Beratung und Begleitung: "Schwangerschaft im Konflikt"

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a geistreich member
Created at: 2014-06-05
Last major update at: 2014-06-05
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Seelsorge in Krankenhaus und Hospiz
Institutions
Diakoniekrankenhaus Friederikenstift in Hannover
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Preparation: no information
Execution: auf Dauer
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Abstract

In der Frauenklinik der Diakonischen Dienste Hannover haben wir ein mehrphasiges, interprofessionelles Beratungsverfahren entwickelt, in dem medizinische Diagnostik, Beratung pro Kind durch einen Kinderarzt und eine systemisch-orientierte, seelsorgerliche Begleitung/Beratung zusammengeführt werden.

Situation / context

Die Frauenklinik der DDH gehört zu den größten in Norddeutschland in der jährlich etwa 2000 Kinder geboren werden. In Kooperation mit dem Kinderkrankenhaus auf der Bult erfüllt das Perinatalzentrum die hohen Qualitätsanforderungen der Level 1-Versorgung. Insbesondere Schwangerschaften mit schwierigen Verläufen werden professionell unterstützt. Eine besonders herausfordernde Situation entsteht, wenn nach der 12. SSW. eine zu erwartende Behinderung des Kindes prognostiziert wird. In diesem Fall wird die betroffene Mutter von niedergelassenen Perinatalmedizinern für die weitere Diagnostik, oder auch für einen bereits medizinisch-indizierten Schwangerschaftsabbruch an unsere Frauenklinik überwiesen. Hier treffen wir in der Regel auf Mütter und Väter, die von Sorge und Angst um das Ungeborene ebenso belastet sind, wie von massiven Zweifeln an den eigenen physischen und psychischen Ressourcen im Blick auf die Lebensperspektive mit einem behinderten Kind. Die emotionale Überforderung führt bei den meisten Müttern (und Vätern) zu einer akuten, psychotraumatischen Belastungsreaktion, in der sie oftmals den Abbruch der Schwangerschaft als einzig möglichen Ausweg empfinden, in dieser notvollen Situation bieten wir Zeit- und Denkräume für eine differenzierte Auseinandersetzung an.

Goals

Ziel und Herausforderung ist zunächst, die betroffenen Eltern in ihrer Dilemma-Situation zu erreichen. Es gilt, die Bedingungen dafür zu schaffen, sie darin unterstützen und begleiten zu können, für sich selbst einen persönlich verantworteten Weg zu finden, den sie möglichst auch dauerhaft als tragfähig erleben können.

In einem differenzierten Beratungsprozess werden sie ermutigt, sich begleitet von dem Perinatalmediziner, dem Kinderarzt und einer Seelsorgerin mit Diagnose, Prognose und Lebensperspektive ihres Kindes vertraut zu machen und die eigenen Ressourcen wiederholt zu überdenken und abzuwägen.

Es werden zusätzliche, externe Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für das Leben mit einem behinderten Kind angeboten.

Ebenso wird mit der gebotenen Sensibilität die Option angesprochen, das Kind auszutragen und für eine Adoption freizugeben; bei letaler Diagnose werden die Möglichkeiten der palliativen Versorgung des Kindes aufgezeigt.

Auf dem Hintergrund einer christlichen Wertebasierung und im Bewusstsein von Schuld und Vergebung führen wir ethische Fallbesprechungen durch, um für jeden Einzelfall eine Einschätzung bzw. Bewertungen verantworten zu können.

Wenn aufgrund einer zu erwartenden physischen oder psychischen gesundheitlichen Gefährdung die medizinische Indikationsstellung für einen Abbruch medizinisch geboten ist und ethisch mitgetragen werden kann, ist es unser Ziel, die betroffenen Eltern annehmend zu begleiten und ihnen den Abschied von ihrem Kind und die Trauer um ihr Kind zu ermöglichen. Für diese Aufgabe arbeiten die Geburtshelfer, die Hebammen, die Pflegekräfte und die Seelsorgerin eng zusammen.

Um nach einem Abbruch die oft notwendige Begleitung über den stationären Aufenthalt hinaus anbieten zu können, arbeiten wir mit dem Verein „Leere Wiege e.V.“ zusammen. Außerdem werden alle betroffenen Eltern und ihre Angehörigen zu einer Trauerfeier mit anschließender Gemeinschaftsbestattung eingeladen.

