Bibel-Marathon - Die Bibel lesen nonstop von A-Z

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a geistreich member
Created at: 2015-05-12
Last major update at: 2015-05-12
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Bibelprojekte
Institutions
Evang.-luth. Kirchengemeinde Wendelstein in Wendelstein
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: 164 Stunden
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Abstract

Menschen aus der Gemeinde lesen in der Karwoche die gesamte Bibel vor.

Situation / context

Im Jahr 2009 feierte die Gemeinde Wendelstein südlich von Nürnberg ihr 750-jähriges Jubiläum. Dieses Jubiläum wollte die Marktgemeinde gebührend begehen und lud alle Vereine und Kirchengemeinden dazu ein, sich ideenreich am Jubiläumsjahr zu beteiligen. Da die evangelische St. Georgskirche das älteste Bauwerk am Ort ist, kam ihr bei den Feierlichkeiten auch eine besondere Bedeutung zu. Neben einem ökumenischen Eröffnungsgottesdienst als Auftakt des Festaktes, wollte die evangelische Kirchengemeinde auch etwas Besonderes beitragen. Die Frage war: Was zeichnet uns als Evangelische vor Ort besonders aus? Neben unserem historischen Kirchengebäude ist es der Bezug zum Wort Gottes. Die biblische Botschaft sollte in ganz besonderer Weise im Jubiläumsjahr erklingen.

Goals

Die Bibel wird präsent im öffentlichen Leben. Bibeltexte werden (neu) entdeckt. Gemeinde ist gemeinsam aktiv, man reicht sich gegenseitig den Staffelstab weiter.

Reflection / background

Die evangelische Kirchengemeinde Wendelstein hat rund 4800 Gemeindeglieder und auf der Liste der ehrenamtlich Mitarbeitenden finden sich ca. 200 Namen. Trotzdem war es für uns schwer vorhersehbar, mit welcher Beteiligung zu rechnen wäre.

General information on realization

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Preparation

Die Idee zu einem Bibel-Marathon entstand auf einem Konfirmandenausflug, an dem der Anschlussbus verpasst wurde. Die damit zwangsläufig geschenkte Pause von einer Stunde führte bei den Mitarbeitenden zum Gespräch über das Jubiläumsjahr. Irgendwann stand der Gedanke im Raum, man solle doch einfach mal die ganze Bibel durchlesen. Das gab es in Wendelstein noch nie. Die Begeisterung über diese Projektidee spornte zu weiterem Nachdenken an. Klar war gleich: Es sollte laut gelesen werden und natürlich auch nachts, also rund um die Uhr. Mitten in der Nacht in der gotischen Kirche die Bibel zu lesen, war ein reizvoller Gedanke. Die Idee unseres Bibel-Marathons war geboren.

Eine Idee macht noch kein Projekt. In einem kleinen Team stellten wir uns die Aufgabe: Wie könnte eine konkrete Umsetzung aussehen? Dazu musste als Erstes geklärt werden, wie lange es eigentlich dauert, die ganze Bibel durchzulesen. Im Internet erfährt man, dass ein Hörbuch mit der ganzen Bibel 105 Stunden benötigt. Damit würde der Bibel-Marathon also knapp viereinhalb Tage dauern.

Freilich wird der eine schneller und die andere langsamer lesen. Liest man einfach so weit, wie man kommt, so wäre das Ende des Marathons nicht genau abzusehen. Wie soll die Übergabe von einem zur anderen geschehen? Möchte nicht die eine oder der andere vorherwissen, welcher Abschnitt zu lesen ist? Aus praktischen Erwägungen haben wir uns schnell entschlossen, dass so ein Projekt nur dann funktioniert, wenn klar ist, wer welchen Abschnitt zu welcher Zeit zu lesen hat. Damit ergab sich eine einfaches Rechenexempel: Verteilt man die 105 Lesestunden auf fünf Wochentage á 24 Stunden (entspricht 118 Stunden), ergibt sich eine reine Lesezeit pro Zeitstunde von 53 Minuten. Dann hätte jeder Leser und jede Leserin sieben Minuten Spielraum für Pausen oder langsameres Lesen. Verteilt man die 105 Lesestunden auf sieben Wochentage (entspricht 168 Stunden) erhält man pro Zeitstunde 38 Leseminuten. Damit entstünden zwar lange Pausen, aber auch viel Freiraum, damit das Wort wirken kann. Die Pausen könnten im einen wie im anderen Fall mit Musik gefüllt werden. Wir entschieden uns schließlich für das 7-Tage-Modell, um die Lesenden nicht unter Zeitdruck zu stellen.

