Lyrische Sommerkirche: Zauber und Stärke der Liebe

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a geistreich member
Created at: 2013-01-23
Last major update at: 2013-01-23
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Literatur, Kultur und Kirchenmusik, Themengottesdienste und Reihen
Institutions
Ev. Kirchengemeinde Cronenberg in Wuppertal
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: 5 Gottesdienste
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Comments to the document
Michelangelo: Erschaffung Adams

Abstract

Eine Gottesdienstreihe in den Sommerferien bringt Bibel und Kunst, Leben und Lyrik in einen Dialog.

Situation / context

In den Sommerferien ist meist ein geringerer Gottesdienstbesuch zu verzeichnen. 

Goals

Literatur- und Kunstinteressierten, die eher kirchenfern sind, soll ein besonderes Angebot gemacht werden.

Reflection / background

Menschliche Grunderfahrungen werden sowohl in der Bibel als auch in Literatur und Kunst thematisiert. Dies ermöglicht einen spannenden Dialog.

General information on realization

Als der Verfasser in den Sommerferien 2010 fünf Gottesdienste in Folge zu halten hatte, bot es sich an, der gewohnten sommerlichne Flaute im Gottesdienstbesuch kreativ etwas entgegen zu setzen und diesen Gottesdiensten unter dem Markenzeichen "Sommerkirche" einen besonderen Charakter zu geben: Sie sollten durch ein übergreifendes Thema verbunden sein, wobei natürlich trotzdem jeder Gottesdienst abgerundet für sich selbst stehen würde. Musikalische Leckerbissen sollten zum festlichen Charakter beitragen.

Preparation

Die musikalische Gestaltung bedeutete zugleich die größte Schwierigkeit, da an den meisten Sonntagen auf den hauptamtlichen Kirchenmusiker verzichtet werden musste. Es gelang, in allen drei Jahren für jeden der jeweils fünf Sonntage Instrumentalisten zu gewinnen, meist Solisten, mitunter ein Duett oder ein fünf- bis sechsstimmiges Bläserensemble. Sie spielten teils als qualifizierte Laienmusiker der Gemeinde unentgeltlich, teils als Berufsmusiker gegen ein bezahlbares Honorar. Mit allen Musikern gab es Vorgespräche, um die musikalischen Beiträge dem Charakter der Gottesdienste entsprechend auszuwählen. Die Musiker dachten sich, oft mit hartnäckigen Nachfragen, in die Thematik der Gottesdienste ein, trugen unterschiedliche Stücke zur Auswahl vor und schätzten es, dass ihre Musik nicht nur Dekor war, sondern in Hinführung oder Antwort auf Wortbeiträge als Teil eines dialogischen Gottesdienstes ernst genommen wurde.
Ein Gemeindeglied stellte graphisch gelungene Flyer her, die durch treffend gewählte Motive schon auf die Thematik verwiesen und einen Wiedererkennungswert boten. Sie lagen auch in den City-Kirchen Wuppertals aus. Außerdem wurde durch Anzeigen und redaktionelle Texte in der Lokalpresse und zusätzlich im Kirchenkreis-Info auf die Gottesdienste hingewiesen. Ab der zweiten Sommerkirchenreihe wurden die jeweiligen Texte und Themen der Gottesdienste zuvor in Bibel- oder Gesprächskreis diskutiert - Impulse aus diesen Gesprächen wurden in den Predigten aufgenommen.      

Realization

  

Die erste Sommerkirche 2010

Thematisch war ursprünglich an eher "leichte Kost" gedacht. Liebesgedichte und Liebesgeschichten in der Bibel waren Gegenstand der ersten Reihe, unter dem Titel Zärtlichkeit und Schmerz. Aber die Arbeit an der Auswahl der Geschichten und dann an den Texten selbst zeigte, dass alle Aspekte des Menschheitsthemas Liebe hier zur Sprache kommen müssten, die berauschenden wie auch die bitteren.

