Flughafenseelsorge

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a geistreich member
Created at: 2013-07-22
Last major update at: 2013-07-22
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Sonderseelsorge
Institutions
Kirchlicher Dienst am Flughafen München in Oberding
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: dauerhaft
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Flughafenkapelle München

Abstract

Der Kirchliche Dienst am Flughafen München bietet Gottesdienste und Andachten an, leistet seelsorgerliche und praktische Hilfe.

Situation / context

Die erste Flughafenseelsorgeeinrichtung Deutschlands entstand 1975 am Frankfurter Flughafen, nachdem die Flughafengesellschaft Fraport (damals FAG) auf Grund der wachsenden Passagierzahlen die Kirchen bat, einen Flughafensozialdienst nach dem Vorbild der Bahnhofsmissionen aufzubauen.

Inzwischen gibt es in Deutschland 10 Flughafenseelsorgen an unterschiedlich großen Flughäfen. Die Spannbreite liegt zwischen Frankfurt, dem größten deutschen Flughafen mit einem Fluggastaufkommen von über 53 Millionen Passagieren und Dresden mit einem Fluggastaufkommen von 3 Millionen Passagieren pro Jahr.

Goals

Psalm 24,1: "Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen" drückt aufs Trefflichste aus, was Flughafenseelsorge und ihre Arbeit ausmacht und prägt: die Erde und die Menschen, die auf ihr leben und arbeiten, reisen und die Welt gestalten. Reisende, Urlauber, Dienstreisende, Vielflieger und das Heer der an Flughäfen Beschäftigen sind Gottes Kinder. Ihnen wendet sich die Flughafenseelsorge zu.

Reflection / background

Die Arbeit der Flughafenseelsorge begründet sich als erstes im christlichen Menschenbild.

Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Von daher wendet sich die Arbeit der Flughafen-seelsorge grundsätzlich an alle Menschen in ihrer Bedürftigkeit, unabhängig von Alter, Geschlecht, Rasse oder Religionszugehörigkeit. Sie wendet sich an

  • die Menschen in Not
  • die Menschen in ihrer zunehmenden Heimatlosigkeit, die sich in einer immer stärker globalisierenden und von Mobilität geprägten Welt bewegen und reisen
  • den modernen Menschen als Reisender und Fremder, in Anlehnung an das alttestamentliche Motiv des wandernden Gottesvolkes.

General information on realization

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Preparation

Begleitend zur Planung und zum Bau des neuen Münchner Flughafens im Erdinger Moos bestand ein Interesse der Betreiber nach der Einrichtung einer Kapelle an zentraler Stelle. In Gesprächen mit der Erzdiözese München und Freising und der Evangelischen Landeskirche in Bayern wurde das Projekt geplant, entwickelt und umgesetzt, so dass mit der Inbetriebnahme des Flughafens im Jahr 1992 auch der Kirchliche Dienst seine Arbeit aufnehmen konnte.

Realization

Schwerpunktmäßig ergeben sich mit unterschiedlicher Akzentuierung an den verschiedenen Flughäfen folgende Arbeitsbereiche für die Flughafenseelsorge:

