Die Kapellengemeinde Heidelberg als internationale „hybride“ Gemeinde

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2 Geistreich-members
Created at: 2014-06-17
Last major update at: 2014-06-30
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Citykirchen und Profilgemeinden, Ökumene und Internationales
Institutions
Kirchenbezirk Heidelberg
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Afrikachor Manita

Abstract

Die Kapellengemeinde in Heidelberg lebt Gemeinde mit zahlreichen Menschen aus allen Kontinenten.

Situation / context

In zahlreichen Gemeinden der Landeskirchen sind Gemeinden anderer Sprache und Herkunft zu Gast – dies schon lange keine Besonderheit mehr.

Goals

Die Kapellengemeinde in Heidelberg hat eine solche Gemeinde als Gast nicht – sie lebt Gemeinde mit zahlreichen Menschen aus allen Kontinenten.

Reflection / background

Perser. Quelle: Florian BarthHeidelberg ist für viele Migranten eine Durchreise-Station. Zum Beispiel haben in unserem Afrika-Chor „manita“  in den letzten zehn Jahren über 150 Sängerinnen und Sänger mitgesungen – zeitlich so verteilt, dass Manita immer zwischen 20 und 30 Sängerinnen und Sänger hatte. Die Kapellengemeinde ist mit ihrer Offenheit und ihrem Angebot zunehmend eine Zulaufstelle für viele Migranten

General information on realization

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Preparation

Die Kapelle war um die Jahrtausendwende eine kleine deutsche Personalgemeinde, einen Migrationshintergrund hatte hier niemand. Es waren vor allem ältere Damen, die in die Kapelle kamen. Der neue Pfarrer gründete damals mit ein paar seiner Schülern, die er aus der Berufsschule kannte, den „Afrika-Gottesdienst“ als zweites Gottesdienstprogramm.Die Evangelische Landeskirche in Baden finanzierte wegen der besonderen Herausforderungen der Kapellengemeinde für 3 Jahre eine 25%-Stelle für das Projekt „Christliche Verkündigung unter Heidelberger Migranten“. In dieser Zeit wurden Leitungsstrukturen für den Afrika-Gottesdienst und die persische Bibelstunde aufgebaut, ein „Internationales Frauenfrühstück“ und es wurden viele Hausbesuche gemacht. Durch Beratung in schwierigen Angelegenheiten, ein offenes Ohr bei Gesprächen oder die Unterstützung bei Gerichtsverhandlungen, in denen das Aufenthaltsrecht verhandelt wurde, wurden Beziehungen aufgebaut und das Vertrauen in die Kapellengemeinde gestärkt.
In den Afrika-Gottesdienst kamen anfangs Menschen aus Afrika und Deutschland. Die Musik gestaltete ein kleiner studentischer Chor mit Studierenden aus Kamerun – ohne Orgel, aber mit viel Trommeln und Tanz und Rhythmus. Mit dem Afrikagottesdienst wurde Manita größer und zog dann in die Kapelle ein. Der Afrika-Gottesdienst lockte aber insbesondere auch Menschen in bi-nationalen Beziehungen an – und Menschen aus ganz anderen Ländern.
2010 kam der erste Iraner in den Gottesdienst der Kapelle. Ihm gefiel es und er blieb. Lange hatte er im Asylantenwohnheim in Heidelberg gelebt, bis er seine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Er brachte weitere Menschen aus Iran und Afghanistan in die Kapelle. Die meisten von ihnen hatten das Christentum schon zu Hause in kleinen Hauskirchen kennengelernt und wollten nun in Deutschland nach der gelungenen Flucht getauft werden. Die Menschen aus Iran und Afghanistan wünschten sich mehrfach eine „persische Bibelstunde“, die dann nach einem Jahr auch eingerichtet wurde. Anfangs trafen sich die Interessierten nur unregelmäßig, dann häufiger alle zwei Wochen und schließlich wöchentlich.