  • So begann die Reihe wohl mit den poetischen Liedern des Hohen Liedes unter dem Titel Shulamit und ihr Freund. Zauber und Stärke der Liebe.
  • Aber schon der zweite Gottesdienst mit der Liebesgschichte von Jakob und Rahel stand unter dem Untertitel "Die Liebe und die unromantischen Störungen des Lebens".
  • Der vierte Gottesdienst über David und Bathseba brachte unter Die Liebe im Schatten der Schuld auch das destruktive Potential in Liebesefahrungen zur Sprache - und wie im Licht des Evangeliums damit zu leben sein könne.
  • Dazwischen fiel der dritte Gottesdienst auf den Israelsonntag. Er sollte nicht der Reihe zuliebe übergangen, sondern in sie integriert werden. Es bot sich an: Hosea und Gomer. Seltsame Liebesgeschichte als Symbol für Gott und sein Volk.
  • Der letzte Gottesdienst thematisierte den Wert, den Freundschaft hat, auch im Blick auf Menschen, die nicht in einer Lebenspartnerschaft leben: David und Jonathan, eine fast unmögliche Männerfreundschaft: Vom Geschenk menschlicher Solidarität.

Zuweilen, eher sparsam gab es Querverweise zwischen den Gottesdiensten. Wie ein roter Faden gewannen zwei Zeilen aus Hoheslied 8 in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Bedeutung: Liebe ist stark wie der Tod und Liebe ist eine Flamme des Herrn.

  

Die zweite Sommerkirche 2011

Hatte schon die erste Gottesdienstreihe dialogischen Charakter, zeigte sich dieser noch mehr in der zweiten Reihe Lyrische Sommerkirche im Jahr 2011, wo Gedichte aus verschiedenen Jahrhunderten in Dialog mit biblischen Texten gestellt wurden. Eröffnet wurde mit einem Programmgedicht der Romantik Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren des großen Novalis. Unter dem vielversprechenden Untertitel Den Zugang zum Zauber und Geheimnis des Lebens finden wurde es in Dialog zu Versen aus 1 Kor 8 und 1 Kor 13 gestellt. Conrad Ferdinand Meyers symbolträchtiges Gedicht Der römische Brunnen fand dann unter Vom Nehmen und Geben in der Fülle seine Entsprechung im Verheißungsvers 2 Kor 9,8.
Kontroverser gestaltete sich der Dialog mit Bert Brechts Gedicht Die Liebenden, das mit dem resignierenden Schluss "so scheint die Liebe Liebenden ein Halt" Anlass zur Frage gab, was Liebenden Halt gibt. Der darauf bezogene fast zu bekannte Vers 1 Kor 13,13, wo der Liebe in Gemeinschaft mit Galube und Hoffnung Bestand verheißen ist, sollte Brecht weder vereinnahmen noch platt fromm korrigieren, sondern einen echten Dialog eröffen. Nicht fehlen durfte in Wuppertal Else Lasker-Schüler, von der mit gleich drei Gedichten ein kurzes Lebensbild gezeichnet wurde. Das Gedicht Ich suche allerlanden eine Stadt klang unter dem Motto Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies mit der biblischen Hoffnungsvision aus Offb 21, 1-5 zusammen. Eine Neuentdeckung mag für viele der Exilsdichter Karl Wolfskehl gewesen sein, dessen Gedicht Wir ziehn besonders für den Israelsonntag geeignet erschien. Er verdichtet darin jüdische Erfahrungen im wandernden Gottesvolk, die nach Hebr 11 auch für den christlichen Glauben prägend sind.