Wir sehen den von uns entwickelten Beratungsprozess nicht als „fertig“ an:

  • Durch regelmäßige retrospektive Fallbesprechungen und Supervisionsangebote werden wir das Verfahren kontinuierlich evaluieren und die Mitarbeitenden aller beteiligten Berufsgruppen begleiten.
  • Zu unseren Zielen gehört es weiterhin, eine der ethischen Problematik angemessene Transparenz und Kommunikation unternehmensintern, aber auch im Blick auf das öffentliche Bewusstsein herzustellen.
  • Des Weiteren sind wir in Gesprächen mit dem Diakonischen Werk, um ein Angebot zu entwickeln, mit dem Eltern, die ein behindertes Kind erwarten, bereits während der Schwangerschaft unterstützt werden können.

Reflection / background

Nach § 218a. Abs. 2StGB ist ein Schwangerschaftsabbruch nicht rechtswidrig, „wenn der Abbruch der Schwangerschaft unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden, und die Gefahr nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann. “

Inzwischen vorliegende Erhebungen zu Spätabbrüchen nach prognostizierter Behinderung des Kindes belegen die Erfahrungen, die in der Frauenklinik der DDH gemacht wurden:

Nur selten sieht sich eine schwangere Frau subjektiv in der Lage, das Leben mit einem behinderten Kind zu bewältigen. Da der Schwangeren zum Schutz des ungeborenen Lebens die Entscheidung für oder gegen einen Abbruch rechtlich verwehrt ist, hat der Arzt/die Ärztin eine Prognose darüber zu stellen, ob ein Abbruch gerechtfertigt und geboten ist, um eine dauerhafte, schwerwiegende Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden. Wenngleich der Ausbildungs- und Erfahrungshintergrund eines Perinatalmediziners zur Stellung der medizinischen Indikation befähigt und berechtigt, empfiehlt der Gesetzgeber der Schwangeren eine zusätzliche psychosoziale Beratung für diese ethische Dilemma-Situation, in der die Gesundheit und das Lebensrecht der Mutter dem Lebensrecht des ungeborenen Kindes entgegenstehen kann.

Die theologische Auseinandersetzung kann das ebenfalls vom Gesetzgeber identifizierte Dilemma m. E. n. nicht auflösen, hat sich ihm aber mit der größtmöglichen Verantwortung zu stellen und letztlich zu einer ethischen „Bewertung“ zu kommen. Diese kann theologisch m.E. n. nur unter der evangelischen Voraussetzung der Rechtfertigung allein aus Gnade gewagt und verantwortet werden.

Aus der komplexen Problemlage sind verschiedene Perspektiven differenziert zu betrachten und einzubeziehen. Ich skizziere einige davon:

