Gemeinsam Gottesdienst feiern

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a geistreich member
Created at: 2011-01-24
Last major update at: 2012-08-27
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Alternative Gottesdienste
Institutions
Kirchenkreis Lüneburg in Lüneburg
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Execution: Je 2 Stunden
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Gemeinsam unter Gottes Segen

Abstract

Gemeinsam unter Gottes Segen - Gottesdienste für Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen / Betreuenden – und die ganze Gemeinde.

Situation / context

Seit Mai 2008 feiern wir in Lüneburg jeweils im Frühjahr und Herbst in Kooperation der Alzheimer-Gesellschaft, der St. Nicolai-Gemeinde und der Seelsorge in der Psychiatrischen Klinik einen Gottesdienst für Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen / Betreuenden und die ganze Gemeinde.

Entstanden ist die Idee aufgrund einer Anfrage der Alzheimer-Gesellschaft, aus der sich im Laufe der Zeit ein neues Gottesdienstmodell  entwickelt hat.

Die meisten Menschen mit Demenz leben in ihren Familien. An Gemeinde-Gottesdiensten nehmen sie selten teil, je nach dem Stadium der Erkrankung. Angehörige fühlen sich unsicher, ob sie mit ihren Pflegepersonen an einem normalen Gottesdienst teilnehmen können. Viele haben sich an den Gottesdienst im Wohnzimmer über Fernseher oder Radio gewöhnt.

Das Angebot der Gottesdienste für Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen / Betreuenden und die ganze Gemeinde in Lüneburg nimmt diese Situation auf. Zweimal jährlich feiern wir in einer der großen Stadtkirchen Lüneburgs unter dem schönen Gewölbe von St. Nicolai, erleben das große Glockengeläut, den Klang der Orgel - manchmal auch die andere Temperatur als die des Wohnzimmers oder Speisesaals einer Altenhilfe-Einrichtung -  und wir erleben Gemeinschaft mit Gott und den Menschen.

Die Gottesdienste werden vorbereitet und gestaltet von einem Team der beteiligten Kooperationspartner:

-       Diakonin Antje Stoffregen (federführend), Seelsorgerin in der (Geronto-) Psychiatrischen Klinik Lüneburg,

-       Pastor Eckhard Oldenburg, Gemeindepastor in St. Nicolai Lüneburg und

-       Angelika Reitberger, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Alzheimer-Gesellschaft Lüneburg.

 

Die musikalische Gestaltung der Gottesdienste durch Orgelmusik, Begleitung des Gemeindesgesangs und Mitgestaltung von Kinderchören, Kantoreien, Flöten-oder Posaunenchören hat einen wichtigen Stellenwert.

Goals

  1. 1.    Zielsetzungen des Gottesdienst-Modells

1.1.        Orientierung, Vergewisserung und Stärkung ermöglichen

Gottesdienste mit dementiell erkrankten Menschen haben die große Chance, in der existenziellen Verunsicherung durch die Krankheit einen Raum der Geborgenheit, der Vergewisserung und  der Zusage Gottes zu schenken.

Die spirituellen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz unterscheiden sich nicht von anderen Menschen, sie sind demenzbedingt jedoch stärker ausgeprägt.  Andrea Fröchtling hat die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz im Bezug auf Glaube und Spiritualität folgendermaßen zusammengestellt:

a) „Glaube wird auch während des Krankheitsverlaufs beigehalten, die    Glaubensintensität ist im Vergleich zum Leben vor der Demenz nicht abgeschwächt;

b)    Religion und Glaube gehören weiterhin zu zentralen ‚life values‘ …

c)    Gott wird nach wie vor um Führung und Hilfe gebeten und

d)    Gott wird als Lebenskraft beschrieben.

Das Gefühl von Gott niemals allein gelassen zu werden, verschafft Trost und Sicherheit.“[1]

Verschiedene Untersuchungen haben deutlich gemacht, dass sich „gelebte Religion und Spiritualität positiv auf die gefühlte Lebensqualität von (dementen) Menschen auswirkt.“ [2]

Menschen mit Demenz sind durch die zunehmende Auflösung von bewährten Verhaltensmustern, Beziehungen, Strukturen und der eigenen Persönlichkeit  in besonderem Maße auf seelische Unterstützung angewiesen. Gottesdienste mit dementiell erkrankten Menschen sollen Ruhe in der Unruhe, Stärke in der Schwäche, Ordnung im Chaos und Zuspruch in der Unsicherheit geben.

