Gottes Segen zum Neuen Jahr

Author
2 Geistreich-members
Created at: 2014-11-25
Last major update at: 2014-11-25
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Mitgliederbindung, Jahreswechsel und Epiphanias, Gemeinwesen
Institutions
Ev. Kirchengemeinden Greifenstein und Edingen in Greifenstein
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: no information
Votes
one vote
Comments to the document

Abstract

Zum Beginn des neuen Jahres  kommt eine Gemeinde zu einem Gottesdienst in moderner Form und einem Empfang mit den Vereinen und den kommunalen Vertretern zusammen.

Situation / context

Als wir neu in unsere Pfarrstelle in zwei kleinen Dörfern mit zwei pfarramtlich miteinander verbundenen Kirchengemeinden (600 bzw. 900 Einwohner, 480 bzw. 800 Kirchenmitglieder) im hessischen Westerwald kamen, fragten wir uns: Was kann unsere Kirchengemeinde für das Dorf tun? Wie können wir zugleich deutlich machen, dass die Kirchengemeinde nicht nur ein Verein neben anderen ist, der hauptsächlich für seine aktiven und passiven Mitglieder von Interesse ist? Wie können wir unsere Wertschätzung und Anteilnahme am Dorfgeschehen und am Engagement der Menschen auch jenseits der Kirchengemeinde zum Ausdruck bringen?

Goals

Wir wollten dabei in zwei Richtungen Akzente setzen. Ins Dorf hinein wollten wir signalisieren: Wir mögen und achten euch, auch wenn ihr nicht regelmäßig an unseren „Vereinsveranstaltungen“ teilnehmt. Es ist gut, dass es die Vielfalt im Dorf gibt, dass Jugendliche nicht nur in der Jugendgruppe, sondern auch in der Jugendfeuerwehr mitmachen, dass sich der Nabu um die ortsnahe Umwelt kümmert, der Fußballverein ein Turnier für Hobbymannschaften aus dem ganzen Dorf ausrichtet und die Jungs auf dem Bauernhof an alten Traktoren herumschrauben. Das muss nicht vereinnahmt werden. Das ist keine Konkurrenz, sondern Bereicherung. Wir sind für euch da, auch wenn euer Weg ein anderer ist als unserer. Und in die Gemeinde hinein sollte klar werden: Gott hat bereits eine Geschichte mit jedem und jeder hier im Dorf. Wir können lernen, sie zu entdecken und Menschen dabei helfen, sie wahrzunehmen. Gemeindezugehörigkeit und Teilhabe am Reich Gottes mitten unter uns hat viele Facetten, nicht nur den der Kerngemeinde, die sich mit Haut und Haar einbringt.

Reflection / background

Zugleich nahmen wir wahr, dass es im Dorf zwar ein reges Vereinsleben gibt, aber die Kommunikation untereinander, das Dach darüber fehlt. Dass hier die Kirchengemeinde die einladende und zusammenführende Kraft ist, wurde von allen Seiten als selbstverständlich angenommen, möglicherweise noch ein Zeichen für einen Rest volkskirchlicher Wirklichkeit in einem hessischen Dorf. Ein Neujahrsempfang schien uns deshalb eine gute Antwort auf diese Fragen und Überlegungen zu sein. Er bietet die Gelegenheit, das Engagement von Menschen und Vereinen zu würdigen und in ritualisierter und doch zwangloser Form eine Begegnungsplattform zu schaffen. Es ist klar, worum es geht. Die Schwelle zur Teilnahme ist niedrig und Austausch ohne Erwartungsdruck ist möglich. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass für unser Dorf und unsere Gemeinde dieses Angebot „passt“. Es erreicht die Menschen im Dorf, sowohl die Repräsentanten der Vereine und der Ortspolitik, als auch den Kern der Aktiven in der Kirchengemeinde, die ihre gastfreundliche Seite entdeckt haben und gerne in den Dienst des Dorfes stellen. Wir freuen uns jedes Jahr über ca. 120 – 150 Teilnehmende.

