger, endlich frei singen.““

 

Zitate:

  • Dante: Hanjo Kesting, Göttlicher Folterkeller? Ein Weg durch Dantes Hölle. Glaubenssachen, Sonntag, 25. November 2012, 08.40 Uhr, NDR-Kultur
  • Martin Luther King, Ich habe einen Traum. Ansprache während des Marsches auf Washington für Arbeitsplätze und Freiheit. 28. August 1963 in Washington, D.C. (http://usa.usembassy.de/etexts/soc/traum.htm)

Autor:

Henning Kiene, Pastor

http://www.ekd.de/personen/kiene.html

henning.kiene@ekd.de

 

Goals

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