Dies gilt gleichermaßen auch für pflegende Angehörige und Betreuende.

Situation von pflegenden Angehörigen von heftigen Verunsicherungen geprägt. Überlastung und eine mögliche soziale Isolation sind nicht selten zu beobachten. Gottesdienste mit Angehörigen und Betreuenden von dementiell erkrankten Menschen sind eine gute Möglichkeit, Isolation entgegenzuwirken und unter Gottes Segen neue Kräfte zu erhalten.

Wenn sich die religiösen/ spirituellen Bedürfnisse von Menschen mit und ohne Demenz nicht grundsätzlich, sondern lediglich durch die stärkere Ausprägung bei dementiell erkrankten Menschen unterscheiden, dann ist es nicht nötig, für die Zielgruppe der Angehörigen und Betreuenden einen gesonderten Gottesdient zu gestalten. Einige dementiell erkrankte Menschen feiern spezielle Gottesdienste und Andachten in den Einrichtungen der Altenhilfe. Für Gemeindegottesdienste ist m.E. ein gemeinsamer Gottesdienst die bessere Alternative. Da die meisten dementiell erkrankten Menschen Zuhause leben und gepflegt werden ist dies eine Möglichkeit, an Gottesdiensten teilzunehmen.

Die Situation der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz braucht in den Gottesdiensten nicht speziell thematisiert werden. Dennoch ist es wichtig, sie in den Gottesdienstthemen zu berücksichtigen und z.B. in den Fürbitten aufzunehmen. Dabei gilt, was Jochen Arnold folgendermaßen formuliert hat: „Lebendige Liturgie, die die Menschlichkeit Gottes feiert, ist nur dann menschenfreundlich, wenn sie anschlussfähig ist an das Leben und die Sprache heutiger Menschen. (…)  Gottesdienste sollen die großen Fragen und Themen heutiger Menschen aufnehmen (Relevanz), sie aber auch entschieden ins Licht Gottes stellen (Transzendenzbezug). …In den Gottesdienst kommen Menschen auch, weil sie wissen wollen, wie sie „mit Gott dran“ sind. Es geht also nicht nur um Information, sondern um eine Transformation ihres Lebens durch die Begegnung mit Gott. Was im Gottesdienst geschieht, soll sie „unbedingt angehen“ (Tillich), ohne dass in trivialer Weise nur das wiederholt wird, was man auch in den Medien oder in der Literatur über sich und diese Welt erfahren kann. Dahinter verbirgt sich nicht nur die Frage nach dem Sinn des Lebens im Hier und Jetzt, sondern auch nach letzter Gewissheit, d.h. nach der ewigen Wahrheit Gottes oder schlicht: die Frage nach Heil und ewigem Leben.“[3]

 

Die Erfahrung in Lüneburg hat gezeigt, dass Angehörige und Betreuende nicht durch die Thematik Demenz angesprochen werden, wohl aber durch die Gestaltung der Gottesdienste, die anschaulich, sinnlich und stärkend sein wollen. Das gemeinsame Feiern, das gemeinsame Singen und Beten und nicht zuletzt die Erfahrung gemeinsam von Gottes Segen gestärkt zu werden, wird in Gesprächen mit Angehörigen  und Betreuenden immer wieder als stützend und stärkend benannt. 

Dabei  erleben die Angehörigen und Betreuenden ihre dementiell erkrankten Partner oder Eltern in einer anderen Situation. Manche sind verwundert über die plötzlichen Kompetenzen, die sich beim Singen zeigen und freuen sich an den strahlenden Augen beim Reichen der Hände oder Bestaunen des „Vergissmeinnicht“.

Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass die demenztypische Unruhe in den Gottesdiensten einer großen Ruhe weicht. Angehörige erleben an ihren zu Pflegenden, das ihnen das Singen und Beten bekannter Lieder und Gebete gut tut und sie beruhigt. Diese Erfahrung kann in den häuslichen Alltag übertragen werden.

Von entscheidender Bedeutung ist die Authentizität der Handelnden im Zusammenhang mit der Gestaltung der Gottesdienste. Bei aller Elementarisierung darf die Gestaltung nicht trivial sein. Worte, Symbole, Rituale, Lieder, Musik und Gebete müssen dem Anspruch eines Gottesdienstes für alle gerecht werden.

