Gaben und Aufgaben demenzsensibler Kirchengemeinden

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a geistreich member
Created at: 2015-07-13
Last major update at: 2015-07-13
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Seelsorge
Institutions
Demenzsensibel in Kirche & Kommune in Köln
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Abstract

In dem Projekt "Dabei und mittendrin" - Gaben und Aufgaben demenzsensibler Kirchengemeinden' werden Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen gezielt zur aktiven Teilhabe am alltäglichen Gemeindeleben ermutigt. Und Kirchengemeinden in der Öffnung ihrer Angebote für Menschen mit und ohne Demenz unterstützt.

Situation / context

Menschen mit Demenz sind Kirche - nicht wegen, nicht trotz, sondern mit ihrer Demenz. Ca. 1,5 Mio Menschen sind derzeit in Deutschland an einer Demenz erkrankt. Die Alterstruktur der meisten Kirchengemeinden ist hierzulande der Gesellschaft um bis zu 30 Jahre vorraus. Die gesellschaftliche Zukunft ist kirchliche Realität!

Umsomehr mag verwundern, dass die betroffenen Menschen bislang meist  selten im alltäglichen Gemeindeleben präsent sind. Häufig ziehen sie sich aus Scham über abnehmende Kräfte und die besondere Belastung dieser Lebenslage zurück. Oder werden (nichtbewusst) ausgegrenzt. Den meisten kirchlichen Mitarbeitern ist dabei nicht bewusst, dass nur ca. 30% der betroffenen Menschen in stationären Einrichtungen leben. Und 70% zu Hause versorgt werden  - im direkt Lebens- und Wohnumfeld ihrer Kirchengemeinde.

Goals

Der Gefahr, dass Gemeindeglieder mit einer Demenzerkrankung und/ oder deren Angehörige aus einer lebendigen Mitte zunehmend an den Rand des kirchlichen Lebens geraten, wird offensiv entgegengewirkt. In demenzsensiblen Kirchengemeinden unterstützen Menschen und Strukturen einen Weg, auf dem Betroffene und ihre Angehörigen soziale Teilhabe und Zuspruch erfahren und sich innerhalb des normalen Gemeindelebens gesehen und willkommen fühlen. Kirchengemeinden werden unterstützt, ihre Angebote für Menschen mit und ohne Demenz zu öffnen und Erfahrungen zu sammeln, unter welchen Bedingungen ein gemeinsames Miteinander bereichernd gelingt.

Reflection / background

Alte Menschen sind wachsender und wesentlicher Teil unserer Kirchengemeinden: Sie leben mitten in den Gemeinden, singen im Chor, engagieren sich beim Kirchencafe, gehören zu Seniorengruppen und besuchen Gottesdienste, bis sie sich mit dem fortschreitenden Auftreten einer Demenzerkrankung häufig klammheimlich aus dem Gemeindeleben zurückziehen. Damit gehen für viele Betroffene religiöse Kraftquellen und die Zugehörigkeit zu einer wohltuenden Gemeinschaft verloren. Und die Gemeinden verpassen noch zu häufig die Chance einer lebendigen Vielfalt vor Ort, aus der für alle Gemeindeglieder eine Bereicherung erfahrbar werden kann.

General information on realization

Damit das Gefühl von Scham über die abnehmenden Kräfte, zunehmenden Verlusterfahrungen und einen wachsenden Kontrollverlust nicht zu Rückzug und Isolation führen, brauchen Betroffene von Seiten der Kirchen ein klares Signal: Ein „Schön, dass Du da bist“, „Du bist uns wichtig.“, „Du gehörst dazu“ – nicht nur irgendwo am Rand, sondern dabei und mittendrin. Dieses „bedingungslose Willkommen Sein“ äußert sich sowohl in unserer Haltung, als auch in konkreten Handlungen. Zum Beispiel indem ein Artikel im Pfarrblatt auf die besondere Situation der betroffenen Menschen hinweist und das Thema angemessen in die Mitte der Gemeinde holt. Oder indem Menschen mit Demenz selbst zu Wort kommen, weil sie zusammen mit Angehörigen gezielt in Vorbereitungstreffen für Seniorennachmittage, Feste und Feiern einbezogen werden. Und wir uns darüber vertraut damit machen, mit ihnen statt über sie zu sprechen. Oder indem Gottesdienste mit sinnlichen Gestaltungselementen, vertrauten Liedern, bekannten biblischen Texten und biografisch verankerten Formeln, Formen, Riten und Routinen bewusst am Sonntagmorgen zur üblichen Gottesdienstzeit gefeiert werden.

Preparation

Mit konkret benannten Projektgemeinden werden über einen Zeitraum von zunächst 1,5 Jahren quartiersbezogene Öffnungen für und mit Menschen mit Demenz gestaltet.

Erfahrungen zeigen, dass es in diesem Sinne gerade nicht darum geht, neue exklusive und spezialisierte Angebote für Menschen mit Demenz zu schaffen oder zu initiieren. Sondern die bestehenden Veranstaltungen des alltäglichen Gemeindelebens so zu öffnen, dass diese Gemeindeglieder selbstverständlich dazugehören und als lebendiger Teil unter vielen wahrgenommen werden und willkommen sind.

