Projekt "WarteZeit" an der JVA Meppen

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a geistreich member
Created at: 2014-01-27
Last major update at: 2014-01-27
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Gemeinwesen
Institutions
Kirchenamt der EKD in Hannover
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: no information
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WarteZeit

Abstract

Das Angehörigenprojekt „WarteZeit“ an der JVA Meppen unterstützt Angehörige von Inhaftierten und diese selbst.

Situation / context

Mitgefangen – mit gehangen. Mit diesem geflügelten Wort wird fühlbar ausgedrückt, dass von einer Inhaftierung nicht nur die Gefangenen selbst sondern auch ihre Angehörigen und hier in besonderem Maß die Partner und Kinder mit betroffen sind.

    

Die Inhaftierten werden durch die Haft aus ihren sozialen Bezügen und Rollen herausgerissen. Der Zusammenbruch ihrer sozialen Wirklichkeit ist verbunden mit einem Verlust ihrer Identität als Familienmitglied, Vater, Mutter, Arbeitskollege, Partner etc. Die neu zugewiesene Rolle als straffällig Gewordener bedeutet mit dem Zeitpunkt der Inhaftierung eine radikale Einschränkung ihrer Selbstbestimmung: Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit werden ihnen genommen. Selbst einfachste alltägliche Dinge können nicht ohne Zustimmung von Dritten erlangt werden und sind mit einem hohen logistischen Aufwand verbunden. Somit befinden sich Inhaftierte in einem permanenten Abhängigkeitsverhältnis, das in der Regel ihrem bisherigen Rollenverständnis entgegengesetzt ist.

Soziale Kontakte können nur sehr eingeschränkt aufrechterhalten werden, so dass sich das „Familienleben“ zumeist auf die spärlichen Besuchszeiten beschränkt. Die fehlenden Möglichkeiten der direkten Einflussnahme auf das Leben „draußen“ führen bei Inhaftierten oft zu Frustration und Misstrauen gegenüber den Angehörigen, häufig verbunden mit der Angst vor Kontrollverlust und einem allgemeinen Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit.

   

Die Angehörigen sind oft mit ihren psychischen, sozialen und materiellen Problemen allein gelassen. Da ca. 95 Prozent der Inhaftierten männlich sind, sind in der Regel Frauen als Angehörige von der Inhaftierung des Ehemannes oder Partners betroffen. Sie sind plötzlich und meistens unvorbereitet damit konfrontiert, allein die Verantwortung für die gesamte soziale und materielle Versorgung sowohl für sich selbst als für die Kinder übernehmen zu müssen.

Es zeigt sich, dass obwohl sich die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe ausschließlich gegen den Verurteilten selbst richtet, gerade Kinder nachhaltig von der Inhaftierung eines Elternteils betroffen sind. Für Kinder bedeutet die plötzliche und unvorhergesehene Trennung von Vater bzw. Mutter, einer für sie nicht erklärbaren und nachvollziehbaren Situation ausgeliefert zu sein, mit gravierenden Auswirkungen für ihre Entwicklung. Der inhaftierte Elternteil fehlt ihnen dabei nicht nur im Alltag, sondern ganz wesentlich als Identifikationsfigur. Damit gehen sozialer Halt und Sicherheit verloren und die Kinder erleben Angst, Wut, Enttäuschung und den Verlust von sozialen Kontakten. Neben den psychischen Belastungen müssen Kinder darüber hinaus Einschnitte in der familiären ökonomischen und sozialen Situation bewältigen. Ist z.B. die Familie gezwungen, in eine kleinere Wohnung zu ziehen, müssen die Kinder es verkraften, dass sie gegebenenfalls auch den Ort und die Schule wechseln müssen und dabei ihre Freunde und das soziale Umfeld verlieren.

Vielfach versuchen die Mütter, einen sozialen Abstieg durch eigene berufliche Aktivitäten zu verhindern. Nicht selten verlieren infolgedessen die Kinder teilweise eine weitere Bezugsperson, da die Mütter durch diese Doppelbelastung oftmals überfordert sind und kaum noch Zeit haben.

In den meisten Fällen reicht die eigene berufliche Tätigkeit der Frauen jedoch nicht aus um den Wegfall des Partners aus der Versorgungsgemeinschaft aufzufangen. Ist dies der Fall, müssen Sozialleistungen beantragt werden, was für viele Angehörige neben der Scham über die Inhaftierung eine zusätzliche Deklassierung bedeutet. All das erzeugt eine Angst vor sozialer Ausgrenzung, die nicht selten dazu führt, dass sich die Angehörigen aus dem vertrauten Umfeld zurückziehen. Dies wiederum verstärkt die negativen Auswirkungen noch, da die potentiell vorhandenen sozialen Netzwerke nicht genutzt werden.

Goals

Aus der geschilderten Ausgangssituation ergeben sich für das Projekt folgende
Ziele:

  • Informationen zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten an Betroffene weitergeben
  • Angebote und Maßnahmen zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung partnerschaftlicher und familiärer Beziehungen entwickeln und durchführen
  • Unterstützung bei der Eingewöhnung in das Leben in Freiheit und (Wieder-)Teilhabe an Gesellschaft und Kirche ermöglichen
  • Aufbau eines Kommunikations- und Unterstützungsnetzwerkes
  • Nachhaltigkeit des Projektes fördern und sichern

Reflection / background

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General information on realization

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Preparation

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Realization

Projektmaßnahmen

Durch die nachfolgend beschriebenen Maßnahmen sollen die Ziele für das Projekt

erreicht werden:

  • Um die Besuchstermine in der JVA Meppen wahrnehmen zu können müssen Angehörige zum Teil sehr lange Anreisen auf sich nehmen. Auf Grund einer unzureichenden Verkehrsinfrastruktur müssen sie dann vor dem Einlass längere Zeit im Warteraum in der JVA warten.
    Während dieser Wartezeit bis zum Besuchsbeginn sollen die Angehörigen betreut, mit Getränken, Büchern und Spielzeug für die Kinder sowie ersten Informationen versorgt werden.
    Dieser Bereich des Projektes stellt ein „niederschwelliges“ Angebot dar und ermöglicht eine erste, auf die akuten Bedürfnisse der Angehörigen ausgerichtete Kontaktaufnahme in der die Option auf weitere Zusammenarbeit und Unterstützung geklärt werden kann.
    Durch die direkte Kontaktaufnahme mit den Angehörigen der Inhaftierten vollzieht das Projekt einen Perspektivwechsel in der Angehörigenarbeit.
    Während bei den bisher bekannten Ansätzen die Angehörigen über den Kontakt zu den Inhaftierten in den Blick kommen, geht das Projekt neue Wege und nimmt über den Kontakt zu den Angehörigen bei den Besuchen Inhaftierte in den Focus, die den Kontakt zur Seelsorge bisher (noch) nicht gesucht haben.

  • Der Rückzug aus dem sozialen Umfeld und das Wegbrechen vorhandener sozialer Netzwerke verschärft die Alltagsbewältigung für Angehörige und erschwert nicht selten die Wiedereingliederung nach der Haftentlassung.
    Um den Angehörigen und letztlich auch den Inhaftierten eine (Wieder-)Teilhabe am gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext zu ermöglichen soll durch Beratung und Gespräch die Situation enttabuisiert und die Angst vor (weiterer) sozialer Ausgrenzung genommen werden.
    Durch Kontaktaufnahme mit Organisationen, Einrichtungen und Kirchengemeinden am Wohnort sollen in Absprache mit und unter Beteiligung der Angehörigen Begegnungen mit Ansprechpartnern vor Ort vermittelt werden, die perspektivisch dazu beitragen können, (wieder) in ein soziales und kirchliches Gefüge eingebunden zu sein und so den durch die Inhaftierung veränderten Alltag besser zu bewältigen helfen.
    In diesem Bereich des Projektes entsteht im Verlauf ein Kommunikations- und Informationsnetzwerk mit kirchlichen und kommunalen Beratungsstellen, diakonischen Einrichtungen und Kirchengemeinden mit dessen Hilfe auf die Bedürfnisse zukünftiger betroffener Angehöriger schneller und effektiver reagiert werden kann.

  • In Zusammenarbeit mit den Fachdiensten der JVA sollen Angebote und Maßnahmen bereitgestellt werden, die dazu dienen ein verantwortungsvolles Verhalten und Vertrauen zwischen den Partnern zu schaffen sowie die Vater-Kind- Beziehung zu fördern und zu stärken, damit die Trennung besser bewältigt werden kann.

    Dabei sind folgende Angebote denkbar:
    Gruppenangebot für inhaftierte Väter zu folgenden Fragestellungen:
  • Was braucht mein Kind, um sich zu einem glücklichen, selbstbewussten und verantwortungsvollen Menschen zu entwickeln?
  • Was und wie kann ich als Inhaftierter dazu beitragen?
  • Wie kann ich in der Entwicklung meines Kindes präsent sein?

In diesen Teilbereich des Projektes fließen auch Informationen über kirchliche und kommunale Beratungsstellen, diakonische Einrichtungen und Kirchengemeinden ein, auf die innerhalb des Kommunikations- und Informationsnetzwerkes zurückgegriffen werden kann um so eine Anbindung der Betroffenen vor Ort zu ermöglichen.

  • Um das Konzept von über den Projektzeitraum langfristig zu sichern und in ein Regelangebot überführen zu können, soll die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt sowie ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Betreuungsangebot gewonnen und geschult werden. Da nach gelungenem Abschluss der Projektphase auf ein Informations- und Kommunikationsnetzwerk zurückgegriffen werden kann,erscheint es denkbar, dass ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diesleisten können.

Wrap up & follow-up actions

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Effect / experience

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Adopted and refined

    Connected content

    • In der Frauenklinik der Diakonischen Dienste Hannover haben wir ein mehrphasiges, interprofessionelles Beratungsverfahren entwickelt, in dem medizinische Diagnostik, Beratung pro Kind durch einen Kinderarzt und eine systemisch-orientierte, seelsorgerliche Begleitung/Beratung zusammengeführt werd...
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    • Flughafenkapelle München
      Der Kirchliche Dienst am Flughafen München bietet Gottesdienste und Andachten an, leistet seelsorgerliche und praktische Hilfe.
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    • Sterbebegleitung
      Wenn Menschen sterben, sollen sie diesen Weg nicht allein gehen müssen, sondern das Angebot bekommen, begleitet zu werden. Begleiten können Angehörige, Freunde, Nachbarn, Seelsorger wie auch ehrenamtlich Mitarbeitende eines Besuchs- oder eines Hospizdienstes. Zu den Begleitenden gehören ggf. auc...
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      from a Geistreich-member
    • Gospelgarten
      Drei Lichthöfe der JVA Sehnde werden zu einer Gartenanlage umgestaltet. Jeder Raum erhält einen eigenen gärtnerischen Akzent. Jedem Raum ist ein Lied aus der Gospeltradition zugeordnet.
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    • Die Arbeitsgemeinschaft hat sich die Stressbearbeitung bei belastenden Ereignissen zur Aufgabe gemacht.
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      from a Geistreich-memberArbeitsgemeinschaft Psychosoziale Notfallversorgung in Kitzingen

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