 

1.2.        Teilhabe und Gemeinschaft fördern

Gottesdienste für Menschen mit und ohne Demenz ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe. Die Situation der Isolation vieler Familien, die von Demenz betroffen sind, wird  offen aufgenommen und Betroffene spüren: Kirche nimmt uns wahr! Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Herausforderung der Situation Demenz mit einem ansprechenden Angebot deutlich gemacht. Teilhabe und Gemeinschaft werden ermöglicht.

Für die Einrichtungen der Altenhilfe  ist die Teilnahme mit großem organisatorischem und personellem Aufwand verbunden. Im Laufe der Jahre haben viele Einrichtungen den Gottesdienst als „Highlight“ entdeckt.  Die Einrichtungsleitungen berichten, dass der „Aufwand“ durch die Reaktionen der Bewohner und Bewohnerinnen aufgewogen wird. Die Teilnahme von immer mehr Einrichtungen zeigt, dass das Angebot dem Bedarf entspricht.

Die Begegnung wird aber auch von der „Gemeinde“ geschätzt. Immer wieder höre ich, dass die Gottesdienste von ihrer Gestaltung her sehr positiv und ansprechend erlebt werden. Sowohl von regelmäßigen GottesdienstbesucherInnen als auch von eher „Kirchenfernen“.

Entscheidend bleibt, dass die Gestaltung und Atmosphäre für alle einladend und ansprechend ist. Ort (Stadtkirche) und Zeit (Sonntag 10.00Uhr) helfen ebenfalls dazu, dass der „Gottesdienst für Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und Betreuenden – und die ganze Gemeinde“ kein isoliertes Zielgruppen-Angebot wird.

1.3.        Potentiale entdecken und zur Wirkung bringen

Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass das gemeinsame Feiern des Gottesdienstes es möglich machen kann, die Hilflosigkeit im Umgang mit dementiell erkrankten Menschen zu minimieren. Beim gemeinsamen Singen, beten, salben oder segnen bietet der Gottesdienst Hilfestellung zur Begegnung und eine gute Möglichkeit, Barrieren abzubauen.

Menschen mit Demenz und manchmal auch ihr Verhalten fordern uns heraus. Es geht darum, dass wir die Begegnung suchen und Hilfen zur Kommunikation anbieten bzw. annehmen. In allen Gottesdiensten haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Beteiligten einander mit diesen Hilfen ohne Scheu wahrgenommen haben und Begegnung stattfinden konnte.

Entscheidend in der Begleitung dementiell erkrankter Menschen ist das Entdecken und Wirken lassen der gesunden Anteile. Es geht nicht darum zu schauen, was krank ist, sondern darum, die Potentiale wahrzunehmen. Meines Erachtens ist das nicht nur bei dementiell erkrankten Menschen so. Als Menschen leben wir von unseren Potentialen. Diese gilt es zur Wirkung zu bringen – auch in der Begegnung zwischen kranken und gesunden Menschen.

Jesus selbst hat die Menschen, denen er auf seiner Wanderung begegnet ist, nie auf ihre Schwächen, sondern zumeist auf ihre Stärken angesprochen,  egal welche Sorgen, Krankheiten oder Nöte sie hatten. Er hat Wasser zu Wein verwandelt, damit das Fest nicht zu Ende ist; er hat den Glauben der Menschen erlebt und sie geheilt, er hat die Gaben der Kinder und Frauen wahrgenommen und sie zur Wirkung gebracht.

Wo das in einer Gottesdienst-Gemeinschaft  geschieht, zählt nicht gesund oder krank, stark oder schwach, alt oder jung. Alle Menschen haben Potentiale, die durch die Menschenfreundlichkeit Gottes zur Wirkung kommen können.

