Westerwaldkreis Tafel

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a geistreich member
Created at: 2010-09-16
Last major update at: 2010-09-20
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Diakonie und Gesellschaft
Institutions
Diakonisches Werk im Westerwaldkreis in Westerburg
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: auf Dauer
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Vernichtung von Lebensmitteln verhindern und gleichzeitig Menschen unterstützen

Abstract

Aufbau einer kreisweiten Tafel mit acht Ausgabestellen im ländlichen Gebiet  unter Einbindung von 380 ehrenamtlich Mitarbeitenden, in enger Kooperation mit Kirchengemeinden beider Konfessionen und Freikirchen, Städten und Verbandsgemeinden, Vereinen und Verbänden, Politik, der heimischen Wirtschaft sowie Spendern und Sponsoren

Situation / context

Angeregt durch die Tafelarbeit beschäftigen sich auf der Ebene eines Landkreises unterschiedlichste Menschen aus Wirtschaft und Kirche, aus Schulen und  Vereinen ,  ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitende, von Armut Betroffene wie Wohlhabende,  Politik und Verbände, Geld- sowie Lebensmittel Spendende mit dem Thema Armut und soziale Gerechtigkeit. Solidarisches Handeln steht nebem dem Eintreten für mehr Teilhabechancen.

Goals

Solidarisch Handeln und für mehr Teilhabe eintreten.

Reflection / background

  • Die Vernichtung von überschüssigen Lebensmittel vermeiden helfen und gleichzeitig Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützen.

Für dieses Ziel engagieren sich 380 Frauen und Männer im Westerwaldkreis. Ehrenamtlich – extrem zuverlässig – motiviert– hoch verantwortlich – freudig - unentgeltlich

An acht Ausgabestellen der Westerwaldkreis Tafel sorgen sie dafür, dass die bei den örtlichen Geschäften übrig gebliebenen Lebensmittel abgeholt werden, die Sachen in mühevoller Arbeit aussortiert und aufbereitet werden, um diese dann im Rahmen eines kleinen „Tafel-Ladens“ an Menschen in Notsituationen, deren Bedürftigkeit überprüft wurde, weiter zu geben.

Unterstützt, koordiniert und begleitet von hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Diakonischen Werkes.

1074 Haushalte im Westerwaldkreis hatten im Dezember 2009 einen gültigen Kundenausweis, der zur Nutzung der Tafel-Lebensmittel berechtigte.

In diesen Haushalten leben 2600 Menschen, davon 930 Kinder.

674 Haushalte haben 2009 durchschnittlich in der Woche die Westerwaldkreis Tafel genutzt. 1564 Menschen, davon 575 Kinder. Wöchentlich.

General information on realization

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Preparation

Kooperationspartner suchen

 

Mit der Gründung der Westerwaldkreis Tafel am 19.09.2005 haben wir als Träger schrittweise die Tafelarbeit als niederschwelliges Angebot flächendeckend im Westerwaldkreis (zweitgrößter Landkreis in Rheinland-Pfalz mit 204.000 Einwohnern und 989 qkm) umgesetzt. Im Vorfeld der Eröffnung der acht Ausgabestellen wurden zunächst mit den jeweiligen Kirchengemeinden, Verbands- und Stadtgemeinden sowie mit weiteren Verbänden und Vereinen intensive Planungsgespräche geführt und Kooperationen vereinbart, z.B. für Räumlichkeiten, Nutzung von Fahrzeugen für die Abholung, Unterstützung bei der Finanzierung etc.  

 

Ehrenamtliche Mitarbeiter suchen

Nach Klärung der praktischen und ideellen Unterstützung durch die Kooperationspartner vor Ort und der Findung geeigneter Räumlichkeiten wurde aus den Reihen der Unterstützer über eine intensive Öffentlichkeitsarbeit zur ehrenamtlichen Mitarbeit aufgerufen. Die Resonanz hierzu war überwältigend. So kamen zu einem Infoabend in Montabaur rund 140 Personen.

Mit den interessierten Ehrenamtlichen wurde anschließend in acht Schulungs- und Vorbereitungsabenden die Arbeit der jeweiligen Ausgabestelle aufgebaut. Neben der Teambildung für die verschiedenen Aufgabenbereiche wurden die Tafelgrundsätze des Bundesverbandes Tafel e.V., die persönliche Motivation für die Mitarbeit, die Lebenssituationen von Menschen in Armut,  die Grundsätze der Hilfe zur Selbsthilfe, die Rahmenbedingungen des Trägers für die ehrenamtliche Mitarbeit, Grundsätze für eine funktionierende Teamarbeit sowie die Vorschriften der Lebensmittelhygiene besprochen und gemeinsam bearbeitet.