  • Andachten und Gottesdienste
    Die gottesdienstlichen Angebote decken ein sehr breites Spektrum ab. Es gibt regelmäßig an Sonn- und Feiertagen Gottesdienste mit und ohne Abendmahl. Die Gottesdienste werden in der Christophorus-Kapelle gefeiert. Darüber hinaus gibt es Gottesdienstangebote zu besonderen Anlässen: Trauerfeiern für Mitarbeiter, Einweihungen von neuen Gebäuden, Grundsteinlegungen, Segnungsfeiern aus unterschiedlichen Anlässen. Selbstverständlich werden auch Kasualien wie Taufen und Hochzeiten gefeiert und angeboten.
  • Seelsorge
    Die Seelsorgearbeit richtet sich an alle Menschen am Flughafen: Mitarbeiter und Reisende. Gewünscht wird z.B. ein Seelsorgegespräch von einer Frau, die nach Amerika fliegt um dort ihre Schwester zu begraben, ebenso wie von einem Mann der nach 30 Jahren über das Rote Kreuz im Ausland seinen Bruder wieder gefunden hat. Mitarbeiter/innen thematisieren Krisen des Alltags: Scheidung, Krankheit, Todes- oder Suizidfälle zu Hause. Erfreulich ist, wenn Abteilungsleiter anrufen und sich vertrauensvoll an uns wenden, weil es einem Mitarbeiter schlecht geht, sie als Vorgesetzte mit ihrem Latein am Ende sind und uns bitten dem Mitarbeiter/in zu helfen. Freistellung für die Dauer der Seelsorgegespräche garantiert. Beobachte ich innerhalb kürzester Zeit zwei Mal ein und dieselbe Person in der Nähe unserer Kapelle, ist es meist ein Seelsorgefall. Ich spreche sie oder ihn an und in aller Regel stehen dann schon die Tränen in den Augen.
  • Passagierdienste
    Reisende in finanziellen Notlagen gehören zu unserem Arbeitsalltag. Bestohlen im Urlaub, daher im Moment mittellos, Weiterreise nicht möglich. Oder deutsche Staatsbürger nach langjährigem Aufenthalt im Ausland kommen zurück als Heimkehrer. Sie sind meist krank, mittel- und obdachlos, nachdem sie viele Jahre im Ausland gelebt haben. Oder ein Dienstreisender hat in der Hektik seinen Geldbeutel im Auto liegen lassen, ob wir mit 20.- € aushelfen könnten. Rückzahlung garantiert, meist verbunden mit einer größeren Spende. Konkrete Hilfen, die durch uns geleistet werden sind: Weiterfahrhilfen z B. durch einen DB- Gutschein, Vermittlung und Kontaktherstellung zu verschiedene Institutionen, die weiterhelfen können; Telefonmöglichkeit, Übernachtungs-hilfen bei Notfällen, Geldhilfen, Lebensmittelgutscheine etc. Die Klientel, die zu uns kommt, ist breit gestreut: Passagiere, Abholer, Angehörige von Abzuschiebenden, Heimkehrer, Menschen ohne festen Wohnsitz, psychisch auffällige Personen, Besucher, die sich in bedrängenden Lebenssituationen befinden.
  • Betriebsseelsorge
    Die Seelsorger/innen und Sozialarbeiter/innen wenden sich auch den Fragen und Bedürfnissen der am Flughafen Arbeitenden zu. Thematisiert werden Krisen und Schicksalsschläge des Lebens wie auch Glaubensfragen. Zudem spielen Suchtprobleme, Bedrohung durch Arbeitslosigkeit, wie auch Mobbing eine nicht unerhebliche Rolle in der Betreuung Betriebsangehöriger.
  • Abschiebungen/ Durchbeförderungen/ Flughafenverfahren
    Auf jedem größeren Flughafen Deutschlands gibt es Tag für Tag Reisende, die unfreiwillig fliegen müssen. Menschen, die – oft nach Ablehnung ihres Asylantrages -in ihre Heimatländer abgeschoben werden oder nach dem sog. Dubliner Übereinkommen und der damit verbunden Drittstaatenregelung in das Land ihrer Erstankunft innerhalb Europas zurücktransportiert werden. Die Seelsorger und Sozialarbeiter, die diese Menschen in den Abschieberäumlichkeiten der Flughäfen besuchen (meist in der Hoheit der Bundespolizei), begegnen Menschen in absoluten Stresssituationen. Wir sprechen mit uns unbekannten Menschen, deren Schicksal wir nicht kennen, allenfalls erahnen können. Wir reichen einen Schluck Wasser, ermöglichen noch ein dringendes Telefonat, sei es bei den Angehörigen in den Heimatländern oder bei einem Anwalt. Wir bestätigen die Flugzeiten- manchmal sogar mehrmals, denn in der Aufregung und der angespannten Situation, oft auch wegen der Sprachbarrieren werden die Flugzeiten nicht oder falsch wahrgenommen. Gelegentlich geben wir im geringen Umfang Geldhilfen, sei es um einen Bus im Heimatland bezahlen zu können oder schlichtweg die Polizei dort zu bestechen, um bei der Ankunft durchzukommen und nicht gleich wieder in Polizeigewahrsam zu landen. In Sommerkleidung im Winter nach Russland abgeschoben zu werden- keine Seltenheit. Wir können mit Kleidung aus unserer Kleiderkammer helfen.
  • Notfälle
    Da die Zahl der Flugreisenden konstant ansteigt und auch immer mehr ältere, oft auch sehr alte Personen reisen, nimmt die Anzahl der Notfälle an den Flughäfen oder im Luftraum erheblich zu. Herzinfarkt beim Einchecken. Es müssen schnelle Entscheidungen getroffen werden. Wer von den Mitreisenden fliegt trotzdem, wer bleibt beim Patienten? Wo kann ich heute Nacht bleiben? Wie geht das mit der Umbuchung, was kostet sie? Unsere Ortskenntnis und und unsere Netzwerke zu Behörden und Airlines sind in diesen Momenten Gold wert. Darum werden wir regelmäßig zu diesen Notfällen mit herangezogen. Eine gute, zielorientierte und engagierte Zusammenarbeit mit Verkehrsleitung, Ärzten, Airlinern, Behörden, Flughafenfeuerwehr und vielen anderen ist in solchen Momenten, in denen schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, selbstverständlich. Die Anzahl der Todesfälle an Bord eines Flugzeuges nehmen, wie auch die Überbringung von Todesnachrichten, zu. Wir von den Kirchlichen Diensten werden zu diesen Notfällen regelmäßig herangezogen, sei es um begleitende Angehörige zu betreuen oder konkrete Hilfe (Übernachtung, Umbuchungen etc) zu leisten, oder eine Stewardess, die zum ersten Mal einen Toten sieht, zu beruhigen.
  • Alarmplan
    Die Kirchlichen Dienste an den Flughäfen sind in das Alarmsystem jedes Flughafens mit eingebunden. Dabei geht es um logistische und psychologische Maßnahmen im Falle einer Großschadenslage. Viele Flughafenseelsorgen halten für diesen ‚worst case’’ Notfallseelsorger oder Kirchliche Notfallteams bereit. Schulungen im Critical Incident Stress Managment (CISM) für das Flughafenpersonal aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen des Flughafenbetriebes sollen helfen, Einsatzkräfte präventiv auf potentielle Großschadensereignisse vorzubreiten.