  

Die dritte Sommerkirche 2012

Für die dritte Sommerkirche 2012 gab es andere Dialogpartner. Unter dem Motto ECCE HOMO (Sehet den Menschen) - Bilder des Menschen  vor Gott standen diesmal mehr oder weniger bekannte Bilder der Kunstgeschichte im Dialog mit biblischen Texten. Zunächst wurde anhand von Michelangelos berühmtem  Deckenfresko aus der Sixtinischen Kapelle Die Erschaffung Adams nach dem Geheimnis des Menschen als Gottes Ebenbild gefragt, in Bezug auf Gen 1 und Ps 8. Dann wurde Emil Noldes Gemälde Der alte Gärtner gleich unter zwei Gesichtspunkten gedeutet: Der Mensch als Pflanze Gottes und zugleich selber als Gärtner. Hierzu ließen sich Ps 92 und Gen 2 befragen. Der Titel In Konflikten Segen erfahren verrät die Tendenz der Betrachtung von Rembrandts Spätwerk Jakobs Kampf mit dem Engel, verbunden mit der dort dargestellten Geschichte aus Gen 32. Das Bild, das der Reihe den Namen gab, ECCE HOMO (Jesus und Pilatus) von Lovis Corinth wurde unter Geist und Macht begegnen der Wahrheit angekündigt und natürlich in Bezug auf Joh 18 und 19 ausgelegt. Für den Israelsonntag bot sich Marc Chagalls Weiße Kreuzigung an, gemalt in den Tagen nach dem 9. November 1938. Die betont jüdische Darstellung des Gekreuzigten führt mitten in Zentralfragen des jüdisch-christlichen Dialogs, zusammen mit einer Auslegung von Versen aus Römerbrief 9 und 11.

Wrap up & follow-up actions

Nach den Gottesdiensten wurde zum Kirchenkaffee eingeladen.

Effect / experience

Herausforderung und auch Reiz dieser Gottedienstreihen lagen in ihrem notwendig dialogischen Charakter. Es war wichtig, den Gedichten und Bildern zunächst als selbtstständigen Beiträgen im Kontext des Lebenswerks der Künstler gerecht zu werden und sie nicht vorschnell auf die biblische Aussage zu beziehen. Es war ebenso wichtig, den biblischen Texten in sorgfältiger Exegese nachzugehen und die Spannungen zu den Aussagen der Dichter und Maler nicht zu glätten, selbst da, wo ein Maler ausdrücklich zu einer biblischen Geschichte gemalt hatte. Und es war wichtig, die liturgischen Teile organisch auf die jeweiligen Themen zu beziehen, auch in der Liedauswahl. So konnte es gelingen, bei alledem den Charakter von Gottesdiensten zu wahren, also die Predigt nicht mit einem Volkshochschulvortrag zu verwechseln, sondern mit der Musik und mit Liedern und Gebeten, in einigen Gottesdiensten auch mit Abendmahlsfeiern zu einer dynamischen Einheit zu gestalten, in der alles dem Zuspruch des Evangeliums dienstbar wird. Das Echo zeigte, dass die Gottesdienste auch so verstanden und angenommen wurden.
 Die Sommerkirche lockt vermehrt auch junge Menschen aus ganz Wuppertal an. Kamen früher statt der sonst durchschnittlich 50-60 Besucher in Ferienzeiten 20-30, stieg die Zahl jetzt auf ca. 100. Es gab viele Rückmeldungen, persönlich beim anschließenden Kirchenkaffee oder per E-Mail. Teilnehmer aus der Kerngemeinde fanden die neuen Horizonte anregend und hörten auch altvertraute Bibeltexte im neuen Kontext neu. Kulturinteressierte Feinschmecker, die teils seit Jahren wieder einen Gottesdienst besucht hatten, zeigten sich im Nachgespräch mitunter gerade von Asopekten der biblischen Botschaft betroffen. In einem Gottesdienst mit dialogischem Charakter, in dem beide Seiten in ihrem Eigenen zur Sprache kommen, fühlen sich offenbar auch Teilnehmer ernst genommen mit dem, was sie gerade an Anliegen mitbringen.
   
Fazit: Diese Gottesdienstreihen haben viel Arbeit gekostet. Sie hat sich reichllich gelohnt. 

  

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