[1] Annette Fröchtling, : „Und dann habe ich auch noch den Kopf verloren…“, Leipzig 2008,  S. 289

[2] Fröchtling, a.a.O., S. 289

[3] Jochen Arnold: Was geschieht im Gottesdienst?, unveröffentlichtes Manuskript, März 2010

Reflection / background

  1. 1.    Erfahrungen und Einsichten zum Gottesdienstmodell

1.1.        Zielgruppe „Menschen mit Demenz, Angehörige und Betreuende“

Mit dem Gottesdienstmodell konnten wir eine Zielgruppe ansprechen, die sich in unserer Gesellschaft an vielen Stellen zurückzieht und isoliert. Noch immer ist die Situation von Menschen mit Demenz und ihrem Umfeld eine gesellschaftliche Herausforderung. Ängste und Rückzugstendenzen sind auf allen Ebenen zu beobachten.  Das Gottesdienstmodell kann dieser Situation entgegenwirken und Möglichkeiten der Wahrnehmung, der Begegnung und der Einbeziehung anbieten. Die Kontinuität und Verlässlichkeit des Gottesdienstangebotes und der Gestaltung hat dazu geführt, dass die Zahl der Gottesdienstteilnehmenden von ca. 80- 250 Personen stetig gestiegen ist. Für uns ist dies ein Zeichen für die Bedeutung und Wertschätzung des Gottesdienstes.

1.2.        Vernetzung / Kooperation

Im Laufe der Jahre ist eine gute Vernetzung entstanden: innerkirchlich zwischen der St. Nicolai-Gemeinde und der Seelsorge in der Psychiatrischen Klinik und über den kirchlichen Bereich hinaus mit der Alzheimer-Gesellschaft Lüneburg. Das Zusammenwirken und der kontinuierliche Austausch über die Erfahrungen, sowie die Mitwirkung von Ehrenamtlichen der Alzheimer-Gesellschaft und der Nicolai-Gemeinde (z.B. beim Kirchenkaffee) haben die Wahrnehmung und Zusammenarbeit befördert. In dieser Vernetzung liegt die besondere Chance auch Menschen anzusprechen, die sich kaum von kerngemeindlichen Angeboten ansprechen lassen. Darüber hinaus ist durch die Mitwirkung und kontinuierliche Werbung für den Gottesdienst in der Fachgruppe Gerontopsychiatrie des sozialpsychiatrischen Verbundes im Landkreis Lüneburg eine gute Vernetzung mit den Einrichtungsleitungen der Altenhilfe entstanden.

Meines Erachtens ist es für die Kirche unumgänglich, die innerkirchliche Vernetzung verschiedener Gemeinden und  Einrichtungen, sowie die Vernetzung mit anderen Institutionen weiter auszubauen. Dies gilt gleichermaßen auch für die Einrichtungen der Altenhilfe sowie anderer Institutionen in unserer Gesellschaft.  Wichtig erscheint mir dabei, die jeweiligen Kompetenzen zu nutzen, das Konkurrenzdenken abzubauen und die Freude am Zusammenwirken zur Entfaltung kommen zu lassen.

 

1.3.        Bedeutung / Wirkung

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Gottesdienste mit Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und Betreuenden und der ganzen Gemeinde Wirkung haben:

  • Sie schaffen Wahrnehmung und Bewusstsein für die Situation von Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen und Betreuenden.
  • Sie machen aufmerksam auf eine Situation die zu unserer gesellschaftlichen und gemeindlichen Realität gehört.
  • Sie sind eine Einladung, alle Gottesdienste so zu feiern, dass Menschen in ihrer Vielfalt die Menschenfreundlichkeit Gottes erfahren können.
  • Sie sollen darauf hinwirken, dass Menschen sich in der Gemeinschaft der Glaubenden aufgehoben wissen.
  • Sie laden ein, die Menschenfreundlichkeit Gottes zu erfahren.

General information on realization

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Preparation

  • Plakate und Handzettel ansprechend gestalten
  • Hinweise über Zeitungen
  • Hinweise in den Gemeindebriefen des Kirchenkreises bzw. der Umgebung
  • in der Gerontopsychiatrische Fachgruppe des Sozialpsychiatrischen Verbundes im Landkreis Lüneburg, in der viele Einrichtungen vertreten sind, persönlich werben
  • Hinweis auf den Gottesdienst und Einladung über die Pastorinnen und Pastoren in den jeweiligen Altenhilfe-Einrichtungen in ihrer Gemeinde (z.B. bei Besuchen und Andachten)

Realization

  1. 1.    Gestaltung der Gottesdienste

Bei der Gestaltung der Gottesdienste legen wir wert auf eine kommunikative Atmosphäre mit traditionellen und sinnlichen Gestaltungselementen. Folgende Einsichten sind dafür grundlegend:

1.1.        Kommunikation im Gottesdienst als Lebensäußerung

Jeder Gottesdienst lebt von der Kommunikation. Als Gemeinschaftsfeier mit Gott und den Menschen ist das gemeinsame Feiern, Reden und Hören, Singen und Beten eine Lebensäußerung, die über den einzelnen Menschen hinausweist. Dabei ist es von Bedeutung, dass die Kommunikation im Gottesdienst sich an den Menschen, die ihn feiern, orientiert.