Die Christophorus-Kapelle, das Herzstück des Kirchlichen Dienstes (und des Flughafens – man beachte die zentrale Lage im Flughafengelände, was keinesfalls selbstverständlich ist), bietet neben den Gottesdiensten Rückzugsmöglichkeiten für Reisende und Beschäftigte. Seit 2005 steht im Terminal Personen im nichtöffentlichen Bereich ein "Raum für Gebet und Stille" zur Verfügung.
Ein gottlob recht stabiler MitarbeiterInnenstamm von derzeit acht Personen (zwei Pfarrer, drei Sozialarbeiter und drei Sekretärinnen) kümmert sich um Passagiere, Flughafenmitarbeiter, Flüchtlinge, Notfallbetroffene, Besucher und Gottesdienstangebote praktisch "rund um die Uhr". 

Wrap up & follow-up actions

Angesichts eines ungebremsten Wachstums des Münchner Flughafens ist ein Augenmerk darauf zu legen, wie den wachsenden Anforderungen von Seiten des Kirchlichen Dienstes inhaltlich, personell und finanziell begegnet werden kann. Eine gute und erfolgreiche Arbeit der Flughafenseelsorge steht und fällt mit ihrer Vernetzung. Letztendlich kommt sie den Menschen zugute, die bei uns um Hilfe anfragen. Deshalb ist networking unabdingbar. Dabei sind Netzwerke nach innen, wie nach außen wichtig.
Das Netzwerk an den Flughäfen und innerhalb besteht aus Kontakten zu den Flughafengesellschaften und ihren Töchtern, Fluggesellschaften, Medizinischen Einrichtungen, aus den an den Flughäfen vertretenen Behörden, Reisebüros, Bundesbehörden, Feuerwehr, Zoll wie auch Bundes – und Landespolizei, Einzelhandel und Gastronomie.
Wichtige Kooperationspartner außerhalb des Flughafens sind Beratungsstellen, Ausländerbehörden, Amnesty International, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kirchliche Institutionen, Sozialämter, Rechtsanwälte, Pro Asyl, Bahnhofsmission, Obdachloseneinrichtungen, kommunale Behörden, Konsulate und Botschaften.
Die Seelsorger/innen selbst sind vernetzt in der Evangelischen und Katholischen Flughafenseelsorger Konferenz Deutschlands, der OEKOF (Ökum. Flughafenseelsorgerkonferenz), die es jetzt seit 3 Jahren gibt. Europaweit gibt es zur Migrations- und Flüchtlingsproblematik die Exoduskonferenz. International vernetzt sind die Seelsorger/innen in der International Conference of Civil Aviation Chaplains (IACAC), die sich einmal im Jahr trifft.

Effect / experience

Aus der anfängliche Suche, was denn den Dienst der Kirchen am Flughafen ausmache, ist im Laufe der Jahre eine Einrichtung entstanden, die durch ihre vielfältigen Tätigkeiten und Kontakte selbst "ein Stück Flughafen" geworden ist. Durch die auch räumliche Zusammenlegung der Seelsorge und Sozialen Dienste zum Kirchlichen Dienst konnte die Effizienz der Einrichtung zusätzlich gefördert werden.
Durch ihre Anonymität bietet die Flughafenseelsorge einen ganz besonderen Schutzraum für Hilfesuchende.

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