Umgang mit den Gedenktafeln zum I. und II. Weltkrieg in der ev. Friedensgemeinde Bremen

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2 Geistreich-Mitglieder
Erstellt am: 10.07.2014
Letzte größere Änderung: 02.09.2014
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Deutsch (Original, angezeigt)
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Kirchenraum und Kirchenpädagogik
Gemeinden/Institutionen
Friedenskirche Bremen in Bremen
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Vorbereitung: Keine Angaben
Durchführung: Keine Angaben
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2 Stimmen
Kommentare zum Dokument
Gedenktafel Freidenskirche

Kurzbeschreibung

Diskussionen über den Umgang mit den Gedenktafeln in einer "Friedenskirche". Wem wird gedacht, welchen Menschen wird nicht gedacht?

Situation / Kontext

Unter der Oberfläche gor in der Gemeinde schon länger ein Unbehagen, das viele Gottesdienstbesucher/innen regelmäßig heimsuchte.

Einige fragten, ob ein angemessenes Gedenken an die Kriegsopfer in einer "Friedenskirche" nicht ganz anders aussehen müsse als die vorhandenen Tafeln es vorgaben. Immerhin hatte man unterdessen einen Schriftzug entfernt. Denn dort war von den "Gefallenen" die Rede gewesen. Offenbar hatte man diesen Begriff inzwischen als einen Euphemismus empfunden für das Morden und Sterben während der beiden Weltkriege. Dennoch: Zu einer gebündelten Diskussion über das von vielen als heikel empfundene Thema kam es bis Ende der 1990er-Jahre nicht.

Im Jahre 1921 war eine erste (nach damaligem Wortlaut) "Ehrentafel" installiert worden für die "gefallenen Gemeindemitglieder des Weltkrieges". Es wurden ausschließlich die Namen deutscher Soldaten genannt, 165 an der Zahl. Die Tafel ist mit Krone und Ehrenlaub verziert. Ein Relief zeigt, wie ein engelsgleicher Krieger mit Schild und Schwert zu Boden sinkt. Zwischen den Jahreszahlen 1914 und 1918 wird aus den Abschiedsreden Jesu zitiert: "Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässet für seine Freunde" (nach Johannes 15, 13).

Während der Nazi-Diktatur wurde auf Druck des von der NSDAP eingesetzten "Landesbischofs" der Innenraum der Bremer Friedenskirche radikal umgestaltet. So wurde die genannte "Ehrentafel" zu einem Element eines dreiteiligen Ensembles, das Bauhistoriker später als "eindeutig martialisch", also kriegerisch klassifizierten. Ein sehr massiver Altar aus dem Baustoff des "Reichsparteitagsgeländes" wurde ebenso installiert wie eine gewaltige Kanzel, die durchaus das "Führerprinzip" in Szene zu setzen in der Lage war. Die Gemeinde sollte nun alle drei Elemente gleichzeitig im Blick haben: die "Ehrung der Krieger", den martialischen Opferaltar sowie den Verkündigungsort für das Wort der Obrigkeit. Es ist zu erwähnen, dass jener Entwurf schon während des Zweiten Weltkriegs für erhebliche Zerwürfnisse innerhalb der Gemeinde sorgte, die deshalb mancherorts fortan "Unfriedensgemeinde" genannt wurde: Die Gemeinde zerfiel in zwei Lager. Eine Fraktion hielt sich zu den "Deutschen Christen", der größere Teil zählte sich eher zur "Bekennenden Kirche".

Elf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 1956, wurde eine zweite Gedenktafel angebracht. Erneut notierte man hier fast ausschließlich die Namen männlicher Träger deutscher Uniformen. Mit wenigen Ausnahmen: Unter den 201 Genannten finden sich auch fünf weibliche Verstorbene. Es lässt sich heute nicht genau klären, warum gerade sie genannt worden waren - und viele andere nicht. Schließlich waren wesentlich mehr Frauen, Kinder sowie auch Männer, die keine Uniform trugen, genauso zu Opfern des Krieges geworden.

  

Weitere Projekte:

http://www.geistreich.de/FokusErsterWeltkrieg

http://www.geistreich.de/FokusWeltkriege

Ziele

Als evangelische Friedensgemeinde fühlen wir uns heute klar dem Auftrag verbunden, etwas für den Frieden zu tun. Das gilt für unser nahes Umfeld, etwa wenn es um die Integration syrischer Kriegsflüchtlinge aus dem nahe gelegenen Wohnheim geht, aber auch darüber hinaus.

