AIDS-Gottesdienst in der Gemeinde

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a geistreich member
Created at: 2010-11-16
Last major update at: 2010-11-16
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Themengottesdienste und Reihen, Zielgruppengottesdienst
Institutions
AIDS-Seelsorge Hamburg
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: in der Regel etwa 90 Minuten
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AIDS-Schleife aus Kerzen

Abstract

Regelmäßig feiert eine Kirchengemeinde zusammen mit der AIDS-Seelsorge ihrer Stadt einen AIDS-Gottesdienst. Liturgisch etwas reduziert, um auch kirchenferneren Menschen den Zugang zu erleichtern, konzentriert sich der Gottesdienst jeweils auf ein Thema aus dem Bereich der Lebenswelt HIV/AIDS-betroffener Menschen.

Situation / context

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Goals

Idee des Projekts:
In einem Gottesdienst wird die Erfahrungswelt HIV/AIDS-betroffener Menschen aufgegriffen.

Reflection / background

Seit 1995 gibt es in Westeuropa und Nordamerika wirksame Medikamente, die HIV/AIDS hier nicht mehr - wie vorher - unmittelbar tödlich bedrohlich erscheinen lassen; immer mehr infizierte Menschen haben eine "normale" Lebenserwartung, auch wenn die Tabletten starke Langzeit- und akute Nebenwirkungen haben können. Anders als vor 1995, als viele betroffene Menschen angesichts der Tatsache, dass sie bald sterben würden, den Schritt in die Öffentlichkeit oft weniger gescheut haben, vermeiden die meisten HIV/AIDS-Infizierten heute, sich als solche zu erkennen zu geben - aus der berechtigten Angst heraus, Ablehnung, Ausgrenzung oder Diskriminierung und andere Nachteile erfahren zu müssen. Vor allem die Mehrheit der Betroffenen, die heute aktiv am Erwerbsleben teilnehmen, befürchtet ihren Job zu verlieren, wenn die Wahrheit über sie bekannt würde. Viele teilen das Wissen um ihre Infektion deshalb ausschließlich mit ihrem behandelnden Arzt. Weil HIV/AIDS eine sexuell überragbare Krankheit ist, haftet ihr in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas Schmuddeliges an. Aus Uninformiertheit wird den Betroffenen unterstellt, sie hätten sich ihre Infektion "geholt" und seien damit selbst dafür verantwortlich - anders als sehr oft z.B. bei krebskranken Menschen, denen das Mitgefühl ihrer Umgebung in irgendeiner Weise gezeigt wird.
Das aus verständlichen Gründen praktizierte Versteckspiel und die ständige Angst vor Entdeckung bedeutet für viele HIV/AIDS-betroffene Menschen eine starke psychische Belastung. Dass in einem Gottesdienst regelmäßig einmal im Monat Themen aufgegriffen werden, die Menschen mit HIV und AIDS und deren Zugehörige immer wieder beschäftigen, durchbricht diese Alltagserfahrung. Es entsteht ein Raum, in dem sich mancher HIV-infizierter und AIDS-kranker Mensch frei und offen bewegen kann. Andere nutzen die Möglichkeit, zunächst unerkannt teilnehmen zu können.
Die AIDS- und Gemeindegottesdienste geben Betroffenen, aber auch anderen Menschen, die die Thematik der Gottesdienste in ihr persönliches Leben übertragen können, eine besondere kirchliche Heimat.
Weil in Deutschland etwa 60% der HIV/AIDS-betroffenen Menschen homosexuelle Männer sind, bildet sich auch dies in der Gottesdienstgemeinde (wie in der Arbeit der AIDS-Seelsorge) ab. Für viele ältere von ihnen, ist das Erleben, hier - nach Jahren der wegen ihrer sexuellen Orientierung erfolgten kirchlichen Ablehnung und sehr oft Ausgrenzung - als schwuler Mann willkommen und ohne Vorbehalt aufgenommen zu sein, eine starke Erfahrung, die sie dazu geführt hat, deshalb wieder in die Kirche einzutreten.
Die Arbeit der AIDS-Seelsorge in Hamburg erfährt folgerichtg auch aus der schwulen Szene heraus sehr große Anerkennung. Spendensammlungen aus an sich kirchenfernen bzw. -ablehnenden Kreisen wie z.B. zum Welt-AIDS-Tag werden besonders der AIDS-Seelsorge zugedacht, weil man ihr das Vertrauen entgegen bringt, mit dem Geld direkt HIV/AIDS-infizierten Menschen Hilfe zukommen zu lassen.
Die AIDS-Seelsorge in Hamburg kümmert sich um Menschen, die in Hamburg und Umgebung mit HIV/AIDS leben und deren Zugehörige; sie versucht, über Einzel- und Paarberatung, Gruppenangebote und Unterbrechungen des Alltags positiv auf das Leben der Ratsuchenden einzuwirken. Dabei ist sie als Einrichtung zugleich Mitglied im Aktionsbündnis gegen AIDS, das vor allem die weltweiten Ungerechtigkeiten auch im HIV/AIDS-Bereich kritisiert und zu bekämpfen versucht. Zum Beispiel geht es hier um den Zugang zu den lebenswichtigen Medikamenten, der in vielen Teilen der Welt nicht gegeben ist.