  • Eine der Schwierigkeiten besteht darin, über die gegenwärtige akute Belastungsreaktion hinaus zu einer Einschätzung über die zukünftige physische und psychische Gesundheit der Mutter zu kommen. Dafür fehlen „sichere“ Kriterien.
  • Und: Selbst wenn die begleitenden Fachleute verschiedener Professionen die Gesundheit der Mutter nicht gefährdet sehen und zu dem Ergebnis kommen, die zu erwartende Belastung sei für die Mutter zu bewältigen und also zumutbar, stellt sich die Frage, ob das ungeborene Kind „gegen die Mutter“ geschützt werden kann, und wie ein Schwangerschaftsverlauf vorstellbar ist, für den die Mutter nicht die die physischen und psychischen Ressourcen zur Verfügung zu haben meint.
  • Ethische Bewertungen sollen den Anspruch der Plausibilität und Kommunizierbarkeit erfüllen. In Fällen der Zustimmung zu einem Abbruch bei relativ positiver Lebensprognose des Kindes ist dieser Anspruch schwer zu erfüllen. Die embryopathische Indikation ist mit dem Ziel abgeschafft worden, das Lebensrecht des Kindes nicht von der Schwere der zu erwartenden Behinderung, abhängig zu machen. Dieses berechtigte Anliegen führt aber in die Situation, dass für die Stellung der medizinischen Indikation und für die ethische Bewertung die Diagnose und Prognose des Kindes als „nachrangig“ zu stehen kommt, wenn die Gesundheit der Mutter als gefährdet prognostiziert wird. Bei relativ guter Lebensprognose für das Kind, wie sie z.B. für die Diagnose Trisomie 21 vorliegt, wiegt dieses Dilemma besonders schwer und die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch ist ohne Kenntnis der mütterlichen Gesamtsituation, die aber der medizinischen und seelsorgerlichen Verschwiegenheit unterliegt, kaum zu plausibilisieren.
  • Innerhalb des kollektiven Wertebewusstseins kommen zwei unterschiedliche Perspektiven zum Tragen, die sich in den betroffenen Paaren spiegeln und deren Haltung maßgeblich mitbestimmen: Einerseits habe wir es mit einem hohen Bewusstsein für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu tun (Teilhabe / Inklusion), andererseits hat sich aufgrund der Möglichkeiten der Pränataldiagnostik die Einstellung verfestigt, man könnte oder sollte einem Kind das Leben mit einer Behinderung „ersparen“, wenn man um dessen Diagnose und Prognose weiß: Für den Abbruch einer Schwangerschaft ist gesamtgesellschaftlich mit großer Akzeptanz zu rechnen, wenn es sich um ein Kind mit Behinderung handelt, während die Eltern bei Austragen eines behinderten Kindes oftmals auf Unverständnis sogar innerhalb der Familie stoßen und eine Entscheidung für das Kind rechtfertigen müssen. Beide Perspektiven haben je eigene „ethische Logiken“ die nicht in Konsistenz zu bringen sind. Die im kollektiven Bewusstsein wahrnehmbare Bewertung scheint sich bei persönlicher Betroffenheit deutlich zugunsten eines Abbruchs zu verschieben. Diese Einstellung wird sich in Einzelnen nur verändern lassen, wenn gesamtgesellschaftlich behindertes Leben als willkommen erlebt wird. In der Situation persönlicher Betroffenheit und höchster Belastung scheint dies nur in Ausnahmen erreichbar zu sein. Übergeordnet stellt sich also die Frage, wie diese gesellschaftlich verbreitete Bewertung verändert werden kann.

 

General information on realization

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Preparation

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Realization

Beratung und Begleitung einer Schwangeren/eines Paares bei auffälligem Befund des Kindes

Verdachtsdiagnose

Extern/Niedergelassener Gynäkologe

  • Erhärtung der Verdachtsdiagnose

^ Überweisung zur zweiten Diagnosestellung durch die Ultraschallambulanz der Frauenklinik

Extern/Niedergelassener Pränataldiagnostiker

  • Überweisung möglichst ohne Indikation für einen Abbruch
  • Bereits der überweisende Arzt weist die Schwangere darauf hin, dass die Frauenklinik der DDFI bei nicht letalem Verlauf eine psychosoziale Beratung voraussetzt. Diese sollte möglichst vordem Ultraschalltermin erfolgt sein.
  1. Ultraschallambulanz zur zweiten Diagnosestellung

Ort: Frauenklinik der DDFI

  • Das Chefarztsekretariat koordiniert Untersuchungstermin.
  • Die Schwangere/das Paar wird darauf hingewiesen, dass die Frauenklinik bei nicht letalem Verlauf die psychosoziale Beratung voraussetzt.
  • Für das Gespräch zwischen Seelsorgerin und der Schwangeren/dem Paar wird eine Gesprächszeit von ca. 30 Minuten vor dem Untersuchungstermin fest eingeplant.

Beteiligte Personen:

  • die Schwangere/das Paar
  • Chefarzt/OA (Gynäkologe/Geburtshelfer)
    • Chefarzt Neonatologie/OA vom Kinderkrankenhaus auf der Bult
  • Seelsorgerin

1.1. Beratung und Begleitung zur Selbstklärung der Schwangeren/des Paares

Beteiligte Personen:

Seelsorgerin und die Schwangere/das Paar

  • Die Seelsorgerin nimmt die Schwangere/das Paar in Empfang. Damit beginnt die Begleitung und Beratung im Idealfall bereits in der belastenden Wartezeit vor der Untersuchung.
  • Die Seelsorgerin unterstützt im Gespräch mit einem klientenzentrierten und zugleich systemischen Ansatz den Prozess der Selbstklärung.
  • Die Seelsorgerin informiert sich im Gesprächsverlauf über die Stationen/den Prozess, den das Paar seit der Diagnosestellung erlebt, gefühlt, und beschritten hat.
  • Sie verschafft sich einen Eindruck über die (emotionalen) Ressourcen und Belastungen der Schwangeren/des Paares/der Familie
  • In dem klientenzentriert/systemischen Gespräch gehen seelsorgerliche und beratende Anteile ineinander über:

„Wo stehen sie jetzt?"