Kommunikation geschieht im Gottesdienst durch verschiedene Elemente: Raum und Atmosphäre, Begegnung, Sprache, Musik, sinnliche Erfahrungen, Worte, Symbole, Rituale, Gemeinschaft…

1.2.        Raum und Atmosphäre

Besonders eindrucksvoll ist zu erleben, welch starke Wirkung der Kirchenraum für Menschen mit Demenz darstellt. Hier werden Erinnerungen wach an Taufe, Konfirmation und Trauung – Schnittstellen im Leben von Menschen. „Wie schön, hier in der Kirche zu sein“, sagte eine alte Dame beim Betreten der Kirche, „hier habe ich doch immer gesungen!“ Solche und ähnliche Sätze hören wir immer wieder, wenn die Gottesdienst-Teilnehmenden in die Kirche kommen.

1.3.        Begegnung / Begrüßung

Jede Begegnung mit einem Demenzkranken ist eine neue Situation. Sich einfühlen bedeutet, bei jeder Begegnung neu in die jetzt gerade erlebte Welt des dementen Menschen hineinzublicken und dennoch „Ich im hier und jetzt“  zu bleiben. Dies ist eine große Herausforderung, zumal demente Menschen ein gutes Gespür für die Authentizität des Gegenübers haben. „Demente Menschen haben …einen siebten Sinn….Mit feinen Antennen erspüren sie Äußerungen, die nicht wahrhaftig sind und halten uns einen unerbitterlichen Spiegel vor.“[1]

In unseren Gottesdiensten legen wir wert darauf, am Eingang der Kirche jede Einzelne/ jeden Einzelnen persönlich, mit Hand und – wenn möglich – mit Namensnennung zu begrüßen. Diese direkte Kommunikationsform ermöglicht eine wahrnehmbare und intensive Begegnung. „ Ein dementer Mensch fühlt sich geachtet, wenn wir seinen Wunsch nach orientierender Kontaktaufnahme erkennen und stillen.“[2] Dabei zeigt  der Blickkontakt „Ich bin da!“ und die Berührung der Hand (mit der Namensnennung) „Sie sind gemeint!“.

1.4.        Sprache

Die christliche Religion, und im Besonderen die lutherische Konfession und deren Tradition, ist durch das Wort geprägt. Zentrale Bedeutung hat somit in lutherischen Gottesdiensten die Predigt. Doch auch bei Lesungen und Gebeten hat  das Wort und die Sprache eine wichtige Funktion.

Die sprachliche Kommunikation mit dementen Menschen muss deutlich, einfach und frei von Mehrdeutigkeiten oder indirekten Äußerungen gestaltet werden.

Auffällig ist, in welcher Komplexität und Intensität demente Menschen Gedichte, Lieder und Gebete mitsprechen können. Sprache funktioniert hier als Erinnerungs-und Wiedererkennungswert. Auch wenn der Inhalt oft nicht mehr direkt entschlüsselt werden kann, bilden altbekannte Texte eine Art Heimat, die in Sprache, Melodie und Rhythmus wohltuend sein kann.

Deshalb erscheint es mir wichtig, bekannte Texte (wie z.B. Psalmverse) in ihrer traditionellen Übersetzung zu belassen, schwer verständliche, unbekannte Texte (wie z.B. Jes. 49, 13-16a) jedoch in einer Übersetzung in leichter Sprache zu verwenden.

Ebenfalls von Bedeutung ist die Art des Sprechens. Dabei ist das Sprechtempo, die Tonlage, der Rhythmus und die Melodie bewusst als Möglichkeit basaler Stimulation in angemessener Abwägung und unter Beibehaltung der Authentizität einsetzbar. Kurze Sätze und eine klare Modulation kann die Verständlichkeit und Wahrnehmung von Sprache erleichtern. Dies gilt für alle Textteile: Begrüßung, Predigt, Gebete etc.

Wenn der Inhalt einer sprachlichen Äußerung von Menschen mit fortgeschrittener Demenz nicht mehr entschlüsselt werden kann, stellt sich die Aufgabe, auch  andere Wege der Kommunikation in der Begegnung mit Demenzkranken zu finden.