Der Tag der ersten Ausgabe wurde dann mit einem festlichen Gottesdienst bzw. einer Einweihung begangen.

Realization

  • Organisation der laufenden Arbeit in unterschiedlichen Teams

Die Arbeit vor Ort wird in hohem Maße von Koordinatoren der einzelnen Teams organisiert: Team der  Abholung, Team für die Sortierung der Waren, Team der  Ausgabe der Lebensmittel, Team für Kassen- und Sprechstundenarbeit, Team für Sponsorensuche / Sponsorenpflege.

Im Rahmen der vereinbarten Absprachen arbeiten die einzelnen Mitarbeiter sehr autonom und selbständig.

 

  • In allen Ausgabestellen findet einmal wöchentlich eine Ausgabe der Lebensmittel in Form eines Tafelladens statt.
  • Im Rahmen von Tafel-Sprechstunden findet eine Überprüfung der Bedürftigkeit statt

Eine besondere Funktion haben die Ehrenamtlichen, die für die Sprechstunden der jeweiligen Ausgabestellen verantwortlich sind. Diese überprüfen die Bedürftigkeit der Tafelkunden und stellen die entsprechenden Kundenausweise aus. Hierzu wurden die Ehrenamtlichen speziell geschult, insbesondere auch im Hinblick auf die Weitervermittlung von Tafelkunden in die Beratungsangebote von Diakonie und Caritas (Schuldnerberatung, Suchkrankenhilfe, Erziehungsberatung, Lebensberatung etc.)

Nach Prüfung der Einkommenssituation erhalten Kunden eine Kundenkarte und sind somit berechtigt, einmal wöchentlich Lebensmittel zu erhalten.  Pro erwachsenem Haushaltsmitglied für 2,- € pro Einkauf 

  • Mitarbeit von Tafelkunden

Etwa 15 bis 20 Prozent der Ehrenamtlichen in den jeweiligen Ausgabestellen gehören selbst zum Kreis der Tafelkunden. Hier finden beim gemeinsamem Arbeiten Kontakte statt zwischen Menschen, die ansonsten im alltäglichen Leben kaum Berührungspunkte miteinander hätten. Dabei entsteht Verständnis für die jeweils andere Lebenswelt, Vorurteile können revidiert werden. Eine große Bereicherung für die Arbeit.

Wrap up & follow-up actions

Mit der WWK Tafel wollen wir im Westerwaldkreis nicht nur dazu beitragen, dass Nahrungsmittel dahin gelangen wo sie hingehören, sondern angesichts drastisch zunehmender Armut in weiten Teilen unserer Gesellschaft ein deutliches Zeichen der Solidarität mit Menschen setzen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen.

Wir möchten durch Lebensmittel nicht nur zu mehr  finanziellen Spielräumen in den betroffenen Haushalten beitragen und die Vernichtung von Lebensmitteln vermeiden, sondern ebenso Armut sichtbar machen, Begegnung ermöglichen, Perspektiven aufzeigen und zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Armut ermutigen.

1100 Haushalte mit fast 2600 Betroffenen stehen im regelmäßigen Kontakt mit den Ehrenamtlichen der WWK Tafel, zwischenmenschliche Begegnungen können stattfinden, praktische Unterstützung wird erfahrbar und  weiterführende Hilfen können vermittelt werden.

In den Ausgabestellen in Rennerod und Hachenburg findet im Rahmen der Lebensmittelausgabe ein Begegnungsangebot mit Kaffee und Kuchen statt. In einigen Ausgabestellen werden spezielle Aktionen für Kinder (Spiele, Kreatives ...) angeboten. In Höhr-Grenzhausen ist die Mitarbeiterin der Beratungs- und Kontaktstelle der Johanniter-Unfallhilfe wöchentlich in der Ausgabestelle für Gespräche zugegen. In Hachenburg stellt der Kinderschutzbund seine vielfältigen Angebote für Kinder regelmäßig vor. Die Mitarbeiter der Beratungsangebote des Diakonischen Werks im Westerwaldkreis (Suchtkrankenhilfe, Migrationsberatung, etc.) präsentieren ihre Arbeit mit Infoständen und nehmen somit niederschwellig Kontakt auf.

Darüber hinaus wird mit Unterstützung des Fördervereins Westerwaldkreis Tafel Montabaur-Wirges eine Sozialberatung in der Ausgabestelle Montabaur-Wirges finanziert. Durch Sozialarbeiterinnen des Caritas-Verbandes und des Diakonischen Werkes erhalten Tafelnutzer Beratung und Hinweise auf weiterführende Angebote, insbesondere auf Teilhabemöglichkeiten für deren Kinder.

