Eine selbstspielende Kirchenorgel

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a geistreich member
Created at: 2016-01-21
Last major update at: 2016-01-21
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Musik
Institutions
Kath. Pfarrgemeinde St. Godehard in Göttingen
Keywords
Target audiences
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Preparation: no information
Execution: no information
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Abstract

Nach 7 Jahren ohne Organisten können jetzt im Gottesdienst die Lieder wieder von einer Orgel begleitet werden, die aus der Gemeinde „gesteuert“ wird.

Situation / context

Seit der Gemeindefusion (2008) gehört die Kath. Pfarrgemeinde in Adelebsen am Rand des Sollings zur Gemeinde St. Godehard in Göttingen. Üblicherweise kommen jeden Sonntag zwischen 25 und 60 Gläubige zu Wortgottesdiensten und heiligen Messen. Die Gemeinde sang seit dem Tod der langjährigen Organistin recht gut a capella, aber neue Lieder konnten kaum eingeführt werden.

In Gottesdiensten mit einem größeren Anteil an Gästen oder Nichtkatholiken (z.B. bei Taufen oder Hochzeiten) war es schwer, einen schönen Gesang zu erreichen. Schließlich wurde die Situation verschärft, als 2013 das neue Gesangbuch „Gotteslob“ eingeführt wurde, das viele neuere Lieder enthält, oder die Melodien bekannter Lieder ändert. In der Stadt Göttingen gibt es zwar Organisten, die die Gemeinde ab und zu „aufs Land locken“ kann, aber es sind fast 40 km Fahrt, und so können nur wenige Gottesdienste mit Organisten gestaltet werden. Die alte Orgel ist zudem reparaturbedürftig: der Anreiz in Adelebsen zu spielen war gering.

Goals

Das Ziel der Gemeinde war es, die Gottesdienste attraktiver zu gestalten, denn ein schöner Gesang gehört zum Gottesdienst („wer singt, betet doppelt“). Wenn es keine Kirchenmusik gibt, sind viele Gläubige enttäuscht und kommen weniger gern, also seltener.

Reflection / background

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General information on realization

Bei der Suche nach einer Lösung kam dem Pfarrgemeinderat (PGR) in den Sinn, dass bei vielen privaten Feiern ein „Alleinunterhalter“ für die gesamte Musik des Festes zuständig ist. Das macht er mit verschiedenen elektronischen „Tonkonserven“. Warum soll das in einem Gottesdienst nicht auch gehen können? Das Projekt bekam den Arbeitstitel „Karaoke-Orgel“.

Preparation

Zunächst hat sich der PGR über existierende Lösungen informiert. Es gibt unterschiedliche Bedienungsarten und –ausstattungen, was letztlich auch die Kosten beeinflusst. Der PGR ist zu anderen Gemeinden zum Erfahrungsaustausch gefahren und hat recherchiert.

Es zeigte sich, dass eine elektronische Kirchenorgel am einfachsten in eine „Selbstspielorgel“ umgewandelt werden kann. Im Gegensatz zu mechanischen Konstruktionen die auf die Tastatur gesetzt werden und dann die Tasten drücken, können dabei direkt die MIDI-Schnittstellen der elektronischen Orgel genutzt werden. Bei einer solchen Lösung werden häufig alle Lieder und Strophen für den geplanten Gottesdienst auf ein Speichermedium (z.B. einen USB-Stick) geschrieben. Das muss vorher in Ruhe am Computer geschehen, während der Messe wird dann bei jedem neuen Lied ein Impuls an die Orgel gesendet und das vorprogrammierte Lied spielt ab. Von der festgelegten Reihenfolge und Strophenanzahl kann nicht abgewichen werden.

Die Lösung bestand dann im Selbstspielsystem „ecantore“ (Kisselbach/Renkens). Dabei muss nichts vorprogrammiert werden, denn alle Lieder liegen „in der Orgel“ gespeichert vor. Auf einer handlichen Tastatur werden Liednummer und Anzahl der Strophen eingegeben, auf Knopfdruck beginnt die Musik samt Vorspiel. Auch ein Liedanzeiger kann integriert werden. Diese Bedienung kann von überall aus der Kirche geschehen, sowohl vom Altarraum wie aus dem Kirchenschiff heraus ist die Bedienung möglich.

Realization

Nachdem das „Wunsch-System“ gefunden wurde, war die Durchführung einfach: bestellt wurde die elektronische Orgel Gloria Klassik 226 mit externer Klangabstrahlung, die auch von einem Organisten direkt gespielt werden kann. In die Orgel wurde die Selbstspieleinrichtung „ecantore“ eingebaut, die sich per Funk mit der Bedienungs-Tastatur verbindet. Programm und Lieder befinden sich auf einer mikro-SD Karte im kleinen „ecantore“-Gehäuse.

Durch zweckgebundene Spenden konnte die Orgel finanziert werden (Gesamtkosten etwa 13.000 Euro). Seit dem Einbau vor Ostern 2015 funktioniert alles fehlerfrei.

Nach der Installation der selbstspielenden Orgel kam es zu einem unabsehbar großen Medieninteresse. Zunächst fehlten im Liedervorrat die regionalen Lieder für das Bistum Hildesheim. Die sind inzwischen eingespielt und durch einen Wechsel der SD-Karte steht nun der volle Umfang aller Lieder im „Gotteslob“ in der Orgel zur Verfügung.  

Wrap up & follow-up actions

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Effect / experience

Was hat das Projekt bewirkt? Rund ein Jahr nach der Installation kann über die Erfahrungen der Gemeinde mit der Orgel berichtet werden: Alle haben sie als große Bereicherung des Gottesdienstes empfunden. Eine Schwierigkeit schien zu Beginn die Geschwindigkeit zu sein, mit der die Lieder eingespielt sind. Einige schienen zu schnell zu sein, besonders dann, wenn das Lied weniger bekannt war. Aber die Gemeinde lernte, dass diese Geschwindigkeit mit der Fernsteuerung leicht herab- oder heraufgesetzt werden kann, noch während das Lied spielt. Außerdem kann die Lautstärke in 6 Stufen verändert werden. Dabei wird nicht einfach die Lautstärke wie am Radio verstellt, sondern die Orgel wählt für die nächste Strophe eine andere Registrierung, wie es auch ein Organist tuen würde.

Daran wird deutlich, dass die Orgel zwar „selbst spielt“, aber ein „Orgel-Operateur“ hat die Kontrolle und kann jederzeit selbstständig eingreifen. Alle aus der Gemeinde, die am Gottesdienst mitwirken, haben mittlerweile gelernt das Steuergerät zu bedienen (wirklich einfach), so dass jetzt mehr „Organisten“ tätig sind als je zuvor.

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