1.5.        Musik

Musik und besonders das Singen sind seit jeher fester Bestandteil evangelischer Gottesdienste. Klage und Lob, Verkündigung und Gemeinschaft finden im gottesdienstlichen Singen ihren Ausdruck.

Die Musikgeragogik hat herausgestellt, dass durch Musik eine besondere Atmosphäre für dementiell erkrankte Menschen geschaffen werden kann. „… sie schafft Entspannung, Neugier, Bewegung, Genuss, Erinnerung, Emotion, Aktivität…“[3]

Beim Singen von bekannten Liedern können dementiell erkrankte Menschen aktiv am gemeinschaftlichen Leben teilhaben. Der reiche Schatz an Liedern, die dementiell erkrankte Menschen zur Verfügung haben, kann durch wenige Impulse gehoben werden. Ebenso ist es möglich auch neue,  kurze und  leicht eingängige Kehrverse im Gottesdienst zu singen. Als wiederholte Unterbrechung des Predigtteiles können solche Kehrverse mit einer Textzeile das Gesagte vertiefen. (siehe Gottesdienstentwurf: Liedvers „Vergiss-mein-nicht“)

Wo Worte fehlen, können Melodien die Worte erinnern oder im Mitsummen das Gefühl von Gemeinschaft mit Gott und den Menschen fördern.

Die Erfahrungen unserer Gottesdienste in der St. Nicolai-Gemeinde sind im Bezug auf die Musik besonders eindrücklich. Das Singen, die Mitwirkung von Kinderchor, Posaunenchor, Kantorei und Orgel – alle musikalischen Gestaltungselemente wurden von den Gottesdienstteilnehmenden sehr positiv und intensiv aufgenommen. Gerade durch diese Klänge können bei dementiell erkrankten Menschen tief verwurzelte Emotionen geweckt werden und Geborgenheit vermitteln.

1.6.        Predigt in Wort, Symbol und Ritual 

Neben der Musik bilden Wort, Symbole und Rituale in unseren Gottesdiensten einen wichtigen Bestandteil.

Meiner Erfahrung nach können Wort, Symbol und Ritual gut verbunden werden und anschauliche und sinnliche Erfahrungen ermöglichen.  Symbole sollten klar erkennbar sein und in ihrer Bildkraft elementar – nicht überfrachtend – dargestellt werden. Rituale sollen nicht überfordern, sondern einladend und leicht verständlich angeboten werden. Eine gut durchdachte Konzeption von Wort, Symbol und Ritual stellt eine wunderbare Möglichkeit der Seelsorge für dementiell erkrankte Menschen dar.

Das Wort wird im Symbol anschaulich und im Ritual erfahrbar. Beispiel:

  • Wort: „Gott hat uns in seine Hände gezeichnet –er vergisst uns nicht“
  • Symbole: Hand und Vergissmeinnicht
  • Ritual / Aktion: Händebetrachten, Hände reichen, Kreuz in die Hand zeichnen, Vergissmeinnicht (Schlüsselanhänger)  in die Hand legen

Wenn die herkömmliche lutherische Predigt in erster Linie den Verstand anspricht, so werden in dieser Form der Predigt Emotionen geweckt, die eine Beziehung zum Du Gottes ermöglichen können. Mit Herzen, Mund und Händen soll das Reden von und mit Gott erlebbar sein.

 

1.7.        Weitere Erfahrungen und Einsichten zur Gottesdienst-Gestaltung

1.7.1.   Zeitrahmen: Der Zeitrahmen von ca. 45 Minuten ist angesichts der Tatsache, dass viele Menschen bereits sehr rechtzeitig in der Kirche sind, das Höchstmaß. Darauf gilt es auch in der Einbeziehung von Chören zu achten.

1.7.2.   Rollen: Im Gottesdienstverlauf sollen die Rollen der Mitwirkenden klar sein. Die Gestaltung des Gottesdienstes durch wenige Personen erleichtert die Konzentration und Ansprache.

1.7.3.   Beziehung: Die direkte Ansprache von Gottesdienstbesuchern erleichtert die Kontaktaufnahme und befördert eine angenehme Atmosphäre.