General information on realization

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Preparation

In einer Versammlung von Menschen sowohl der AIDS-Gemeinde als auch der Ortsgemeinde werden Themen gefunden, die dann für einen überschaubaren Zeitraum für die AIDS- und Gemeindegottesdienste gelten. Jeder dieser monatlich stattfindenden Gottesdienste wird in einer Gruppe vorbereitet, die aus je einem Pastor der Ortsgemeinde und der AIDS-Seelsorge sowie aus unterschiedlichen Menschen aus beiden Gemeindeteilen besteht. Meist ist mindestens ein HIV/AIDS-betroffenes Gemeindemitglied dabei. In vier (manchmal fünf) Treffen (jede Woche exakt eine Stunde!) nähert die Gruppe sich dem Thema an, ergründet die Möglichkeiten biblischer Bezüge und gibt dem Gottesdienst seine Gestalt. Besonders auf die Erarbeitung persönlicher Statements/Lebensbilder von ein oder zwei Menschen, die selbst mit HIV und AIDS leben, wird große Sorgfalt verwandt. Meist bringt der Betreffende einen Entwurf in die Gruppe ein, der vor allem unter der Perspektive, wie damit die GottesdienstbesucherInnen in das Thema hinein genommen werden können, bearbeitet wird - immer so, dass der Autor, die Autorin mit ihrem Text im Einklang bleiben kann. Wenn nicht die Kantorei im jeweiligen Gottesdienst ihren Dienst tut, wird nach anderen Möglichkeiten besonderer musikalischer Gestaltung gesucht. Die Gruppe legt die Lieder für den Gottesdienst fest. Die anderen einzelnen Teile im Gottesdienst bereiten Teilnehmer/innen der Gruppe vor und treten damit auch als Sprecher/innen im Gottesdienst auf. Ein Ablaufplan mit allen Elementen und klaren Rollenzuweisungen wird gemeinsam festgelegt.
Je nach thematischer Schwerpunktsetzung arbeitet die Gruppe an theologischen, medizinischen, gesellschaftlichen und/oder psychologischen Fragen.
Über jede Vorbereitungssitzung wird ein Protokoll angefertigt, das allen Teilnehmenden möglichst zeitnah zugesandt wird.
Am Nachmittag des Gottesdienstes bereitet ein Küsterteam den Gottesdienst in besonderer Weise vor. Blumenschmuck als Spende eines benachbarten Blumengeschäftes wird aufgestellt und ein Teil der Blumen vor der Kirche auf mit Namen von HIV/AIDS-Verstorbenen versehenen Pflastersteinen drapiert.
Karten und Stifte für die Fürbitten werden in den Bankreihen ausgelegt, Liednummern gesteckt und Einlegeblätter (mit z.B. Kirchentagsliedern) in die Gesangbücher gelegt. Das Abendmahl (mit Brot und Traubensaft) wird vorbereitet. Zum Empfang der Besucher/innen wird Kaffee und Tee gekocht.