Realization

Alimandi. Quelle: Florian BarthEinmal im Monat findet der Afrika-Gottesdienst statt. Der Leiter der Gemeindeversammlung stammt aus Uganda, die Organisten kommen aus Japan und Korea, der Chorleiter des Afrikachors „Manita“ stammt aus Kamerun, die Chorleiterin des Chores „manna4voices“ stammt aus Polen – und 50% der gewählten Mitglieder des Ältestenkreises haben inzwischen einen Migrationshintergrund.
Getauft werden die Taufaspiranten, wenn sie ein Jahr lang den Kapellen-Gottesdienst und die persische Bibelstunde besuchen. In diesem Jahr haben sie Zeit, die christliche Gemeinde, das Kirchenjahr und die Bibel kennenzulernen – und auch Glaubenskrisen zu durchstehen. Eine Taufe gibt es (wie bei einer Konfirmation) nur nach einer Prüfung durch Mitglieder des Ältestenkreises.

Wegen der zahlreichen Menschen aus dem Iran wird im 10 Uhr-Gottesdienst der Predigttext auf persisch vorgelesen und gelegentlich auch ein persisches Kirchenlied gesungen. Zwischendurch gab es auch einen Latino-Gebetskreis und die „Études bibliques“ als frankophone Bibelstunde. Leider gab es viele Weggänge unter den Mitgliedern. Dadurch sind die beiden Gruppen stark geschrumpft und es fehlte eine treibende Kraft aus der Gruppe.

Außerdem gibt es einen deutsch-japanischen Freundschafts-Bazar im Herbst mit japanischen und deutschen Handarbeitsartikeln, einem deutsch-japanischem Flohmarkt, Kartoffelsalat und Sushi und einer japanischen Kinderbetreuung mit Kaligraphie und Origami. Dreimal im Jahr kommt eine schwedische Gemeinde in die Kapelle, um ihre Jahresfeste zu feiern. Auch hier wird die Freundschaft ausgebaut.

 In besonderen Festen wird das internationale Profil der Gemeinde gestärkt: So gab es einmal ein großes „Internationales Suppenfest“, bei dem die Köchinnen und Köche aus der ganzen Welt voneinander kosten und Rezepte austauschen konnten. Einmal im Jahr wird das Pfingstfest als großes göttliches Sprachenwunder gefeiert – Gebete und Lesungen werden so aufgeteilt, dass mind. 15 Nationen vorkommen und die Lieder werden ebenfalls nach ihrem internationalen Aspekt ausgesucht. Zwar wird noch „Lobet den Herrn“ gesungen – aber in verschiedenen Sprachen – eine Strophe wird auch auf deutsch gesungen. Migranten sind bei allen Gemeindefesten aktiv beteiligt: An Weihnachten finden seit mehreren Jahren Taufen von Iranern statt, anschließend wird jeweils Taufe und Weihnachten in der Kapelle mit einem großen Fest gefeiert. Im März wird das iranische Nowrouz-Fest gefeiert, ein sehr wichtiges Fest zum Jahresbeginn. Dafür dürfen die Iraner den in allen iranischen Haushalten üblichen Nowrouz-Altar vor dem Altar der Kapelle aufbauen und ihr wichtigstes Fest so vor den lebendigen, dreieinigen Gott bringen.

Wrap up & follow-up actions

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Effect / experience

Int. Frauenfrühstück. Quelle: Florian BarthDie „alte Kapellengemeinde“ nahm die zahlreichen Menschen mit Migrationshintergrund freundlich auf. Wichtig dabei war, dass niemand zueinander gezwungen wurde: Keine Kamerunerin wurde gedrängt, in den traditionellen Frauenkreis zu gehen und keine der älteren Damen aus der Kapellengemeinde wurde gedrängt, den Afrika-Gottesdienst zu besuchen. Begegnungen fanden zufällig statt, beim Kirchcafé nach dem Gottesdienst, in der Küche beim Gemeindefest oder bei einer Gemeindeversammlung. Der „Bazar“ war eine sehr traditionelle Veranstaltung, dessen Strukturen sich über Jahrzehnte aufrecht hielten. Als er vor seinem Ende stand, weil sich nicht mehr genügend Mitarbeiterinnen fanden und die alten das Fest nicht mehr tragen konnten, kam ein japanischer Verein und fragte nach Räumlichkeiten für seinen Bazar. Weil er in seiner Struktur parallel zum deutschen Bazar aufgebaut war, bot sich eine Kooperation an. dabei wurde darauf geachtet, dass nicht in den einen Saal der traditionelle deutsche Bazar stattfindet und im anderen Saal der japanische, sondern dass schon in der Planung darauf geachtet wurde, dass sämtliche Aufgaben von deutschen und  japanischen Mitarbeiterinnen paritätisch besetzt werden. Außerdem machten wir in der Kapelle die Erfahrung, dass alte Menschen oft viel weniger konservativ sind, als ihnen oft unterstellt wird. Auch sie genießen es, dass ihre Kapelle von vielen jungen Menschen aus aller Welt belebt wird und sie hier neue Kontakte knüpfen können.