1.7.4.   Aktionen: Aktionen im Gottesdienst müssen klar strukturiert, einladend und verständlich angesagt werden, um Unruhe und Unsicherheit zu vermeiden

1.7.5.   Gemeinschaft: Die Förderung des Kontaktes der Gottesdienstbesucher untereinander muss offen und einladend sein, um positive Gemeinschaftserlebnisse zu ermöglichen.

1.7.6.   Sinnliche Elemente: Die Ansprache über die Sinnesorgane ist ein wesentlicher Bestandteil der Gottesdienste. Über die Sinne Augen, Ohren, Nase, Mund und Haut können  Menschen mit und ohne Demenz einen Zugang zu Erinnerungen, biblischen Texten und Glaubenserfahrungen finden. Sinnliche Elemente müssen  jedoch  jeweils ausgewogen eingesetzt werden (keine Überfrachtung mit Symbolen oder Sinnesreizen).

1.7.7.   Erinnerungen: Ein „Mitgebsel“ wird gerne angenommen und fördert das Erinnern an den Gottesdienst.

1.7.8.   Lebenswelten der Generationen wahrnehmen: Das Zusammensein verschiedener Generationen ist im „inklusiven“ Ansatz des Gottesdienstes eigentlich selbstverständlich. Trotzdem gilt es, immer wieder darauf zu achten, dass die Lebenswelten der unterschiedlichen Generationen im Gottesdienst Raum finden. Gute Erfahrungen haben wir damit gemacht, Kinderchöre für die Mitwirkung einzuladen. So kann die Begegnung  und das gemeinsamen Feiern von Kindern, den begleitenden Eltern, dementiell Erkrankten, Pflegenden, Angehörigen – eben:  der ganzen Gemeinde gefördert werden.

1.7.9.   Inklusion: Es erscheint mir wichtig, kontinuierlich zu kontrollieren, ob die Menschen in  den verschiedenen Lebenslagen mit der Gestaltung angesprochen werden: elementar aber nicht kindisch, lebensnah aber nicht trivial. Diese Kontrolle ist im Besondern im Blick auf die „Inklusion“ von Bedeutung. Dabei möchte ich den Anspruch wahren, den Wolfgang Huber im Zusammenhang des Reformprozesses der EKD in seinem Hauptvortrag in Wittenberg folgendermaßen formuliert hat:

„Wir wollen den öffentlichen, nach außen gewandten Charakter des Gottesdienstes neu zur Geltung kommen lassen. Dafür wollen wir an seiner inneren Kraft und Qualität, an der Anmut und dem Glanz unserer Gottesdienste arbeiten. Dass Gottesdienste zum Lob Gottes gefeiert werden, dass sie Glauben wecken und im Glauben stärken, soll neu zum Bewusstsein kommen.“ [4]

 

[1] Friederike Leuthe: Richtig sprechen mit dementen Menschen, München 2009, S.70

[2] Leuthe, a.a.O. S.73

[3] Prof. Dr. Theo Hartogh, Mitschrift bei der EEB-Tagung „Die Würde erleben lassen“ Hannover, Februar 2010

[4] Wolfgang Huber, EKD Reformprozess Hauptvortrag am 25.1.2007, als Material auf dem Zukunftskongress verteilt, S. 9

  

Die Projektdokumentation mit Gottesdienstabläufen und Predigten aller Gottesdienste, sowie weitere Informationen bei:

Diakonin Antje Stoffregen

Erfurter Str. 8

21339 Lüneburg

Tel. 04131/ 222357

antjesto@aol.com

Wrap up & follow-up actions

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Effect / experience

 

1.    Reaktionen

1.1.        Am Tag nach dem Gottesdienst  stand folgendes in der Landeszeitung für die Lüneburger Heide:

„ Ute Soldan möchte über das LZ-Lesertelefon ein großes Lob loswerden – an die Veranstalter eines besonderen Gottesdienstes für Menschen mit Demenz am Sonntag in St. Nicolai. „Wir waren gemeinsam mit drei Bewohnerinnen aus dem Lüner Hof da. Ich bin ansonsten keine Kirchgängerin, aber der Gottesdienst war wirklich ganz toll gemacht“, sagt sie. „Alle Sinne wurden angesprochen, das war von vorne bis hinten gut durchdacht.“

 

1.2.        Reaktion einer Einrichtungsleiterin:

Guten Morgen, Frau Stoffregen, vielen Dank für den gestrigen Gottesdienst. Es hat unseren Bewohnern und Mitarbeitern gut gefallen!