Realization

Jeder AIDS-Gottesdienst hat seine eigene Schwerpunktsetzung. In den meisten Fällen entsteht eine dichte Atmosphäre, die vor allem durch die authentischen persönlichen Beiträge HIV/AIDS-betroffener Menschen entsteht. Akteure sind in der Regel die Teilnehmer/innen der Vorbereitung; für einzelne Teile des Gottesdienstes werden manchmal zusätzlich Sprecher bzw. Sprecherinnen angefragt.
Der Gottesdienst wird in seinen Textteilen jedes Mal von etwa fünf bis acht Menschen getragen.
Als tragfähige Liturgie hat sich ein Ablauf herausgebildet, der sich in unterschiedliche Elemente gliedert. Die Begrüßung nach einem musikalischen Auftakt (Orgelvorspiel, Chor, musikalischer Beitrag oder Gemeindelied) wird meistens von einem der Gemeindepfarrer und einem Hauptamtlichen der AIDS-Seelsorge gemeinsam gestaltet. Hier wird der Sonntag markiert und das Thema angerissen. Nach einem Lied (oder anderem musikalischen Beitrag) folgt der Vortrag von oft zwei Statements/Lebensbildern meist HIV/AIDS-betroffener Menschen zum Thema. Diese den GottesdienstbesucherInnen vorgestellte Lebenswirklichkeit nimmt einer der Pastoren in einem mehrteiligen Gebet auf, das von der Gemeinde zunächst mit einem Kyriegesang und dann mit einem Glorialied beantwortet wird. Es folgen biblische Lesung und Predigt, gerahmt von Musik und/oder Gemeindegesang. Die Abkündigungen münden in der Aufforderung an die Gemeinde, die ausgelegten Karten zum Aufschreiben persönlicher Gebetsanliegen für das dann folgende Fürbittgebet zu nutzen. Während einer ruhigen Orgelmeditation haben die Teilnehmenden Gelegenheit, ihre Kartentexte zu verfassen. Die Karten werden unkommentiert und unzensiert von den Pastoren (oder der Mitarbeiterin der AIDS-Seelsorge) im Wechsel vorgelesen, so dass die Autor/innen der einzelnen Bitten anonym bleiben. Oft mündet das Gebet in eine Zeit der Stille für weitere unausgesprochene Gebetsanliegen und danach im gesungenen "Vater unser". Dann folgt die Feier des Abendmahls mit einem Präfationsgebet, dem Sanctus-Gesang, der Einsetzung und dem Agnus Dei. Die Gottesdienstgemeinde stellt sich in Gruppen in einem großen Rund um den Altar; das Brot (in Holzschalen) wird an vier Stellen mit den Worten "Christi Leib für dich gegeben!" oder "Das Brot des Lebens für dich!" in den Kreis gegeben. Die Kommunikanten geben die Schalen untereinander weiter. Die Kelche mit dem Traubensaft werden in die jeweils andere Richtung ebenfalls an vier Stellen in den Kreis gegeben: "Christi Blut für dich vergossen!" oder "Der Kelch des Heils für dich!" Auch hier geben die Kommunikanten den Kelch untereinander weiter. Am Ende fassen sich alle Teilnehmenden bei den Händen und einer der Pastoren spricht einen Entlassungssegen.
Nach dem Abendmahl folgen Lied, Dankgebet und Segen sowie ein musikalisches Nachspiel.
Die Akteure des Gottesdienstes verabschieden die GottesdienstbesucherInnen am Ausgang; oft treffen sich eine Reihe von Teilnehmer/innen anschließend in einer der umliegenden Restaurants oder Kneipen zu zwanglosen Nachgesprächen und Geselligkeit.

 

Materialien

 Gottesdienstblatt, Gesangbücher, Karten und Stifte;
Brot und Traubensaft für das Abendmahl; Kaffee, Tee und Kekse für die Begrüßung der GottesdienstbesucherInnen. (Manchmal werden weitere Materialien notwendig, um z.B. ein Thema anschaulich zu machen. Gedenkschleife für Verstorbene, Kerzen als AIDS-Schleife gestellt, Regenbogenfahne zum Christopher-Street-Day u.v.a.m.)