Da die Karwoche sowieso eine besondere geistliche Dimension besitzt, boten sich diese Tage an. Palmsonntag als Start- und Ostersonntag als Zielpunkt schienen uns sehr passend. Das bedeutete freilich, dass wir über 160 Stunden mit Lesenden besetzen mussten. Außerdem sollte immer mindestens eine Person zuhören.

Wir fragten etliche ehrenamtlich Mitarbeitende, ob sie sich vorstellen könnten, bei einem Bibel-Marathon zu lesen. Die allermeisten erklärten sich dazu bereit. Das ermutigte uns, den Bibel-Marathon im Kirchenvorstand vorzustellen. Neben begeisterter Zustimmung gab es auch Zurückhaltung. Ist das überhaupt zu schaffen? Und wer soll denn da zuhören? Letztlich überwog die Zustimmung die Skepsis. Das Projekt Bibel-Marathon wurde in die Programmplanung für das Wendelsteiner Jubiläumsjahr aufgenommen. Jetzt gab es kein Zurück

Die Vorbereitungsphase war erstaunlich wenig aufwendig. Das Wichtigste war die Tabelle, in der sich Lesende und Zuhörende jeweils stundenweise eintragen sollten. Beginn sollte nach dem Palmsonntagsgottesdienst um 10 Uhr sein, Ende vor dem Ostergottesdienst um 9 Uhr. Für die Gottesdienste am Gründonnerstag und Karfreitag wurde der Bibel-Marathon unterbrochen. Jetzt musste der Bibeltext ohne die Apokryphen auf die verbleibenden 164 Stunden aufgeteilt werden. Mathematisch war das leicht: Es wurden einfach die Seiten der Lutherbibel durch 164 geteilt. Aufwendiger war, diese Abschnitte von etwa sieben Seiten in die Angaben der Bibelstellen umzuwandeln. Jeder Leser bzw. jede Leserin sollte aus der Tabelle ja einen klar definierten Bibelabschnitt ersehen und Pausen einplanen können.

Wichtig war die Werbung. Ein Plakat wurde entworfen. Der Bibel-Marathon wurde in das offizielle Programm des Jubiläumsjahres aufgenommen. Im Gemeindebrief erschien ein Artikel mit der Bitte, sich als Leserin oder Leser oder auch als Zuhörerin oder Zuhörer in die Liste einzutragen. Wir fragten die „Prominenten“ vor Ort, den Bürgermeister, die Gemeinderäte und den katholischen Pfarrer, ob sie sich beim Lesen beteiligen würden. Gerne nahmen sie daran teil. Trotzdem füllte sich am Anfang die Liste viel schleppender als erwartet. Es wuchs die Sorge, ob wir uns nicht übernommen hatten.

Erfolgreich war, den Bibel-Marathon in den Gruppen und Kreisen vorzustellen. Viele waren gerne zum Lesen bereit. Nach einem Artikel in der Zeitung meldeten sich etliche weitere Personen. Es war überraschend, wer sich alles für dieses Projekt begeistern ließ und mitmachte. Die frühen Nachtstunden zwischen 22.00 und 1.00 Uhr waren besonders begehrt. Am schwersten ließen sich die Vormittagsstunden füllen. Schüler und Konfirmanden haben einige dieser Stunden belegt. Im Vorfeld bekamen alle Lesenden eine Terminübersicht und ein Informationsblatt zugestellt. (s. Sammelmappe unten)





Realization

Am Palmsonntag nach dem Gottesdienst startete der Bibel-Marathon. Traditionell findet an diesem Sonntag die Jubelkonfirmation in Wendelstein statt. Beides miteinander wie vorgehabt zu verbinden, hat letztlich nicht geklappt. Zum Auftakt ist die Planung eines eigenen Gottesdienstes sinnvoll.

In der Kirche wurde ein Tisch mit einem Kerzenleuchter aufgestellt. Mehrere Bibelausgaben lagen aus. Die Lesenden konnten sich aussuchen, aus welcher Ausgabe sie lesen wollten. Es standen Getränke und Gläser für sie bereit. Eine helle Lampe sorgte für genügend Licht und das Lesen wurde über die Lautsprecheranlage übertragen. Das war für die Verständlichkeit in der Kirche gut und gab dem Vorlesen einen offiziellen Charakter. Ein CD-Spieler und eine Komplettausgabe der Bachkantaten waren vorbereitet, um die Pausen zu füllen. Für Lesende sowie für die Zuhörenden lagen zwei leere Bücher aus, in denen Gedanken und Eindrücke festgehalten werden konnten.