Es war schön zu sehen, wie die kirchliche Atmosphäre auf unsere Menschen mit Demenz gewirkt hat und wie viele Gefühle geweckt worden sind. Eine Bewohnerin weinte nach dem Gottesdienst und erzählte mir, dass ihr Mann 50 Jahre im Kirchenchor gesungen hat, und sie hat ihn da vorne gesucht und nicht gefunden...Aber sie freute sich auch über die vielen Erinnerungen, die durch die Musik wachgerufen wurden. Wir sehen dem nächsten Gottesdienst schon mit Freude entgegen! …

Petra Reinhardt, Einrichtungsleitung“

 

1.3.        Aus einem Kommentar zum Gottesdienst von Tibor R. Ridegh, Kirchenvorsteher in St. Nicolai:

„In der Lüneburger St. Nicolaikirche werden Gottesdienste für Menschen mit Demenzerkrankungen gefeiert, die sich gleichermaßen an andere Gemeindemitglieder wenden.  Diese Zielrichtung ist in doppelter Hinsicht zu begrüßen:  Den  beeinträchtigten Gottesdienstteilnehmern wird ein Stück Teilhabe am „normalen“ Leben ermöglicht. Sie können Gemeinschaft, Nächstenliebe und auch unmittelbare persönliche Begegnung recht konkret empfinden und erleben.  Das gilt umgekehrt natürlich auch für die nicht betroffenen  Kirchgänger, die zudem für die Situation Demenzkranker sensibilisiert werden und sic h auf deren Welt einlassen.

Anschauliche und sinnliche Elemente spielen bei  der Gestaltung der Gottesdienste stets eine bedeutende Rolle. Stets anrührend empfand ich es, wenn es zu ganz unmittelbaren Begegnungen kam wie etwa  zum Kontakt mit den Händen. …“

 

1.4.        Aus einem Kommentar von Kerstin Löding-Blöhs, Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Lüneburg:

„ Demenzkranke Menschen sind in der Regel in ihrer zeitlichen, räumlichen, situativen und persönlichen Orientierung beeinträchtigt und können sich nur kurze Zeit konzentrieren. Ihr Altgedächtnis bleibt am längsten erhalten. Diesen Krankheitsphänomenen wird bei der Gottesdienstgestaltung Rechnung getragen. Der Gottesdienst fällt zeitlich und inhaltlich kürzer aus als ein normaler Hauptgottesdienst, er ist orientierungsfreundlich durch einen klaren, gleich bleibenden, festen Ablauf und durch äußere Gegebenheiten, die mittels des Altgedächtnisses wieder erkennbar sind.

Die Gottesdienste in der St. Nicolai-Kirche in Lüneburg sind eine beeindruckende Mischung von Kranken und Gesunden, Begleitpersonen, HelferInnen, Kindern, KonfirmandInnen, Gemeindegliedern und Zufallsgästen jeden Alters. Sie alle in demselben Gottesdienst, das glaube ich macht das Besondere dieses Gottesdienstes aus , dieses ganz selbstverständlich wirkende Miteinander, die zugleich konzentrierte und entspannte, ernste und festliche Atmosphäre.

Frau Stoffregen und dem Vorbereitungsteam der Gottesdienst war es besonders wichtig, keinen speziellen Gottesdienst für Demenzkranke und deren Angehörige zu gestalten. Wir wissen alle irgendwie, dass ein ausgrenzendes Verhalten nicht richtig ist. Eine Kirchengemeinde ist ein Ort, wo sich zeigen muss, dass Menschen zusammengehören, füreinander da und verantwortlich sind.

Diese Gottesdienste empfinde ich wie ein konkretes Lehrstück darüber, worauf es im Umgang miteinander ankommt und was das Menschliche daran ist. Zusammenzugehören und dazuzugehören ist für alle Menschen sehr wichtig. Damit ist viel mehr gemeint, als das bloße Zusammensein in demselben Kirchraum. Das zeigt sich an den TeilnehmerInnen, die geholt und gebracht werden. Einen Gottesdienst unter sich können die Kranken vielleicht auch in einem Heim haben. Genauso wie die anderen BesucherInnen in einem Sonntagsgottesdienst normalerweise unter sich sind. Das Besondere und Entscheidende ist, dass Demenzkranke und die übrige Gemeinde gemeinsam Gottesdienst feiern. …“

 

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