General information on realization

---

Preparation

Die Vereine werden angeschrieben und eingeladen: Fast jeder Verein kommt mit einigen Vertretern. Der Bürgermeister der Großgemeinde lässt sich den Termin ebenfalls nicht nehmen, und der Ortsbeirat wird im Vorfeld einbezogen, wenn es darum geht, möglicherweise im kommenden Jahr das auf die Agenda zu setzen, was für alle von Belang ist. Dabei wurde im Laufe der Jahre immer deutlicher, dass die Herausforderungen im Dorf nur gemeinsam gelöst werden können. Es gilt, jenseits der alten vereinsmäßigen Strukturen eine Ehrenamtskultur zu schaffen, die den Dienst an der Gemeinschaft für die Gegenwart neu durchbuchstabiert: Wenn in nächster Zeit der kleine Supermarkt im Dorf schließt, das Dorf nicht vom öffentlichen Nahverkehr abgehängt werden soll, oder zunehmend alte Bewohnerinnen und Bewohner im Dorf ohne Auto und Großfamilie in unmittelbarer Nähe schlichte Nachbarschaftshilfe brauchen, die nicht mehr selbstverständlich funktioniert, sondern aktiv gestaltet und organisiert werden muss. Wer zusammensitzt und signalisiert, dass ihm oder ihr der Ort am Herzen liegt, kommt schnell auf kreative Ideen, die andernorts auch schon funktionieren.

Realization

Bei den Neujahrsempfängen hat sich eine kleine „Tagesliturgie“ herausgebildet. Am Beginn steht ein Gottesdienst zur Jahreslosung mit viel „publikumsorientierter“ Musik und kurzer „knackiger“ Predigt. Im Gottesdienst hat sich ein Interview mit einem Menschen aus dem Ort bewährt. Es finden sich immer wieder Menschen zum Gespräch bereit, die eine Geschichte zu erzählen haben, auf besondere Weise für andere da sind, die im Dorf wichtig waren oder sind (ohne dass das augenfällig sein muss) und nicht aus dem „internen Dunstkreis“ der Gemeinde kommen. Dabei steht nicht der Appellcharakter im Vordergrund: „ein lobenswertes Beispiel selbstlosen Engagements!“, sondern die Geschichte, die jemand zu erzählen hat und den Ort aus seinem oder ihrem Blickwinkel neu sehen lässt. Anschließend sind alle zu einem Sektempfang mit Fingerfood eingeladen. Die Ortsvereine werden begrüßt und gewürdigt, der Bürgermeister bekommt Gelegenheit zu einem kurzen (!) Grußwort. Der Empfang bietet den geeigneten Rahmen für einen Rückblick auf das letzte Jahr in Dorf und Gemeinde und einen Ausblick auf das, was im nächsten Jahr ansteht oder worauf man sich freuen darf (und ist neben der klassischen Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde eine wunderbare Möglichkeit zur Werbung). Wichtig ist dabei: nicht zu viel Programm. Das Entscheidende ist nicht die transportierte Information, sondern der formlose Austausch und die ungeplante Begegnung. Deshalb ist anschließend viel Zeit für Gespräche und Begegnungen, die auch im Dorf immer seltener alltäglich-zufällig stattfinden.

Wrap up & follow-up actions

---

Effect / experience

Unsere Erfahrung aus sechs Jahren Neujahrsempfang sind vor allem klimatischer Natur. Der Graben zwischen der Gemeinde (vormals angesehen als die „frommen Besserwisser“) und dem Dorf (vormals betrachtet als die „ignoranten Heiden“) ist deutlich kleiner geworden. Es handelt sich um eine vertrauensbildende Maßnahme, die atmosphärische Veränderungen bewirkt. Sie schlägt sich nicht unbedingt direkt in Gottesdienstbesucherzahlen an „normalen Sonntagen“ nieder, aber in einer Bereitschaft zu gelegentlicher Mitwirkung in der Gestaltung des gottesdienstlichen Lebens. Der weltliche Männergesangsverein singt einmal im Jahr im Gottesdienst, die Feuerwehr stellt wie selbstverständlich ihr Equipment zur Verfügung und fragt zum Jubiläum natürlich nach einer gottesdienstlichen Begleitung, der Nabu hat im Kirchturm ein Falkenpärchen, das er betreut. Der Reiterhof richtet alle zwei Jahre ein großes Fest für das ganze Dorf aus, und natürlich stellt die Gemeinde und der CVJM dabei eine Mannschaft bei der Landwirtschafts-Rallye. Der Gottesdienst findet bei der Gelegenheit nicht in der Kirche, sondern in der vollen Reithalle statt.

Eine Auswirkung ist sogar, dass sich zur Erhaltung der Pfarrstelle ein Kreis von Unterstützern gebildet hat, der langfristig bereit ist, 25 Prozent der Personalkosten der Stelle durch Spenden zu tragen. Dabei helfen überraschenderweise viele „Fernstehende“ mit. Der Titel des Fundraisingprojekts spiegelt dementsprechend auch das Anliegen Vieler wider: „Die Kirche im Dorf lassen.“ Vor allem aber freut uns, dass Vertrauen und Respekt wachsen: Die Kirchengemeinde ist zu einer wichtigen und geschätzten Ansprechpartnerin auch für Belange des Dorfes geworden.

Adopted and refined

    Connected content

    geistreich video

    Hide Video