"Was uns trägt" - Fünf Predigten für die Stadt - Politikerkanzel

Author
a geistreich member
Created at: 2014-10-09
Last major update at: 2014-10-09
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Predigtwerkstatt
Institutions
Dekanat Wiesbaden in Wiesbaden
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: no information
Votes
one vote
Comments to the document
Dr. Irmgard Schwätzer

Abstract

In einer Reihe von fünf Predigten legen Politiker/innen die Perikope von der Speisung der Fünftausend aus. Die erste Kanzelrede hielt die Präses der Synode der EKD, Dr. Irmgard Schwaetzer.

Situation / context

Die Reihe steht im Kontext des Themenjahres "Reformation und Politik" der Reformationsdekade (2013/2014).  

Flyer Cover. Quelle: Dr. Töpelmann

Goals

Die Reihe soll der oft zu hörenden Meinung widersprechen, Politik habe auf der Kanzel nicht zu suchen.

Reflection / background

---

General information on realization

---

Preparation

---

Realization

Die erste Kanzelrede in der Reihe hielt die Präses der Synode der EKD, Dr. Irmgard Schwaetzer. Ihre Rede finden Sie im Folgenden:

   

"Liebe Gemeinde,

 

von der  Speisung der 5000 wird in allen Evangelien berichtet – eine zentrale Geschichte des Neuen Testamentes also. Gleich zu Beginn der Geschichte herrscht ein großes Spannungsverhältnis. Zwischen den Menschen, die eingeladen werden sich zu setzen, den Jüngern, und Jesus. Die Menschen bleiben wahrscheinlich in der sicheren Erwartung, dass sie neben einer Rede Jesu auch etwas zu essen bekommen. Die Jünger sehen, dass  das Vorhandene niemals reichen wird. Und Jesus, fordert durch sein Verhalten dazu auf, allein Gott zu vertrauen. Die Speisung der 5000 erinnert mich immer an meinen Konfirmationsspruch: 'sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kommen (Phil.4,6)'.

 

Ich war jahrzehntelang Politikerin von Beruf, ich bin in der evangelischen Kirche und in ein ehrenamtliches Leitungsamt meiner Kirche gewählt. Und Sie haben mich eingeladen auf die Politikerkanzel. Damit erwarten Sie zu Recht Auskunft darüber, was mich in meinem Leben getragen und getrieben hat. Denn wer in einem öffentlichen Amt ist, muss auch öffentlich Rechenschaft ablegen. Das will ich gern tun. Mit dieser Kanzelrede sollen Sie aber auch unmittelbar Anschluss an die Synodenarbeit erhalten, denn der Beschluss der jüngsten Synode in Düsseldorf zum Schwerpunktthema  trägt den Titel: 'Es ist genug für alle da.' Ein Vers aus der Erzählung der Brotvermehrung bei Johannes. Nun bezieht sich diese Reihe ja auf den Text der Speisung der 5000 aus dem Matthäusevangelium. In dem kommt der so spannende Passus des 'Es ist genug für alle da' aber in einer etwas anderen Form vor: Matthäus schreibt '..und sie wurden satt'. Johannes setzt in seinem Text einen anderen Akzent.

Ich lese den Text, den Sie auch in ihrem Programm finden, nach der Kirchentagsübersetzung aus dem Jahr 2013:

 

'Danach fuhr Jesus an das andere Ufer des Galiläischen Meeres, des Sees von Tiberias. Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen gesehen hatte, die Jesus an den Notleidenden tat.

Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngerinnen und Jüngern. Pessach, das jüdische Fest, war nahe.

Als Jesus aufblickte und eine so große Menschenmenge auf sich zukommen sah, sagte er zu Philippus: Wovon sollen wir Brot kaufen, damit sie alle zu essen haben?

Das fragte er, um ihn herauszufordern, denn er wusste schon, was er tun würde.

Philippus antwortete: Selbst Brot für 200 Dinare reicht nicht aus, damit alle auch nur ein kleines Stück bekommen.

Andreas, ein Jünger Jesu, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm: Hier ist ein Kind, das fünf Gerstenbrote und zwei Fische zu verkaufen hat, aber was ist das schon für so viele. Jesus sagte: Sorg dafür, dass die Menschen sich niederlassen.

Dort war eine große Weidefläche. Sie setzten sich hin, etwa 5000. Jesus nahm die Brote, sprach das Dankgebet und verteilte sie an alle, die dort zusammen saßen, so viel sie wollten. Ebenso machte er es mit den Fischen.

Als sie satt waren, sagte er zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke ein, damit nichts verloren geht.

Sie sammelten. Mit den Stücken, die nach dem Essen von den fünf Gerstenbroten übrig geblieben waren, füllten sie zwölf Körbe.