Die Bibellesewoche hatte einen tief spirituellen Charakter. Alle Lesenden nahmen ihre Aufgabe sehr ernst und erlebten die besondere Kraft des Bibelwortes. Keine einzige Stunde fiel aus. Meist, auch in den Nachtstunden waren ein bis zehn Zuhörende anwesend. Das Bibelwort schlicht vorgelesen zu bekommen, war eine ganz besondere Erfahrung. Die Wirkung des Raumes der alten gotischen Kirche tat ihr Übriges. Es begegneten sich das biblische Wort, die Menschen und der besondere Raum der St. Georgskirche. Diese Begegnung war es, die diese Woche getragen hat. In den Tagebüchern hielten Lesende und Zuhörende ihre Eindrücke fest.

97 Personen lasen schließlich aus ganz verschiedenen Bibelübersetzungen vor. Zwischen 9 und 90 Jahren waren sie alt, katholische, methodistische, lutherische und reformierte Christen, Personen aus Politik und Ökumene, und jeder und jede trug den Text in ganz eigener, unverwechselbarer Weise vor.

Wrap up & follow-up actions

Über die Erfahrungen dieser Woche wurde in der Gemeinde das ganze Jahr über gesprochen. Auf Grund der vielen positiven Rückmeldungen wurde schließlich ein Heft mit den anonymisierten Einträgen aus den Tagebüchern gedruckt und an die Teilnehmenden und Interessierte verteilt. Zu einem Nachtreffen wurden alle Lesenden eingeladen, etwa die Hälfte von ihnen kam. Dort wurde der Wunsch auf Wiederholung mit überwältigender Mehrheit bekundet.

Der Bibel-Marathon, der als ein besonderes Ereignis für das Jubiläumsjahr gedacht war, wurde in den Jahren 2010, 2011, 2013 und 2015 mit sehr hoher und reger Beteiligung durchgeführt. 2012 musste er wegen der Sanierung der Kirche ausfallen. Seit 2013 ist es ein ökumenisches Projekt und der Ökumeneauschuss hat einen zweijährigen Rhythmus beschlossen. Trotz der Wiederholung des Projektes ist die Leseliste für die ganze Woche unproblematisch zu füllen und es wird jedes Jahr darüber berichtet, dass das Lesen der Bibel in der großen Kirche eine besondere spirituelle Erfahrung ist.

Effect / experience

In der Woche vor dem Start stieg das Interesse so sehr an, dass sogar manchen Interessenten abgesagt werden musste. Mit Start des Bibel-Marathons am Palmsonntag waren schließlich über 95 Prozent der Lesezeit belegt. Nur Zuhörende fehlten vielfach.

Einige Gedanken aus den Tagebüchern des ersten Bibelmarathons 2009

„Ich finde es toll, dass Gottes Wort uns durch solche neuen Ideen auch wieder aufs Neue dazu bewegt, die Bibel zu lesen.“

„Heute las ich Teile meines Lebens, danke für diese Stunden, danke für die Erfahrung.“

„Seit wir im Gemeindebrief die Ankündigung des Bibel-Marathons gelesen haben, freuen wir uns auf Palmsonntag und die Karwoche. Aber das Erleben übertrifft alle Erwartungen. Wie schön und gut, den Tag mit Gottes Wort zu beginnen, wie beruhigend, den Tag mit Gottes Wort ausklingen zu lassen. Es ist tröstlich zu wissen, dass die Kirche immer offen ist, dass man hier zur Ruhe kommen kann und darf.“

„Kinder lesen aus der Bibel: herrlich, toll, Respekt! Ich sehe dabei zum Jesus, der über dem Altar am Kreuz hängt: er schmunzelt und freut sich!“

„Es ist ein bisschen wie ein langer Pilgerweg: Man weiß, was man lesen soll, aber in der Situation ist es doch ganz ‚eigen‘.“

„So viele Reden, Sätze und Geschichten von Gewalt und Tod. Und doch: Sehen wir mal in unsere Zeitungen, schauen wir mal ins Fernsehen! Es ist heute nicht weniger! Leider. Herr hilf!“

„Es ist gemütlich wie im Wohnzimmer, und doch so Ehrfurcht gebietend. Und doch scheint durch alles Gelesene Gottes Liebe, so stark wie selten zuvor …“

„Es war für mich eine schöne Erfahrung, Tochter und Frau aus dem Alten Testament lesen zu hören: in einer ruhigen, zunächst dunklen Kirche; die aufgehende Sonne, die den Altarraum beleuchtet; an einem Ort, dessen Umgebung langsam erwacht.“

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