 

Kosten

 Sie bleiben im üblichen Rahmen eines Gottesdienstes.

 

Arbeitsaufwand: Vier (oder fünf) Vorbereitungstreffen von je einer Stunde; Erarbeitungszeit für Beiträge und Texte Einzelner (geschätzter Aufwand: zwischen sieben und zwölf Stunden); Predigtvorbereitung (wie üblich); technische Vorbereitung vor allem durch das Küsterteam (geschätzt: 20 Arbeitsstunden); Nachbereitung in der Gruppe eine Stunde und immer wieder auch in seelsorglichen Einzelgesprächen.

Wrap up & follow-up actions

Die Vorbereitungsgruppe trifft sich in der Regel nach dem Gottesdienst noch einmal zur Auswertung. Dann werden die einzelnen Teile des Gottesdienstes aus der Rückschau beleuchtet, inhaltliche Schwachstellen und Höhepunkte benannt sowie auch technische Mängel festgehalten.
Die Gottesdienstgemeinde ist gewohnt, kritisch und konstruktiv Rückmeldungen zu geben, so dass die Durchführenden mit ihrer Wahrnehmung des Gottesdienstes meist nicht allein gelassen sind. Manchmal ergibt sich aus der Nachbesprechung eines Gottesdienstes eine weitere thematische Idee für einen der folgenden AIDS- und Gemeindegottesdienste.

Effect / experience

Im Dezember 2010 feiern AIDS-Seelsorge und Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde ihren 200. AIDS- und Gemeindegottesdienst. In den Anfangsjahren hatten die Gottesdienste wegen ihrer Neuartigkeit eine starke Anziehungskraft mit regelmäßig um die 200 Gottesdienstbesucher/innen.
17 Jahre später kommen mit 80 bis 150 Besucher/innen immer noch mindestens doppelt so viele Menschen zum AIDS- und Gemeindegottesdienst (am letzten Sonntagabend im Monat) wie zu den Sonntags-10-Uhr-Gottesdiensten.
Die Teilnehmenden sind in der Regel Erwachsene; das Durchschnittsalter liegt bei etwa 50 Jahren. Immer wieder besuchen Konfirmand/innengruppen anderer Kirchengemeinden im Rahmen ihres Unterrichts einen der Gottesdienste. Viele Gottesdienstbesucher/innen sind evangelische Kirchenmitglieder (aus der Orts- und aus anderen Kirchengemeinden); es gibt auch katholische oder aus ihrer Kirche ausgetretene sowie Kirchennichtmitglieder, die am Gottesdienst teilnehmen, manchmal sogar Menschen jüdischen, buddhistischen oder islamischen Glaubens.
Immer wieder sagen Menschen, dass sie hier gern in den Gottesdienst gehen würden, sich sonst aber in der Kirche nicht aufgehoben fühlten.
Die Kirchengemeinde hat sich 1994 entschlossen, mit der AIDS-Seelsorge eng zu kooperieren. Inzwischen sagen gerade diejenigen, die die 17 Jahre der Kooperation überblicken, dass sie aus Gemeindesicht die AIDS-Seelsorge nicht missen wollen; diese hätte mit ihrer Arbeit und vor allem den Menschen aus ihrem Tätigkeitsfeld die Kirchengemeinde bereichert. Die Gemeinde schmückt sich einerseits gern mit ihrer AIDS-Seelsorge (Leitspruch: "Viele Farben - eine Gemeinde!"), andererseits gilt es, nach außen auch eine gewisse Offenheit zu signalisieren, dass die Themen HIV/AIDS und (Homo-)Sexualität nicht die alleinigen Beschäftigungsfelder der Kirchengemeinde sind.
Das Miteinander von Kirchengemeinde und AIDS-Seelsorge bedarf ständiger Pflege und Achtsamkeit.
Es hat der Kirchengemeinde zugleich einen Zulauf von vorher kirchenfernen Menschen gebracht (überdurchschnittlich hohe Kircheneintritts- und Wiedereintrittszahlen).

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