Realization

In enger Kooperation zwischen dem Projektträger und den Projektpartnern in den Kirchengemeinden finden folgende Angebote in Kölner Kirchengemeinden statt:

• Informations- und Aufklärungsveranstaltungen
In kostenlosen Informations- und Aufklärungsveranstaltungen können Ängste und Vorurteile, Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit im Umgang mit demenziell erkrankten Menschen abgebaut und überwunden werden.
• Inklusive Sonntags-Gottesdienste für Menschen mit und ohne Demenz
Sonntags- Gottesdienste zur klassischen Gottesdienstzeit gehören zu den oft altvertrauten religiösen Riten & Routinen, die keinswegs allein kognitiv erfahren werden. Für viele Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen eröffnen sie neben einem biografischen Erinerungswert einen Raum  gegenwärtiger Geborgenheit und Gemeinschaft. Wir feiern am Sonntagmorgen Gottesdienst für Menschen mit ohne Demenz: elementar, aber nicht kindlich, lebensnah aber nicht trivial.
• Schulungen für Mitglieder des gemeindlichen Besuchsdienstes
Die Mitglieder der bestehenden Besuchsdienste und der Seniorenarbeit werden sensibilisiert für die besondere Situation von Geburtstags, Kranken- und Alltagsbesuchen bei Menschen mit einer Demenzerkrankung. Sie erhalten Unterstützung und Anregungen und können sich mit fachlicher Begleitung über ihre Erfahrungen und Erlebnisse austauschen. Eine schriftliche Handreichung für "Achtsame Gbeutstags- und Krankenbeusche bei Menschen mit Demenz" mit vielen hilfreichen Anregungen sichert den Transfer in die Praxis (bei Interesse bitte melden). 
• Broschüre
Menschen mit Demenz sind nicht `notwendige Aufgabe` einer Kirchengemeinde. Sie sind Kirche – nicht wegen, nicht trotz, sondern mit ihrer Demenz. In einer 64-seitigen Begleitbroschüre, die allen Kölner Kirchengemeinden zur Verfügung gestellt wird, werden Ideen, Anregungen und Hinweise für den Weg demenzsensibler Kirchengemeinden weitergegeben (bei Interesse bitte melden!)

Wrap up & follow-up actions

Oftmals sind es nicht die großen Projekte, sondern die kleinen Schritte, die eine entscheidende Wirkung im Miteinander von Menschen mit und ohne Demenz erzielen:

• Die Gemeinde benennt einen Ansprechpartner für alle Fragen rund um das Thema Demenz.
• Geistliche, GemeindesekretärInnen, KüsterInnen, KirchenmusikerInnen und EhrenamtlerInnen, die sich in der Seniorenarbeit engagieren, regen ein Fortbildungsangebot zum Thema Demenz an (je nach Zahl der MitarbeiterInnen auch für mehrere Gemeindebezirke).
• Die Gemeinde stellt Räume für Gruppen von Angehörigen und Kooperationspartner zur Verfügung.
• Die Gottesdienste am Sonntagmorgen werden in Abständen gezielt für Menschen mit und ohne Demenz gestaltet - elementar, aber nicht kindlich, lebensnah, aber nicht trivial.
• Das Gesangbuch liegt in ausreichender Stückzahl im Großdruck vor.
• „Gemeindepaten“ begleiten Menschen mit Demenz zu Veranstaltungen, bleiben währenddessen in ihrer Nähe und bringen sie im Anschluss wieder nach Hause.
• Wo zur Teilnahme an Veranstaltungen bestimmte Fähigkeiten notwendig sind, gibt es ein Alternativangebot für alle (z. B. neben der Kantorei für die Top-Sänger der Gemeinde auch ein offenes Singangebot für alle).
• Die Gemeinde überprüft Kirche, Gemeindesaal und andere Räumlichkeiten auf eine gute Akustik und technische Hilfsmittel, lässt Orientierungshilfen anbringen und räumliche Barrieren soweit wie möglich beseitigen (an Toiletten, an Stufen, Glastüren usw.).
• Pfarrer, LektorInnen und GruppenleiterInnen bemühen sich um eine deutliche Artikulation und lassen sich ggfs. entsprechend schulen.
• Ein Beitrag im Gemeindebrief macht auf die besondere Situation demenzerkrankter Gemeindeglieder aufmerksam, holt das Thema so „in die Gemeinde“ und weist auf wohnortnahe Hilfsmöglichkeiten und Initiativen hin.
• In einer Projektwoche wird das Thema Demenz in Predigten, Ansprachen, einem Vortrag beim Gemeindefrühstück oder einer Abendveranstaltung, in Schaukästen und Info-Tafeln sowie in möglichst vielen Gruppen aufgegriffen (auch Konfirmandengruppen, Kindergarten, Gemeindebücherei…).

Viele weitere Anregungen finden Sie in der Broschüre "Dabei und mittendrin", die über die Autorin bestellt werden kann.

Effect / experience

Auf dem Weg zu einer demenzsensiblen Gemeinde eröffnen sich den Aktiven mitunter erstaunliche Erfahrungen. Einige berichten davon, wie die vermeintliche Behinderung zur Begabung wird, von der alle profitieren. In Gaben und Aufgaben: Zum Beispiel wenn die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz die vermeintlich „Gesunden“ daran erinnern, dass jede Theologie Sinnlichkeit braucht, durch Worte, die Fleisch werden, Töne, Berührungen, Farben, Gerüche und Bilder. Die Verlangsamung und Reduzierung, die ein demenzsensibles Arbeiten erfordert, kann zum Geschenk für alle werden, die sich von unserer durch Hektik und Reizüberflutung geprägten Welt überfordert fühlen. Der herrschende Fokus auf Intellekt und Vernunft erfährt durch die neue Wertschätzung von Emotionen eine wohltuende Erweiterung. Nicht zuletzt schärfen diese Bemühungen den Blick dafür, dass es normal ist, verschieden zu sein, dass jeder Mensch einzigartig ist und gerade eine Gemeinschaft gerade deshalb bereichern und beleben kann.

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