Reflexion / Hintergrund

Oft werden wir von Teilnehmenden gezielt auf die unangemessen soldatische Verengung der Gedenktafeln angesprochen. Die überwiegende Mehrheit stört sich an deren Tendenz zur Heldenverehrung und zur nationalistischen Verklärung der Kriegstoten. Insbesondere das Bibelzitat über der Tafel zum Ersten Weltkrieg empört viele doch sehr. Vollkommen zu Recht, wie ich finde:

Da verabschiedet sich ein betont gewaltfreier Jesus kurz vor der Verhaftung und Ermordung durch das römische Militär von seinen Gefährtinnen und Gefährten - und ausgerechnet dessen Zitat wird nun dazu benutzt, Soldaten zu ehren? "Wer soll denn dem jungen Soldaten, der ab 1914 von der Schulbank direkt in den Tod an der Front geschickt wurde wohl ein ‚Freund' gewesen sein, für den das Leben zu opfern sich lohnte?" fragen manche. "Etwa der imperialistische deutsche Kaiser, der diesen Angriffskrieg im Osten und Westen vom Zaun gebrochen hatte?" Als vollkommen unangemessen erscheint den meisten auch, dass unzählige andere Opfer des Krieges dezidiert nicht erwähnt werden. Wer gedenkt der getöteten Frauen und Kinder des Zweiten Weltkriegs - und jener Männer, die keine Soldaten waren? Wer gedenkt der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur? Was ist mit den deportierten Jüdinnen und Juden aus der Nachbarschaft? Und was mit den Menschen, die Widerstand geleistet, die Menschenrechte verteidigt haben und darüber zu Opfern geworden sind? Sollten wir nicht auch der Zwangsarbeiter und Häftlinge gedenken ebenso wie der Saboteure und Deserteure, die Sand ins Kriegsgetriebe streuten und umgebracht wurden?

Kurz: Den meisten erscheint die überkommene Gestalt dieser Tafeln heute als umfassend unangemessen, sie fordern vielfach die Umgestaltung ein. Es ist an der Zeit.

Allgemeine Hinweise zur Umsetzung

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Vorbereitung

So ist in den letzten 20 Jahren auch immer wieder engagiert diskutiert worden über den angemessenen Umgang mit den überkommenen Gedenktafeln. Ende der 1990er-Jahre debattierten wir eingehend in Arbeitsgruppen und Gremien über eine Umgestaltung des dreiteiligen martialischen Ensembles. In einem ersten Schritt wurden der Opfer-Altar sowie die massive Kanzel aus der Nazi-Zeit aus dem Kirchenraum entfernt. In Kooperation mit der Hochschule für Künste schrieben wir einen Wettbewerb aus. Schließlich fertigte die Künstlerin und Architektin Urte Brandes ein neues Altarensemble, das aus einem Altartisch, Redepult sowie Taufbecken besteht.

Auch über eine Umgestaltung der Kriegs-Gedenktafeln war in jenen Jahren intensiv diskutiert worden. Die Mehrheit hatte auch bereits damals gemeint: Künftig wollen wir aller Opfer von Krieg, Rassismus und Gewalt gedenken - gleich welcher Nationalität, welchen Geschlechts, welcher Religion oder Hautfarbe jemand sei. So hätte eigentlich schon vor 15 Jahren ein künstlerisch gestalteter Kommentar angebracht werden sollen, der das Gedenken über die genannten Soldaten hinaus erweitert hätte.

Im Verlaufe der Debatte jedoch hatte sich eine Minderheit aus zumeist älteren Gemeindemitgliedern sehr herausgefordert gefühlt. Offenbar empfanden sie es als verletzend, wenn ein Zusatz angebracht würde, der auch andere Kriegsopfer erwähnt. Manche sprachen Jüngeren aus der Gemeinde das Recht ab, sich überhaupt zum Thema zu äußern, hätten sie doch selber nie Krieg erlebt. Die überschäumende Emotionalisierung ließ es uns ratsam erscheinen, vorerst Abstand von diesem Projekt zu nehmen. Nicht immer ist es klug, Mehrheitsentscheidungen durchzusetzen. Stattdessen schien es uns sinnvoller, die Debatte für eine Weile ruhen zu lassen, um später erneut eine Chance für Argumente zu suchen. So lässt sich aus den Debatten vom Ende der 1990er-Jahre folgendes Fazit ziehen: Wir sind zwei Schritte voran gegangen und haben einen vorerst nicht getan

Durchführung

Regelmäßig sind Krieg und Frieden Thema in Gottesdiensten.

Gerade hat das Parlament unserer Gemeinde, der Konvent, eine 15-köpfige Arbeitsgruppe berufen. Dazu gehören Künstlerinnen und Architekten ebenso wie Konvents-Mitglieder aller Altersgruppen. Sie sollen Modelle für eine Umgestaltung der vorhandenen Gedenktafeln entwickeln.

Eine inhaltliche Erweiterung ist das Ziel: Künftig wollen wir aller Opfer von Krieg, Rassismus und Gewalt gedenken.

Nachbereitung & weitere Umsetzung (Einbettung)

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Wirkung / Erfahrung

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Aufgegriffen und weiterentwickelt

    Umfeld des Beitrags

    • Gedenkstätte NS-Zwangsarbeiterlager in Neukölln
      Gedenken und Erinnern an Ereignisse wie den 9. November oder die Befreiung von Auschwitz.
      Dieser Artikel ist für alle Internetnutzer sichtbar.
      von einem Geistreich-Mitglied

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