(Da sahen die Menschen das Zeichen, das er getan hatte und sagten: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommt.

Als Jesus erkannte, dass sie kommen und ihn mit Gewalt zum König machen wollten, zog er sich wieder auf den Berg zurück. Allein.)'

 

Hier berichte ich kurz von der EKD-Synode in Düsseldorf 2013 mit dem Schwerpunktthema ,Es ist genug für alle da#. Wir haben auf der Synode in Düsseldorf gemerkt, dass es nicht unwesentlich darauf ankommt, welches Satzzeichen hinter der Aussage steht. Ein Punkt, ein Fragezeichen? Sicher doch ein Ausrufezeichen! Auf der Synode haben wir lernen müssen, dass das heute theoretisch vielleicht noch gerade ebenso stimmen mag. Dass noch Genug da ist, dieses Genug aber extrem ungerecht verteilt ist. Und dass es beileibe nicht sicher ist, ob auch in Zukunft für alle genug da ist.

Ungerechte Verteilung, liebe Gemeinde, ist nicht nur ein Problem von Arm und Reich, es ist vor allem ein Problem des Zugangs zu Nahrungsmitteln, der durch Kriege, Krisen und Katastrophen versperrt ist. Dass wir also alle Kraft darauf verwenden müssen diese Ursachen des Hungers zu beseitigen. Syrien, Irak, Nigeria, Liberia und Erithrea – sie sind unser Problem. Nicht nur weil Flüchtlinge zu uns kommen, für die wir eine Willkommenskultur brauchen. Sondern weil wir dem Skandal von derzeit mehr als 800 Millionen Hungernden auf der Welt nicht tatenlos zusehen können. Nachhaltige Landwirtschaft bei uns, jede Kleinbäuerin und jeder Kleinbauer in Südamerika, Afrika und Asien, aber auch eine auf Nachhaltigkeit fokussierte Agrarindustrie – wir werden alle Maßnahmen brauchen, um den Hunger auf der Welt zu überwinden. Dies ist das Fazit der Synode.

Zu groß ist die Gefahr angesichts dieses Problembergs in Resignation zu verfallen, dem Gefühl der Ohnmacht Raum zu geben. Aber die Geschichte der Brotvermehrung verwehrt uns diesen Ausgang ins Nichtstun.

Das Wunder der Brotvermehrung, von dem Johannes erzählt, steht in einer Tradition aussagekräftiger Bilder, die Sie alle kennen. Im Kontext der Manna-Erzählung zum Beispiel. Das Volk Israel wandert durch die Wüste nach dem Auszug aus Ägypten – ohne Nahrung. Auf ihre Bitte hin lässt Gott Manna regnen „so viel sie brauchen“. Die Menschen, die Jesus zuhören, kennen diese Geschichte natürlich. Sie ist Teil ihres Selbstverständnisses. Und auch zeitlich im Fokus, denn das Passahfest steht kurz bevor. Der Feier der Befreiung aus der Knechtschaft, ein Wunder  gegen jede Wahrscheinlichkeit, ohne jedes Zutun, weit über Bitten und Verstehen. In der Wüste sammelt jeder ein und bekommt, was er braucht. Die Israeliten vertrauen darauf, dass Gott sie nicht verlässt. Und Gott gibt ihnen Nahrung 'so viel sie brauchen'. In diesem Vertrauen beten wir 'Unser täglich Brot gib uns heute'.

Johannes führt die  Zusage Gottes aus der Geschichte der Speisung in der Wüste weiter: 'Jesus nahm die Brote, sprach das Dankgebet und verteilte sie an alle so viel sie wollten.' Manna, das war die Erfahrung des Gottesvolkes, dass Gott sein Volk ernährt. Gegen jede Wahrscheinlichkeit. Brot fällt als Geschenk vom Himmel. Ein überlebenswichtiges Geschenk das jeder braucht. Und von dem er bekommt, so viel er braucht. Alle wurden satt in der Manna-Geschichte. Alle bekommen genug, aber nicht mehr. Dem umherziehenden Volk Israel sichert dieses Brotwunder das Überleben. Denn alles überzählig gesammelte Brot verdirbt.

