Marktplatzwoche

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a geistreich member
Created at: 2011-02-03
Last major update at: 2011-02-03
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Gemeindeaufbau
Institutions
Projekt "Kirche im Kiez" / Evangelische Stern-Kirchengemeinde Potsdam in Potsdam
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: 2 Stunden
Execution: 4x4 Stunden
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3 votes
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Marktplatz

Abstract

Eine Kaffeerunde auf dem Stadtteilmarktplatz zur niederschwelligen Kontaktaufnahme.

Situation / context

In unserem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt, leben viele Menschen sehr zurückgezogen und schämen sich für ihre Lebenssituation. Sie lassen sich auch mit guten Veranstaltungen kaum aus der Wohnung locken - diese Erfahrung teilen wir mit vielen sozialen Akteuren im Stadtteil.

Öffentlichkeitsarbeit über Presse, Plakate oder Handzettel verfängt kaum. Mund-zu-Mund-Propaganda läuft schleppend, weil viele kaum Kontakte haben. Einladeaktionen an der Haustür sind schwierig - viele denken an Jugendamt oder Zeugen Jehovas; mancher schämt sich für den Zustand seiner Wohnung. Eine Umfrageaktion, die wir gemeinsam mit anderen sozialen Einrichtungen auf der Straße durchgeführt haben, verlief beinahe ergebnislos - die meisten Menschen reagierten furchtsam, manche aggressiv.

Goals

Wir wollen eine niedrigschwellige Plattform anbieten, um mit Menschen aus dem Stadtteil ins Gespräch zu kommen. Uns interessiert, was sie bewegt und welche Themen im Kiez obenauf liegen. Und wir hoffen, dass die Hemmschwelle zu unseren Veranstaltungen niedriger wird, wenn man die handelnden Personen kennt.

Reflection / background

Die Idee ist, eine Kombination aus Komm- und Geh-Struktur zu bilden. Wir gehen dorthin, wo fast jeder Stadtteilbewohner mehrmals wöchentlich lang geht, und zeigen sichtbar Präsenz. Aber den letzten Schritt überlassen wir den Leuten: Wir sprechen niemanden an, der nicht uns anspricht.

General information on realization

Unsere Aktion läuft (bei gutem Wetter) jeweils mehrere Tage hintereinander von Montag bis Donnerstag jeweils von 10 bis 14 Uhr, bei intensiven Gesprächen auch länger. Am Freitag schließt sich ein KiezGottesDienst in freier Form an, der einige der Gesprächsthemen aufnimmt. Die Kontinuität ist wichtig, weil viele am ersten Tag zunächst beobachten und erst am zweiten oder dritten Tag dazukommen.

Preparation

Morgens werden fünf Kannen Kaffee und eine Kanne Tee gekocht und bei Bedarf Milch und Kekse nachgekauft. Dann bauen wir am Rand des Marktplatzes unsere Kaffeerunde auf. Sie besteht aus 8 Campingstühlen und einer würfelförmigen Kiste, die mit einer Tischdecke ausgerüstet wird. Darauf kommen Kaffee, Becher, Milch, Kekse und ein paar Handzettel, die auf unsere Veranstaltungen und die anderer sozialer Einrichtungen hinweisen. Direkt dahinter spannen wir zwischen zwei Bäumen ein Transparent,  auf dem "Kirche im Kiez" steht. An Bäume und Straßenlaternen in der unmittelbaren Umgebung hängen wir Plakate mit der Einladung "Trinken Sie eine Tasse Kaffee mit uns! (Kostet nichts)"

Realization

Ein oder zwei Mitarbeiter setzen sich in die Runde und warten auf "Kundschaft" - meist nicht lange. Die Gespräche orientieren sich an den Themen und Interessen der Besucher. Sind mehrere Gäste anwesend, achten wir darauf, dass jeder ins Gespräch einbezogen wird. Wir stellen immer so viele Stühle in die Runde, dass einer oder zwei frei bleiben. Wenn kein Platz frei ist, kommt keiner dazu - wenn zu viele frei sind, auch nicht. An manchen Tagen laden wir auch bewusst Gäste aus anderen Stadtteilen für eine Stunde dazu - den Superintendenten oder interessante Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Bereich. Manchmal fragen auch Lokalpolitiker, ob sie vorbeikommen dürfen. Sie dürfen, aber als Menschen, nicht als Parteipolitiker.

Wrap up & follow-up actions

Natürlich muss der Marktplatz jeden Nachmittag wieder aufgeräumt und ggf. Müll entsorgt werden. Kannen und Becher werden abgewaschen.

Effect / experience

Zu unserer eigenen Überraschung hatten wir von Anfang an eigentlich immer Besucher. Anders, als wir erwartet haben, haben wir kaum "Laufkundschaft", die einen schnellen Kaffee trinkt und schnell wieder geht. Fast alle Besucher bleiben mindestens eine Stunde, einige deutlich länger. Ein Mann, den wir bei einer solchen Aktion kennengelernt haben, kommt seitdem immer, wenn wir da sind, und bleibt von Anfang bis Schluss. Er nimmt inzwischen sehr regelmäßig an verschiedenen unserer Angebote teil. Andere kommen sporadisch.

Wenn nur einzelne Gäste da sind, nutzen sie häufig die Gelegenheit, ihre halbe Lebensgeschichte zu erzählen oder von aktuellen Nöten und Schwierigkeiten zu berichten. Die Gespräche können dann durchaus seelsorgerlichen Charakter annehmen. Wenn mehrere da sind, wird über Gott und die Welt diskutiert. Wir staunen oft, was für Themen gerade arbeitslose Besucher mitbringen: die politische Entwicklung in Afrika. Dorfgemeinden in Brandenburg und Pfarrermangel. Natürlich auch Erfahrungen mit Arbeitsamt und Ein-Euro-Jobs. Viele sind durch Internet und Fernsehreportagen erstaunlich informiert und freuen sich, eine Runde gefunden zu haben, in der man solche Dinge diskutieren kann. Frucht einer solchen Gesprächsrunde war die Gründung einer Selbshilfegruppe für Alkoholgefährdete, die nun unser Veranstaltungsprogramm ergänzt.

Immer wieder kommen auch Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich für den Stadtteil aktiv sind, auf einen Kaffee vorbei. Dann werden unsere Runden zu kleinen Informationsbörsen und stärken unsere Vernetzung im Kiez.

Nicht zu vernachlässigen ist die Wirkung auf viele, die nicht mit am Tisch sitzen. Wer immer vorbeigeht, nimmt uns wahr; man sieht auch immer wieder neugierige Gesichter in den Fenstern der angrenzenden Wohnblocks. Selbst Monate später werde ich immer wieder auf diese Aktion angesprochen. Manchmal auch nach dem Motto: "Ich hätte mich gern dazugesetzt, wenn nicht dieser oder jener schon am Tisch gesessen hätte" (Trinker, Migranten, "rote Socken" ...). Dann entwickeln sich im Nachhinein interessante Diskussionen, für wen die Kirche eigentlich da sein soll, und über die Grenzen überwindende Kraft des Glaubens.

Aufgrund der guten Erfahrungen und des geringen materiellen Aufwandes planen wir inzwischen zwei bis drei Marktplatz-Wochen jährlich ein. Ein ähnliches Experiment in einem anderen sozial benachteiligten Stadtteil (Neu-Drewitz) zeigte übrigens andere Ergebnisse: Dort hatten wir ausschließlich Einzelgespräche, die bis zu zwei Stunden dauerten. Aber auch diese Aktion hat sich gelohnt.

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