„Wie sind sie zu ihrem jetzigen Standpunkt gekommen und was hat dazu beigetragen?" „Sind sie als Paar in dem einer Meinung, wie es für sie und ihr Kind weitergehen soll?"

„Wo sind sie sich einig? Wo denken und fühlen sie unterschiedlich?" ...

  • Die Seelsorgerin ermöglicht das Verbalisieren und Reflektieren der Dilemma- Situation in allen ihren Ambivalenzen.
  • Durch ihr Nachfragen gibt sie zusätzliche Impulse oder/und eröffnet weitere Perspektiven, Denk- und Handlungsmöglichkeiten,
  • sie gibt Sicherheit, indem sie Auskunft geben kann zu den Klinik-Abläufen, die das Paar eventuell zu erwarten hat.
  • In Absprache mit dem Paar ist die Seelsorgerin bei der Ultraschalluntersuchung anwesend
  • Die Seelsorgerin dokumentiert extern erfolgte Vorgespräche des Paares sowie interne Gespräche und Ergebnisse in einer gelenkten Checkliste,...
  1. ...die mit der ärztlichen Dokumentation zusammen geführt wird
  2. ...die zur Information an die Hebammen und die Mitarbeitenden der Station 19 weitergeleitet wird
  3. ...die den seit der Diagnosestellung zurückgelegten Weg der Schwangeren in deren Bemühung um Selbstklärung respektierend festhält
  4. ...die dazu beiträgt, belastende „Beratungsschleifen" für die Schwangere/das Paar zu vermeiden

1.2. Ultraschalluntersuchung

  • Während der Untersuchung steht für den Arzt fachlich die Diagnosestellung bzw. Befundung im Vordergrund.
  • Falls eine medizinische Indikation vorliegt, wird die ihr zugrunde liegende Diagnose durch die Untersuchung medizinisch überprüft.
  • Die Information und Aufklärung für das Paar im Verlauf der Untersuchung erfolgt sachlich und wertneutral.
  • Gynäkologe und Neonatologe tauschen sich vor dem informierenden Nachgespräch zu Diagnose und Prognose des Kindes ohne Beisein der Schwangeren/des Paares aus. Bei Dissens ist das Verfahren zu unterbrechen,

 

 

 

bis eine Klärung dazu erfolgt ist (z.B. durch weitere Expertisen)

1.3. Informierendes Nachgespräch

Beteiligte Personen:

  • die Schwangere/das Paar
  • Chefarzt Gynäkologie/OA
  • Chefarzt Neonatologie/OA
  • Seelsorgerin

Ziel:

  • Die Schwangere/das Paar wird möglichst umfassend durch die Ärzte beider Fachrichtungen zur Diagnose des Kindes, zu seiner Prognose und zu Möglichkeiten der Therapie aufgeklärt.
  • Die Vorkenntnisse und Befürchtungen des Paares werden in das hier geführte Gespräch integriert.

„Ist ihnen das Krankheitsbild bekannt?"

„Haben sie Erfahrungen, Eindrücke, Kenntnisse etc. durch betroffene Paare/Kinder in ihrem Umfeld?"

„Hatten Sie bereits Kontakt zu Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen ?" ...

  • Wenn die Schwangere/das Paar eine Tendenz zum Abbruch erkennen lässt, wird über Alternativen, wie die Möglichkeit der Adoptionsfreigabe nach der Geburt oder über die Gewährleistung einer palliativen Kindsversorgung informiert. Auch Themen wie Fetozid und Bestattung werden aufgegriffen.
  • Das informierende Nachgespräch nimmt in der umfassenden Aufklärung und Beratung des Paares auf der einen Seite deren Situation wahr, informiert und berät auf der anderen Seite jedoch „pro Kind" durch die Beteiligten.
  • Für die Schwangere/das Paar beinhaltet insbesondere das informierende Nachgespräch eine erhebliche emotionale Belastung und kognitive Herausforderung: Befürchtungen für das Kind bewahrheiten sich, eigene Zukunftsängste und ein gefühlter Entscheidungsdruck angesichts der rezipierten Informationen erfordern eine hohe Integrationsleistung.

1.4. Interprofessionelle ethische Fallbesprechung

  • Ärzte und Seelsorgerin tauschen sich in einer interprofessionellen Fallbesprechung ohne das Paar aus.