Bei Johannes gibt es etwas anderes zu lernen. Das wenige reicht scheinbar ohnehin nicht für so viele. Aber obwohl jeder nimmt, soviel er will, werden alle satt. Das ist das Wunder, hier sind wir am Kern der Geschichte. Nicht „so viel jeder braucht“ gesteht Gott jedem zu, sondern: Jedem, soviel er will. Und der Überfluss wird noch unterstrichen durch die Körbe voller übriggebliebener Brotstücken, die eingesammelt werden, damit nichts verdirbt. 'So viel du willst'. Ist das nicht unethisch? Das klingt nach Maßlosigkeit und Beliebigkeit, und öffnet der Gier alle Türen. 'So viel du willst“ – soll das etwa eine Botschaft sein für Kirche und für Politik? Liebe Gemeinde, „So viel du willst' , für mich ist dieser Vers zentral für das Verständnis, wie ein Christenmensch sich im Spannungsfeld von 'Reformation.Macht.Politik' bewegt. Darin liegt die 'Ethik des Genug', der Entscheidung, es 'sich Genüge sein zu lassen." Sie liegt vielen Entscheidungen unserer Parlamente zugrunde, die immer wieder neu abwägen, was gerecht ist und immer wieder neu Verteilungsschlüssel diskutieren.

Die Geschichte der Speisung der 5000 gehört zu Erntedank. Sie haben dieses Fest hier in der Bergkirche am letzten Sonntag gefeiert. Erntedank – ein Fest des Überflusses? Für viele von uns sicher in materieller und spiritueller Hinsicht. Für andere auch in Deutschland kein Fest: Hartz IV- Empfänger kommen oft gerade so hin. Wie viele würden gern arbeiten, aber die Ausbildung hat nicht gereicht oder es sind einfach keine passenden Arbeitsplätze in der Region vorhanden. Kinderarmut ist in Deutschland verbreitet, auch dann, wenn ich nicht den Berechnungsmodus der Bundesregierung zugrunde lege.

Die Ethik des Genug ist der Anfang einer Kultur des Teilens in materieller und spiritueller Hinsicht. Und zwar über das hinaus, was wir zwangsweise mit Steuern und Abgaben heute schon leisten. Ist heute nicht vielleicht das Teilen unserer Zeit noch wertvoller? Das Neue Testament ist voll von Geschichten und Gleichnissen, die das Gebot des Teilens als Kern christlicher Ethik ausführen. Johannes geht einen Schritt darüber hinaus: es ist unsere Entscheidung – nicht nur die der Politik - zu definieren, wie viel genug ist für mich, damit wir im Teilen die Zusage Gottes wahr machen: es ist genug für alle da.

Genug für alle da – wir sind zurück im Johannesevangelium, das über das Wunder der Brotvermehrung berichtet.

'Sie nahmen, so viel sie wollten.' In der Gegenwart Jesu verändert sich dieses Wollen. Dort, wo wir als Kirche unserem Auftrag gerecht zu werden versuchen, die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk – wie es die 5. These der Barmer theologischen Erklärung formuliert, da steht uns diese Ethik des Genug quer im Weg. Es ist wie ein Hymnus, den wir in der Gegenwart Gottes anstimmen, und der uns auf dem Weg tätiger Nachfolge von innen heraus verändert. Unseren Blickwinkel weitet und neue Perspektiven schenkt. Und uns fragen lässt, was wir wirklich zum Leben in der Nachfolge Jesu brauchen. Erst so werden wir befreit zum rechten und dann umso notwendigeren Tun.

Die Reformatoren haben auf die Frage, was trägt, mancherlei höchst lesenswerte Antwort gefunden. Für mich fasst sich die Botschaft des Johannes aus der Geschichte von der Brotvermehrung zusammen in der Antwort auf die Frage 1 des Heidelberger Katechismus, was im Leben und Sterben wirklich trägt. Nicht was ich habe, und nicht was ich tue, und nicht wer ich bin und was ich erreiche trägt. Sondern, 'Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.'

Das wünsche ich uns, dass wir uns dieser Beziehung vergewissern. Dann macht Reformation Politik.

Dazu gebe uns der allmächtige Gott die Kraft."

 

Wrap up & follow-up actions

In der Predigtreihe werden im Oktober und November noch vier Gottesdienste in den Innenstadtkirchen Wiesbadens angeboten (jeweils 10.00 Uhr bzw. 18 Uhr):

  • Mit dem hessischen Landtagsabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden der SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel (12.10.2014 Lutherkirche),
  • mit Wiesbadens Bürgermeister und Sozialdezernent Arno Goßmann (19.10. Ringkirche),
  • dem Generalsekretär und Bundestagsabgeordneten der CDU, Dr. Peter Tauber (26.10. Marktkirche) und
  • mit der Fraktionsvorsitzenden Bündnis 90 / Die Grünen im Deutschen Bundestag, Katrin Göring-Eckardt (2.11., 18.00 Uhr, Oranier-Gedächtnis-Kirche - Jugendkirche Biebrich).

Effect / experience

---

Adopted and refined

    Connected content

    geistreich video

    Hide Video