Ein Großteil der evangelischen, katholischen und auch freikirchlichen Kirchengemeinden im Westerwaldkreis, sind in die Arbeit der Westerwaldkreis Tafel eingebunden

 

Kosten:

  • Finanzierung  

Die Arbeit der Westerwaldkreis Tafel wird in erster Linie durch Spenden sowie den Einnahmen aus dem Verkauf der Lebensmittel finanziert. Lediglich drei Ausgabestellen wurden von uns angemietet, alle anderen werden uns völlig kostenlos oder gegen Bezahlung der Nebenkosten zur Verfügung gestellt.

Die Verbandsgemeinden Montabaur und Wirges stellen jährlich pro Einwohner zehn Cent für die Mietkosten der dortigen Ausgabestelle zur Verfügung. Ebenso unterstützt uns dabei ein eigens dafür ins Leben gerufener Förderverein. Weitere Verbands- Stadt- und Kirchengemeinden unterstützen uns mit regelmäßigen Beiträgen für die Miet- und Nebenkosten in der Ausgabestellen.

 

Schrittweise wurde, am Bedarf und dem Ausbau der Westerwaldkreis Tafel  orientiert, hauptamtliches Personal eingesetzt. Heute sind dies eine Sozialpädagogin/Betriebswirtin mit 26 Wochenstunden, zwei weitere Sozialarbeiterinnen mit je zwölf Wochenstunden sowie eine Buchhalterin mit drei Wochenstunden die ausschließlich für die Westerwaldkreis Tafel tätig sind. 

Effect / experience

  • Wer sind die Menschen, die Lebensmittel der Tafel erhalten?

Was sind das für Menschen, die anstehen, um Brot vom Vortag oder aussortiertes Obst und Gemüse bekommen?

Es sind

 

Migranten und Deutsche, Alleinerziehende und Familien, Asylsuchende und Obdachlose, Kranke und Behinderte, Alte und Junge, Gescheiterte und Motivierte. Arbeitslose sowie Berufstätige, die sich unglaublich anstrengen damit sie irgendwie über die Runden kommen. Sozialhilfeempfänger in der 2. oder 3. Generation, solche die noch nie gearbeitet haben. Andere, die nach einer langen Zeit der Berufstätigkeit aus unserem System heraus gefallen sind. Menschen mit abgeschlossenem Studium sowie Menschen ohne Schulabschluss. Russlanddeutsche Rentnerinnen und junge türkische Mütter. Menschen die hoffen, dass es noch einmal besser wird und solche, die mit dieser Hoffnung schon lange abgeschlossen haben. Menschen, die wir verstehen und deren Schicksal uns anrührt, andere, deren Lebenshaltung und Planung uns völlig fremd erscheint.

 

Es gibt ihn nicht: den typischen Tafelkunden.

 

Es sind Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen, mit den unterschiedlichsten persönlichen Geschichten und Biografien, den verschiedensten Wertvorstellungen, Lebens- und Bewältigungsstrategien. Doch sie alle haben irgendwo Brüche in ihrer Biographie, haben Krisen erlebt, die dazu geführt haben, dass sie heute auf die unterschiedlichste Weise Unterstützung suchen.

 

Tafeln versuchen vorübergehend zu helfen. Mit Lebensmitteln, aber nicht ausschließlich. Manchmal mit einem guten Wort, einem offenen Ohr, einem Gespräch. Mit dem Angebot, Kontakte zu vermitteln zu örtlichen Vereinen und Gruppen, zu Fachdiensten und Beratungsstellen.

 

Viele Tafelkunden im Westerwaldkreis engagieren sich selbst ehrenamtlich in der Tafelarbeit. Wollen selbst etwas dazu beitragen, dass es dieses Angebot gibt. Übernehmen selbst Verantwortung. Wollen selbst etwas geben, nicht nur etwas bekommen. Entsprechen so überhaupt nicht dem Klischee, dass Tafelkunden Menschen sind, die selbst nichts tun wollen. Sind engagiert, motiviert und als Mitarbeiter, Kollege und Mensch gebraucht.

 

  • Wir erleben es immer wieder: Tafelarbeit spaltet!  

Sie spaltet in Befürworter und Gegner, in Verständnis für die Menschen, die sie nutzen und krasse Verurteilung all derer, die Tafel-Kunden sind: 

„Hilfe, die dringend notwendig ist“ oder „Für die würde ich mich niemals engagieren“

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