(Das Paar hat während dessen erste Gelegenheit, das Gehörte für sich zu bedenken und zu integrieren.)

  • Die medizinische Diagnose des Kindes unddie Prognosen für Mutter und Kind werden der gesetzlichen Vorgabe entsprechend beraten, diskutiert, abgewogen, gewichtet.
  • Ziel der Fallbesprechung ist es, insbesondere in Fällen einer medizinischsozialen gestellten Indikation zu einer Klärung zu kommen, ob diese für die an der Fallbesprechung beteiligten Personen stimmig ist und mitgetragen werden kann.
  • Dafür erfolgt in der Fallbesprechung die medizinische und ethische Überprüfung der Indikation sowie ggf. die Abstimmung für weitergehende medizinische oder/und psychosoziale Beratung.
  • Wenn Ärzte und Seelsorgerin unsicher oder kontrovers in der Einschätzung der Prognose für Mutter und/oder Kind sind, und damit zugleich unsicher und kontrovers in ihrer Befürwortung der Indikationsstellung, wird eine personell erweiterte, interprofessionelle ethische Fallbesprechung vereinbart.

1.5. Beratung der Schwangeren/des Paares

  • Der Schwangeren/dem Paar werden die Ergebnisse der interdisziplinären Fallbesprechung erläutert.
  • Bei unklarer Diagnose oder Prognose für das Kind werden Empfehlungen für zusätzliche medizinische Untersuchungen/Beratungen gegeben.
  • Bei unklarer Prognose für die Schwangere wird die Empfehlung für eine weitergehende psychologische Beratung gegeben.
  • Bei unsicherer oder kontroverser Einschätzung der Prognose für Mutter und/oder Kind wird über die vereinbarte interprofessionelle ethische Fallbesprechung informiert.
  • Wenn die medizinische Indikation für einen Abbruch erhärtet wurde und die Schwangere/das Paar weiterhin für den Abbruch entschieden ist, wird ihnen das weitere Verfahren erläutert.
  • Der Kontakt zur Hebamme und zur Station 19 wird hergestellt, um die Begleitung optimal weiter zu führen.

Nach 1.5.

  • Weiterleitung der von Prof. Schild/OA dokumentierten Untersuchungsergebnisse an den externen Pränataldiagnostiker zur Indikationsstellung,

oder/und bei Uneindeutigkeit:

  • Gemeinsame Abstimmung/kollegiale
    • Die für die Erhärtung der Indikation wesentlichen Ergebnisse der Ultraschalluntersuchung, der interprofessionellen Fallbesprechung und des darauffolgenden Beratungsgespräches sind ärztlicherseits in der Patientenakte zu dokumentieren.
  • Bei den Dokumentationen ist die jeweilige Beratung von Prof. Schild/OA und Pränataldiagnostiker zu den Beratungsergebnissen • Weiterleitung der dokumentierten Untersuchungsergebnisse (ggf. mit der Checkliste der Seelsorgerin) und Informationen zum weiteren Vorgehen an die Hebammen und die Mitarbeitenden / S 19

medizinische und seelsorgerlich gebotene Verschwiegenheitsverpflichtung zu berücksichtigen.

  • Die Weiterleitung der Dokumentationen soll für größtmögliche Transparenz sorgen und das Vertrauen der beteiligten Mitarbeitenden in das Verfahren und ggf. die Akzeptanz des indizierten Abbruchs zu stärken.
  1. Beratung in der erweiterten interprofessionellen ethischen Fallbesprechung
    • Ziel der erweiterten Fallbesprechung ist es, zu einer gemeinsam getragenen Haltung zu kommen.
    • Die ärztliche Letztentscheidung über die Durchführung des Schwangerschaftsabbruchs bleibt beim zuständigen Arzt.
    • Im Falle der Durchführung eines Abbruchs ohne einheitliche Entscheidung aus der Fallbesprechung dokumentiert der Arzt seine Begründung für die Durchführung gesondert schriftlich.
  • Das Ergebnis der erweiterten Fallbesprechung wird den Hebammen und der Station 19 mitgeteilt.