Eine sehr wichtige Rolle spielt der Kindergottesdienst. Viele Jahre lang gab es keinen Kindergottesdienst mehr in der Kapelle. In den Kindergottesdienst heute gehen Kinder mit unterschiedlichen Hautfarben: Kinder mit koreanischen, afrikanischen oder deutschen Eltern. Die Kinder lernen so auf selbstverständliche Weise, miteinander zu leben. Die Gemeinde sieht Sonntag für Sonntag, wie diese internationale Kindergruppe mit Kindern zwischen 2 und 12 Jahren mit einem Licht vom Altar auszieht – dieses Symbol ist sehr stark.

 

Vernetzung ist beim Aufbau der „hybriden“ Kapellengemeinde sehr wichtig: es gibt eine enge Verbindung zum Ausländer- und Migrationsrat, beim Aufbau des Afrika-Gottesdienstes war der Verein afrikanischer Studierender VASUH sehr wichtig, der Pfarrer der Kapelle hat einen Bezirksauftrag für Gemeinden anderer Sprache und Herkunft und ist hier sehr gut vernetzt. Es bestehen gute Kontakte zum Ausländeramt, zum Leiter des Dezernats für Integration und Chancengleichheit, zum Diakonischen Werk, zum Asylarbeitskreis und zu Ausländerrechts-Anwälten.

Ein Problem ist, dass viele Migranten ein Arbeitsverhältnis im sog. „Niedriglohnsektor“ aufnehmen müssen, also in der Gastronomie, als Putzkraft oder im Pflegebereich, so dass sie regelmäßig auch am Sonntagmorgen arbeiten müssen und ein regelmäßiger Besuch des Gottesdienst ihnen deshalb nicht möglich ist. Durch Arbeit in Wechselschicht wird auch eine Mitarbeit in üblichen Strukturen des Ältestenkreises erschwert.

Heidelberg ist für viele Migranten eine Durchreise-Station. Zum Beispiel haben in unserem Afrika-Chor „manita“  in den letzten zehn Jahren über 150 Sängerinnen und Sänger mitgesungen – zeitlich so verteilt, dass Manita immer zwischen 20 und 30 Sängerinnen und Sänger hatte. Heute stammen nur noch wenige Chormitglieder aus Afrika, sie kommen aus der ganzen Welt, was sie verbindet ist die Liebe zu „African-Gospel“.

Die Kapellengemeinde ist mit ihrer Offenheit und ihrem Angebot zunehmend eine Zulaufstelle für viele Migranten. Nichtsdestotrotz erschwert aber die Fluktuation bei Migranten langfristige Planungen und stellt die Kontinuität vor große Herausforderungen.

Bei einer groß angelegten Gemeindeberatung mit 70 Mitgliedern aus der Gemeinde und zwei externen Gemeindenberatern wurde deutlich der Wunsch nach dem Zusammenwachsen geäußert. Die besondere Vielfalt in der Gemeinde wurde gelobt – und auch als kritischer Punkt betrachtet.

Ganz neu wurde der Wunsch geäußert, dass der Afrika-Gottesdienst nach zehn Jahren aufgelöst werden soll – um in den 10Uhr-Gottesdienst integriert zu werden. Sollte dies geschehen, wäre dies eine weitere Fortentwicklung der internationalen „hybriden“ Kapellengemeinde.

Einen Film finden Sie unter http://www.youtube.com/watch?v=VP56LJiMQAU .

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