Zusammensetzung der erweiterten Fallbesprechung (Vorschlag):

  • Chefarzt /OA (Geburtshelfer; Gynäkologe)
  • Chefarzt/OA (Neonatologie)
  • Seelsorgerin
  • Leitende Hebamme od. Vertretung
  • Leitung Station 19 od. Stellvertretung
    • Moderator/in

Zusätzlich optional/im Bedarfsfall:

  • Niedergelassener Pränataldiagnostiker oder Mitarbeiter/in des SPZ
  • Psychosoziale Berater/in (mit Entbindung von der Schweigepflicht durch die Klientin)
  • Vertreter/in der Behindertenhilfe
  • Retrospektive interprofessionelle ethische Fallbesprechung
    • Die Zusammensetzung entspricht die der erweiterten Fallbesprechung (s.o.)
    • Retrospektive Fallbesprechungen finden zweimal jährlich für ein bis zwei besonders komplexe oder/und strittige Fälle statt
    • Der Interdisziplinäre Qualitätszirkel Pränataldiagnostik (IQZ) wird mit seiner kritischen Kompetenz in die Fallbesprechungen einbezogen.

Ebenso ist der IQZ wichtiger Netzwerkpartner und Impulsgeber für gesellschaftspolitische Aspekte.

 

 

  1. Evaluation des Verfahrens
  • Das Beratungsverfahren wird halbjährlich im Diskurs mit den in der Praxis beteiligten Berufsgruppen evaluiert.
  • Mit zeitlichem Abstand von ca. drei Monaten tritt die Seelsorgerin in geeigneter Form mit dem Paar in Kontakt, und befragt es zum Erleben des Beratungsprozesses (Feed Back).

,,Haben Sie sich gut aufgehoben gefühlt in und mit ihrer Belastung?

"Was können wir besser machen ?

"Welche Empfehlungen würden Sie uns geben?"...

  1. Jährlicher Bericht
  • Der Steuerungsgruppe Ethik wird jährlich eine Statistik der Beratungsfälle vorgelegt (Anzahl der Fälle; Diagnosen; Beratungsempfehlungen).
  • Der Steuerungsgruppe Ethik wird jährlich in einer gemeinsamen Sitzung über die besonderen Problemstellungen berichtet, zu denen in den Retrospektiven Fallbesprechungen gearbeitet wurde.

 

 

 

Wrap up & follow-up actions

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Effect / experience

  • Innerhalb der involvierten Berufsgruppen ist bereits jetzt deutlich, dass das mit den jeweiligen Leitungen erarbeitete und bekannte Verfahren eine hohe Akzeptanz erfährt. Insbesondere die Pflegekräfte und die Hebammen, denen die Begleitung der Frauen bei medizinisch-indiziertem, späten Abbruch obliegt, sprechen ihre Erleichterung darüber aus, der im Beratungsverfahren zugestimmten Indikation vertrauen zu können. Ohne ein bekanntes und transparentes Verfahren fühlten sie sich als bloße Ausführende eines Abbruchs, dessen Begründungszusammenhang für sie im Dunkeln blieb. Es gab die Befürchtungen, dass der Arzt „einsame Entscheidungen“ treffen könnte, aber auch tragen müsste.
  • Als belastend haben die Pflegekräfte und Hebammen es auch erlebt, den schwangeren Frauen zum Teil insgeheim zu unterstellen, sie hätten sich womöglich die Entscheidung des Abbruchs zu leicht gemacht. Das Vertrauen in den Beratungsprozess ermöglicht es ihnen, den schwangeren Frauen die Trauer um ihr Kind zuzugestehen und sie darin empathisch und professionell zu begleiten.
  • Deutlich erkennbar ist, dass es für alle beteiligten Mitarbeitenden eine emotional hochgradig emotional belastende Situation bleibt, sich jeweils neu auf die betroffenen Paare einzustellen, an Schwangerschaftsabbrüchen beteiligt zu sein und all dies im Arbeitsalltag aufzufangen.
  • Der regelmäßige Kontakt mit den im Beratungsverfahren beteiligten Seelsorgerinnen schafft zusätzliches Vertrauen. Es können Fragen zum Verfahren geklärt und Auskünfte zur Situation der Schwangeren/des Paares gegeben werden, soweit dies im Rahmen der Schweigepflicht möglich ist.
  • Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Pflegekräften, Hebammen und Seelsorgerinnen führt dazu, dass Abschiedsriten wie Gebet und Segnung für die Mutter/die Eltern mit ihrem verstorbenen Kind eine hohe Akzeptanz erfahren und als heilsame kirchliche Angebote erlebt werden.

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